Unwissenschaftliche Medienberichte: "Ist ADHS eine Krankheit?" "Gibt es ADHS überhaupt?"

Zufällig stieß ich auf diesen Artikel über ein Buch von Amrei Wittwer, einer Apothekerin in der Schweiz.

[edit Moderation: Achtung, hier im Forum wird diese Meinung nicht geteilt]

Ich meine, wir sollten hier durchaus die Darstellung des Themas ADHS in den Medien diskutieren… und damit den Eltern, die bisher nur über die Presse über ADHS informiert sind, die Entscheidung zu erleichtern, ihrem Kind, das echtes ADHS (?!) hat, die jeweils richtige (?!) Behandlung zu ermöglichen.

<LINK_TEXT text=„https://m.focus.de/familie/eltern/kinde … 84480.html“>ADHS: Forscher fordert Umdenken: Hört auf, ADHS mit Medikamenten zu behandeln - FOCUS Online</LINK_TEXT>

Auch ich bin unglücklich, dass wir medikamentieren müssen, aber die Autorin dieses Artikels scheint noch keinem ernsthaften Fall von ADHS begegnet zu sein… es gibt sie, die Fälle, wo ADHS vor dem Kindergartenalter und ohne Medienkonsum in geordneten Familienverhältnissen auftritt.

Traurig, dass unsere auflagestärksten Medien das unkommentiert publizieren.

Traurig, dass der Focus überhaupt als ernsthaftes Medium rezipiert wird…
Viele der ersten Kommentare im Anschluss stellen die Irrtümer aus dem Artikel aber richtig. Wie so häufig kann man froh und dankbar über diese Kommentarfunktion sein.
Es ist zwar bitter aber doch auch wichtig, dass solche (in medizinischen Kreisen sehr verbreiteten) Meinungen offen publiziert werden, nur so kann man auch dazu Stellung nehmen.

Ja zum Glück kommen in den Kommentaren auch die anderen Meinungen zu Wort, aber nicht immer qualifiziert.

Ich würde mir bei vielen Themen wünschen, dass schon das veröffentlichende Medium irgendwie anmerken würde, dass es auch Gegenmeinungen gibt und dann auf qualifizierte Informationsquellen verweisen würde.

Ein anderes Beispiel mit ähnlicher Kontroverse:

Das Thema Homöopathie wurde vor einigen Monaten im Spiegel in einem Artikel total verrissen. Dabei gibt es auch viele Ärzte, die damit arbeiten. Innerhalb eines (!) Tages sammelten sich fast dreihundert Kommentare an, in denen die Homöopathie pauschal als unwirksam bezeichnet wurde, ganz überwiegend von Menschen, die offen zugaben, niemals homöopathisch behandelt worden zu sein.

Auch hier hätte der Herausgeber sich als um die Kontroverse wissend darstellen müssen.

Grade wenn in den Kommentaren dann jeder schreiben kann, was er so fühlt und meint, aber oft nicht weiß.

Das halte ich jetzt aber für eine gefährliche Vermischung.
Während ADHS eine nach allen wissenschaftlichen Kriterien anerkannte Erkrankung ist, gibt es für die Wirksamkeit vom Homöopathie eben absolut keinen wissenschaftlichen Beweis.

Das soll nur ein Beispiel für den Mechanismus von Darstellung eines umstrittenen Themas in der Presse samt anschliesender wilder (Hetz-) Diskussion sein.

Homöopathie soll hier auf keinen Fall als (alleiniges) Heilverfahren bei ADHS angeführt werden.

Wobei wir gerne in einem separaten Thread mal über alternative Heilweisen und Methoden diskutieren sollten.

Meiner Meinung nach kann man, wie auch in einem der Kommentare zum ADHS Artikel erwähnt, durchaus unter der ADHS Medikation besser von einigen alternativen Methoden und Therapien profitieren.

Nur leicht Betroffene Fälle in einem stressfreien Lebensumfeld können u. U. auch ohne Medikation von diversen Methoden profitieren, jedoch muss sichergestellt sein, dass die jeweiligen Praktizierenden ihre Methode tatsächlich beherrschen, Erfahrung mit ADHS haben und auch zugeben, wenn es dann doch nichts bringt.

