Abschlussgespräch mit ambulanten Psychiater - Zweitmeinung anstreben?

Hallo zusammen,

es sind nun wieder mehrere Monate vergangen. Fast ein halbes Jahr seit meiner Diagnose und seit meinem ersten Beitrag.

Damals habe ich über meine Frustration berichtet, dass die Medikation nicht so wirklich die gewünschte Wirkung bringt, obwohl sie relativ hoch dosiert ist und mir vor allem die Motivation / Lust auf Dinge fehlt.

Der behandelnde Arzt in der Ambulanz der Universitätsklinik, der mich mit ADHS diagnostiziert hat, war schon fast davon überzeugt, dass ich Non-Responder bin. Ein bisschen hin und her probieren hat mich letztendlich auf Elvanse mit 70mg eingestellt. Höhere Dosierung (bis 130mg) haben bei mir deutliche Nebenwirkungen verursacht, darunter Kieferspannung, Zungenpressen und Probleme beim Urinieren. Zwischen dem letzten Termin im Dezember und jetzt sollte ich eigentlich mal probieren, die Medikation für mehrere Tage wegzulassen um zu sehen, ob ich einen Unterschied bemerke.

Zwei Tage später hatte ich einen Termin bei meinem regulären Psychiater, den ich seit der ADHS Diagnose nicht mehr gesehen hatte. Also hab ich ihn über die aktuelle Situation aufgeklärt. Er war schockiert darüber, dass mir teilweise bis zu 130mg Elvanse gegeben wurde, da ich ja auch Venlafaxin in einer höheren Dosis (300mg) nehme. Seiner Ansicht nach ist das extrem Gefährlich und er wüsste auch von Fällen, bei dem so etwas zu Hirnblutungen geführt habe. Ich habe dies dem Ambulanzarzt heute auch gesagt, er war da aber wesentlich entspannter.

Mein Psychiater scheint zumindest nicht das ADHS anzuzweifeln, was ich befürchtet hatte. Also wird er hoffentlich die Medikation mit Elvanse ab jetzt übernehmen. Er war aber sofort dafür, dass Venlafaxin abzusetzen. Da ich sowieso mit dem Gedanken gespielt habe, bin ich da mitgegangen. Ich nehme Venlafaxin seit 15 Jahren, fast ununterbrochen und die meiste Zeit in diesen hohen Dosierungen.

Die neueren Erkenntnisse aus der Psychotherapie lassen mich allerdings bezweifeln, ob das Medikament mir wirklich jemals geholfen hat. Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass ich keine „Depression habe“. Ich hatte ein paar depressive Episoden in meinem Leben, ja. Aber die waren durch mein Verhalten (sozialer Rückzug, keine Aktivitäten, Unterforderung) ausgelöst. Die meisten Phasen, die ich als „Depression“ bezeichnet hatte, waren eher ausgelöst durch Panik-/Angstattacken. Und dadurch dann immer in negative Kreisläufe reingelaufen und stecken geblieben. Das was ich zu Beginn der Therapie mit Venlafaxin als Wirkung wahrgenommen habe, war eigentlich der Beginn einer Panikattacke (Hitzewallung, Aufkommen von Unruhe) und dann, weil ich dachte „Jetzt wirkt die Medikation“, ist die Panikattacke unterbrochen worden. Das war der einzige, wirkliche Effekt der mich damals hat glauben lassen, das Venlafaxin hilft.

Ich hatte auch mehrere Versuche es abzusetzen oder stark zu reduzieren und jedes Mal einen Rückfall. Aber damals war ich noch in den Kreisläufen gefangen „Mir geht es jetzt schlecht → das muss eine Depression sein“. Diese Gedankenstrukturen sind größtenteils aufgelöst. Die Panik bekommt kaum mehr Nahrung.

