Seit 5 Wochen Medikinet - Wechsel zu Elvanse oder Ritalin?

Hallo in die Runde!
Vielen Dank erst einmal für die vielen guten Beiträge hier und auf adxs.org - ich habe schon sehr viel lernen können! So viel, dass ich immer wieder einen eigenen Beitrag schreiben wollte und es dann doch gelassen habe, weil es ja schon viele ähnliche Beiträge gibt… :wink:

Vorstellung/Hintergrund -> eigentliche Frage kommt weiter unten

Kurz zu mir: 33, m, verheiratet, zwei Kinder, Haus, guter Job, verantwortungsvolle Aufgabe in großem Verein. Ich war eigentlich immer gut bis sehr gut in der Schule, Studium war relativ holprig (Abbruch von erstem Studiengang nach zwei Monaten, endgültig nicht bestandene Mathe-Prüfung im zweiten Studiengang, sehr gute Noten im dritten Studiengang - hat alles seine eigene Geschichte und ADHS erklärt sehr viel davon). Von außen betrachtet, bin ich erfolgreich in so ziemlich jeder Hinsicht.
Um meine Symptome/Probleme zu beschreiben, hatte ich schon einen Text angefangen, der aber in einer Autobiographie geendet hätte, daher hier die „Kurzfassung“:

Ich kann mich nicht konzentrieren, also meine Gedanken nicht auf ein Thema lenken und wenn doch, denke ich den Gedanken nicht zuende. Mitten im „Satz“ wechselt mein Kopf das Thema. (Es gab mal eine Situation mit 19 Jahren, da konnte ich ein Problem so richtig von vorne bis hinten durchdenken - in dem Moment war ich völlig überrascht. Meine Frau erinnert sich nach wie vor daran, so euphorisch habe ich es ihr damals erzählt.)

Ich bin unaufmerksam, kann also in Besprechungen nicht einfach nur da sein, sondern immer noch bei zig anderen Themen. Lustigerweise löse ich dann während eines (mitunter wichtigen) Meetings irgendwelche Aufgaben, die nichts mit dem Meeting zu tun haben, nur um nach dem Meeting an meinem Platz zu sitzen und nichts zu tun zu haben. Längere Texte lesen ist schwierig, weil ich irgendwann nicht mehr weiß, was ich vor drei Minuten gelesen habe (Ausnahme: gutes Buch + ich bin entspannt + habe Zeit, sodass ich das Buch am Stück durchlesen kann + es ist Belletristik und kein Sachbuch). Ich würde das Gedankenkreisen ebenfalls hier unterbringen.

Ich prokrastiniere laufend und verschiebe beliebig Aufgaben, egal wie wichtig oder sogar wie interessant sie sind. Hat mich einmal fast 17.000€ gekostet, weil ich das Schreiben einer einfachen Email vor mir hergeschoben habe. Ist nur aus reiner Freundlichkeit gut gegangen. Dabei habe ich schon x Methoden probiert, aber scheitere schon daran, eine neue Aufgabe auf meine Todo-Liste zu schreiben. Es stauen sich bei mir also ständig Berge an Aufgaben an, die ich in kürzester Zeit lösen muss. Normalerweise schaffe ich das, aber bin dann völlig unter Strom und gerade in Panik. Hatte schonmal leichte Herzrythmusstörungen dadurch (ein paar Jahre her).

Das sind so meine Hauptprobleme. Natürlich gibt es noch einiges anderes:

  • rejection sensitivity
  • Gedächtnisprobleme (immerhin gute Kombi - ich bin gekränkt und habs am nächsten Tag vergessen! :wink: )
  • Längere Zeit mit vielen Menschen oder lauten Menschen (meine Kinder :wink: ) strengen extrem an
  • Motivationsprobleme
  • Einfachste Entscheidungen überfordern mich - komplexe Entscheidungen fallen mir leichter
  • Impulsivität (hautpsächlich Anderen ins Wort fallen oder etwas sagen, wenn ich mir fest vorgenommen habe, die Klappe zu halten - also noch eher milde)
  • Hyperaktivität (?) - war nie derjenige, der ständig herumgelaufen ist o.ä., aber meine Finger sind immer in Bewegung, beim Telefonieren oder Formulieren von Texten muss ich herumlaufen etc.
  • usw.

