Falsche Vorstellungen von Wirkung?

Hallo in die Runde,

ich bin gestern von Medikinet auf Ritalin gewechselt, da ersteres mit meinem Essverhalten nicht funktioniert.
Mit Medikinet habe ich ca. einen Monat morgens 20mg und mittags nochmal 10mg genommen, mit häufig schwankenden und unterschiedlichen Wirkungen/Nebenwirkungen. Mal deutliche Wirkung, begleitet von Unwohlsein in der Brust, mal keine direkt spürbare Wirkung und ein gutes körperliches Empfinden.
Gelegentlich habe ich es auch bei morgens 10mg belassen und haben dann eben häufig nicht direkt eine Wirkung verspürt.

Nun aber zu meinem eigentlichen Anliegen. Ich habe hier viele Threads durchgewühlt und stolpere häufig über Beschreibungen von deutlichen Wirkungen und auch gelegentlich von deutlichen Überdosierungen. Unabhängig ob nun Medikinet, Ritalin oder Elvanse.

Meine These, die ich gerne mal in den Raum stellen würde: Kann es sein, dass wenn ich eine sehr deutliche Wirkung verspüre vielleicht sogar schon überdosiert bin? Sollte ein Medikament wie MPH nicht eher subtil wirken und mich über Monate hinweg wieder auf die Gleise bringen, statt das jedes mal mit einem Ruck direkt nach der Einnahme?

Häufig schwingt in Threads sehr viel Hoffnung und Erwartungen an die Medikamente mit. Als ob der Karren nun einfach sofort aus dem Dreck gezogen wird. Und wenn dann eben diese Wirkung nicht direkt bei der ersten Dosierung einsetzt, wird eben höher dosiert.

Ich kann diese Hoffnungen verstehen, habe aber das Gefühl, dass sie ein trügerisches Bild vermitteln. Sie könnten dazu führen, dass viele Leute höhere Dosen nehmen, obwohl sie es nicht müssten.

Meine Vermutung ist, dass viele Menschen die positive Wirkung einer niedrigen Dosis nicht richtig merken und die positiven Veränderungen garnicht bewusst wahrnehmen. Eben weil diese sehr subtil geschehen. Gefolgt von einem schnellen Wechsel des Medikaments, da es ja nicht wirkt.

Nun bin ich erst seit kurzem in medikamentöser Behandlung und habe wohl auch keine sonderlich starke Ausprägung von ADHS. Daher kann ich das geschilderte nur vermuten und mit meiner eigenen Wahrnehmung abgleichen.

Ich bemerke bei mir eine durchaus positive Entwicklung, trotz subtiler Wirkung. Aber das kann sich natürlich auch noch ändern.

Mich würde eure Meinung und Sichtweise dazu interessieren.

Best,
Me-Inside

4 „Gefällt mir“

Danke @anon94021787, für deinen Beitrag.

Mit subtiler Wirkung meine ich, dass es mir leichter fällt, mich zu gewissen Dingen zu überwinden. Dass ich unterm Strich nach mehreren Wochen merke, dass ich mich besser konzentrieren kann, ohne es in der jeweiligen Situation selber direkt wahrzunehmen. Dass ich nach einigen Monaten sehe, dass mein Leben sich in die richtige Richtung entwickelt. All das, ohne jeden Tag zu merken, wie die Medis reinkicken.

In den ersten Tagen hatte ich auch dieses Gefühl von „Wow, jetzt sehe ich klar und kann alles tun, was nie vorher ging.“. Ich könnte es bei mir aber auch der Euphorie und einem gewissen Placebo-Effekt zuschreiben. Das ich wegen er Erleichterung über die Diagnose und die Freude über die neue Behandlung einfach generell total dopamingeflutet bin und daher weniger die Medis verantwortlich sind, als meine Begeisterung. Oder eine Kombination aus mehr Ausschüttung durch Begeisterung und Blockade durch die Medis.

