Mein Psychiater frustiert mich

Hey ihr Lieben,

ich bin seit 5 Jahren Patientin bei einem Psychiater, der ein bekannter ADHS-Experte ist. Die meiste Zeit war ich unglaublich dankbar dass ich ihn habe. Ich fühle mich bei ihm verstanden und er kennt sich wirklich gut mit ADHS aus (er hat so ein kleines graues Buch geschrieben, vielleicht kennen das einige).
Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass er viel zu viele Patienten hat. Vielleicht weil er so gut ist, vielleicht weil es zu wenig Psychiater gibt, oder beides. Dass die Versorgungslage generell schwierig ist, ist mir klar.

Das führt dazu, dass ich ihn nur 2mal im Jahr für jeweils 15min oder so sehe und auf E-Mails immer nur höchstens einen Satz als Antwort bekomme. Ich versuche wirklich, ihn nicht zu nerven, aber manchmal habe ich Fragen zur Medikation, die nur ein Psychiater beantworten kann.

Dazu kommt, dass er wenig konkrete Ansagen zu meiner Behandlung macht. Ich habe mir die aktuelle Dosierung meiner 4 Medikamente größtenteils selbst ausgedacht und auch bei anderen Sachen ist es eher so, dass ich z.B. vorschlage „könnte man nicht Medikament xy probieren“ und er sagt „ja, klingt gut“. Oder er sagt zur Dosierung, dass ich einfach mal rumprobieren soll. Ich war vielleicht bei einem Workshop zu Psychopharmakologie für Mediziner und habe einen B.Sc. in Psychologie, aber ich bin kein Arzt! Und selbst wenn ich eine Kollegin von ihm wäre, dürfte ich nicht meine eigene Behandlung planen. Ich habe mit einem befreundeten Neurologen darüber gesprochen, der fand das ziemlich befremdlich.

Da ich so viele Symptome, Diagnosen und Medikamente habe, blicke ich langsam selbst nicht mehr durch - ich hatte aber beim letzten Termin den Eindruck, dass es auch ihm langsam zu kompliziert wird, zumal es fast die ganze Sitzung dauert, ihn nochmal zu updaten was ich genau weshalb nehme.
Ich habe aktuell mit verstärkten/neuen Symptomen, evtl. Toleranzentwicklung und evtl. inkompatibler Medikation (??) zu tun - mein sehnlichster Wunsch ist es, einen Arzt/Ärztin zu haben, der*die sich die Zeit nimmt, mit mir mal alles auseinanderdröselt und mir einen wirklich fundierten ärztlichen Rat gibt.

Keine Ahnung ob es eine Lösung dafür gibt, zumal es auch Vorteile gibt, bei ihm Patientin zu sein - wegen der ADHS-Expertise und weil er mich so lange kennt. Aber ich bin gerade wirklich frustriert und daher dankbar für eure Gedanken und Tipps.

Sorry für den langen Text :slight_smile: LG julai

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Hi Julai,

Ich glaube, wir müssen uns für lange Texte hier im Forum nicht entschuldigen. Es war dir einfach wichtig, dass es zu keinen Missverständnissen kommt.:grinning:

Also zu deinem Problem:

Wäre es eine Option dem Psychiater das Update einfach 2-3 Wochen vor einem Termin schriftlich (Stichpunkte) zu geben? Dann kann er sich dazu Gedanken und Notizen machen. Wenn er das nicht macht (quasi unvorbereitet ist), aber auch dann nicht sagt, dass er sich das nicht wünscht, würde ich mich nach einer Alternative umsehen.

Vielleicht würde es auch helfen, das Problem bei ihm direkt anzusprechen (ggf. schriftlich). Vielleicht denkt er auch einfach nur, dass du gut versorgt bist und bezüglich des Rumprobierens er dir vertraut? Oder er realisiert es einfach nicht?

LG
Pedro

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@julai

Ja die schriftliche Info vorab per Email mache ich auch, besonders, wenn ich viele Themen/Fragen habe und um mich selber zu sortieren und es dann auf den Punkt zu bringen.

