Danke für den Artikel und sorry, dass schon wieder der Klugscheißer rauskommt.
Ich finde der Artikel suggeriert, dass die ADHS-Medikation einen verdeckten Autismus sichtbar macht, aber so kann man das nicht sagen.
Autismus ist nach heutigem Wissensstand sehr heterogen, deshalb ist eine pauschale Aussage auch nicht zulässig, aber ich habe in letzter Zeit sehr viele gute Studien gelesen, die bei großen Gruppen einen guten Zusammenhang belegen konnten.
Viele autistische Probanden zeigen demnach eine eher zu gute dopaminerge Versorgung des Präfrontalkortex, was die gute Konzentrationsfähigkeit bei beliebten und stereotypen Aufgaben erklärt und gleichzeitig dysregulierende Netzwerke im Striatum z.T. Dopaminerge-Unterversorgung, was erklärt, weshalb Stimulanzien trotzdem helfen können.
Das ist ein sehr guter Text, finde ich.
Mehr Differenzierung und mehr Sicht auf Folgen von einer schwierigen Kindheit. Ohne dass etwas komplett ausgeschlossen wird.
Ich weiß nicht genau, welche Aufgaben der Präfrontalkortex und das Striatum haben. Kannst du erklären, welche Auswirkung das Dopamin (zu viel/zu wenig) in diesen beiden Gehirnregionen hat? Und inwiefern daraus typische Symptome bei Autismus oder ADHS entstehen?
Hat sich gelohnt, sich nicht aufzuregen. Stratium → Präfrontale Kortex.
Worüber?
Das finde ich grade nicht. Der Artikel warnt doch eher vor der Verwechslung von Autismus mit Traumafolgen und erklärt, dass die Medikation von ADHS beides freilegen kann.
Ich habe einen Teil deiner Frage beantwortet. Das Striatum ist u.a. für Belohnung Zuständig der Präfrontale Kortex u.a. für Impulskontrolle.
Wenn Nosferatu also frisches Blut sieht ( weil lecker, lohnt sich), klingelt sein schimmliges Striatum und sein Präfrontaler Kortex fängt an zu Planen wie er am besten vorgeht noch mehr davon zu bekommen bzw. dran zu kommen ohne das er direkt gepfählt wird.
Bei seinen Kollegen wo der Präfrontale Kortex völlig verschimmelt ist, klappt das mit der Planung nicht so gut, daher werden die auch öfters gepfählt. ![]()
Bezieht sich das auch auf AuDHS oder nur auf Autisten ohne ADHS Add-on?
Eine gute Konzentrationsfähigkeit bei beliebten Aufgaben haben ja nun auch viele ADHSler.
Der Artikel ist wirklich gut.
Mich stört nur die Tatsache, dass Winkler den Autismus einem Entwicklungstrauma gegenüberstellt. Nicht weil es die Gegenüberstellung nicht braucht oder sie nicht sinnvoll wäre, sondern weil ET keine offizielle Diagnose ist. Meines Wissens nach zumindest, korrigiert mich wenn ich falsch liege. Eine kurze Recherche via Google hats mir jedenfalls bestätigt.
Die (theoretisch) entsprechende Diagnose wäre am ehesten wohl die komplexe PTBS, die mit dem ICD 11 hoffentlich in fernen Lichtjahren auch mal in Deutschland eingeführt wird. Praktisch ist es in den Diagnosekriterien aber so, dass von „lang anhaltenden, schweren Traumatisierungen“ die Rede ist. Ich glaube, da würden die Mikro-Traumatisierungen, die man mit ADHS und/oder Autismus schnell erfährt, gar nicht drunter fallen - obwohl sie symptomatisch ähnliche Auswirkungen haben können. Aber meines Verständnisses nach dem Lesen der Diagnosekriterien würde sich kPTBS auf schweren Missbrauch beziehen, Drogenkonsum im Elternhaus, Aufwachsen im Krieg und dergleichen. Und zwischen diesen Erlebnissen und dem Aushalten von sensorischer Überlastung oder dem Abwerten aufgrund von schlechter Schulnoten (um mal ein paar Beispiele zu nennen) besteht doch ein himmelweiter Unterschied im Schweregrad, oder?
