Elvanse, Freizeit leidet? Wirre Gedanken zu Medikation

Halli hallo!
Ich komme hier malwieder mit einem Anliegen :smile:
Also ich muss sagen Elvanse hilft mir im Alltag wirklich gut. Der aller positivste Effekt ist, das meine Stimmung deutlich stabiler ist und diese negativen Gedankenschleifen viel weniger präsent sind. Ich hatte auch seit dem viel weniger „depressive“ Tage oder zusammenbrüche nach Reizüberflutenden Situationen.
Auf die Konzentration direkt hat es keinen so großen Effekt, da ich aber weniger Versagensängste habe fällt es mir leichter meinen Perfektionismus mal auszuklammern und Dinge einfach mal zu starten. Ich kann Menschen besser zuhören und bin in Gesprächen präsenter in der Gegenwart. Haushaltsaktivitäten sind nicht mehr so eine riesen Qual.
Soviel zu den positiven Dingen.
Was mich gerade etwas stört: wenn ich es morgens nehme, dann merke ich hab 16 bis 17 Uhr das die Wirkung so weit nachlässt das es irgendwie nicht mehr den gewünschten Effekt hat. Da ich aber abends auch zutun habe und teilweise Vorlesungen sowie Termine ist das ziemlich blöd.
Das schlimmste ist für mich, das es dann nicht mehr möglich ist meine Freizeit abends zu nutzen und Freunde zu treffen bzw weg zu gehen. Ich bin dann einfach so platt und abwesend und irgendwie unsozial, sodass ich keine Kraft mehr dazu habe. Ich vermisse aber die Abende wo ich lange mit Freunden zusammen sitzen kann und wir einfach quatschen. Oder mal abends weg zu gehen.
Es ist außerdem komisch jeden Morgen und jeden Abend, wenn das Medikament nicht mehr wirkt, zu merken das es tatsächlich nur das Medikament ist was mir so hilft. Klingt vielleicht irgendwie blöd, aber ich frage mich dann manchmal ob das dann noch ich bin? Obwohl ich mich eigentlich auch in der Wirkphase authentisch wie ich selbst fühle, nur eben etwas leichter.
Ich weiss nicht mein Problem ist irgendwie schwer zu beschreiben. Ich glaube das Hauptthema ist, ob es Sinn macht entweder eine zweite Dosis zu nehmen um die Wirkung zu verlängern, oder ein zweites Medikament für Abends. Dann stelle ich mir aber die Frage, wenn es über den Tag doch besser läuft und ich mehr schaffe… Reicht das nicht? Bin ich/ist es das Wert auch für meine Freizeit, also nur für mich selbst unabhängig von Leistung und Anforderungen den Wirkzeitraum zu verlängern?
Entschuldigt den Roman. Aber vielleicht habt ihr ja ein paar Erfahrungen oder Tips?
Liebe Grüße

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Hey @Stormygrey,

ich kann deine Beschreibungen gut verstehen und nachempfinden. Tatsächlich nehme ich aktuell auch 30mg Elvanse am Morgen, siehe die Einnahme aber durchaus auch mal bis 10-11 Uhr, um länger etwas davon zu haben.

Laut Arzt soll ich lieber morgens 50mg nehmen, um eine längere Wirkung zu haben. Die 50mg sind aber zu viel und ich bin drüber. Nun mache ich es gelegentlich so, dass ich nach 4-5 Stunden nochmal 10mg in Wasser aufgelöst nehme und komme damit eigentlich ganz gut zurecht.

Soviel zu dem Thema der Dosis. Nun zu dem Thema des „bin das noch ich?“.

Ich habe als einen der wertvollsten Effekte empfunden, dass ich unter Elvanse nicht mehr diesen negativen Gedankenspiralen nachhänge. Sie kommen seltener und wenn sie kommen, erkenne ich sie besser und kann sie zur Seite schieben. Das tut mir im Allgemeinen sehr gut und ich komme so besser im Leben zurecht. Sobald die Wirkung aber nachlässt, kommen die Gedanken wieder vermehrt und ich habe vermehrt depressive Phasen.