In adxs.org (oder war es in der Anderswelt?) wird meiner Meinung nach darüber berichtet, dass durchaus auch verschiedene alternative Methoden nacheinander den Patienten weiter bringen können. Nur gibt es kein Allheilmittel und keine feste Reihenfolge.

Es ist Trial and Error, aber wer erst diese Wege probieren möchte, kann das bei leichten Fällen, bei denen nicht zur Medikation geraten wird, versuchen.

Jedoch sollte man bei stark betroffenen Personen, die darunter leiden und in der Schule nichts lernen können, nicht lange herumfackeln, sondern zügig mit der geeigneten Medikation plus Therapie beginnen.

Bei meinem Sohn riet uns niemand zur Medikation und ich war von der allgemeinen Presse beeinflusst, dass ich „niemals“ Medikamente geben würde.

Genau bei meinem Sohn war es dann so, dass wir dann ahnungslos wie wir bezüglich ADHS waren, erstmal die alternativen Heilweisen durchversucht haben und erst viel zu spät auf eigenen Wunsch mit der Medikation angefangen haben.

Wenn man zu geduldig ist und das Drama nicht auch als solches bildhaft macht, dann wird einem auch nicht zur Medikation geraten… das ist mein Eindruck…


Das ist meist nicht nur die Presse, sondern auch viel Hörensagen und Literatur - gerade wenn man sich im alternativmedizinischen Bereich bewegt.
Meist prägt das auf diese Weise entstandene Wissen die Vorstellungen zB. über ADHS stärker als Fachwissen. Weil es gezielt an unterschwelligen Ängsten gegenüber der Gabe von Pharmazeutika anknüpfen kann - UND gleichzeitig an bestehende Vorurteile. Eine höllische Mixtur. Angst und Vorurteil
Daher finde ich es eben gut, wenn sowas ab und an mal in einem „Leitmedium“ aufschlägt - und Fachleuten oder aufgeklärten Laien die Möglichkeit zur Stellungnahme gibt, sei es in Foren, in Leserbriefen oder aber auch im direkten Anschreiben an die verantwortlichen Redaktionen.

Alleine schon dieser Satz

Daran ist jede einzelne Aussage falsch!

Die Wissenschaft sieht es genau anders herum: Macht man eine Studie die die drei Varianten nur Psychotherapie, nur Medikamente und Medikamente plus Psychotherapie vergleicht zeigt sich dass nur Medikamente den Betroffenen helfen. Psychotherapie alleine ist wirkungslos und Psychotherapie zusätzlich zu Medikamenten bringt nur einen minimalen Zusatznutzen.

Ich habe auch noch nie einen schwer ADS kranken gesehen der von alternativen Therapien profitiert hat. Wo sind denn die Leute die wegen Konzentrationsstörungen nicht studieren konnten und denen Konzentrationstraining, Neurofeedback, Yoga oder gesunde Ernärung wirklich geholfen hat? Es gibt sie nicht!

Das schlimme an solchen Artikeln ist dass sich diese Vorurteile gegen ADHS sogar bei Ärzten finden. Wie oft ist mir eine (nein, jegliche!) Behandlung verwehrt worden weil ich keine Psychotherapie wollte (ich kann mich nicht zusammenreißen und damit aufhören) und mir dann als Strafe für meine Uneinsichtigkeit jegliche Hilfe verwehrt wurde.

Ich gebe dir vollkommen recht, sehe ich auch so.

Wenn du die Aussage mit den Therapieverfahren nach den 3 gesetzlich zugelassenen Therapieverfahren siehst ist es korrekt.
Allerdings gibt es noch weitere (Therapeutische) Ansätze, die tatsächlich helfen. Und dazu finde ich, sind Medikamente unabdingbar. Ansätze die helfen sind für mich und in meiner Familie (auch in der Reha ausprobiert worden): alle Körperorientierten Verfahren, wie Körper, Kunst, Tanztherapie und Körperwahrnehmung. Wenn ein ADHSler sich besser wahrnehmen (=fühlen) kann, geht es weiter in der ADHS Therapie. Die anderen Verfahren deckeln eher und lassen ggf. „für den Notfall“ Handlungsweisen erarbeiten, mehr aber nicht.