Vermutlich besteht da eine diagnostische Lücke im System: eine Art „Mittelweg“ zwischen schwerem Trauma und gar keinem Trauma, denn natürlich haben auch „Mikrotrauma“ reale Auswirkungen. Oder ich denke gerade zu Schwarz-Weiß, das mag auch sein.
In jedem Fall hat mich der Begriff Entwicklungstrauma gestört, weil dieses nicht als Diagnose existiert und entsprechend keine Abgrenzung zu Autismus erfolgen kann im diagnostischen Sinn - außer jemand hat tatsächlich eine kPTBS.
Grundsätzlich gebe ich dem Herrn Winkler aber recht und der Artikel ist wirklich gelungen hinsichtlich der Differenzierung.
Nimm ein Baby, ignoriere es regelmäßig ein paar Minuten wenn es versucht deine Aufmerksamkeit zu bekommen und versucht mit dir zu interagieren während man daneben sitzt, dann brauchst du kein Krieg oder sonst was anderes Schlimmes. Ashok Riehm spricht das in einem Video an.
So und wenn man jetzt mal davon ausgeht, dass man als Autist so ziemlich alleine auf der Welt ist weil man andere Menschen erstmal nicht versteht oder vielleicht auch niemals, wird auch nie jemand die eigenen Gefühle Spiegeln… von klein auf. Was macht das mit einem Gehirn eigentlich?
Edit: Ersteres passiert auch bei nicht Rabeneltern… wenn ich das richtig verstanden habe, brauch sich also keiner schlecht fühlen. Sag ich mal lieber dazu, Therapeuten haben das aber wohl nicht so häufig auf dem Schirm, dass es sowas auch gibt bzw. passieren kann.
Edit2: Hört auf Rabentherapeuten zu sein. So.
Mein ich halb scherzhaft und halb ernst.
Edit3: Ist einfach nur noch traurig und schlimm das alles, Krieg sowieso. Blödes Mensch sein.
-ein Dopaminmangel primär im präfrontalen Kortex bewirkt: Probleme bei der Aufmerksamkeitssteuerung, Ablenkbarkeit, schlechtes Arbeitsgedächtnis, Tagträumerei und Hypoaktivität, Aufgabenwechsel fallen nicht schwer
-ein Dopaminmangel primär im Striatum: repetitive Verhaltensweisen, schlechte Steuerbarkeit der Motorik, automatisierte Verhaltensweisen, automatisiertes Lernen ist stärker mit Belohnungsempfinden verknüpft, als bei ursächlicher ADHS, Aufgabenwechsel fallen schwer
-Ein Dopaminüberschuss in beiden Regionen führt, soweit ich weiß statt zu niedrigerer Reizschwelle zu starkem Stressempfinden, welches im schlimmsten Fall zu Manie, Psychosen, Zwangsgedanken u.ä. führen kann. Ich glaube mich erinnern zu können, dass sie auch eher mit Positiv-Symptomen verbunden sind.
Für Details müsste ich nochmals nachschlagen.
Ich denke was eindeutig für meine Hypothese spricht, ist ihre klinische Sichtbarkeit.
Ein großes Problem der momentanen Datenlage ist, dass es quasi keine Daten von Probanden mit Autismus mit allgemeiner Entwicklungsverzögerung gibt, weil diesen die ADHS-Diagnose selten gegeben wird.
Mir kommt es ziemlich unglaublich vor, dass ein wenig Ignorieren hier und da schon reichen soll, um ein Kind zu traumatisieren. Also nicht, dass ich dir das nicht glauben würde, sondern in dem Sinn, dass es mich so wenig vorkommt, während in diagnostischen Kriterien von richtig üblen Dingen die Rede ist. Dieser Gegensatz ist so groß, finde ich.
