Gedankenprogramm

Hi, ich nehme jetzt nach kleinen Anlaufschwierigkeiten seit ner Woche jeden Tag 10mg Medikinet. Was mir krass auffällt ist, dass ich ohne Medikamente, jede Situation sehr genau wahrnehme und natürlich analysiere.
Jede Person auf der Strasse fällt mir auf und es rattert sofort ein komplettes Programm ab. Sehr anstrengend manchmal, kennt ihr das?
Naja mit Medis ist das komplett weg. Ich bin zwar genauso aufmerksam/feinfühlig aber kann Situationen und Menschen erstmal nehmen wie sie sind, ohne Komplettanalyse…entspannend!
Wenn ich jetzt mal aufhöre die Tabletten zu nehmen, komme ich ja immer wieder in das alte Programm oder kann sich durch das anders wahrnehmen, eine dauerhafte Änderung bei mir einstellen?
Grüße!

Hi Marco, wenn du die Meds aufhörst zu nehmen, dann bist du immerhin um die Erfahrung, wie es mit Meds war reicher. Also wird die Situation vielleicht nicht mehr ganz gleich sein.

Eine nachhaltige „Heilung“ von dieser Art von ADHS-Aufmerksamkeit ist aber nicht möglich :wink: d.h. deine Wahrnehmung würde sich vom MPH-Tunnel wieder stärker in Richtung „alles auf einmal“ bewegen. Je nachdem wie lang du MPH nimmst dauert es vielleicht dann eine Weile bis alles „wieder beim alten“ ist.

VG shlnk

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Moin,

eigentlich gibt es keine spürbare langzeitige Wirkung von MPH.

Ich bezog mich auf den Abschnitt zur Langzeitcompliance. Wo einige nach längerer Einnahme von Stimulanzien diese absetzen & dann nach einigen Monaten doch wieder darauf einsteigen. :slight_smile:

Ok, danke erstmal für eure Antworten!!
Das ist ja schon schade irgendwie…
Das heißt ihr nehmt die Medis ein Leben lang?

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Zuerst einmal wird es bei den Eindrücken, die du nach einer Woche gewonnen hast nicht bleiben. Und ich gehe jetzt mal davon aus, dass du sie nicht nur zur Analyseparalyse auf der Straße nutzt. Wenn nun ein Schwerpunkt darauf liegen würde, sich Skills und Methoden anzueignen, die dir helfen den Alltag zu strukturieren, kann es sein, dass sich diese irgendwann bis zu einem gewissen Grade automatisieren. Im Zuge dessen könnte auch ein stärkeres Selbstwertgefühl entstehen und vielleicht kommst du damit soweit, dass du irgendwann wieder drauf verzichten kannst. Auch, wenn du vielleicht auf ein paar positive Effekte verzichten musst. Wenn du allerdings ernsthaft vor hast, dein Leben mit ADHS-Medikation in den Griff zu bekommen (inwiefern das nötig ist, weiß ich natürlich nicht), solltest du dich erstmal mit der optimalen Einstellung deiner Medikation auseinandersetzen (natürlich mit ärztl. Begleitung). Alles andere ist Zukunftsmusik. Da kein Spiegel aufgbaut werden muss und der Stoff schnell wieder aus dem Körper raus ist, ist ein Absetzen relativ unkompliziert. Das beim Eindosieren als Sicherheit im Hinterkopf zu haben, ist nicht so schlecht. Wünsche dir viel Erfolg!

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Danke dir für deine Erklärung! So wie du es beschreibst, könnten sich schon durch positive Erfahrungen, Veränderungen manifestieren. So könnte ich mir das auch Vorstellen und es wäre schön…
Natürlich werde ich die Eindosierung mit meinem Arzt besprechen, wobei ich bisher mit den 10 mg schon recht gut fahre…soweit zumindest…
Mal sehen was die nächsten Wochen noch so bringen.
Längerfristig gesehen, werde ich aber schon darauf abzielen wollen, ohne Medis zurechtzukommen…und Nein ich nehme sie nicht nur zum Test auf der Straße, dies war nur ein Effekt, der mir positiv aufgefallen ist.
Du hast geschrieben, das es nicht bei den ersten Eindrücken der Woche bleiben wird…meinst du es stellen sich bei längerer Einnahme weiter positive Effekte ein, die sich erst nach längerer Zeit bemerkbar machen?
Danke und Grüße!

Möglichweise. Vielleicht verfestigen sie sich auch. Vielleicht gibt es auch negative Eindrücke, vielleicht stellen sich Nebenwirkungen ein. Die Wirkung der Medikamente ist so individuell wie wir sind und wie wir sie wahrnehmen. Auch durch Situationen, die bisher noch nicht aufgetreten sind, kann sich die Wahrnehmung bzl. der Wirkung verändern. Du kannst hier im Forum viele verschiedene Erfahrungen mit den Medikamenten finden. Und deine wird wieder eine Facette mitbringen, die man so oder in dieser speziellen Konstellation noch nicht kannte. Das ist das Spannende: Wir sind nicht nur Testkandidaten, wir sind auch Forschende.

Mhmmm ok…also wie immer im Leben!
Na dann schau ich mal was noch so passiert!
Dank dir!

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Ja, das wäre schon schön, aber wir haben nun mal ADHS. Das geht ja nicht weg, nur weil wir Medikamente doof finden.

