Verschiedene Medikamente mit wenig Erfolg - Herzasen, Input gesucht

Hallo zusammen,

ich wurde vor ca. zwei Jahren mit ADHS diagnostiziert, trete seit dem aber auf der Stelle. Ich habe im Alltag mit verschiedenen Problemen zu kämpfen, die viele von euch sicherlich kennen.

Im Vordergrund steht in erster Linie, dass ich To-dos aufschiebe. Also Dinge, die ich tun muss. Das gilt für den Haushalt gleichermaßen wie für E-Mails bearbeiten oder die Arbeit. Am meisten belastet mich jedoch, dass sich dies auch auf Freizeitaktivitäten ausgeweitet hat. Ich gehe auch keinen Dingen mehr nach, die mich ehrlich interessieren, obwohl ich die Zeit dafür habe. Mir mangelt es extrem an Antrieb. Hinzu kommen natürlich die typischen Probleme wie Konzentrations-, Organisations- und Zeitprobleme.

Mir sind diese Probleme bekannt und ich arbeite daran, doch es fällt mir unglaublich schwer und ich drehe mich im Kreis. Mein Fortschritt ist auch sehr gering.

Ich habe inzwischen Ritalin, Concerta und Elvanse ausprobiert. Durch alle drei fühlte ich mich entspannter, ruhiger. Ich bin besser mit sämtlichen Situationen umgegangen. Einkaufen gehen und den Haushalt machen fühlte sich nicht mehr so schmerzhaft an – ich musste mich weniger zwingen.

Ich habe die meiste Zeit Elvanse genommen, unter anderem weil ich gut mit der Wirkungsweise und Dauer zurechtkam. Ich hatte ebenfalls weniger Nebenwirkungen mit Elvanse. Von allen Medikamenten bekam ich kalte Hände und Füße, mit Elvanse wurde es aber nach ein paar Stunden besser, mit Ritalin und Concerta nicht. Ebenfalls hatte ich durch Concerta und Ritalin vermehrt Probleme mit der Verdauung und ich war häufiger gereizt, besonders wenn die Wirkung nachließ.

Eine Nebenwirkung hatte ich aber bei allen drei Medikamenten: Herzrasen. Mein Ruhepuls ist konsequent über 100. Je nach Dosierung auch über 120. Bei leichter Bewegung geht er bereits hoch auf 150. Das ist natürlich extrem unangenehm und sollte kein Dauerzustand sein. Ich versuche dem mit Ausdauersport entgegenzuwirken, aber noch ist keine Besserung in Sicht. Entsprechend nehme ich aktuell keine Medikamente mehr.

Ich weiß aktuell nicht so recht, wie ich weiter machen soll und bin für sämtlichen Input dankbar. Ich möchte gerne besser informiert an die Sache rangehen und möchte nichts außer Acht lassen. Natürlich steh ich im Austausch mit verschiedenen Ärzten, aber es vergeht sehr viel Zeit zwischen den Terminen.

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Hallo Ricele,

freue mich, dass du uns gefunden hast und heiße dich :heart:-lich willkommen!

Hattest du schon eine Untersuchung beim Kardiologen? Das ist bei solchen Problemen eigentlich angesagt. Eigentlich müsste das vor der Medikamenteneinnahme vorab geprüft werden, ob kardiologisch alles okay ist. Wird aber oft übersprungen.

Wie versuchst du deine To-Do‘s zu organisieren? Vielleicht könnte es dir helfen das mit neuen Angewohnheiten und technischen Helferlein (Apps) zu erleichtern?

Für ganz wichtige To-Do-Sachen habe ich im Schlafzimmer direkt vom Bett im Sichtfeld ein Whiteboard, auf dem ich mit Prioritäten notiere, damit ich sie nicht aus den Augen habe.

Ansonsten nutze ich neben einer App für Einkaufslisten (Bring!) die App „Structured“. Das ist eine To-Do-Liste wo man doch Zeiten für Aufgaben einplanen kann, alles kombiniert mit einem Terminkalender. Leider ist die App nur für iPhones erhältlich. Für Androidgeräte wie Samsung gibt es wiederum TimeTune. Das Handy hat man heutzutage immer dabei. Vielleicht schaust du dir das einfach an und probierst es aus? Ich mache mir immer einmal die Woche Pläne für die nächsten 7 Tage und trage ansonsten immer direkt alles ein, was anfällt.