Trauma ist so ein großes Wort, dass ich es schwer finde, das in so winzigen Dingen im Alltag zu erkennen.
Aber sorry, das ist eigentlich Off-Topic hier.
Ja, da steht viel drin und das ändert sich von Zeit zu Zeit. Kann nicht jeder so einen Extraterrestrischen super Intellekt haben wie ich und komplexe Dinge schnell verstehen.
Für traumatisierte Menschen vermutlich nicht aber Gaslighting ist mittlerweile sowieso Gesellschaftlich anerkannt und gewollt.
Sehr guter Text und sehr weitsichtig geschrieben. Daraus geht auch hervor, was ich mir schon oft denke, wenn jemand sagt, geh doch zum Arzt.
Es ist meistens so komplex, das man gar nicht weis, wo überhaupt anfangen. Gute Psychologen sind auch schwer zu finden. Ich war mal bei einer, die hatte nach 40 Minuten Bipolare Störung festgestellt. Zu dem Zeitpunkt war ich aber süchtig, ADHS noch nicht entdeckt. Das dramatische ist, dass unzählige Symptome übereinander Lappen.
Hört der Psychologe / Psychiater das Wort antriebslos, Depression. Hört er Menschen Mengen meiden, Angstörung.
Jeder der ein wenig komplexer ist, fällt einfach durchs System, da die Ärzte keine Zeit haben.
Hi LogLady
sorry, ich habe deine Frage übersehen. Ich glaube die meisten Studien erwähnten nicht explizit das Vorhandensein einer ADHS-Diagnose, falls du damit ASS+ADHS-Diagnose nach den aktuellen Standards meintest, aber es waren Probanden mit sichtbarer ADHS Symptomatik (auch ohne ADHS-Diagnose).
Es gibt immer noch große Vorbehalte Stimulanzien bei ASS einzusetzen, weil man früher davon ausging, dass es eine erhöhte striatale präsynaptische Dopamin-Funktion geben würde, aber wahrscheinlich waren unter den Probanden Personen die ASS und eine Schizophrenie hatten oder prodromal waren, die die Studien verfälscht haben. Striatal dopamine synthesis capacity in autism spectrum disorder and its relation with social defeat: an [18F]-FDOPA PET/CT study | Translational Psychiatry
Zweitens sind ein paar Einzelversuche autistischen Kleinkindern mit Stimulanzien zu helfen nicht so gut geglückt. Das Problem hier war, dass es sich um ein durch ein schweres Syndrom vermittelten Autismus handelte und die Kinder zwischen 3 und 4 Jahre jung waren.
Darum weiß man immernoch viel zu wenig über AuDHS
Hi @Jajoov, danke für deine Antwort! Ich glaube jetzt verstehe ich deine Kritik aber eher noch weniger. In den Studien die du beschreibst, geht es dann doch um diagnostizierte Autisten mit zusätzlichen ADHS Symptomen (egal ob mit oder ohne Diagnose). Hier legen ja nicht erst die Stimulanzien den Autismus frei.
In Winklers Artikel geht es eher um ADHSler, die erst nach Ruhigstellen der ADHS Symptome überhaupt auf die Idee kommen, dass darunter wohlmöglich noch mehr schlummert.
Nimmt man Medi wird links besser, wird das vermeintliche links aber nicht so richtig besser obwohl alles andere ausgeschlossen ist und die Dosis stimmt dann wird man wohl rechts auch noch haben. Easy Peasy oder?
Tabelle 1
Edit. vermeintlich schreibe ich deswegen weil links wie rechts aussieht und beides vergesellschaftet vorkommt. Soll also nicht heißen links gibts dann nicht.
