ADHS Diagnose positiv

Ich hatte heute mein Abschlussgespräch und die Diagnose war eindeutig positiv: ADHS vom unaufmerksamen Typ. Irgendwie habe ich es mir schon gedacht, aber es war dann doch nochmal ein Schock. Irgendwie fühle ich mich jetzt auch behindert und nicht normal (obwohl ich es ja schon immer irgendwie nicht war). Andererseits fühlt es sich auch wie ein Befreiungsschlag an, weil ich grundsätzlich wahrscheinlich kein schlechter Mensch bin. Ich weiß gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe es meinem Vater und einer Freundin erzählt.

Mein Vater meinte dabei nur „Ich soll mir nicht so viele Gedanken machen. Ist doch klar, dass man (nicht) motiviert ist, wenn einen das Thema nicht interessiert.“ Das Problem ist, dass ich seit meiner Kindheit denke, mein Vater hat Demenz und deswegen immer super besorgt war, weil er nicht zuhören kann, viele Dinge vergisst oder nicht macht. Ehrlicherweise vermute ich schon, dass er ADHS Tendenzen hat. Und ich finde seine Reaktion einfach heftig, weil es ihn überhaupt nicht interessiert.

Keine Ahnung, warum ich das hier schreibe, aber irgendwie habe ich gerade so viele Fragen und Gedanken im Kopf deswegen, ob ich jemals mein Leben gebacken bekomme und wie ich an mir arbeiten kann. Ich möchte das eigentlich mit der Diagnose nicht rausposaunen, aber ich würde es schon gerne meiner Mutter erzählen. Aber habe jetzt natürlich Angst, weil mein Vater so blöd reagiert hat. Wie habt ihr engen Verwandten von der Diagnose erzählt oder erstmal nichts gesagt?

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Liebe Sopherl,

herzlichen Glückwunsch.

Der Satz von deinem Vater ist ja klasse. Sehr plausibel - aus seiner Sicht. :adxs_lach:

Ich war immer sehr sparsam mit dem Erzählen. Mein Vater war gerade ein Vierteljahr davor gestorben, als ich meine Diagnose bekam. Die Beschäftigung mit dem Thema war für mich unverhoffte Trauerbewältigung - ich konnte plötzlich ihn noch besser verstehen.

Meine Mutter lebte noch weitere 16 Jahre, und ich habe ihr, na ja, nie direkt gesagt dass ich eine offizielle Diagnose habe, zum Psychiater gegangen bin und Medikamente nehme, aber das Thema ADHS so auf allgemeiner Ebene, um mein Verhalten und das meines Vaters und das meiner Kinder zu erklären habe ich schon öfters thematisiert, und es leuchtete ihr auch ein.

Ich bin sicher, dass mein Bruder auch ADHS hat, aber anders als ich. Er hat sein Studium erfolgreich abgeschlossen, ist gut auf seinem Gebiet und verdient komfortabel. Seine Wohnung(en) und sein Arbeitsplatz sind immer absolut aufgeräumt. In der Freizeit häufen sich aber die Schusselunfälle, und im Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern ist er so impulsiv, man muss ihn nur schief angucken und er explodiert. Warum schreibe ich das - um anzudeuten dass er sich nie als „problematisch“ angesehen hat, früher hat er seine Überlegenheit als großer Bruder auch ziemlich raushängen lassen.

Da hatte ich nie besonders Lust, mich noch angreifbarer zu machen, indem ich mich als ADHS-ler oute. Er hat es auch gut hingekriegt, Andeutungen in diese Richtung ganz gründlich zu überhören.