Neben dem Forum hier, halfen mir auch diverse Medien:

Für das Erlernen neuer Gewohnheiten half mir ganz gut das Buch „Die 1%-Methode – Minimale Veränderung, maximale Wirkung: Mit kleinen Gewohnheiten jedes Ziel erreichen“ von James Clear. Das gibts auch als Hörbuch: Smartphone, Kopfhörer und man kann nebenbei sogar was im Haushalt machen. Ich empfehle irgendwo ein Notizbuch zu haben für entsprechende Notizen sowie die ersten Seiten der Selbstbeweihräucherung zu überspringen. Das Buch habe ich gelesen, als ich noch keine ADHS-Diagnose hatte, bin also kurz danach gescheitert. Als ich die Diagnose aber hatte, hat für mich alles Sinn ergeben und ich handle oft nach diesen Methoden.

Dann gibt es den Podcast „Hacking your ADHD“. Ich fand ihn sehr gut - leider ist er nur auf Englisch verfügbar. Es sind meistens ADHS-gerechte 15-20 Minutenfolgen. Wobei man da nicht bei der ersten Folge anfangen muss, man kann sich die Folgen anhand der Titelangaben raussuchen. Auch hier mache ich oft einfache Haus- und Gartenarbeiten nebenbei (weil ich ansonsten anfange im Handy rumzuspielen und nicht mehr richtig hinhöre) und mache mir Notizen, auch weil da Aufgaben vorkommen. Das

Weiter gibt es das Buch „Mit ADHS erfolgreich im Beruf“ von Dr. Lachenmeier. Er hat selbst ADHS und ist Psychiater und Therapeut, spezialisiert auf ADHS. Er spricht damit unsere Sprache, kommt im Buch auf viele Beispiele die dem Verständnis dienen. Auch wenn der Titel nach einem Karrierebuch aussieht, ist es das nicht wirklich. Die ganzen erklärten Themen dort finden im gesamten Leben statt. Mit dem Buch arbeite ich wie ein Student: Ich fasse mir am PC nebenbei Kapitel und wesentlich Aspekte zusammen, damit ich mir das zukünftig immer wieder durchgehen kann.

Podcast und Buch helfen mir enorm mich und meine Funktionsart und Probleme mit sowie durch das ADHS besser zu verstehen und warum frühere Methoden nicht funktioniert haben. Da kommt sehr oft ein „Aha!“ von mir, weil da ständig neue Erkenntnisse.

Diese Selbstedukation ist ein wichtiger Bestandteil bei der „Behandlung“ von ADHS.

Unsere ADHS-Lernkurve ist zunächst flach und nach einiger Zeit steigt sie gefühlt aus dem Nix steil auf. Daher ist es wichtig am Ball zu bleiben. :grinning:

Das ist ein guter Effekt der Medikamente, mit dem du dich dann selbst besser überreden kannst etwas zu machen. Wenn die ersten Schritte gemacht sind, wird es zum Selbstläufer. Man darf sich dann bloß nicht ablenken lassen.

Das wird schon alles gut werden :+1:

LG
Pedro

PS: Es heißt nicht, dass alles perfekt wird. Das wird es nie. Man darf nicht alles auf einmal ändern, sondern stufenweise. Jede Änderung und Anpassung einer Gewohnheit und Routine ist eine Verbesserung von 1%. Wenn man am Ball bleibt, hat man nach ein paar Wochen eine Verbesserung von 30 % - und das ist super. Wichtig ist, sich selbst verzeihen zu können. Denn man ist nicht faul, dumm oder sonst was. Wir geben unser bestes. :grinning:

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Wie ist denn dein Ruhepuls ohne Medikament? Und dein Blutdruck?

Das ja nicht nur unangenehm. Man spricht da schon von Tachykardie. Ein Risiko für Herzinfarkte.

Also - unbedingt zu einem Kardiologen gehen.
Der soll alles durchchecken. Stichworte: Ultraschall, 24h-EKG, Belastungs-EKG.

Gut, dass du Medikamente erstmal weglässt.

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Der Pulsa nstieg durch Stimulanzien kann bei Herzproblemen gefährlich werden. Herzprobleme sind aber nicht der Grund oder Auslöser für den Pulsanstieg durch Stimulanzien.

Wir wäre es mit Guanfacin? Wirkt auch Blutdrucksenkend. Wirk aber leider in Bezug auf AD(H)S bei Erwachsenen seltener als bei Kindern.
Kann man auch augmentierend zusammen mit Stimulanzien nehmen.

Frag mal deinen Doc.