Feechen und oder Elfchen sind beste. ![]()
Edit: UND ADHS gehört immer abgeklärt… so oder so, da kann man wirklich was machen gegen, also gegen die Symptome. Sagen Experten und Spezialisten, brauch sich also keiner Schämen wenn er glaubt eine ADHS zu haben. Abklären lassen, ist wichtig.
Hi @LogLady,
ich kritisiere den Text nicht per se, sondern ich kritisiere, was der Winkler suggeriert. Es wird die Behauptung unterstützt, dass es sich bei ASS um eine weitere „Schicht“, eine komplett andere Entität handeln würde, die durch die Medikation sichtbar wird. Aktuell gut bewertete Studien zeigen jedoch, dass ein gestörter Dopaminstoffwechsel – im Sinne einer schlechten Verfügbarkeit von Dopamin in bestimmten Hirnarealen – bei Autismus häufig ist. Zudem hat die Behandlung mit Stimulanzien teilweise auch einen positiven Effekt auf die Kernsymptomatik, auch wenn dieser deutlich schwächer ist als bei ADHS, was aber auch an der Relation zur klinischen Schwere liegen dürfte.
Wenn das zutrifft, was Winkler schildert: „Dann wirkt die Person „autistischer“: starrer, reizempfindlicher, zurückgezogener, weniger flexibel, sozial sparsamer.“ und es gibt in der Anamnese keine belastbaren Hinweise auf autistische Verhaltensweisen in der Kindheit, während die Verhaltensänderung abrupt erfolgt, dann spricht das eher für eine Überdosierung oder eine schizoaffektive Veranlagung oder Ähnliches. Oder noch einfacher gesagt: Was Winkler aufzählt, sind bekannte Nebenwirkungen – auch ohne Bezug zu Autismus.
Es handelt sich bei AuDHS vielmehr um eine Art pleiotrope oder phänotypische Verschiebung. Beide Störungsbilder teilen sich die gleichen neurologischen Ursachen und Vulnerabilitäten und können nicht wie zwei koexistierende Ursachen aufgefasst werden. Auch wenn man in der Psychologie stark dazu tendiert, Komorbiditäten wie deutlich abgrenzbare Einheiten zu behandeln, stimmt das nicht mit der biologischen Wahrheit überein. Es deutet vielmehr auf den verzweifelten Versuch hin, bestehende psychologische Konzepte künstlich erhalten zu müssen. Man kann daraus auch nicht schließen, dass eine Medikation mit Stimulanzien eine Art „Netto-Autismus“ ergibt, falls dieser gegeben ist.
Mir ist seine Beschreibung einfach zu plakativ, auch wenn sie nicht komplett falsch sein mag. Sie vereinfacht AuDHS – obwohl wir eine völlig vernachlässigte und unterversorgte Subgruppe sind –, indem sie sich dem psychologischen Kanon anschließt, AuDHS sei lediglich eine ADHS mit autistischen Zügen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es genau umgekehrt ist.
Der andere Punkt ist die Gefahr, dass Menschen, die genau solche Nebenwirkungen erleben, fälschlicherweise auf einen bisher „überdeckten“ Autismus schließen, anstatt mit ihrem Arzt über eine Anpassung der Medikation zu sprechen, oder dass sie eine Falschdiagnose akzeptieren. Er ist doch Arzt, oder? Dann muss er an diese Thematik differenzierter herangehen.
Schwinklers Blodgeintrag, siehe obig.
F. Ampelurteil
Gelb: teilweise wissenschaftlich fundiert, teilweise klinisch-metaphorisch und überinterpretiert.
Der Beitrag ist als Denkanstoß und Warnung vor vorschneller Selbstdiagnose nützlich. Als Darstellung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstands müsste er jedoch klarer kennzeichnen, dass das „Schichtmodell“, die Schutzsystem-Erklärung und das medikamentöse „Sichtbarwerden“ überwiegend Hypothesen beziehungsweise klinische Narrative sind und keine nachgewiesenen Mechanismen.
