Erster Artztermin Hilfe!

Hallo Leute,

Ich bin neu hier, 23 Jahre alt und habe keine Diagnose. Ich habe beschlossen, diesen Beitrag zu schreiben, weil ich so viele Fragen habe und nicht einmal weiß, wo ich anfangen soll. Ich hoffe, dass ich das nicht zu lang oder verwirrend mache. Ich habe endlich einen Termin für eine Untersuchung vereinbart, dachte, es würde ein paar Monate dauern, aber überraschenderweise konnten sie mich schon in einem Monat sehen. Jetzt bin ich total aufgeregt, weil ich nicht weiß, wie ich meine Situation dem Arzt erklären soll oder was ich fragen soll. Deshalb denke ich, dass es am besten ist, erst einmal ein wenig über mich zu erklären und was mich dazu gebracht hat, den Termin zu vereinbaren.

Zunächst einmal bin ich 23 Jahre alt, männlich und komme aus Lateinamerika. Ich bin alleine nach Deutschland gekommen, um an der Universität zu studieren, und ich lebe auch alleine (meine Familie ist in Lateinamerika). Als Kind war ich im Unterricht sehr störend, weil ich zu viele Fragen gestellt und zu viel geredet habe und ich als „ablenkend“ angesehen wurde (Ha!). Ich galt einfach als vergessliche Person. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, wie ich mich selbst dazu bringen kann, zu arbeiten, weil soziale Ablehnung zu schmerzhaft war und meine Eltern hohe akademische Erwartungen an mich hatten. Außerdem waren meine Freunde die top 5 Zeugnisse in der Schule, also peer pressure. Tatsächlich habe ich die Schule mit 97% abgeschlossen, spreche mehrere Sprachen und habe (nach vielen Versuchen) die erforderlichen Prüfungen bestanden, um nach Deutschland zu kommen. Die beste Art und Weise, warum ich nach Deutschland kommen wollte, war, weil mir gesagt wurde, dass es zu schwer sei und ich es nie schaffen könnte. Das ist sehr repräsentativ für mein ganzes Leben im Allgemeinen, ich tue Dinge, um den Menschen zu beweisen, dass ich fähig und intelligent bin.

In diesem Jahr während meiner Bachelorarbeit habe ich bemerkt, wie sehr ich damit zu kämpfen hatte, Fristen einzuhalten und die Details des Berichts im Blick zu behalten. Ich hatte große Schwierigkeiten, meine Ideen in einem Rahmen klar zu erklären, der kein Gespräch ist, und wenn ich bei der Arbeit war, war ich so konzentriert, dass es mich wahnsinnig erschreckte, wenn jemand mit mir sprach. Es ist nicht so, als ob dies neue Probleme wären, sie waren nur auffälliger, aber ich dachte, ich müsste einfach daran arbeiten. Dann habe ich mein Praktikum begonnen, wo ich jeden Tag 8 Stunden sein musste. Die gleichen Probleme begannen wieder, aber 100-mal schlimmer. Die Leute dachten, dass ich mir nicht sicher war, was ich sage, oder Dinge erfinde, einfach weil ich Dinge nicht klar erklären konnte. Ich geriet in Schwierigkeiten, weil ich E-Mails mit falschen Informationen versendet hatte, nur weil ich durcheinanderkam (wie ich es immer tue). Ich zwang mich, mich zu konzentrieren, was meinen ganzen Körper anspannte und mich sehr aufgeregt macht, und ich erschrak jedes Mal, wenn jemand mit mir sprach, weil ich so fokussiert war. Nicht nur habe ich gemerkt, dass es genauso schwer war, mich zu zwingen, mich zu konzentrieren, wie ich es in der Schule und im Studium getan habe (nur etwas schwerer), sondern es wurde immer anstrengender für mich. Vor allem emotional.

In meinem ganzen Leben hatte ich viele Momente, in denen ich einfach von Emotionen überwältigt war und nichts anderes tun konnte, bis ich sie in einer kathartischen Weise bewältigt hatte. Die beste Art und Weise, sie zu beschreiben, ist, dass mein Verstand sich anfühlt, als hätte ich seit drei Tagen nicht geschlafen, ich bin emotional fragil und mein Verstand ist unruhig, bis er Erleichterung bekommt. Es ist jedoch nicht immer traurig, ich würde es nicht als depressive Episoden bezeichnen, auch keine Stimmungsschwankungen. Eher eine Unklarheit des Verstandes, die durch den Versuch verursacht wird, herauszufinden, was ich fühle und wie ich damit umgehen soll. Mir wurde jetzt klar, dass diese Episoden nicht zufällig waren, sondern immer nachdem ich mein Gehirn zu lange dazu gezwungen hatte, sich zu konzentrieren (sei es mit Menschen, Arbeit, Schule oder was auch immer).