Einmal, das war glaube ich 2007, war ich bei einer ADHS-Tagung und übernachtete anschließend bei seiner Familie. Er fragte mich, warum ich da eigentlich hingefahren sei, wegen xy (meinem großen Sohn) oder wegen meiner Arbeit? Alles drei, sagte ich, und er fragte nicht nach, sondern wechselte sofort das Thema. :adxs_grins:

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Bei mir war das komischerweise auch so, ich wusste eigentlich schon seit Jahrzehnten das ich irgendwie ADHS haben muss, aber wollte es nicht wahrhaben und bin dem Thema aus dem Weg gegangen, bis es nicht mehr anders ging.
Ich denke ich hab immer probiert „normal“ zu sein und wollte nicht wahrhaben, dass ich wirklich psychisch anders bin, dafür hab ich alles getan und andere, aber besonders mich selbst belogen.
Komorbidtäten bekommen und ignoriert bis es wirklich fünf vor zwölf war und auch den konkreten Hinweis schließlich beim Psychiater, ich solle das mit dem ADHS abklären lassen habe ich noch fünf Jahre mit mir herum getragen, lieber Antidepressiva genommen und alles auf den Stress geschoben.
Dabei hätte ich mir so viel Ärger ersparen können und die ADHS Behandlung ist nur eine Tablette am Tag, im Nachhinein komme ich mir total dämlich vor.

Mein Vater ist da genauso wie ich, er kompensiert das mit Alkohol und würde niemals über psychische Themen auch nur einen Satz sprechen.

Vielleicht würde es viel bringen, das Thema ADHS endlich mal aus der „nervige Kinder ruhig stellen“ Ecke zu bekommen.

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Ich gratuliere dir auch ganz doll zur Diagnose! :slight_smile:
Das mit den Mitteilungsbedürfnis verstehe ich voll und muss ehrlich sagen ich bin irgendwie im nachhinein sogar ein wenig frustriert dass ich das ganze kaum in der Menge teilen kann wenn man bedenkt wie viel negative Erfahrungen, das viele „Scheitern“ und die Vorwürfe gegen sich selbst plötzlich erklärbar sind. Muss ehrlich sagen das ist eine riesen Last die einen damit genommen wurde. Finde es gerade deshalb toll dass es hier dieses Forum gibt. Ich habe es erstmal auch nur meiner Schwester gesagt. Ich weiß nicht ob ich das wirklich meinen Eltern sagen möchte. Ich habe manchmal das Gefühl dass sie das sogar eigentlich selber wissen, es ihnen vielleicht sogar damals gesagt wurde und sie es bewusst einfach nicht wollten, bzw. sie der Meinung waren dass man selbst trotzdem sehen müsste wie man klar kommt. Ich hab bei mir wirklich die Befürchtung dass das auch für mich nicht schön würde, weil sie es dann einfach so kühl aufnehmen ohne da weiter drauf einzugehen, dabei gäbe es eigentlich viel zu erzählen, auch dererseits.

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Geht mir sehr ähnlich.
Ich habe von der Diagnose meiner Mutter erzählt, die dafür sehr offen und verständnissvoll war, so kenne ich sie eben auch und sie ist wahrscheinlich auch nicht davon betroffen. Mit ihr kann ich sehr gut darüber reden.

Das Forum hier hilft mir auch sehr gut.

Meinem Vater erzähle ich es nicht, er ist mittlerweile 68 Jahre alt und hatte auch ein erfolgreiches und schönes Leben, aber ich vermute bei ihm sehr stark ADHS. Er brauchte schon immer seine Flasche Wein am Abend, die man ihm gar nicht anmerkt. Er ist Autor und ich kenne seine Arbeitsweise auch nur so, das er eben wenn er schreiben muss sich in seinem Büro einsperrt und das dann an einem Stück macht, er schreibt ganze Bücher in einer Session.
Er hat für sich einen Weg gefunden, der eben nicht ganz gesund ist, aber ich finde auch das er darauf selbst kommen sollte.

Das nächste sind dann meine Brüder.

Ich hab einen kleinen Bruder, der eigentlich, nett gesagt, ganz einfach gestrickt ist, erstaunlich wenig Allgemeinwissen hat, aber seltsamerweise schon immer ohne zu lernen Bestleistungen in Physik zeigt, was ihn selbst immer gewundert hat. Er hat ein Hocbgabten-Stipendium am Maximilianeum abgelehnt, weil er sagte es hört sich nach viel Aufwand an.
Und er trinkt eben auch viel Alkohol, besonders in sozialen Situationen und wenn ich ihn nüchtern erlebe, dann zeigt er für mich sehr deutliche autistische Züge.
Mit Ihm würde ich das gerne mal besprechen wenn ich es für mch selbst verstanden habe, ich denke er könnte eine Autismus Spektrum Störung haben und das Wissen darüber würde sehr viel mehr aus ihm heraus holen.