Ich verstehe nur Bahnhof aber folgendes sagt meine KI ( GPT) und kommt zum Urteil Gelb.
A. Kurzfazit
Der Blogbeitrag vom 7. Juli 2026 enthält mehrere wissenschaftlich gut vertretbare Grundgedanken: ADHS-Medikamente verursachen keinen Autismus, einzelne Verhaltensweisen erlauben keine Autismusdiagnose, und Autismus, Traumafolgen sowie Medikamentennebenwirkungen müssen differenzialdiagnostisch unterschieden werden.
Die zentrale Erklärung des Textes – „Autismus ist Übersetzung, Entwicklungstrauma ist Schutz“ – ist jedoch kein validiertes diagnostisches Modell. Ebenso gibt es derzeit keine robuste kontrollierte Evidenz dafür, dass Stimulanzien Autismus regelhaft „demaskieren“ oder ein zuvor verdecktes „Schutzsystem“ sichtbar machen.
Gesamturteil: Gelb. Klinisch plausible und teilweise hilfreiche Psychoedukation, aber zentrale Mechanismen werden deutlich sicherer dargestellt, als die Evidenz erlaubt.
B. Aktualitätscheck
Geprüft wurden:
- aktuelle WHO- und NICE-Diagnostikempfehlungen,
- die pharmakologische Meta-Analyse von 2024 zu ADHS-Symptomen bei Autismus,
- aktuelle systematische Reviews zu Masking und PTSD bei autistischen Menschen,
- die Delphi-Studie von 2025 zur Differenzialdiagnostik von Autismus, Bindungsstörungen und komplexer PTBS,
- Medikamentennebenwirkungen sowie mögliche Retractions oder kritische Hinweise.
Der Blog verlinkt eine NICE-Leitlinie, daneben aber hauptsächlich einen CPTSD-Übersichtsartikel von 2018 und einen Artikel von 2018, der lediglich zwei klinische Fälle zur Differenzierung zwischen Autismus und PTBS beschreibt. Neuere systematische Reviews und die Delphi-Studie von 2025 werden nicht berücksichtigt.
C. Prüfung der wichtigsten Aussagen
1. „ADHS-Medikation erzeugt keinen Autismus“
Gut belegt.
Autismus ist eine neuroentwicklungsbezogene Konstellation, deren Merkmale in der frühen Entwicklung beginnen, auch wenn sie erst im Erwachsenenalter erkannt werden. Eine Diagnose erfordert anhaltende autistische Kernmerkmale und eine Entwicklungsanamnese; das erstmalige Wahrnehmen einzelner Merkmale nach Medikamentenbeginn reicht nicht.
Evidenz: hoch – Grün.
2. „Stimulanzien können Autismus sichtbar machen“
Plausible Hypothese, aber nicht robust belegt.
Aktuelle Meta-Analysen zeigen, dass Methylphenidat, Atomoxetin und andere ADHS-Medikamente bei einem Teil autistischer Menschen ADHS-Symptome reduzieren können. Diese Studien untersuchen aber hauptsächlich Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität, Impulsivität und Nebenwirkungen – nicht, ob Medikamente einen bis dahin verborgenen Autismus „demaskieren“.
Ich fand keine prospektive kontrollierte Studie, die zeigt, dass nach Stimulanzienbeginn autistische Kernmerkmale regelhaft hervortreten oder dass dies ein diagnostisch verwertbarer Effekt ist. Möglich sind im Einzelfall mehrere Erklärungen:
- schon vorhandene Merkmale werden subjektiv auffälliger,
- ADHS-Symptome nehmen ab und andere Schwierigkeiten treten relativ stärker hervor,
- erhöhte Selbstbeobachtung,
- Nebenwirkungen wie Reizbarkeit, Anspannung oder sozialer Rückzug,
- zu hohe Dosis, Wirkende oder Rebound,
- echte, zuvor nicht erkannte Komorbidität.