Und sicherheitshalber die Refrainfrage:
Du hast Koffein konsequent und komplett weggelassen ?

Hallo,

hier ein paar allgemeine Infos zur Eindosierung von Stimulanzien bei AD(H)S.

1. Koffein komplett vermeiden
Wirklich wichtig: kein Koffein bei der Eindosierung von Stimulanzien. Nicht nur weniger, sondern ganz konsequent: gar keines.

Koffein ist ein Adenosinantagonist, d.h. es hemmt Adenosin. Und Adenosin hemmt Dopamin. Im Ergebnis fördert Koffein Dopamin.
Es ist oft so, dass Koffein und Stimulanzien jeweils allein gut vertragen werden, während sie bei gemeinsamer Einnahme eine Zitterigkeit auslösen können, wie bei einer Stimulanzienüberdosierung - und ebenso andere, gravierender Nebenwirkungen.

Nach der Stimulanzien-Eindosierung, also wenn das passende Medikament und die passende Dosis gefunden wurden, kannst du bei neuem Koffeinkonsum problemlos erkennen, falls Nebenwirkungen aus diesem resultieren und nicht aus den Medikamenten.

Koffein findet sich in Kaffee, Schwarztee, Grüntee, Cola, Energydrinks; verwandte Stoffe finden sich in dunklem Kakao.

2. Eindosierungsleitfaden lesen

3. Eindosierungshilfetabelle verwenden
Besonders wichtig für Frauen aufgrund des Monatszyklus.
Download hier:

https://adhs-forum.adxs.org/t/ein-dosierungshilfetabelle/7270

4. Arzt ist der Maßstab
Und klar: alle Hinweise und Informationen hier im Forum und bei ADxS.org dürfen nie dazu führen, ärztliche Anweisungen zu missachten, sondern dienen ausschließlich dazu, mit dem Arzt besser kommunizieren zu können.

Erst einmal vielen, vielen Dank für euren ganzen Input! Ich habe aktuell das Gefühl eine Sackgasse erreicht zu haben, deswegen freue ich mich umso mehr über jede Meinung und jeden Erfahrungsbericht. Ich versuche einmal alles der Reihe nach zu beantworten :smile:

Vielen Dank :smile:

Es wurde zu Beginn ein EKG beim Hausarzt gemacht. Nachdem ich immer wieder Herzrasen dadurch bekam, wurde erneut ein EKG und ein Ultraschall beim Kardiologen gemacht. Ein Termin für ein 24h EKG ist leider schwer zu kriegen, da suche ich aktuell noch vergeblich nach.

Ich teile hier einmal ein paar meiner Erfahrungen, vllt. hat jemand Input für mich:

  • Ich bekomme von Ritalin, Concerta und Elvanse kalte Hände und Füße. Mit Elvanse immer mal wieder, so für 20 Minuten. Dann wird es aber auch wieder besser. Mit Ritalin und Concerta hingegen ist dies ein Dauerzustand.
  • Ritalin und Concerta erhöhen meinen Puls während der gesamten Wirkungsdauer auf 100 bis 120 Schläge die Minute.
  • Sobald Ritalin bzw. Concerta aufhört zu wirken, wird meine Laune extrem schlecht.
  • Die Nebenwirkungen des Ritalins waren zeitweise verschwunden, nachdem ich eine längere Pause gemacht habe. Leider half mir Ritalin nicht wirklich.

Die meiste Zeit habe ich Elvanse genommen, deshalb habe ich damit auch die meisten Erfahrungen sammeln können:

  • Ich habe mit Elvanse verschiedene Dosierungen ausprobiert, zeitweise bis zu 50mg.
  • Das Herzrasen ist in den ersten Stunden (bis zu 3 Stunden nach der Einnahme) am stärksten und wird danach besser. Der Puls bleibt aber bei 95 bis 105.
  • Nehme ich eine kleinere Menge (durch das Auflösen in Wasser), also beispielsweise 15mg, ist mein Puls im Bereich 105. An manchen Tagen habe ich wieder einen normalen Puls nach ca. 3 Stunden.
  • Bei einer kleineren Menge, wie 15mg, fühlt mein Kopf sich nicht wirklich klar an. Ich kann das nur als „Brainfog“ identifizieren.
  • Die ersten Stunden fühle ich mich mit Elvanse sehr gut. Ich habe das Gefühl einen Antrieb zu spüren und, dass ich den Tag meistern kann. Dieses Gefühl hält sich leider nicht.
  • Mache ich Ausdauersport vor der Einnahme, ist der Puls geringfügig geringer. Mache ich Sport, während Elvanse wirkt, steigt der Puls durch minimale Bewegung bereits auf 140 und mehr.
  • Meine Augen fühlen sich trockener an, als sonst.