Zudem glaube ich, dass das Venlafaxin auch einen Teil dazu beiträgt, dass mein Gefühlsleben etwas gestört ist. Und die physiologischen Nachteile (Gewichtszunahme, Bluthochdruck, eventuell auch Refluxkrankheit) haben in Zusammenhang mit dem Verdacht, dass Venlafaxin mein Gefühlsleben stört, den Wunsch gestärkt, es loszuwerden.

Deswegen bin ich beim Absetzen voll an Bord. Der Ambulanzarzt sieht das allerdings sehr kritisch.

Mein Psychiater und der Ambulanzarzt widersprechen sich also, zumindest was das Venlafaxin angeht.

Dann habe ich vor ein paar Wochen mal Dampfen mit Nikotin angefangen. Ich habe schon früher gedampft, allerdings nur ohne Nikotin. Ich war aber neugierig, weil Nikotin ja auch als Selbstmedikation wirken kann. Also habe ich mir ein paar Liquids mit niedrigen Dosierungen bestellt. Und ich bin stark beeindruckt. Gerade wenn der Nikotinflash kommt, werde ich total entspannt, gleichzeitig aber auch etwas klarer und aufmerksamer. Leider hält der Effekt aber nur sehr kurz und das Rauschen im Kopf (ein kleines High?) ist zwar nicht unangenehm, aber muss nicht unbedingt sein. Und das Nikotin scheint besonders gut zu wirken, wenn das Elvanse ebenfalls wirkt.

Mein Gedanke war, dass das Nikotin die Wirkung vom Elvanse noch mehr verstärkt. Mein Bauchgefühl und meine laienhafte Meinung sagen schon länger, dass bei mir primär Dopamin das Problem ist. Noradrenalin hätte ich, gerade wegen Venlafaxin, ja genügend haben müssen. Und gerade am Abend bin ich viel mehr motiviert Dinge zu tun. Also könnte es ja sein, dass Nikotin die Dopamin-Wirkung von Elvanse noch mehr fördert und ich dadurch, zumindest kurzzeitig, einen positiven Effekt spüre.

Deswegen habe ich, nachdem ich hier im Forum auch ein wenig darüber gelesen habe, heute den Ambulanzarzt nach Attentin gefragt. Gerade am Morgen um einen stärkeren Push zu erhalten und das Level für den Tag zu setzen, während für den Rest des Tages dann das Elvanse zuständig ist? Ist das ein schlechter Gedankengang?

Jedenfalls hat er abgelehnt. Weil das Elvanse bei mir ja nicht so eindeutig wirkt, glaubt er nicht, dass es mit Attentin anders wäre.

Nach allem was ich bisher gelesen habe, vor allem dass teilweise sogar große Unterschiede zwischen den Präparaten von Herstellern herrschen und dann noch die Uneinigkeit von beiden Behandlern, lassen mich dazu tendieren, mir eine zweite Meinung, gerade zum Thema ADHS, zu holen.

Was meint ihr dazu? Bin ich total auf dem Holzweg?

Mein Psychotherapeut hat gesagt, dass ich aufhören soll, ständig irgendwelche Theorien zu entwickeln und die dann zu versuchen mit irgendwelchen Studien zu untermauern. Er fokussiert sich voll auf die Panik/Angst und will mir grundsätzlich eine Sicherheit beibringen, dass „alles gut wird“, was mir aus meiner Kindheit zu fehlen scheint. Das ist nicht falsch, aber ich denke er unterschätzt, welchen Einfluss das ADHS wirklich auf mich hat.

Zudem habe ich mich jetzt um eine Diagnose für Hochbegabung gekümmert. Nächste Woche wird dazu ein IQ-Test durchgeführt. Das erste Beratungsgespräch deutet schonmal an, dass es gar nicht so unwahrscheinlich ist.