Diese Frau Wittwer mit all ihrer „Fachkompetenz“ als Apothekerin bewegt sich ideologisch im Dunstkreis des Café H. und wird dort auch beworben hinsichtlich ihrer Meinungen (Meinungen sind Meinungen und Fakten sind Fakten)… man sollte dieser Person keine Publicity geben, auch nicht in diesem Forum… man bedenke: negative Publicity ist auch Publicity.

Was meinen die anderen?

Klar will man am liebsten von diesen Stimmen nichts hören. Aber zur Aufklärung und anschließenden kompetenten Meinungsbildung gehört es meiner Meinung nach dazu, auch die andere Meinung zu hören.

Ich bin der Meinung, dass es sicher auch diagnostizierte Fälle von ADHS gibt, denen die anderen Methoden helfen können. Aber nur, wenn dies schwach betroffene Menschen sind. Und sie können nur ein Stück weit helfen, nicht ganz und nicht alleine.

→ Oft werden die Methoden richtig gut wirken, wenn zusätzlich medikamentiert wird.

Stark betroffene Menschen werden weiterhin unter ihrem Schicksal leiden und die bekannten Folgeleiden entwickeln, sodass am Ende das Leid von Depression, Ängsten, Sucht etc. viel dramatischer sind als das ADHS alleine.

Wir sind doch alle in der Rechtfertigungspflicht gegenüber der allgemeinen Öffentlichkeit, die überhaupt nur diese eine, unrichtige, Seite der Medaille kennt…

Ich finde es wichtig, einen Thread mit diesem Titel hier im Forum zu haben… damit die Neueinsteiger, oft ratlose, hilflose, verzweifelte Eltern, denen die Medikation für ihre Kinder nahegelegt oder angeboten wurde, hier an ihre Kenntnis anknüpfend nachlesen können, wie wir das hier sehen, die tatsächlich die meist erleichternde, normalisierende Wirkung der Medikamente bei unseren Kindern oder uns selbst erlebt haben.

Und wer hat nicht sogar die Beobachtung gemacht, sich „mehr wie ich selbst“ zu fühlen mit Medikamenten, das beglückende Erlebnis, sich etwas vorzunehmen und es durchführen zu können, ohne abzubrechen… im Konfliktfall ruhig bleiben zu können und halbwegs sachlich argumentieren zu können anstatt auf den anderen loszugehen mit Gebrüll und Drohungen.

Ich habe bei meinem Sohn sogar beobachtet, dass ohne Medikament manches funktioniert, das früher gar nicht ging - das sind aber leider nur einige Verhaltensdinge. Zu viele andere Aspekte funktionieren leider auch am Wochenende oder in den Ferien ohne Medikament auch überhaupt nicht, sodass wir durchgehend medikamentieren.

Und - auch wichtig - wenn das Kind medikamentuert werden soll, sollten die Eltern sich mal testen lassen, denn es ist ja sehr vererblich und eine evtl. bestätigte Diagnose und Medikation kann einem als Eltern sehr helfen, ruhig und gelassen mit dem Kind umzugehen und nicht im Burnout zu landen.

Die Medikamente wirken ja leider auch nicht lückenlos und auf jedes nervige Symptom. Mit einem Kind, dessen Medikamente grade aufhören (Rebound), nachmittags cool umzugehen, ist fast unmöglich. Und nach dem Rebound muss der Rest des Tages mit einem unmedikamtierten, allmählich müde werdenden Kind ja auch überstanden werden.

Diesen Schweregrad an echtem ADHS hat Frau Wittwer scheinbar noch nicht zu sehen bekommen. Was sie beschreibt, sind vielleicht tatsächlich Kinder, die kein echtes starkes ADHS haben und teilweise tatsächlich andere Hilfe bräuchten als Medikamente. Aber wenn jemand wirklich schlimm betroffen ist und sie mit so einem Kind tagtäglich umgehen müsste, dann würde sie wahrscheinlich auch ganz schnell „Gnade!!!“ rufen und um Medikamente bitten.