Die Antriebslosigkeit, auch mit Medikamentierung, ist wirklich erdrückend. Sie durchdringt inzwischen sämtliche Aspekte meines Lebens. Ich kann mich weder für die Arbeit, noch für meine Hobbys aufraffen. Dauernd meine freie Zeit nicht nutzen zu können, obwohl ich es wirklich möchte, ist sehr frustrierend. Elvanse verbessert jedoch eindeutig meine emotionale Stabilität: Ich ärgere mich nicht endlos über Kleinigkeiten und spüre negative Emotionen auch nicht mehr so intensiv.

Ich würde gerne verstehen, wieso die Medikamente bei mir so wirken. Ich betreibe bereits deutlich mehr Ausdauersport, in der Hoffnung, dass meine mangelnde Ausdauer die Ursache für die Nebenwirkungen sind, aber bis jetzt ist noch keine Besserung in Sicht.

Ich muss tatsächlich immer wieder feststellen, dass es nicht an der mangelnden Systematik oder Ordnung meiner To-dos scheitert. Ich organisiere meine To-dos gemeinsam mit meinen Notizen und komme damit prinzipiell auch gut klar. Ich weiß, was ich wann zu tun habe. Ich tue es aber nicht. Wenn es eine Deadline gibt, schaffe ich es natürlich noch unmittelbar vorher, mit der Aufgabe fertig zu werden. Wenn es aber nur etwas ist, was ich aus eigenem Interesse machen möchte, schiebe ich es ewig vor mir her. Darunter leide ich mit am meisten: Ich habe Interessen, Hobbys, Ziele, die ich in meiner Freizeit ausüben möchte. Aber ich fühle mich wie gelähmt und gehe ihnen dann doch nie nach.

Vielen Dank für die Empfehlungen! Ich kämpfe mich aktuell durch ein Buch, welches ich schon ewig lesen wollte. Sobald ich damit fertig bin, widme ich mich deinen Empfehlungen. Besonders die 1% Methode klingt sehr interessant.

Danke für deine Worte! Ich versuche auch weiterhin am Ball zu bleiben und jeden Tag ein wenig mehr zu nutzen, als den vorherigen. In den letzten Monaten ist mein Antrieb aber völlig verschwunden und meine Konzentrationsfähigkeit auf einem Allzeittief. Ich hatte mir erhofft, dass die Medikamente mir einen kleinen Anstoß geben könnten…

Vielen Dank, ich spreche meinen Arzt darauf einmal an.
Koffein konsumiere ich schon sehr lange nicht mehr, unabhängig von den Medikamenten.

Dem widme ich mich doch direkt mal!

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Hallo Ricele,

bei den Herzproblemen kann ich dir leider nicht helfen, aber zur Wirkung der Medikamente meine Erfahrung beitragen.

Ich schiebe auch alles Mögliche auf, das ist wirklich belastend. Mein Medikament (Methylphenidat) hilft mir dabei leider kaum. Es gibt mir Übersicht, es hilft mir Zusammenhänge zu sehen, und wenn ich angefangen habe, hilft es mir auch zurecht zu kommen. Aber Anfangen, da muss ich eine Strategie finden, die effektivste ist leider immer noch mich in extremen Zeitdruck zu bringen.

Wobei es auch Dinge gibt die ich gerne mache, die ich sofort angehe, und die auch Freude machen wenn sie schnell gemacht sind. Meist die packenden Vorgänge, wo ich schnell etwas Spürbares bewirke. Aber alles wo ich vorher weiß dass es sich länger hinzieht, Abrechnungen, lange Formulare usw. schiebe ich leider auf.

Antriebslosigkeit in der Freizeit kenne ich Gott sei Dank nicht.

Was das Medikament sehr gut macht und weswegen ich es seit vielen Jahren täglich nehme und nicht damit aufhören will, ist die emotionale Ausgeglichenheit. Dafür bin ich täglich dankbar. Dazu kommen sicherer Fahrrad und Auto (wenn ich noch eins hätte) fahren und mehr Geduld für meine Frau und meine Kinder.

Von daher - vielleicht wirkt bei dir das Medikament gar nicht schlecht, sondern du erwartest etwas was es nicht so gut leisten kann.

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