Nun hypothetisch: Wenn dann die Begeisterung nachlässt habe ich auch nicht mehr dieses Gefühl, als könnte ich die Welt aus den Angeln hebeln. Aber ich weis ja wie es war und das es diesen Zustand gibt. Den will ich dann immer wieder und nehme nur diesen Zustand als richtig wahr. Daher verfalle ich zu leicht der Versuchung mehr und mehr zu nehmen. Wenn ich dann diese Wirkung nicht mehr erreiche, gehe ich davon aus, dass das Medikament ja nicht wirkt. Ich übersehe aber die langfristigen und subtilen positiven Effekte, da ich nur auf das „WOW“ achte.

Unabhängig von meinem Fall kann ich aber auch verstehen, dass es Menschen gibt, bei denen es eben mehr als diese subtile Wirkung braucht. Ich habe es nur selber nicht erfahren und kann es daher nicht beurteilen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass Menschen sich häufig selber falsch einschätzen oder überhaupt nicht sensibilisiert sind für das was an und in ihnen passiert. Auch wenn sie glauben sie seien da sehr aufmerksam.

Ich freue mich auf weitere Berichte und Blickwinkel :slight_smile:

2 „Gefällt mir“

Mich würde interessieren, wie beschreibst du eine aufdringliche und eine unaufdringliche Wirkung?

Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht und würde es wie folgt Unterscheiden:

Anfangs (aufdringliche Wirkung) habe ich wirklich aktiv gemerkt, es ist vieles anders. So wie man merkt, dass man nach einer halben Flasche Rum einfach betrunken ist. Es ist einfach präsent.

Nach einigen Tagen wurde es schlagartig subtil (unaufdringliche Wirkung). Wenn ich es nicht selbst eingenommen hätte, würde ich nicht wissen, dass ich es eingenommen habe. Als wäre keine Wirkung da. Es fehlt dieses „Peng! Hier bin ich.“ vom Wirkstoff.
Wenn ich aber nun für 1-2 Tage die Einnahme auslasse, merke ich hingegen, dass doch etwas die Tage zuvor gewirkt hat. Es ist eben einfach nur im Moment nicht präsent.

Ist schwer zu erklären, weil mir kein analoges Beispiel einfällt. Am ehesten erinnert es mich ein wenig an meine Zahnspange in der Jugend^^
Am Anfang hat man ein starkes Gefühl, dass sich die Zähne bewegen, es tut weh, es fühlt sich an, wie Jucken im Kiefer und nach ein paar Tagen bis Wochen merkt man für die nächsten Monate und Jahre nichts, als hätte man gar keine Zahnspange bzw. als hätte sie keinen Effekt mehr auf die Zahnstellung. Aber tatsächlich tut sich dennoch etwas und die Zähne verschieben sich auch weiterhin.

2 „Gefällt mir“

@Me-Inside das mit der Überdosierung ist in meinem Fall passiert, denke meine Psychologin hatte diesen Fehler bei mir gemacht.
Statt zu schauen wie eine langsame Eindosierung bei mir wirkt wollte sie die Dosierung sowohl von meinem Adhs Medikamet als auch meinem Anti-Depressiva so schnell wie möglich und so hoch wie möglich dosieren und diese Dosierung dann sogar als Dauerdosierung beibehalten, sie sagte diese Dosierung müsste ich „für den Rest meines Lebens“ einnehmen, Wort wörtlich.
Auf meine Bedenken oder meine vermutliche Überdosierung die ich rückblickend hatte wollte sie nicht eingehen, sondern hielt daran fest das ich die Dosierung für den Rest meines Lebens genauso einnehmen sollte und auf keinen Fall reduzieren dürfte.