@Overthesky

…was ist eigentlich dieses „Cafe H.“… ich erinnere mich, dass es irgendwie auch eine Gruppierung von Gegnern einer Medikation bei ADHS ist…

Vielleicht kannst du hier ein kurzes Outline der Anti-Medikations-Fraktion geben…

Wie lange habe ich herum gegoogelt und bin zB immer wieder auf die Homepage eines Artzes gestoßen, der mit Mikronährstoffen das alles beheben zu können behauptet…

… kann sein, dass dies anderen empfohlenen Methoden „ein bisschen“ wirken… aber sie deshalb als einziges wirksame Methode darzustellen und die gängige, jahrzehntelang erfolgreich angewendete Medikation pauschal schlecht zu machen, das geht überhaupt nicht.

Wie @UlBre hier schon am anderer Stelle schrieb, es kann sein, dass sich mehrere alternative Verfahren sogar in der Summe zu einer schon etwas brauchbaren Wirkung addieren, aber das ist höchst individuell, sehr zeitaufwendig, mit Kindern kaum dastellbar - und!!! - oft sauteuer!!! Diese Sachen zahlt ja keine Kasse…

… wir haben auch jahrelang ziemlich viel Geld in alternative Methoden versenkt, immer nur mit geringer Wirkung…

Das alles hat dazu geführt, dass unser Sohn 4 Jahre lang in der Schule fast nichts gelernt hat!

Die Medikation ist für ihn ein Segen, nur so kann er überhaupt einen Schulabschluss schaffen. Er hätte den IQ für ein Abi, aber die Defizite aus der Grundschule ermöglichen grade mit Hängen und Würgen eine Realschule…

Hallo,

ich gebe hier mal Overthesky ausdrücklich recht. Negative Publicity ist auch Publicity, und das auch im Forum.

Von daher fände ich es besser, wenn es 1. dafür einen eigenen Bereich gäbe (im Meine-ADHS-Hilfe-Forum gibt es eine Abteilung Presse, Medien und eine Nonsens aus Presse und Medien). Und wenn 2. nicht verlinkt wird.

Und das hat nichts mit der Ablehnung abweichender Meinungen oder alternativer Heilverfahren zu tun. Im Gegenteil, meine Frau und ich sind bspw. seit vielen Jahren Vegetarier, ich habe lange unser Brot selbst gebacken und ich finde Naturheilverfahren in vielen Fällen segensreich.

Aber ADHS-Leugnung stellt sich sehr bewusst außerhalb des Standes der Wissenschaft, es ist gut diese „Schule“ und ihre stereotypen Argumente einmal zu analysieren, aber besser ohne sie zu verbreiten. Empfehlen kann ich die Seiten von Martin Winkler, der sich damit seit Jahren gründlich auseinandersetzt. Auch ADHS Deutschland, und dort insbesondere Johannes Streif, hat darüber Gutes geschrieben.
https://adhsspektrum.wordpress.com/
ADHS-Deutschland - Home

Dass ich eine Mitgliedschaft bei ADHS Deutschland ausdrücklich empfehle, schreibe ich hier gerne noch einmal. :smiley:

Danke für die Infos… und ja, ich bin auch Mitglied… bloß lese ich zu viel hier im Forum und fast nie bei ADHS-Deutschland… Angst vor langen Artikeln… oder so… ich lese ja immer nur zwischen Tür und Angel…

… soll der Link dann besser gelöscht werden? Aber dann ist der Thread ja ziemlich amputiert…

Also den Titel sollte man vlt schon ändern in sowas wie „umwissenschaftliche Fachartikel“ und Verleugnung von ADHS

So, ich habe den Thread jetzt etwas umbenannt… hoffe, das passt besser so…

Übrigens thematisiert dieser Artikel in einem anderen ADHS Forum das Thema auch:

<LINK_TEXT text=„https://adhs-zentrum.de/article/290-dpa … ht-heraus/“>https://adhs-zentrum.de/article/290-dpa-bringt-adhs-bashing-bericht-heraus/</LINK_TEXT>

Klasse, die Umbenennung passt!

Zum Café H. noch das hier: <LINK_TEXT text=„http://www.angelfire.com/theforce/grang … lunder.htm“>http://www.angelfire.com/theforce/granger_hermine/holunder.htm</LINK_TEXT>

…und das hier auch noch: <LINK_TEXT text=„Psiram … edirect=no“>Hans-Reinhard Schmidt – Psiram</LINK_TEXT>