Neuer Job trotz ADHS?

Hallo zusammen,

bin noch ganz frisch hier und hoffe auf einen kleinen Rat, da ich im privaten Umfeld niemanden kenne, der „betroffen“ ist.

Zum Thema:
Ich habe kein offiziell diagnostiziertes ADHS. Vor einem Jahr war ich mal bei einem Psychologen der auf dieses Thema spezialisiert ist und mir dies bestätigt hat. Auf meine Bitte haben wir dies jedoch privat abgerechnet, da ich es noch nicht offiziell bei der Krankenkasse haben wollte (BU Versicherung etc).

Es ist so dass ich seit ein paar Jahren bei einem Arbeitgeber beschäftigt bin, wo ich meine, nennen wir es mal „Probleme bei der Arbeitsbewältigung (Prokrastiantion, Fehlende Priorisierung, Schusseligkeit) gut kompensieren kann und bisschen vor mich hin Daddeln kann. Dazu ist der Job auch sehr sicher - das Gehalt ist so lala.
Jetzt hatte ich mich woanders beworben (gleiche Branche) und direkt die Zusage erhalten. Das Gehalt wäre im
Einiges besser, der Anfahrtsweg viel kürzer, Aufgaben denke auch ganz okay… Ich habe jedoch große Angst meine jetzige Stelle zu kündigen.
Richtige Panik und Angst davor, dass die Kollegen dort „doof“ sind, meine Schusseligkeit auffällt, ich die Probezeit nicht schaffe… wieder anecke… Versage… Sodass ich fast schon geneigt bin die Stelle abzusagen und einfach hier zu bleiben.

Kennt ihr das?
Habt ihr schon mal einen neuen Schritt gewagt und wenn ja, was waren die Erfahrungen?
Wäre es für einen Adsh‘ler sinnvoller in einem
Sicheren Umfeld zu verbleiben auch wenn das weitaus weniger Geld bedeutet?

Vielen Dank für eure Meinungen und ggf Tips.

Liebe Grüße
Früchtchen

Hallo und herzlich willkommen hier !

Nun ja Sicherheit und Orientierung ist bei ADHS immer gut. Mehr Gehalt und kürzerer Anfahrtsweg auch :wink:

Ob es bei deiner Arbeitstelle immer so bleibt wie bisher ?? Eine wirkliche Garantie hat man da ja auch nicht .

Du scheinst ja soweit klarzukommen , sonst hättest du ja noch mehr Probleme gehabt?

Du hättest bestimmt auch den Job nicht bekommen wenn man nicht von dir überzeugt gewesen wäre.

Meist hat man in einem neu Anfang mehr Euphorie und mehr Motivation und Energie was meist für die Probezeit reicht :wink:

Grundlegend finde ich es aber schwierig was zu raten !!!

Könntest du dort noch hospitieren?

Danke für deine schnelle Rückmeldung :slight_smile:

Hospitieren ist leider nicht möglich.
Und ja - ich komme auf meiner jetzigen Stelle „klar“ - aber auch das mehr schlecht als recht. Ist ein kleiner Arbeitgeber wo ich aber meine kleine Nische (bin alleine für etwas zuständig) mit einer sehr verständnisvollen Vorgesetzten habe - der neue Job wäre in einer größeren Abteilung bei einem großen Arbeitgeber… Da ist man mehr unter Beobachtung und ich habe einfach Sorge das es da richtig auffällt wie ich bin.

Aber du hast recht - einen Rat kann man kaum geben :frowning: Deshalb trotzdem danke!

LG
Früchtchen

Hallo Früchtchen,

herzlich willkommen im ADXS-Forum! Schön dass du hier bist! :juhuu

Ja, schwer zu raten. Wenn du Christ*in wärest, würde ich sagen, bete darüber und schau welches Gefühl Gott dir gibt.

Und auch auf meine Frau höre ich in einem solchen Fall gern. Weil sie mich kennt.

Von außen betrachtet - du kommst klar, aber mehr schlecht als recht. Auf der neuen Stelle müsstest du weniger fahren und bekämest mehr Geld.

Klar könnte das ein richtiger Reinfall werden; aber ich glaube wenn du es nicht tust wirst du später immer sagen, damals hätte ich doch die Gelegenheit gehabt. Und außerdem ist es glaube ich nicht gut, etwas auszuschlagen weil man versagen könnte.