Aber wie gesagt, diese Dinge sehe ich nicht als die größten Schwierigkeiten, weil sie bei mir eher mild ausgeprägt sind. Klar, sie machen das Leben nicht einfacher, aber mit meinen Coping-Mechanismen habe ich diese Dinge meist unter Kontrolle.

Anfang 2021 hat mich vieles überfordert. Die sich ständig auftürmenden Berge an fälligen Aufgaben haben mich immer mehr fertig gemacht, sodass ich Angst vor Burnout und/oder Depressionen bekommen habe.
Dann habe ich mal im Internet nach „wieso kann ich nicht klar denken“ (oder so ähnlich) gesucht und bin auf ADHS gestoßen. Nach einiger Zeit waren ich und meine Frau ziemlich überzeugt, dass ich wohl AD(H)S habe. Habe mir sogar ein Buch dazu gekauft und halb durchgelesen :wink:
Irgendwie hat sich das aber wieder verloren, auch weil ich wieder mal einen der Berge irgendwie abtragen konnte.
Ende 2023 war es dann aber wieder soweit, einige neue Aufgaben sind in letzter Zeit dazu gekommen, das zweite Kind war da und ich habe gemerkt, dass mein Coping nicht mehr ausreichend ist, um irgendwie klar zu kommen. Also habe ich nochmal angefangen zu lesen und bin tatsächlich auf ADXS.org gestoßen, was eine große Hilfe war und für viele Aha-Momente gesorgt hat.

Durch die Adresssuche habe ich dann einen Arzt gefunden und konnte nach 2 (!!) Wochen den ersten Termin wahrnehmen. Ursprünglich sollte die Praxis für einen Tag geschlossen sein, der freie Tag wurde dann aber verschoben, sodass ich einen Termin bekommen konnte.

Obwohl der Arzt in der Liste recht gut bewertet wurde, hatte ich nicht den Eindruck, als hätte er viel Ahnung (meine Bewertung folgt, sobald ich voll eindosiert bin).
Ein EEG, danach maximal 15 Minuten Gespräch, dann habe ich zwei Fragebögen bekommen. Einmal WHO, dann einen anderen zu Symptomen in der Kindheit. Die sollte ich ausfüllen, Auswertung sollte dann beim nächsten Termin sein. Den habe ich sehr schnell danach bekommen und nach 10 Minuten war klar: ADHS (ohne auf Typ etc. einzugehen). Er hat mir Medikinet 10mg verschrieben, sollte mit 1-1-0 starten und bei Bedarf erhöhen (hat mir dann Auszüge der Packungsbeilage vorgelesen…). Im Gespräch hat er ein paar Fragen gestellt, dann meine Antworten vervollständigt und ergänzt, sodass ich am Ende nur noch Nicken musste.

Ich war etwas enttäuscht, weil ich schon gerne eine gesicherte Diagnose haben wollte. Klar, Medikamente zu bekommen war durchaus auch ein Ziel, aber nicht, wenn es vielleicht ein ganz anderes Problem ist. Habe in den letzten zwei Monaten so viel dazu gelesen und genug Tests gemacht, dass ich mir eigentlich sehr sicher bin, aber ich bin halt kein Arzt… Die Zweifel kommen also immer wieder, ob es nicht doch etwas anderes ist. Immerhin, jetzt habe ich die Medis und es ging sehr schnell.

Das war Anfang Dezember 2023.
Sollte einen nächsten Termin in 6-8 Wochen vereinbaren, der jetzt nächste Woche ansteht.

**Hier der wichtigere Part, der zu meiner Frage führt:**

Ich habe erstmal Kaffee und grünen Tee abgesetzt, was zwei Tage für Kopfschmerzen gesorgt hat und jetzt ständig für Probleme sozialer Natur sorgt („Wie, du willst heute keinen Kaffee?“). Aber gut - kein Koffein.