Ich erwarte nicht, dass es vor dem Termin gelesen wird, aber zumindest während des Termins wie eine Tischvorlage da ist.

Ich habe den Text dann auch vor mir und bin entspannter, dass nicht der Arzt irgendein Thema rausgreift und der Termin in eine völlig andere Richtung geht.

Ich habe übrigens auch bloß zweimal 15 Minuten im Jahr… und meine Ärztin ist auch auf ADHS bei Erwachsenen spezialisiert und etwas bekannter.

Und ich sage dann auch immer, wenn ich was ändern möchte und meistens sagt sie OK.

Sie weiß, dass ich über meinen Sohn auch schon länger in der Materie bin und hier im Forum lese.

Solange ich mich ja im Niedrigsosisbereich bewege und kein Mißbrauch vorkommt, lässt sie mich probieren.

Ich sehe das sogar als sehr angenehm an und sehe es eher als einen Luxus.

Der Arzt meines Sohnes ist da völlig anders und es ist total eskaliert, weil er scheinbar keine Ahnung von evtl. kürzerer Wirkzeit von Elvanse hat und Herzrasen bekommt, wenn ich vorschlage, die Tagesdosis auf zwei Einnahmen zu splitten.

Also das ist wohl echt schwierig bei Dir mit mehreren Diagnosen, deshalb mach die Fragen schön übersichtlich in Schriftform fertig, was du bisher nimmst, was du vielleicht ändern möchtest und warum, und nimm zwei Ausdrucke mit in den Termin.

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Danke für eure Tipps! :yellow_heart:

Ich mache mir zwar vorher Notizen, um möglichst effizient erklären zu können, aber es macht total Sinn, auch welche für den Arzt vorzubereiten. Zum Glück kann ich sowas auch knapp und übersichtlich darstellen.

Es stimmt auch, dass es große Vorteile hat, wenn man ein gebildeter Patient ist und sich Dinge angelesen hat, oder durch gute Tipps selbst auf Ideen zur Medikation kommt. Da es bei mir so kompliziert ist mit 4 verschiedenen Sachen und ich oft meine Symptome überhaupt nicht einordnen kann (z.B. ob es ein Symptom oder eine Nebenwirkung ist), habe ich jedoch manchmal den Eindruck, dass ich nicht weiß was ich da tue. Dazu kommen auch Ängste, dass ich mir mit der Medikation unabsichtlich schade, weil mein Psychiater etwas nicht auf dem Schirm hatte.

Die meiste Zeit habe ich es auch als angenehm empfunden, dass ich selbst bestimmen und rumprobieren kann. Ich scheine damit nur momentan nicht weiterzukommen.

Der nächste Termin ist im August. Ich hatte schon überlegt, ihm meinen Frust lösungsorientiert zu schildern, aber kann auch sein dass ich v.a. deswegen so enttäuscht war zuletzt, weil er für ein bestimmtes Symptom absolut keine Idee hatte - was eher daran liegt, dass das nicht sein Fachgebiet ist. Da muss ich vielleicht einfach von woanders Informationen einholen für diese spezielle Sache.

Dass man Psychiater so selten sprechen kann scheint also normal zu sein :confused: ich glaube, hätte ich eine regelmäßige Sprechstunde bei einer Therapeutin, wäre das besser auszuhalten. Es ist einfach dieses Gefühl, mit einem sehr komplizierten Problem, für das man nicht das Fachwissen hat, allein gelassen zu werden.

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Hm, damit tun sich auch erfahrende Ärzte schwer. Dazu kommen weitere Einflüsse wie Nahrung, Stress, Umgebung.

Und grundsätzlich ist es doch auch so bei Ärzten: 10 Ärzte gefragt, 10 unterschiedliche Antworten und jeder ist von seiner Idee überzeugt. Von 10 Ärzten gibt es 4, die sich inhaltlich nahe liegen. Je mehr Medikamente, desto mehr Geduld und Zeit braucht man halt um das Optimum zu finden.