Jetzt stellst du dir zu Recht die Frage, ob das alles nur das Medikament ist und ob dein eigentliches Ich dadurch nicht mehr zutage kommt.

Ich habe Elvanse für mich als Stütze akzeptiert, die mir dabei hilft, auch dauerhaft zu meinem selbstbewussteren und weniger negativ grübelnden Ich zu werden. Der Effekt geht nämlich auch über die Wirkdauer hinaus. In kleinen Schritten werde ich auch in der Zeit, in der die Wirkung nicht da ist, zu einem Ich, das mir besser gefällt. Ich kann besser mit den negativen Gedanken umgehen, da ich es mit Elvanse als Unterstützung gelernt habe.
Ich bin selbstbewusster, weil ich unter Elvanse erkannt habe, dass ich es sein darf.
Es ist in Ordnung, auch mal einen Katastrophen-Tag zu haben, weil ich mit Elvanse gelernt habe, dass es in Ordnung ist und ein besserer Tag folgt.

Das Medikament ist nicht die Lösung und der Endzustand. Es hilft dir nur dabei, dich selber in einen besseren Zustand (auch ohne Medikament) zu entwickeln. Wie eine Krücke dir auch bei einem gebrochenen Bein hilft, langsam die Belastung zu steigern.

Besprich mal mit deinem Arzt, ob du eine zweite Dosis nehmen kannst. Ich habe damit recht gute Erfahrungen gemacht. Einfach langsam ran tasten.

LG
Me-Inside

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Hallo,

ich habe selbst keine Erfahrung mit Elvanse, aber ich denke es ist bei Methylphenidat ganz ähnlich: Ja, eine Wirkung über den Tag, der auch die Freizeit umfasst, finde ich sehr wichtig. Mir würden zwei Kapseln auch nicht reichen, deswegen nehme ich nach 17:00 noch etwas unretardiertes Methylphenidat.

Und abends kann die Dosis viel niedriger sein als tagsüber, dennoch macht es einen deutlichen Unterschied!

Hier im Forum gibt es glaube ich auch Leute, die tagsüber Elvanse und abends unretardiertes MPH nehmen. @Stormygrey Wenn dein Elvanse schon um 15:00 nachlässt, würde sich eventuell sogar retardiertes MPH lohnen - vorausgesetzt, dein Arzt macht das mit und vorausgesetzt, du kannst abends einschlafen.

Und: Selbstverständlich sollte uns unsere Freizeit und unser Familienleben es „wert“ sein, das Medikament auch dann haben zu wollen! Ich muss daran denken, dass der Grabsteinspruch „Arbeit war sein Leben“ für Pferde geeignet ist, aber nicht für Menschen.

Das sehe ich nicht so, dass das Medikament ein Training für eine zukünftige Zeit ohne Medikament sein soll. Und ich sehe auch keinen Grund in Zweifel zu ziehen, ob ich mit Medikament „noch ich“ bin.

Nein, im Gegenteil, das Medikament (in der richtigen Dosierung usw.) ermöglicht uns doch „mehr ich“ sein zu können und nicht Sklave unserer ADHS-Impulsivität/Unruhe/Ungeduld/Nebelwahrnehmung. Was für eine absurde Idee, die ADHS sei unser „wahres Ich“.

Eine höhere Dosis für eine längere Wirkung ist, jedenfalls bei Methylphenidat, unsinnig, bitte korrigiert mich falls es bei Amfetamin anders ist.