Ich denke wir ADHS-ler suchen doch eigentlich die Herausforderung. Auf die … fallen könnte man, aber na gut, das wäre nicht das erste und wohl auch nicht das letzte Mal, das kennen wir doch. :mrgreen:

Aber jahrelang unzufrieden sein, weil man es nicht hat darauf ankommen lassen, das passt so gar nicht zu uns, oder?

Zusätzlich - du hast deine ADHS damals nicht offiziell werden und auch nicht behandeln lassen, weil du, jedenfalls beruflich, gerade eben so klar kommst. Aber: Gerade so eben klar kommen ist doof, wirklich!

Wenn die neue Herausforderung Anlass wird, deine Behandlungsbedürftigkeit neu zu bewerten, wäre das ganz sicher nicht das Schlechteste.

(Zumal die größere Auswirkung der ADHS im sozialen Bereich sein könnte, beim Umgang mit Ehepartner und Kindern und der eigenen Ausgeglichenheit. Bei mir ist es so, aber das wusste ich vorher gar nicht! Man neigt allgemein dazu, den Grad seiner ADHS-Einschränkung an der beruflichen Leistungsfähigkeit zu bemessen, aber das ist nur ein Bereich im Leben, und nicht der Wichtigste.)

Noch etwas - der Grund weswegen du damals nicht offiziell ADHS-lerin sein wolltest, war eine eventuell abzuschließende BU-Versicherung, schreibst du. Hast du denn in der Zwischenzeit eine BU-Versicherung abgeschlossen? Falls ja, prima, falls nicht, vermute ich mal dass du es auch in Zukunft nicht tun wirst. Zumal die Sache eh juristisch wacklig ist - eine ADHS-Diagnose, die von einem Facharzt festgestellt wurde, zu verschweigen ist vermutlich auch dann nicht in Ordnung, wenn sie privat abgerechnet wurde. Jedenfalls dann wenn du dich irgendwann einmal doch behandeln lässt. Von daher lass es lieber bleiben mit der BU-Versicherung, und verabschiede dich vor Allem davon, das als Grund zu empfinden auf eine Behandlung zu verzichten.

Ich habe es auch verpasst. Dumm gelaufen! Aber 1. muss ich jetzt auch keine Beiträge dafür bezahlen und 2. senkt meine ADHS-Behandlung die Wahrscheinlichkeit, berufsunfähig zu werden, schon mal deutlich.

Viele Grüße :winken
Falschparker

Wer garantiert dir denn, dass es auf deiner aktuellen Arbeit immer so kuschlig bleiben wird? So richtig zufrieden scheinst du dort ja auch nicht zu sein.

Warum nicht stattdessen endlich zeigen, was wirklich in dir steckt - mit passender Medikation, versteht sich?

Wir ADHSler sind in der Regel nur mit geringem Selbstwergefühl gesegnet. Herausforderungen anzunehmen und zu bestehen kann helfen, dieses zu steigern. Die andere Strategie, Chancen bewusst nicht zu ergreifen, bewirkt jedoch das Gegenteil.

Auf der Plus-Seite wäre sicher der Reiz des Neuen und das Loswerden des wohl nagenden Gefühls des sicher vertrauten, aber wohl derzeit nicht so reizvollen status quo.

Auf der anderen Seite könntest Du in die Abwägung einbeziehen, was wir hier im Forum oft als Lachenmeier-Lernkurve beschreiben. Mehrere Beiträge dazu findest Du mit der Suchfunktion rechts oben. Dazu passt auch dieses Video von Lachenmeier „ADHS und Beruf“: <LINK_TEXT text=„https://www.facebook.com/watch/live/?v= … _permalink“>Redirecting...</LINK_TEXT> (lang, aber lohnt sich wirklich).

Ganz kurz zusammengefasst vertritt er vor allem, dass die ADxS-Reizoffenheit in einer neuen Umgebung am Anfang zu einer flacheren Lernkurve führen kann. Die Durststrecke der Eingewöhnung ist vielleicht etwas länger, aber wenn das überwunden ist, kommt man vielleicht sogar besser klar als Neurotypische. Hintergrund ist, dass gerade die Reizoffenheit dazu führt, in Breite und Tiefe viel mehr mitzubekommen und zu speichern im Lauf der Eingewöhnung.