Mein großer Bruder hat sich autodidaktisch Programmieren als Kind beigebracht, mit 16 Jahren ein erfolgreiches Buch darüber geschrieben und ist jetzt ein recht erfolgreicher Programmierer. Er zeigt auch autistische Züge uim sozialen Bereich meiner Meinung nach, das hat mir auch seine Frau schon mal erzählt. Er mochte es noch nie berührt zu werden und ich glaube, ich habe ihn noch nie umarmt.
Aber auch er hat einen guten Weg gefunden damit um zu gehen und ich denke er ist auch breit genug aufgestellt vom Allgemeinwissen her das er darüber auch bescheid wissen müsste. Bei ihm bin ich mir noch unsicher.

Hallo BJ8,

einen Zahn muss ich dir ziehen: Sie werden sehr wahrscheinlich nicht selbst darauf kommen, und das hat nicht viel mit Allgemeinwissen oder Intelligenz zu tun.

Sondern mit der Offenheit dafür, das was sie vielleicht über ADHS bei Erwachsenen hören, auf sich zu beziehen. Sie können dreimal am Tag etwas über ADHS im Fernsehen sehen oder in der Zeitung lesen, und was dort beschrieben wird stimmt genau mit ihren Problematiken überein, aber wenn diese Offenheit nicht besteht, werden sie es nicht auf sich beziehen.

Damit will ich nicht sagen, deswegen musst du dich ihnen offenbaren, damit sie es trotzdem merken. Nein, es kann dann passieren dass wir uns angreifbar machen und es den Betroffenen trotzdem nichts bringt.

Aber es tut natürlich weh zu sehen wenn Menschen leiden. Auch wenn du glaubst, sie haben einen guten Weg gefunden - die ständige Anspannung tut ihnen und ihren Familien nicht gut, und der hohe Alkoholkonsum kann viele gesunde Lebensjahre kosten, insbesondere wenn er dann noch mit Tabakkonsum verbunden ist. :adxs_redface:

Es ist übrigens schwierig, Autismusspektrumsstörungen von ADHS zu unterscheiden, aber auch nicht unbedingt notwendig es sauber zu trennen. Viele Betroffene haben beides, und beides ist mit Stimulanzien behandelbar.

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Bei mir ebenfalls ADHS bestätigt mit Tendenz zum Autismus der nach eigenem empfinden stärker vorhanden ist als ADHS. Als Kind war ADHS stärker ausgeprägt.

Mit ASS Tendenz im Arzt Bericht stehen mir die Türen für eine weitreichende ambulanten ASS Testung offen. Die mir wichtig ist aufgrund der sozialen Defizite und rezidivierende Depression als Begleiterkrankung bescherrt haben.

Aber auch Vorteile die Nachteile von ADHS auszugleichen. Und bei AHDS den Hyperfokus durch ASS gezielter einsetzen kann.

Ein freundliches Hallo erstmal von mir aus!

Ich bin ebenso Betroffener der Komorbidität ASS und ADHS, erstes ist und war schon immer mehr vorhanden.

Je länger ich in diesem Thema mich verfange, umso müder, unkonzentrierter und energieleerer werde ich bzw. die Probleme mitcder Wortfindung steigert sich immer mehr, bis ich in einer Position z. B. auf der Couch nur noch verharre bzw. total in Träumereien abgeschweift bin und alles um mich herum bez. der Außenreize total ausgeblendet habe. Eigentlich werden ja ADHSler zappelig und verspüren den Drang danach etwas wegen der Langeweile tun zu müssen? Ich vermute ganz stark, das hier in diesem Fall mein ASS im ausharren einer Position so langsam die Oberhand übernimmt.

Nein, dem ist nicht so , wir können leider auch gelähmt und blockierte sein und auf dem Fernseher sitzen und Sofa gucken wir sind manchmal zu Hause dann in der Kopfkirmes aktiv ….

Also ich habe kein ASS kenne das vollkommene abschalten aber nur zu gut. Ich bin dann so in mir unterwegs, dass ich auf das außen nicht mehr wirklich reagieren kann.

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