Diese Möglichkeiten sind klinisch vernünftig, aber nicht dasselbe wie ein nachgewiesener „Unmasking“-Mechanismus.
Evidenz: sehr niedrig – Gelb bis Rot.
3. „Nach Medikation kann ein traumatisches Schutzsystem sichtbar werden“
Spekulativ.
Für die Behauptungen, das ADHS-System sei vorher „zu zerstreut gewesen, um Schutz konsequent zu organisieren“, oder die Medikation ermögliche dem Schutzsystem, sich erstmals durchzusetzen, wird keine Studie genannt. Das sind bildhafte klinische Interpretationen, keine etablierte Pharmakologie oder Traumaneurobiologie.
Eine Verschlechterung nach Medikamentenbeginn sollte zunächst nüchterner als möglicher Dosierungs-, Nebenwirkungs-, Schlaf-, Angst-, Rebound- oder Komorbiditätseffekt untersucht werden. Die Medikamentenreaktion kann Hinweise liefern, ist aber kein diagnostischer Test für Trauma oder Autismus. NICE verlangt eine strukturierte Nutzen-Nebenwirkungs-Kontrolle und regelmäßige Überprüfung der Medikation.
Evidenz: sehr niedrig – Rot.
4. „Autismus ist Übersetzung, Entwicklungstrauma ist Schutz“
Als Metapher verständlich, diagnostisch zu simpel.
Die Forschung bestätigt, dass Autismus, PTBS, komplexe PTBS, Bindungsprobleme, Angst und andere Störungen ähnlich aussehen können. Entwicklungsverlauf, Traumaexposition, zeitlicher Beginn, Auslöser, Funktionsbeeinträchtigung und standardisierte Diagnostik sind wichtig. Die aktuelle Delphi-Studie unterstreicht zugleich, dass diese Differenzialdiagnostik schwierig ist und bisher teilweise auf Expertenkonsens statt auf validierten Trennalgorithmen beruht.
Problematisch ist die binäre Gegenüberstellung:
- Autistischer Rückzug kann ebenfalls Schutz vor Überforderung, Ablehnung oder Gefahr sein.
- Traumatisierte Menschen können soziale Informationen ebenfalls schwer „übersetzen“.
- Alexithymie, Dissoziation, verzögerte Emotionswahrnehmung und eingeschränkter Ausdruck kommen bei verschiedenen Diagnosen vor.
- Autismus und Traumafolgen können gleichzeitig vorliegen und sich gegenseitig beeinflussen.
„Übersetzung oder Schutz?“ ist daher höchstens eine Explorationsfrage, aber kein wissenschaftlich validiertes Entscheidungskriterium.
Evidenz für die Überlappung: moderat.
Evidenz für das binäre Modell: sehr niedrig.
5. Verwendung des Begriffs „Entwicklungstrauma“
Der Blog verwendet „Entwicklungstrauma“ sehr weit, etwa für fehlende Co-Regulation, Beschämung, Anpassungsdruck oder Invalidierung. Solche Erfahrungen können belastend und klinisch relevant sein. Sie begründen aber nicht automatisch eine PTBS oder komplexe PTBS.
Die ICD-11-Diagnose der komplexen PTBS setzt eine traumabezogene Symptomatik einschließlich der PTBS-Kernbereiche sowie Störungen der Selbstorganisation voraus. Eine allgemeine „Schutzorganisation des Nervensystems“ ist kein ausreichendes Diagnosekriterium.
Hier besteht im Blog ein Risiko, unspezifische Belastungsreaktionen vorschnell traumatisch zu erklären.
6. Autismus bedeute nicht emotionale Kälte
Im Kern richtig.
Empathie ist kein einheitliches Konstrukt. Aktuelle Meta-Analysen sprechen gegen die pauschale Vorstellung, autistische Menschen hätten generell keine Empathie; kognitive Perspektivübernahme, emotionale Resonanz, Ausdruck, Alexithymie und Überforderung müssen getrennt betrachtet werden.