Ich hatte aber gemerkt das sich die Wirkung je länger je mehr so entwickelt hatte, dass ich mich nur noch wie in Watte eingepackt fühlte, als sei ich ein anderer Mensch geworden, als sei ich nicht mehr ich selbst.
(Ausserdem bekam ich ungefähr 2 Jahre nach Beginn der Einnahme meiner Medikamente Probleme mit Drehschwindel Anfällen.)
Das Gefühl meiner Wesensveränderung durch die Medikamente empfand ich aber nicht nur als Erleichterung sondern auch als beängstigend, da die Verwandlung zu schnell und zu abrupt passiert war.
Ich hatte sozusagen keine Zeit mich auf diese Veränderungen einzustellen, zu lernen wie ich mit diesen Veränderungen umgehen sollte.

Denn die Medikation ist die eine Sache, aber die andere Sache liegt darin mit sich umgehen zu lernen.
Heisst z. B.: was ist eigentlich Adhs?, dann muss man auch erst seine Vergangenheit aufarbeiten, ausserdem die Fragen „was will ich jetzt wo ich weiss das ich Adhs habe in meinem Leben verändern?“ , wie erreiche ich meine neu gesteckten Ziele?, wie fange ich nun eigentlich „neu“ an?.
Rückblickend kann ich sagen, ja die Medikamente haben gewirkt, sie waren auch hilfreich, nur leider ging bei mir alles viel zu schnell, hatte ich zu wenig Zeit mich mit den einhergehenden Veränderungen auseinander zu setzen, glaube das das alles wirklich wichtig ist, beachtet werden sollte, bei mir aber leider nicht so passiert ist.

P.s.: habe bei mir festgestellt, dass diese Veränderung meines Wesen durch die Medikamente unverändert ist, obwohl ich schon seit ungefähr
3 Jahren keine Medikamente mehr einnehme.
Meine ehemalige Impulsivität, die bei mir zeitweilig sehr stark war, ist so gut wie weggeblasen aber auch sonst fühle ich mich nicht mehr so wie vor der Medikation.
Meine Symptome sind deutlich abgeschwächt, sprich bin immer noch gleich wie MIT den Medikamenten obwohl ich KEINE mehr einnehme.
Als hätte sich meine Hirnstruktur nachhaltig verändert, was natürlich nur eine Vermutung meinerseits ist, habe keine Erklärung dafür.

2 „Gefällt mir“

Das habe ich auch noch nicht erlebt…
„Für den Rest Ihres Lebens“.
Wo hat die sich den Abschluss gekauft?

2 „Gefällt mir“

@Polaroid11 die Psychologin ist in Ordnung, aber was die Medikation anging waren wir definitiv nicht gleicher Meinung.
Eine Ärztin zu der ich später ging sah es genau gleich wie ich, sowohl was die Höhe der Dosierung als auch die Dauer der Einnahme anging die mir die Psychologin empfohlen hatte, worauf ich mich dann auch nur noch auf die Einschätzung meiner Ärztin verliess.
Diese Ärztin begleitete mich später dann auch dabei die Medikamente ganz abzusetzen, um zu sehen ob ich auch ohne Medikamente wieder klar kommen würde, was bis jetzt eigentlich gut geklappt hat.
Eben auch deshalb weil ich trotz dem absetzen der Medikamente seither irgendwie gleich geblieben bin wie MIT den Medikamenten, ist komisch und kann mir das nicht erklären, meine Ärztin übrigens auch nicht, ist aber trotzdem so, weiss der Geier warum das so ist, habe echt keine Ahnung.
Traurig bin ich aber deswegen auch nicht das ich keine Medikamente mehr einnehmen muss.

Irgendwie glaube ich immer ich könnte meine ADHS Symptome sehr gut managen ohne Komorbiditäten.
Ich hatte jedenfalls eine sehr gute Phase so mit 14-15 in der mir alles gelungen ist ohne sonderlich viel Stress und in der ich gutes Coping hatte. Dann kamen Angststörung und Depressionen, die Nachwirkungen grausamen Mobbings. ich habe durch meine jetzigen ADHS Symptome keine Nachteile im sozialen Bereich, es sind meine Ängste und schlechten Erfahrungen, die mich in den sozialen Rückzug drängen.

1 „Gefällt mir“