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Erstmal: Ich bin ich. Mal mit und mal ohne Elvanse. Bei Bedarf teile ich meine Dosis auf. Oder ich entscheide wann ich es dringender benötige. Ich kann auch auf Arbeit mal ohne funktionieren, nicht so effektiv, aber in meinem Nachtdienst habe ich Pufferzeiten, was mir sehr entgegen kommt. Ich kann auch sagen, dass ich es mir auch gönne, in der Freizeit drauf zu verzichten und einfach mal nen halben Tag vor der Glotze oder im Internet abzuhängen. Alternativ hilft mir, ne Stunde radeln zu gehen. Das bringt mich für einige Zeit wieder in die Spur. Trotzdem gibt es gute und schlechte Tage, wo mir das nicht so schön gelingt wie es hier geschrieben steht. Das bin dann auch ich. :smirk:

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Ich meine nicht, dass man in Zukunft kein Medikament mehr nimmt. Ich meine, dass man in de Zeiten, wenn die Wirkung nachlässt oder man einfach mal einen oder ein paar Tage nichts nimmt, trotzdem besser klarkommt. Weil man eben mit Hilfe des Medikamentes gelernt hat, auch ohne Wirkung besser zurecht zu kommen.

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@Me-Inside @Falschparker
Danke euch beiden für eure ausführlichen Antworten! Ehrlichgesagt habe ich mich noch nicht so damit beschäftigt, ob die Medikamente etwas sind was ich dauerhaft nehmen möchte oder nicht und inwieweit ich es auch irgendwann ohne hinbekommen könnte. Liegt vielleicht auch daran das ich erst Anfang 20 bin und mir irgendwie noch nicht vorstellen kann wie ich in 10 oder 20 Jahren darüber denke.
Für jetzt war es definitiv die richtige Entscheidung!
Ich habe in den letzten Tagen und gerade heute nach dem Verfassen des Threads nochmal etwas reflektiert. Es hilft manchmal schon sehr das einfach aufzuschreiben. Ich hatte gerade einige Gedanken dazu. Dadurch das es mir seit meiner Kindheit und gerade in der Zeit zwischen 11 und 18 sehr schlecht ging (durch verschiedene Dinge wie Selbstverletzung, Alkohol und Drogenkonsum und Essstörungen) habe ich mich glaube ich so sehr an diese Muster und Negativen Gedankenspiralen gewöhnt das ich all das zu meiner Identität gemacht habe. Und natürlich gehören diese Dinge auch alle zu meinem Ich dazu, trotzdem hätte mir glaube ich einiges davon auch erspart bleiben können wenn ich gewusst hätte wo das tatsächliche Problem liegt. Tatsächlich trauere ich auch manchmal um diese Zeit, und ich frage mich wie ich jetzt wäre, wenn ich und alle anderen durch das Wissen das ich ADHS habe einfach mehr Verständnis gehabt hätten.
Naja zumindest muss ich mich jetzt vielleicht erstmal daran gewöhnen nicht dauerhaft so unter Strom zu stehen und nicht konstant in diesen negativen Gedanken und diesem Chaos zu hängen. Und vielleicht muss ich mich jetzt auch von einer anderen Seite kennenlernen, die ich durch die ganzen Symptome vorher nicht ausleben konnte…
Nochmal bezüglich der Dosiserhöhung bei Elvanse:
Ich glaube mein Arzt geht da schon auf meine Wünsche ein, er wirkte zumindest so… Ich glaube ich werde das das nächste Mal ansprechen und ich hoffe er schlägt dann einfach von selbst vor das ich eine zweite Dosis ausprobieren kann oder MPH für Abends bekomme. Ich muss dazu aber auch sagen, dass ich immer noch so halb in der Eindosierung stecke, wobei mir das mit der (zu) kurzen Wirkung bei allen Dosen bis jetzt aufgefallen ist.

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Das hast du gut beschrieben! Du hast Recht, egal was ist, ich bin ja immer noch ich. Ich glaube es kommt darauf an mit was man sich am wohlsten fühlt und was für einen persönlich am besten funktioniert. Das Leben ist ja auch total dynamisch, und vielleicht ist jetzt gerade einfach ein Punkt an dem ich mich verändere und zu einem etwas anderen Ich werde als vorher. Und Veränderungen fallen mir immer schwer, egal ob es positive oder negative Veränderungen sind.

