ADHS und Ticks!

Vielen Dank für deinen schönen Text. Generell euch allen für eure Vorschläge :heart:

Ich werde einige Dinge mal umsetzen und versuchen ob wir damit weiterkommen. Ich würde oder bzw wurde uns eine Verhaltenstherapie vorgeschlagen. Aber er hat direkt abgeblockt und wurde laut da würde er nicht hingehen. Er würde dort nichts Sagen. Genauso wie er seit Jahren stumm beim SPZ sitzt und nur mit ja und Nein antwortet. Ich habe es ihm schmackhaft gemacht, das dies uns allen helfen wird usw . Aber er blockt da absolut ab . Gestern haben wir Post bekommen. Der Schulbegleiter ist tatsächlich genehmigt worden. Ich hab zu 100 Prozent mit einer Absage gerechnet. Naja ich trau mich dies ihm gar nicht zu sagen weil er auch da schon sagte. Nein. Das ist peinlich, die mobben mich dann usw . Das doofe ist halt das alles auf einmal kommt. Neue Lehrerin und dann noch jemand der sich zu ihm setzen soll.

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Ich denke, ich kann deinen Sohn da etwas verstehen. Zumindest, wenn ich das hernehme, was mir meine inzwischen schon älteren Kinder reflektieren.

Zunächst einmal will ja niemand anders sein als die Anderen. Klar, im Film ist der Außenseiter cool, hat besondere Fähigkeiten und wird dann durch seine Heldentaten von allen geschätzt.
In der Realität sieht das aber ganz anders aus. Da kommt es auf Konformität an. Nicht auffallen, denn die Stärken die man hat, werden nicht unbedingt gewürdigt. Besonders, wenn es Softskills oder nieschige Hobbys sind. Generell werden neurodivergente Menschen oft schon auf den ersten Blick als „anders“ enttarnt und werden unterbewusst als potenziell gefährlich wahrgenommen. Unter Kindern bedeutet das schlicht und ergreifend, dass das neurodivergente Kind ausgegrenzt, gemobbt oder schlicht nicht gemocht wird. Wenn man dann nachfragt, weiß kaum einer warum eigentlich. Der oder die sei halt doof. Um dann trotzdem dazu zu gehören, werden Strategien entwickelt, die dann leider kontraproduktiv sind. Siehe Klassenclown oder Störenfried.

Was zum Beispiel meinem Sohn gefehlt hat, war eine unvoreingenommene Haltung dem ADHS und somit auch ihm gegenüber. Das ADHS war immer Ursache eines Problems. Er war immer das Problem. Es musste an ihm herumgedoktort werden. Er war nicht in Ordnung. Seine „Unordnung“ störte den Familienfrieden. Wegen ihm musste ständig zu Therapien gefahren oder sich mit der Schule rumgeärgert werden.
Welches Kind will das schon?

Wir versuchen das heute anders zu sehen. Viel normaler. Das ADHS hat positive als auch negative Seiten. Das, was uns ausmacht, sind immer zwei Seiten einer Medaille. Wir versuchen, das Positive zu benennen und zu stärken. Das, was uns Probleme bereitet, müssen wir irgendwie angehen. Wir achten aber inzwischen darauf, das Problem als solches zu benennen und nicht in Du-Botschaften zu verpacken.
Das würde in anderen Bereichen ja auch nicht funktionieren. Klar sagt man mal „Du siehst schlecht.“ Aber was soll der Adressat da jetzt machen? Er sieht halt schlecht. Da bringt es nichts ihm zu sagen, er solle sich mehr anstrengen. Er braucht eine Brille. Ist halt so und das ist für uns total normal.
Wir versuchen, das in Sachen ADHS auch so zu handhaben.
Der Sohn hat Schwierigkeiten mit der Ordnung. „Du bist unordentlich.“ fällt weg, dafür „Was könnte deine Ordnung verbessern?“
Wir berechnen mit ein, dass er kein gutes Zeitgefühl hat oder seine Energie auch mal endlich ist.
Dieser Zugang funktioniert aber erst, seit wir das ADHS nicht mehr nur als negative Diagnose behandeln. Viele sehr gute Eigenschaften kommen auch daher und sind gern gesehen. Ich sage immer, die Natur gibt auf der einen Seite und nimmt dafür auf der Anderen. Sie ist um Ausgleich bemüht. Klar ist das manchmal Scheiße, da müssen wir gar nichts schön reden. Aber so gelingt uns der Umgang damit etwas besser.

Für ein Kind ist es viel leichter seine Schwierigkeiten zu akzeptieren und dann auch daran zu arbeiten, wenn das Umfeld es nicht mehr als Problem wahrnimmt. Das muss ursprünglich vom Umfeld nicht mal so ausgesprochen worden sein, aber die Wahrnehmung macht`s.
Mein Sohn wollte uns nie Schwierigkeiten machen. Er konnte nur nicht anders. Und unsere Frustration hat ihn dazu gebracht, das Problem einfach zu verneinen, auszublenden und so zu tun, als wäre es nicht da. In der Hoffnung, dass es dann verschwindet. Wenn ich nicht akzeptiere anders zu sein, bin ich es auch nicht. Dann hört das ganze Drama auf. Leider funktioniert das so nicht.

Vielleicht wagt ihr mal das Experiment und schaut, welche positiven Eigenschaften die Kehrseite seiner ADHS Medaille sind.
Unsere Familie (ADS, ASS) hat da zum Beispiel: breit gefächerte Interessen, vielfältige Hobbys und Können sowie Wissen auf vielen Gebieten, schnelles Handeln in Problemsituationen, Kreativität, hohe Ausdauer bei interessanten Aufgaben, gute Menschenkenntnis, gute Mustererkennung und somit gute Fehleranalyse, Einfühlsamkeit,…
Natürlich nicht jeder auf allen Gebieten, klar.

Man neigt dazu, Diagnostikbedingt immer nur die schlechten Seiten zu sehen. Was alles nicht klappt oder verbessert gehört. Und ja, Kinder mit ADxS haben einen ganzen Haufen dieser Probleme und daran muss auch gearbeitet werden. Aber bitte nicht nur.
Ich für meinen Teil kann inzwischen von mir behaupten, dass ich mein ADHS sogar mag. Also die positiven Seiten :grinning_face_with_smiling_eyes: Klar könnte ich auf den Rest verzichten weil es echt anstrengend werden kann, aber es gehört nun mal dazu.

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