Sehr viele Patienten nehmen halt auch einfach das, was Herr/Frau Doktor verschreibt und denken da nicht groß nach. Der Arzt muss es ja wissen. Ist halt auch nicht immer der richtige Weg.

Ich denke daher auch, dass du dich da ein bisschen zu sehr verkopfst im Sinne von Perfektionismus? Das wird es nie sein.

Vielleicht ist der Arzt mit deinen ganzen Ideen und Gedanken aber auch überfordert, dieses Einfallsreichtum ist ja so ein ADHS-Ding. Das habe ich erst kürzlich in der Rückblende realisiert, dass viele Vorschläge und Gedankengänge für Nicht-ADHSler nicht nachvollziehbar sind.

Das sind Vermutungen, ich will dir keine Attribute zuschreiben. Ich kenne diese Attribute halt von mir. :slight_smile:

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Hallo,

Das mit dem selbst rum probieren hatte ich auch bei den letzten 2 Psychiatern. Habe dann eine super Psychiaterin gefunden bei der ich mich sehr wohl fühle.

Aber hier auch wieder, hier haben sie Ritalin. Bei der Dosierung soll ich mich auch hier selbst versuchen.

Ich glaube das nur jemand der die gleichen Probleme hat und die gleichen Medikamente nimmt eine gute Einschätzung geben kann.

Wie du schon schreibst gibt es zu wenig Psychiater und noch weniger die sich mit ADxs auskennen.

LG
Niklas

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Mein Psychiater hat mir einen indirekten Rahmen vorgegeben, in dem ich rumprobieren soll und über die Arznei informiert. Nebenwirkungen usw sollte ich mir in der Packungsbeilage aufmerksam durchlesen und wenn ich mich unwohl fühle, solle ich aussetzen und ich checke dann sonst noch so ein paar Sachen wegen Wechselwirkungen.

Aber je mehr Psychopharmaka man nehmen soll, umso wichtiger ist die ärztliche Empfehlung. Und wenn man sich selbst unsicher ist oder das Rumprobieren nicht zutraut, sollte man es offen sagen.

Da ist was dran. Ich komme speziell mit Symptomen von Erschöpfung und Antriebslosigkeit überhaupt nicht klar, auch weil ich den Wunsch habe, im Leben viel zu machen und viel zu erreichen… und ich bin mir offen gestanden nicht sicher, ob es a) total vielversprechend ist, diesem Wunsch zu folgen und vieles auszuprobieren oder b) ob mich das voll fertigmacht und ich mich damit abfinden sollte, dass ich wenig erreichen werde. Vom Gefühl her kann es gerade noch nicht b sein :sweat_smile: dabei sehe ich schon dass Akzeptanz durchaus sinnvoll sein kann.

Der Tag hat 24 Stunden. Davon solltest du, vereinfacht gesagt, 8 h schlafen. Bei zu wenig Schlaf geht es mir „scheißiger“ als sonst. Bleiben 16 Stunden übrig die du dir einteilen kannst. Zum Einteilen gehören auch bewusste Pausen. Ansonsten macht man sich kaputt.

Dazu ein hier verlinkter Podcast.

Du kannst nur einen Schritt nach dem anderen machen. So, dass du noch Kapazitäten für stressige Momente hast. :smiley:

Also zu wenig Schlaf ist definitiv nicht das Problem :slight_smile:
Manchmal bin ich abends so durch, dass ich mich um 20 Uhr zum Entspannen aufs Sofa lege… schon bin ich eingeschlafen und wache 12 Stunden später wieder auf. Auch wenn ich am Tag nicht viel gemacht habe. Oder auch wenn ich Nachmittags mega fertig bin - ich kann mich noch so lange entspannen, es wird irgendwie nicht besser.
Habe momentan den starken Verdacht, dass eine Toleranzentwicklung ggü. den Stimulanzien dahinter steckt. Die mal eine zeitlang wegzulassen wäre ein naheliegender Schritt. Ich glaube nur dass das relativ unangenehm wird wegen der Antriebslosigkeit und evtl. Absetzerscheinungen.