Die Blogformulierungen „Emotion ist anders gekoppelt“ sind allerdings wiederum Metaphern und keine präzisen neurobiologischen Befunde.
Evidenz: moderat – Grün mit sprachlichen Einschränkungen.
7. Masking und späte Diagnosen
Grundsätzlich belegt, aber mit Unsicherheiten.
Systematische Reviews bestätigen Camouflaging beziehungsweise Masking als relevantes Phänomen. Es ist mit sozialem Druck, Erschöpfung und schlechterer psychischer Gesundheit assoziiert. Die Studien beruhen jedoch häufig auf Selbstberichten und überrepräsentieren weiße, gut ausgebildete, spät diagnostizierte Erwachsene; Ursache und Wirkung sind nicht immer geklärt.
Dass Medikamente Masking abbauen, wurde dadurch nicht nachgewiesen.
D. Diagnostik und Therapie
Der diagnostische Teil des Blogs ist überwiegend sinnvoll: Entwicklungsanamnese, frühe Merkmale, Fremdanamnese, aktuelle Funktionsfähigkeit, Komorbiditäten und Medikamentenverlauf sollten gemeinsam betrachtet werden. Das entspricht weitgehend NICE. Ein Screeningfragebogen allein reicht tatsächlich nicht zur Diagnose.
Die Therapiepassagen sind dagegen teilweise zu kategorisch:
- Umweltanpassung, klare Kommunikation und Berücksichtigung sensorischer Bedürfnisse sind bei Autismus sinnvoll.
- „Keine Exposition“ ist aber zu pauschal: Bei zusätzlich bestehender Angst- oder Zwangsstörung kann adaptierte Exposition durchaus angezeigt sein.
- Bei diagnostizierter PTBS sind insbesondere traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie und EMDR leitliniengestützt. „Körperorientierung“ oder „Wiederankopplung“ sind ohne nähere Definition keine eigenständigen evidenzbasierten Standardbehandlungen.
E. Evidenzbewertung
Gut belegt:
- Medikamente verursachen keinen Autismus.
- Autismus und ADHS können gemeinsam auftreten.
- Autismus und Traumafolgen können sich symptomatisch überschneiden und gleichzeitig bestehen.
- Eine umfassende Entwicklungs- und Differenzialdiagnostik ist nötig.
- Masking und sensorische Belastungen sind klinisch relevant.
Plausibel, aber unzureichend untersucht:
- Nach erfolgreicher ADHS-Behandlung können bereits vorhandene Schwierigkeiten subjektiv auffälliger werden.
- Eine veränderte Selbstwahrnehmung kann zur späteren Autismusabklärung beitragen.
Nicht ausreichend belegt:
- Stimulanzien „demaskieren“ Autismus als regelhaften Mechanismus.
- ADHS-Chaos verdeckt ein traumatisches Schutzsystem.
- Die Unterscheidung „Übersetzung versus Schutz“ trennt Autismus zuverlässig von Trauma.
- Die Reaktion auf ADHS-Medikamente erlaubt Rückschlüsse auf die zugrunde liegende Diagnose.
Also ein Autismus mit ADHS-Zügen entsprechend?
Falls man AuDHS, wie du ja schön darlegst, überhaupt als zwei Ursachen nebeneinander darstellen möchte.
Ich habe vor ein paar Monaten einen Artikel zum Thema Exekutivfunktionen bei Autismus mit ADHS gelesen, der zumindest eine ähnliche Idee verfolgte: dass Probleme mit den Exekutivfunktionen, wegen denen man einen autistischen Menschen zusätzlich mit ADHS diagnostiziert, eigentlich zum Autismus gehören unter Umständen. Sinngemäß und ich hoffe, ich erinnere mich richtig.