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Ich fand den Spruch mit dem Grabstein und dem Pferd echt super. :smiley: Chapeau. Sehe ich auch so.

Zu dem „was ist die wahre Identität“ bin ich nicht ganz bei @Falschparker - für mich ist die ADHS schon auch ein integraler Teil meiner Persönlichkeit, ohne Medikamente. Und es ist schon auch etwas seltsam, da nun mit Meds doch andere Wege beschreiten zu können. „Identitätverwirrend“ könnte man sagen. Aber eben nicht auf eine schlechte Art, wenn man sich langsam daran gewöhnt. Weil viele Dinge einfacher sind, wenn ich nicht unter meiner Käseglocke sitze. Und trotzdem bin ich immer ich :slight_smile: nur mit anderen Optionen/Möglichkeiten :wink:

Und das ist wunderbar. Also ich empfinde das wirklich als große Erleichterung, jetzt auch mal „normale Probleme“ zu haben. :smiley:

Ich sehe es ansonsten so wie du, @Stormgrey - ich habe auch über meine Kindheit und Jugend keine Medikamente genommen, und der damalige Anpassungsdruck war auch alles andere als angenehm. Dadurch lernt man, klar, auch viele Dinge, die sich dann später irgendwie aufgeräumen können, wenn man vielleicht andere „Optionen“ kriegt durch die Medikamente. Nur dass das ein seltsamer Prozess ist, eben wie du sagst: „bin das noch ich?“ Ergibt das Sinn? :smiley: Ich bin mir für meinen Teil mittlerweile sicher, dass diese „Aufräumprozesse“ halt nicht ein temporärer Med-Effekt sind, sondern einfach ein Verarbeiten der eigenen ADHS Coping-Mechanismen, weil jetzt eben diese anderen Handlungsoptionen da sind. Man nicht mehr von sich selbst so betroffen ist und daher den Raum hat vielleicht… :slight_smile:

… die Option, ohne Meds einen Weg zu suchen und auch zu finden, behält man ja trotzdem. Und sicher ist das auch möglich. Schwieriger nur in unserem Gesellschaftssystem, ich hab da aktuell keine Lust zu. Also Meds. Mal schauen wie lange, bisher bin ich eher zufrieden als nachteilig berührt.

LG shlnk

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Gibt es hier eigentlich jemanden, der wie ich, sich, 70mg Elvanse Morgens um 7 Uhr einwirft? Ich habe den ganzen Tag bis 22-23 Uhr Wirkung.

ADHS C mit Offiziellen Verdacht auf ASS, ich bin dann halt unter der Wirkungszeit, von Früh bis Nachmittags, schon offensichtlich „Autistischer“, schnell Erschöpft und muss mich öfters auch mittags für ein Stündchen oder zwei hinlegen, je nach Sozialen Kontakten oder sonstiges. Die Eindosierung war schon etwas wild, wusste ja nicht, dass ich vermutlich zusätzlich Autist bin und wie sich das anfühlt wenn die ADHS behandelt ist. Die „Nebenwirkungen“ die manch einer, hier im Forum beschreibt, waren bei mir dem ASS und Stress zu zu Ordnen.

Wie immer ein Subjektiver Bericht von mir, wird nicht bei jedem so sein, ich jedenfalls vertraue meinem Neurologen, Psychiater mittlerweile. Er hat seinen Abschluss 2020 gemacht und wird schon Wissen was er macht. Bin auch alle 1 - 2 Wochen mit ihm im Email Austausch, was mir sehr bei der Selbstreflexion hilft. Da er es gut findet, sich in Foren Auszutauschen, man aber natürlich nicht alles Glauben soll, was man da liest und Rücksprache halten soll bei Verunsicherung, Unterstützt dies mein Vertrauen ihm Gegenüber.

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