Grundsätzlich scheint mein Problem einfach die richtige Stimulation zu sein. Wenn ich nicht richtig „ausgelastet“ bin (z.B. langweilige Themen auf der Arbeit, Autofahren, usw.) scheint mein Kopf sich viel lieber mit Nachdenken zu beschäftigen. Wenn ich so zurückblicke, könnte das auch immer den Anfang der Panikattacken/Ängste und Co. erklären. Das habe ich jetzt auch als das identifiziert, was ich mir noch von den Medikamenten wünschen würde: Mehr Fokus auf die Aktivitäten, die ich gerade mache. Ohne ständig von irgendwelchen Gedanken abgelenkt zu werden. Und generell weniger Gedanken, sondern etwas mehr Ruhe im Kopf.

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Ich schaffe es auch einfach nicht, mich kurz zu halten… :sweat_smile:

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Das ADHS-Symptom haste also schon mal :wink:

Ich habe mit Venlafaxin keine eigene Erfahrung, habe aber gehört, dass man es auf keinen Fall plötzlich absetzen, sondern über einen längeren Zeitraum in Kleinstschritten reduzieren sollte.

Damit habe ich schon genügend Erfahrung gemacht. Bevor ich ADHS Medikamente genommen habe; wenn ich dann am Morgen meine Tabletten vergessen habe zu nehmen, kamen am Nachmittag direkt die ersten Brainzaps. Das hat mich dann sofort daran erinnert, dass ich sie vergessen habe zu nehmen.

Seitdem ich die ADHS Medikamente nehme, egal ob Elvanse oder Medikinet, sind diese Absetzerscheinungen bis zum nächsten Tag verzögert.

Da ich schon weiß, wie empfindlich ich auf das Absetzen reagiere, habe ich meinen Psychiater direkt gebeten seinen Plan zum Absetzen weiter zu strecken.

Sein erster Plan war direkt von 300 auf 150 zu gehen, für 2 Wochen. Dann 2 Wochen auf 75, dann 4 Wochen auf 37,5 und dann direkt komplett weg lassen. Nach seiner Anpassung war es 150 für 4 Wochen, 6 Wochen auf 75, und nochmal 7 Wochen auf 37,5. Selbst das finde ich zu ambitioniert. Vor allem die direkte Halbierung der Dosis.

Und damit hatte ich vollkommen Recht. Der erste Tag mit 150mg ging noch ganz gut. Ab dem 2. Tag hatte ich jeden Tag andere Symptome. Brainzaps, Kopfschmerzen, Übelkeit und die Stimmung war durchgehend stark gedrückt. Ich bin dann auf 225 hoch, das hat sich dann schnell wieder erholt. Da bin ich dann ein 2 Wochen geblieben und dann wieder auf 150 runter. Gleiches Spiel mit den Absetzerscheinungen wieder, dann auf 187,5 hoch, für ein paar Tage. Hab dann immer wieder mal vergessen zu den 150 die 37,5 zu nehmen, bis ich es mehrere Tage hintereinander vergessen hatte, aber keine Absetzerscheinungen wahrnehmen konnte.

An dem Punkt bin ich jetzt und warte erstmal noch 2 Wochen, bis ich dann wieder um 37,5 reduziere. Und dann wahrscheinlich immer im 6 Wochen Rhythmus reduziere, abhängig davon ob meine Stimmung stabil bleibt. Laut mehreren Quellen und auch dem Ambulanzarzt, sollte es so lange dauern, bis der Spiegel entsprechend der aktuellen Dosis eingependelt ist.

Ich habe heute auch mit einem anderen Psychiater geschrieben, der auf ADHS spezialisiert ist. Ich wollte eigentlich einen Videocall mit ihm, für eine zweite Meinung, aber er nimmt keine Patienten mehr auf. Er hat aber aber gefragt, welche gegensätzlichen Meinungen beide Ärzte vertreten und nach Schilderung meiner Situation, hat er eher meinem Psychiater zugestimmt. Grundsätzlich sieht er die Kombination mehrerer Psychopharmaka kritisch und gerade bei Medikinet und Venlafaxin Gefahr für den Blutdruck.

Ich werde mal sehen, ob ich irgendwie einen Spezialisten bekomme, der für eine zweite Meinung noch tiefer rein schaut.

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