Ich habe begonnen, etwas Recherche zu beiden Themen zu machen, in dem Glauben, dass sie nichts miteinander zu tun haben, und ADHS tauchte immer wieder auf. Schließlich habe ich einen Selbsttest gemacht (um ehrlich zu sein, ich hatte Angst) und OH MEIN GOTT, ich wurde noch nie in meinem Leben von einem Test so gut beschrieben. Ich habe alle Tests gemacht, die ich finden konnte, und ich erfülle ALLE Kriterien, seit meiner Kindheit. Nur meine Hyperaktivität ist jetzt als Erwachsener verschwunden. Ich habe schließlich den Termin gemacht, um sicherzugehen, dass ich nicht verrückt bin und mir das alles nur einbilde. Aber plötzlich waren alle Schwierigkeiten in meinem Leben, von denen ich dachte, dass sie nichts miteinander zu tun hätten und bei denen wo ich dachte, dass ich Fortschritte mache, alle miteinander verbunden und perfekt beschrieben. Nicht durch „Vergesslichkeit“ oder „Faulheit“, sondern durch eine Beeinträchtigung meiner Exekutivfunktionen.

Mit all dem gesagt, möchte ich die Community fragen, was oder wie soll ich dem Arzt das alles erklären? Ich habe Angst, dass ich wichtige Informationen vergesse und dass er mich sofort ablehnt. Ich bin auch unsicher, denn es scheint, dass Erwachsene mit ADHS dies zuerst bemerken (so wie ich gelesen habe), wenn ihr Leben zusammenbricht oder sie sich zutiefst unglücklich fühlen. Allerdings mag ich mein Leben und mich wirklich, ich habe tolle Freunde und ich denke, ich habe tatsächlich viel erreicht. Es ist nur so, dass es eine qualvolle, anstrengende Arbeit war und mein Gehirn die ganze Zeit mit 200% arbeitet. Ich frage mich, auf die respektvollste und aufrichtigste Weise, ob man mit ADHS diagnostiziert werden kann, wenn es in allen Aspekten des Lebens präsent ist, aber man nicht unglücklich deswegen ist? Wird der Arzt denken, dass ich zu viel klage, wenn mein Leben einigermaßen in Ordnung ist, aber ich trotzdem Hilfe will?

Vielen Dank im Voraus für eure Hilfe!

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Hallo @BPH und erstmal herzlich Willkommen :slight_smile:

Zuerst einmal: Wow, was eine Geschichte! In deinem Alter so viel geschafft zu haben, mehrere Sprachen zu sprechen - da kannst du richtig stolz auf dich sein.

Ich kann dir (aus eigener Erfahrung) nur den Tipp geben, dir eine Liste mit deinen Symptomen/Problemen zu machen, bestenfalls mit Beispielen. Genau, damit du nicht dort sitzt und vor Aufregung wichtige Aspekte vergisst.

Ich finde, dass zB der Selbsttest hier auf adxs auch eine gute Vorlage ist falls du dir unsicher bist was wichtig wäre!

Und ich glaube, dass es gute Gründe hat, wieso du versuchst herauszufinden, was mit dir los ist! Also in irgendeiner Art und Weise fühlst du dich ja beeinträchtigt/anders und du beschreibst ja auch Probleme in Schule/Studium/Job. Ein Leidensdruck muss nicht bedeuten, dass man am nächsten Tag in die Psychiatrie geht weil es so schlimm ist!

Hast du den Termin denn bei einem Arzt, der sich mit ADHS auskennt und auch diagnostiziert?

Viele Grüße :heart:

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Willkommen. Es kann ab jetzt nur bergauf gehen :blush:

Mit was für einem Arzt hast du den Termin denn ausgemacht? Also wenn es kein Psychiater oder psychologischer Psychotherapeuth ist, dann brauchst du da einen Termin (man braucht keine Überweisung mehr vom Allgemeinmediziner für Fachärzte und hat freie Arztwahl). Ein Allgemeinmediziner wird dich auch nur dahin verweisen.

Mit den Psychiatern ist es so eine Sache, die meisten haben von ADHS keine Ahnung bzw. wollen davon keine Ahnung haben, weil die Diagnostik ein bisschen komplizierter ist, als bei anderen psychischen Erkrankungen.
In der Regel sagen sie dir, du sollst das von jemanden anderen Diagnostizieren lassen, der auf ADHS spezialisiert ist, dann kannst du wieder kommen und sie verschreiben dir die Medikamente. Ausser du hast sehr viel Glück.

Wie du hier wahrscheinlich auch schon gelesen hast, ist das so eine Sache mit den Terminen für eine ADHS-Diagnose. Du musst hartnäckig sein und Geduld haben, wenn du das als Kassenleistung haben willst.
Ich persönlich würde empfehlen, das gleich als Selbstzahler zu machen, da zahlst du ca. 600 € für 4-5 Termine und ein Gutachten und das spart viel Zeit und Nerven.

Hier kannst du eine Liste mit Ärzten, die ADHS Kompetenz haben anfordern und da einen Termin ausmachen für die Diagnostik.

Wie die Diagnostik abläuft, findest du hier .