Gestartet habe ich also Medikinet 10mg mit 1-1-0. Die ersten Tage habe ich nichts gemerkt, dann hab ich nach 6 Tagen mal auf 2-1-0 erhöht. Im Laufe des Vormittags ist dann einmal mein Blutdruck spürbar angestiegen, war aber schnell wieder weg. Ansonsten keine spürbare Wirkung.
Danach habe ich weitestgehend jede Woche erhöht, sodass ich jetzt bei 4-3-0 bin. Meistens habe ich nach dem Erhöhen ein bis zwei Tage leicht Kopfschmerzen, bei 2-2-0 und 3-2-0 war ich am Nachmittag manchmal ohne Grund gereizt.
Zuletzt habe ich am Montag erhöht, seitdem habe ich immer wieder erhöhten Blutdruck. Nicht gefährlich, aber merkbar und unangenehm. Wollte sicherstellen, dass es nicht nur die erhöhte Dosis ist, aber das scheint nicht so zu sein, sondern klingt eher nach überdosiert (Meinungen?). Auch ist mein Mund am Nachmittag häufig plötzlich trocken. Werde morgen wieder auf 3-3-0 gehen.

Mein Problem ist: ich merke durchaus eine Wirkung, meine Frau ebenfalls. Aber hauptsächlich bezieht sich das auf die eher weniger problematisch empfundenen Symptome. Es ist alles sehr subtil. Insgesamt bin ich etwas ruhiger, entspannter. Habe einmal die Einnahme vergessen, da war der Unterschied merkbar. Ich bin manchmal etwas konzentrierter, aber längst nicht immer. Unaufmerksamkeit und Prokrastination haben sich nur sehr punktuell verbessert, meistens ist alles beim alten. Gerade Prokrastination wird wohl auch Trainig sein, aber ich kann mich immer noch oft nicht überwinden, etwas anzufangen.

Dazu kommt, dass es mich unglaublich nervt, dass ich immer etwas zur Einnahme essen muss. Sorgt im Grunde dafür, dass ich vier Mahlzeiten am Tag einnehme. Habe zwar leichten Appetitverlust, aber esse wie gewohnt mit meiner Familie/den Kollegen zu unseren gewohnten Zeiten und dann auch genug. Muss mich also eigentlich nicht noch zusätzlich zu einer Mahlzeit zwingen. Und ich merke, wie schwankend die Wirkung in Abhängigkeit davon ist, was genau ich esse.

Daher meine Frage: ich will gerne zu Ritalin Adult wechseln, was das Essen angeht. Auf der anderen Seite heißt es ja immer wieder, Elvanse wäre das bessere Medikament. Was sind eure Erfahrungen, insbesondere im Bezug auf meine „Hauptsymptome“ Konzentration, Aufmerksamkeit, Prokrastination?
Oder ist es besser, erstmal ein Medikament längere Zeit zu testen?

Und wenn ich auf Ritalin wechseln kann - würdet ihr direkt mit 3-3-0 einsteigen oder tiefer?

Danke für eure Meinungen! Gerne auch zu anderen Teilen meines Sermons… Und entschuldigt bitte den ewig langen Text… :grimacing:

Moin und herzlich Willkommen @altwiese

Es gibt in dem Sinne kein „besser“ oder „schlechter“ bei den Medikamenten.

Wir haben in diesem Fall zwei völlig unterschiedliche Wirkstoffe.

Elvanse wirkt eher so subtil im Hintergrund (nehme ich selbst und bin persönlich damit hochgradig zufrieden).

Wohingegen ich medikinet bspw als zu aufdringlich empfunden habe (hatte auch entsprechende Nebenwirkungen).

Ritalin hatte ich nur in den 90ern mal, da kann ich dir leider nichts mehr zu sagen.
Zumal das damals noch tropfen waren :sweat_smile:

Generell gilt:
Sofern keine massiven Nebenwirkungen auftreten die dir das ganze unmöglich machen, eine Dosis mindestens 4-5 Tage nehmen.
Dazu während der gesamten eindosierungsphase Symptomtagebuch führen damit du rückblickend betrachtet dann den Mittelwert bilden kannst was die Wirkung angeht.

Da du bisher, wenn ich das richtig verstanden habe, keine großartige Wirkung verspürt hast, solltest du solange bei einer Dosierung bleiben, bis du etwas merkst und erst danach mit einer zweiten anfangen.

Und ob du das eine oder das andere nehmen sollst, kann dir hier keiner final sagen.

Denn nur weil ich bspw mit Elvanse gut klar komme, muss das für dich nicht auch gelten :wink:

Was ich dir jedoch sagen und raten kann und möchte ist folgendes:

Informiere dich über beide Präparate und sprich dann mit deinem Arzt darüber.

Denn letzten Endes muss der dir das verschreiben :wink:

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