Ich nehme seit 2003 Medikamente und weiß nicht, ob ich es mein Leben lang tun werde, aber erstmal soweit ich absehen kann ja. Der Unterschied ist einfach zu deutlich. Warum sollte ich darauf verzichten?

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Ja das ist halt die Frage…

10 % der Kinder haben AD(H)S. 6 % ihr Leben lang, auch als Erwachsene.
Die Antwort ist, dass AD(H)S nicht irgendwann verschwindet. Auch nicht durch Medikamente.

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Ja das weis ich doch…meine Frage war, ob man evtl. durch die Med‘s zu neuen Einsichten, Erfahrungen kommt, die man dann trotzdem abspeichert und übernimmt quasi…

Ich glaube, dass das sogar der eigentliche Therapieansatz ist.
Durch Medikation und Verhaltenstherapie eine kognitive Umstrukturierung ermöglichen, die irgendwann ein Leben ohne Medis ermöglicht.
Ritalin etc sind keine Smarties sondern Medikamente mit u.U. beträchtlichen Nebenwirkungen.

Die Neuroplastizität unseres Gehirns funktioniert in beide Richtungen.
Man kann das Gehirn auch positiv konditionieren.

Bei meiner Ärztin ist es übrigens gängige Praxis, dass ihre Patienten das nach Bedarf nehmen.

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Vielen Dank für deine Antwort!

Was heißt in diesem Zusammenhang nach Bedarf?

Die Medis zwischendurch - z.B. am Wochenende abzusetzen - ist keine gängige Praxis und nicht gut für das Gehirn, dass sich dann ständig umgewöhnen muss. Das häufige Unterbrechen der Medikation ruft auch oft die Nebenwirkungen, wie z.B. Kopfschmerzen hervor.

Einer der wenigen Gründe für intervallmäßige Unterbrechungen ist das Einsetzen eines Gewöhnungseffektes an das Medikaments. Dann wird das Medikament am Wochenende abgesetzt und zeigt dann am Anfang der Woche wieder seine Wirkung. Das kommt aber nicht allzu häufig vor.

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Also meine Hypothese dazu ist, dass Stimulanzien die Neuroplastizität des Gehirns wieder in Gang setzen. Das führt dazu, dass der Betroffene sich auf Umweltanforderungen besser einstellen kann. Die Anpassung an Umweltanforderungen funktioniert besser. Das führt dazu, dass die Lebensanforderungen besser bewältigt werden können. Das merken Betroffene manchmal und stellen dann fest, dass sie, wenn sie jetzt die Stimulanzien weglassen, nicht mehr so große Schwierigkeiten haben wie bevor sie damit begonnen haben. Die Neuroplastizität des Gehirns lässt dann wieder nach und die Anpassung an neue Umweltanforderungen gelingt nicht mehr so gut. Nach einem Jahr merken die Betroffenen das und beginnen wieder mit dem Medikamentierung.
Das wäre meine Erklärung für dieses on and of Muster.

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Klingt schlüssig. Neuroplastizität ist ja nicht gleich Neuroplastizität und kann kurzzeitig bis langzeitig sein, von Sekunden/Minuten bis Jahren/für immer. In der Forschung freut man sich schon über Effekte über ne halbe Stunde.

Zugleich kann Neuropl. in Form einer Verbesserung oder Verschlechterung geschehen („Use it or lose it“ oder aktivitätsabhängige Selektion). Wenn also nach nem Jahr Betroffene wieder Medikamente brauchen, dann hat das Hirn das Gelernte wahrscheinlich teils wieder verlernt - das ist auch Neuroplastizität.
Würde es also vorsichtig eher so formulieren, dass die Medikamente nicht allgemein die Neuroplastizität in Gang setzen (oder sie nachher nachlässt), sondern die (hier förderlichen) Selektionsprozesse ankurbeln. Wie viel da nun funktional oder schon strukturell verändert ist, ist nochmal ne andere Frage.

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Ich bin ohnehin gespannt, wie das wird, wenn wir Richtung Rentenalter los marschieren.
Die Medis dürfen nur bis zu einem bestimmten Alter verordnet werden habe ich mal irgendwo aufgeschnappt. Auch wahrscheinlich wegen der Änderung des Stoffwechsels bei älteren Menschen und der vermutlich steigenden kardiovaskulären Risiken in der Altersklasse.

Gut, da sind wir zwar alle noch nicht, aber wenn ich bedenke, wie ständig müde vom reinen Nachdenken und maximal verwirrt ich mich ohne Medis gefühlt habe, wird mir jetzt schon Angst und Bange eines Tages auf die Medikamente zu verzichten.

Ist ja auch logisch: die genetische Disposition zum Dopaminmangel kann man auch nicht wegtrainieren, die ist halt immer da. Hier funktionieren nur Medikamente dauerhaft und nachhaltig.
Wie beim Diabetes Typ1: hier hilft nur Insulin :wink:

Schönes Wochenende euch allen :blush:

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Naja ich denke ich komm im Alter gut mit mir selbst klar…ausgiebige Spaziergänge in der Natur sind schon sehr hilfreich…sofern das dann noch geht.:crazy_face:
Ich finde es halt Hauptsächlich im Bereich Arbeit so anstrengend und kontraproduktiv…dieses ständige Grübeln, abwägen, analysieren etc…wenn ich mit mir alleine bin ist es voll ok.

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