Grundsätzlich führt dich ein Psychiater, Psychologe oder Psychotherapeuth immer mit Fragen durch deine Geschichte, es ist oft sehr kompliziert bei psychischen Erfrankungen und er sagt nicht einfach „was ist denn mit ihnen genau los“ sondern fragt vielleicht als Einleitung warum du zu ihm kommst, dann kannst du ja sagen du hast Symptome und bist über Recherche auf ADHS gekommen und das passt anscheinend sehr gut auf deine Symptome.
Dann führt er dich gezielt mit Fragen, die du einfach beantwortest, das ist ein wichtiger Teil der Berufe, sie können die richtigen Fragen stellen. Er erfragt dann wahrscheinlich nach und nach, wie übliche Symptome von ADHS bei dir ausgeprägt sind, wie es mit anderen möglichen Störungen aussieht und so weiter. Mit den Fragen füllt er mitunter schon ohne das du es merkst einen Fragebogen aus.

Also hab keine Angst oder Bedenken, lass dich einfach führen, das schwierigste hast du hinter dir, indem du erkannt hast, wie deine Symptome zusammen hängen könnten.

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Ich hatte das mal in einem Thread beschrieben, wie die Diagnose bei mir ablief:

Hier

Etwas anderes, als den HAASE-Test hab ich hier noch nie gelesen, das scheint sehr verbreitet (oder vielleicht sogar das einzige?) in Deutschland zu sein, um ADHS zu diagnostizieren.

Hoffe das hilft :blush:

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HASE :rabbit2: nicht HAASE :wink:

Ich habe tatsächlich auch alles verschriftlicht. Einzelne Symptome aus dem Netz kopiert und dann viele Beispiele aus meinem Leben - jeweils aus den unterschiedlichen Lebensabschnitten. Das habe ich dem Arzt auch für die Akte dagelassen.
Das fand er schon ungewöhnlich, aber so konnte ich mich klarer ausdrücken. Ich habe auch studiert und gute Noten usw. Es gibt in allen meinen Zeugnissen keine Hinweise auf ADS, so dass ich „kein Fall wie aus dem Lehrbuch bin, aber dennoch scheint es sehr ihm wahrscheinlich“ sagte er.

Hallo zusammen!

Erstmal vielen vielen Dank für eure Hilfe! Das beruhigt mich jetzt alles ein bisschen!

Bei dem Selbsttest auf adxs.org (oh Gott, so viele Fragen, ugh) hatte ich 37 von 43 Symptomen, irgendwie war das Kriterium: „mehr als 26 Symptome: starke ADHS-Symptomatik“ O.o Aus demselben Test ergaben sich nach DSM 5 9/9 Symptome für Unaufmerksamkeit und 7/9 Symptome für Hyperaktivität/Impulsivität. Vielleicht bilde ich mir das doch nicht ein.

Was den Arzt betrifft, habe ich viele Praxen in meiner Stadt angerufen, aber sie hatten keine freien Plätze. Eine Praxis sagte mir, dass sie keine ADHS-Behandlungen anbieten, aber ich solle mich bei einem Psychiatrischen Zentrum melden. Es handelt sich um eine Gemeinschaftspraxis mit etwa 5-6 Psychiater/innen. Ehrlich gesagt habe ich nicht darüber nachgedacht, bei der Terminvereinbarung nach dem behandelnden Arzt zu fragen oder ob sie Erfahrung mit ADHS haben. Ich werde versuchen, Morgen anzurufen und nach dem behandelnden Arzt sowie deren Erfahrung damit zu fragen (ist es schlecht, so etwas zu fragen?). Außerdem gibt es hier, wo ich wohne, eine ADHS-Ambulanz an der Uniklinik, aber ich bin mir nicht sicher, wie das funktioniert. Kann ich dort einfach einen Termin vereinbaren oder brauche ich eine ärztliche Überweisung?

Das mit die Beispiele für die Fragen/Symptome fande ich sehr hilfreich, danke! Ich denke in letzter Zeit viel über mein Leben nach und plötzlich sehe ich den Faden durch mein ganzes Leben. Ergibt es Sinn, dass ich, jetzt wo ich weiß, welche ADHS-Symptome es gibt, plötzlich SO VIELE Beispiele in meinem ganzen Leben finde?

Noch einmal, vielen Dank für eure Hilfe. Irgendwie macht mir das alles weniger Angst als bei den ersten Selbsttest-Ergebnissen :slight_smile:

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Du hast in der Praxis jetzt einen Termin zur ADHS Diagnostik?

Dann machen sie das immerhin. Ob andere gute Erfahrungen mit dieser Praxis in Sachen ADHS haben wirst du wohl von der Praxis selbst nicht erfahren.

Die ADHS Ambulanzen haben meist lange Wartezeiten. Ob die Ambulanz gut ist oder nicht weißt du vorher auch nicht.

Um von Erfahrungen anderer zu erfahren kannst du mal die Suche benutzen oder dich in anderen Communities umhören. Oder die Adressliste von ADxS.org anfordern, da gibts teilweise auch Bewertungen.