Ich habe eine Wechsel-Entscheidung lange aufgeschoben und davon abhängig gemacht, wie viele Reserven ich noch habe zur Überwindung dieser vielleicht eher harten Anfangsdurststrecke. Mehrfach habe ich sogar eine Kündigung wieder „zurückverhandelt“, weil ich dann doch gefühlt habe, dass ich gerade nicht genug Ressourcen zur Verfügung habe. Man „nimmt sich eben mit“, wenn man geht. Ein bisschen kann man rumschrauben, aber nicht an allen Fronten gleichzeitig. Da spielt viel mit rein. Der Anfang der VIerziger ist z.B. gerade bei Frauen eine relevante Phase für die ADxS-Intensität, nach meinem Erleben.

Als sich die Erschöpfung geändert hat, bin ich zu neuen Ufern aufgebrochen. ( Das war bei mir so richtig erst nach Diagnose und Medikation; ggf. ginge auch das als Selbstzahler, aber @Falschparker hat dazu ja schon Gutes zu geschrieben). Vielleicht spürst Du aber auch jetzt, dass Du es gerade gut packen kannst, so gut wie man eben ohne Glaskugel in die Zukunft blicken kann.

Du hast ja offensichtlich keinen Job-Hopping-Lebenslauf bislang, sondern eine solide Konstanz. Da könnte man auch mal was probieren. Ein bisschen sollte sicher auch die Corona-Ungewissheit noch einbezogen werden. Aber vielleicht ist es sogar denkbar, dass Du „bei Nichtgefallen“ wieder zu Deinem jetzigen Arbeitgeber zurückkannst, wenn Du im Guten gehst und es wertschätzend und primär z.B. mit der Pendelstrecke begründest. Auch so etwas gelingt gar nicht so selten.

Dein Beitrag klingt super reflektiert. Beide Optionen scheinen lebbar. Vertrau Dir.

Von etwas Sicherem, das gut läuft, auf etwas Riskantes aber im Zweifel Besseres zu wechseln, ist immer schwer. Der Drang zur Sicherheit ist sehr, sehr stark. Und für ADHSler, die nicht so oft die Erfahrung machen, dass etwas einfach mal gut läuft, wahrscheinlich erst recht.

Ich habe in meinem Leben erst einmal einen Job gekündigt. Das war aber nicht wie bei dir, der alte Job war lausig und auch gesundheitlich nicht mehr tragbar (Nachtschicht), ich wusste also schon vor dem neuen Angebot, dass ich da raus musste. Und trotzdem hatte ich Schwindelgefühle und fast körperliche Schmerzen, als ich die Kündigung schrieb. Den neuen Job war ich nach drei Monaten los, aber ich halte es immer noch für eine Verbesserung.

Warum willst Du wechseln? Es klingt vernünftig und nach einer tollen Chance, aber genau deswegen frage ich. Vernunftenscheidungen tragen nicht immer besonders weit bei ADHS. Wir müssen das Andere schon wirklich wollen. (Oder in meinem Fall das alte wirklich loswerden wollen.)

Wenn Du es wirklich willst, dann… naja, nix dann. Dann hast Du deine Antwort.

Vielleicht kannst Du beim Wechseln auch ein paar gute Arbeitsbedingungen für dich heraushandeln, von denen Du weißt, dass sie bei dir für mehr Produktivität sorgen. ADHS oder nicht, an mehr Produktivität ist ja erstmal nichts auszusetzen, oder? Du hast ja schon eine gute Vorstellung, welche Schwächen Du hast. Ein neuer Job ist auch eine gute Gelegenheit, sich neu zu organisieren.

Ich habe einmal in jungen Jahren gekündigt, das war wie eine Befreiung und ein unendliches Gefühl von Freiheiiiiiiiit

und dann innerhalb der Firma im Fachbereich 3x „gekündigt“ und gewechselt . Auch da war es eher wie eine Befreiung und auf zu neuen Taten.

Es ist ja so das man schon ne Menge kann , nur das ADHS es einem erschwerrt und man denkt das man zu wenig kann, dass eigentliche Können muss man ja auch im Blick halten . Also sozusagen: " ich bin und kann was inc meiner Defizite.!" die gibt es Gratis dazu :wink: