Weiß nicht mehr weiter, Depression, ADHS oder was anderes?

Ja, das glaube ich auch. Effektive Hilfe kannst du erst mittelfristig kriegen. Sich so lange krank schreiben lassen wäre keine gute Strategie, es sei denn du kriegst da gar nichts mehr gebacken.

Den Gedanken verfolgen, möglichst bald eine ADHS-Diagnose von einer kundigen Ärztin (männliche mit gemeint) und anschließend auch eine medikamentöse Behandlung zu bekommen, ist aber richtig und kein „Verrennen“!

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Mein Hausarzt glaubt weiterhin vor allem an eine Depression. In 2 Wochen bin ich beim Psychiater. Habe den HA um eine Überweisung für die PIA gebeten. Er sagt, das könnte sinnvoll sein, aber ist gar nicht leicht da rein zu kommen. Ich weiß nicht ob mir das was bringt.

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Hi Tobibi.

Ich kann Dir sagen, Du bist mit Deinen Fragen und Selbstzweifeln nicht alleine (wie man hier auch so schön lesen kann).
Ich stimme Gartenpirat in jedem Fall zu: Dein Gehirn sucht den ständigen Dopamin-Kick durch exzessives Internetsurfen, daher auch die immer wechselnden Themen, damit Dein Gehirn Abwechslung bekommt.
Und die langweiligen Aufgaben…na ja…da gibt es halt keinen Kick.
Und auf die Frage, ob Depression oder ADHS, kann Dir nur der Arzt verlässlich eine Diagnose geben.
Trotzdem kannst Du im Vorfeld einiges versuchen, um die Gedankenspirale in Deinem Kopf zu entschleunigen. Klar…Struktur ist wesentlich bei ADHS und im nachhinein nur mit Mühe wieder zu erlernen. Dennoch gibt es kognitive Strategien wie z.B. Meditation, um Deinen Gedanken auf nur einen (oder bestenfalls gar keinen) Fokus zu richten. Dafür brauchst Du nicht viel und auf Youtube gibt es dutzende, geführte Anleitungen.
2 Dinge möchte ich Dir noch mitgeben:

  1. Stress (und damit auch die Gedankenspiralen) verursachen wir bzw. unser Verstand selbst. Wenn man die eigenen Ansprüche an sich selbst runterschraubt und die Erwartungen der Gesellschaft (also z.B. Kollegen, Freunde, etc.) ausklammert, findet man oft schon mehr Ruhe.
  2. Was übrigens auch sehr hilft (wird zwar belächelt, hilft dennoch nachweislich) ist, dass Du Deine Gedanken aufschreibt. Und damit meine ich keine To-Do Liste, die macht es nur schlimmer. Einfach per Hand aufschreiben, z.B. was Dich belastet - aus dem Kopf, aus dem Sinn. Und das regelmäßig.
    Wirst sehen, so kleine Steps können oftmals helfen.
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Weißt du denn im Voraus, ob die PIA auch ADHS-Diagnostik macht? Falls nicht, würde ich dort gar nicht erst meine Zeit verschwenden und lieber woanders suchen.

Kannst du das vorher irgendwie rausbekommen?

Laut Homepage machen sie das

Oh Gott, du Ärmster, bei dem, was du erzählst, könntest du 1:1 meinen Namen einsetzen. Ich kenne das nur zu gut. Wobei ich es immer noch hinbekomme, Alles Wichtige zu erledigen. Wenn es Richtung Ferien geht (ich bin Schulkrankenschwester), allerdings zunehmend schlechter. Fokussierung klappt nicht mehr, produktive Zeiten werden immer kürzer. Ich habe festgestellt, dass ich dann komplett überflutet bin, das Gehirn kann nichts mehr aufnehmen. Wie ein schwarzes Loch. Ich bin dann auch völlig starr und unfähig, in mir zu navigieren. Könnte es sein, dass deine Ablenkung vielleicht bedeutet, dass du aufgrund permanenter Alarmbereitschaft und zuviel Input schlicht „abschaltest?. Wenn das so wäre, würde das auch deine Verzweiflung/Depression erklären . Ich verstehe nur nicht, warum bei diesem Ausmaß nur Krankschreibung erfolgt. Damit bist du dann zwar erst einmal aus dem Druck, aber langfristig ist dir damit nicht geholfen. Und dein Therapeut scheint jetzt auch nicht gerade die passende Ausrichtung zu haben, sonst würde er ganz anders ansetzen und dein Erleben nicht entwerten. Solche Reaktionen sind vielleicht passend in anderen Problemstellungen, aber nicht bei ADHS. Bei mir ist es gerade sehr schlimm. Ich brauche eine stationäre Behandlung. Meine Psychiaterin sucht für mich eine passende Einrichtung. Das ist wichtig, denn eine klassische Psychiatrie ist nicht hilfreich. Vielleicht wäre das auch für dich eine Option?

Ich habe jetzt einmal alle deine Beschreibungen gelesen, deine Hilflosigkeit und Überlastung ist wirklich deutlich herauszulesen. Ich finde, das klingt alles sogar ziemlich „lehrbuchhaft“. Und Depressionen? Natürlich. Wer würde nicht depressiv werden, wenn er sich so sehr sich selbst ausgeliefert fühlt und nicht weiß, was los ist. Nun ist es so, dass es sich für mich, und offenbar auch anderen Kommentatoren ziemlich eindeutig ist, aber trotz aller Erfahrungen sind wir Laien, wenn auch gut informiert bezüglich der ADHS Komplexe. Du brauchst jetzt wirklich eine fundierte Diagnostik und einen offenen Psychiater, der dir wirklich helfende Wege eröffnet. Leider ist es auch heute oft noch eine Odyssee, wie ja der Umgang deines Hausarztes und des Therapeuten eindrucksvoll zeigt.

„Könnte es sein, dass deine Ablenkung vielleicht bedeutet, dass du aufgrund permanenter Alarmbereitschaft und zuviel Input schlicht „abschaltest?“

So fühlt es sich für mich manchmal an. Die Erklärung könnte gut passen.

Glaubst du, dass dir ein stationärer Aufenthalt hilft? Nach allem was ich gehört habe, läuft da oft nicht viel mehr als Beschäftigungstherapie und Medikation.

Ja, davon hört man nicht gerade selten. Man muss am Ball bleiben und sich die passende Klinik heraussuchen. Ich habe es auch schon erlebt, dass ich mehr oder weniger geparkt wurde, aber daran solltest du dich nicht binden. Mit einer einfachen Depressionsklinik wird du nur erreichen, wieder in die Kraft zu kommen. Aber du brauchst Handwerkszeug speziell auf dich zugeschnitten.

Hallo Tobi,

ich erkenne mich in deiner Schilderung wieder.

Bin mittlerweile mit 62 Jahren in Rente gegangen. Hatte es auf meiner Arbeit auch nicht einfach. 2x in Reha. Nichts gebracht.

Erst als ich in Rente war, habe ich mich nach ein paar Jahren auf ADS testen lassen, was sich bestätigt hat.

Warum dass nicht in der Reha festgestellt wurde, ist für mich nicht Verständlich.

Ich bin erst darauf gekommen, weil meine Kinder auch ADS haben. Der eine mehr der andere weniger auffällig.

Selbst heute noch fällt es mir schwer an einer Sache länger dran zu bleiben. Papierkram ist dabei das schwierigste für mich. War aber immer schon so. Das macht mich so fertig, dass ich nur max. ne halbe Stunde arbeiten kann. Gott sei Dank habe ich einen Beruf gelernt der damit nichts zu tun hatte.

Wenn ich zuhause was arbeite, geht es morgens sehr gut, meistens. Nachmittags ist dann aber oft schon die Luft raus, es sei denn ich kann mich zwingen weiter zu arbeiten. Wenn nicht, habe ich abends ein schlechtes Gewissen dass die Arbeit liegengeblieben ist. Das macht mich auf die Dauer fertig und kostet mich eine Menge Kraft.

Ich nehme Ritalin die kleinste Dosierung. Muss mal mit meinem Arzt sprechen ob es was bringt die Dosierung anzuheben.

Gruß Manni

Hallo Tobias

Was du beschreibst, kommt mir sehr bekannt vor:

Die Ablenkbarkeit von der Arbeit durch Privates kenne ich sehr gut. Da habe/musste ich mir aber schon anfangs der Zwanzigerjahre eine Strategie zurechtlegen, und man hatte beim Job als Logistiker damals auch nicht unbedingt die Möglichkeit wie Internetablenkung. Als das mehr und mehr aufkam, konnte ich oft der Versuchung auch nicht widerstehen. In der Kaderposition hatte ich sowieso keine Zeit mehr für sowas. Auch sorgte ich selbst dafür, dass ich immer arbeitstechnisch unter Strom stand. Ich lief sonst Gefahr, dass mir langweilig wurde, und das war Gift für meine allgemeine Arbeitsmotivation.

Ich möchte Dir kurz meine Situation beschreiben. Vielleicht findest Du Dich da ein wenig drin. Denn ich sehe Parallelen. Als betroffener versuche ich es ebenso kurz und unwirr zu halten wie möglich, aber die Geschichten sind eben nicht mal in 1-2 Sätzen gesagt:

Ich bin 42Jahre alt, und war 8 Jahre in einer Kader-Funktion in der Logistik.
In den ersten 2.5 Jahren arbeitete ich im 2. Arbeitsmarkt als Teamleiter und war, ohne es zu wissen, dass ich, unter anderem, von vielen meines Gleichen umgeben war^^.

In der Arbeitswelt lernte ich mich zu maskieren. Im 2. Arbeitsmarkt und als Kader, musste ich meine Maskierung dann perfektionieren, was mir lange Zeit gut gelang. Nach nicht ganz 2 Jahren, erschöpften sich meine Energiereserven dadurch so sehr, dass ich mich in Behandlung begab. Diagnose: mittelgradige Erschöpfungsdepression. 3 Wochen Krankgeschrieben, danach hatte ich noch 2 Wochen Ferien, und nahm Wellbutrin.

Vor allem das Medikament verhalf mir, meine Arbeit wieder aufzunehmen. Ich merkte jedoch schnell, dass ich wohl nicht für den 2. Arbeitsmarkt geschaffen bin und suchte eine Stelle, zurück in der freien Privatwirtschaft. Dort hatte ich 4 Jahre die Gesamtverantwortung der Logistik in einem produzierenden KMU.

Als meine Frau Schwanger wurde und meine Energie wieder mehr und mehr nachliess (die Medikation hatte ich bereits vor Jahren abgesetzt), schob ich es auf den Job und suchte mir, noch vor der Geburt meiner Tochter, eine neue Stelle.

Da gab es Intrigen und eine hohe Arbeitsbelastung. Hinzu kam die neue Situation als Vater mit einem „Schreikind“ (war selbst eins der übelsten Sorte). Dies überlastete mich vollends und ich verliess die Firma nach einem Jahr und wurde von meiner Frau angefleht, wieder Wellbutrin zu nehmen.

In der nächsten Firma lief ich erneut in ein Himmelfahrtskommando, mit endlos unentgeltlichen Überstunden, schwierigem Team, riesigen Projekten und am Schluss wurde mir Desorganisation und Führungsschwäche vorgeworfen und ich erhielt die Kündigung. Kaum eine Woche später hatte ich eine kleine Operation, deren Folge mich für fast ein Jahr physisch aus dem Verkehr zog.

Da hatte ich viel Zeit nachzudenken. Als ich dann physisch komplettsaniert war, beschloss ich, jetzt mal meinen Kopf vorzunehmen. Erstdiagnose ADHS. Seither Medikation 18mg Mephs-Methylphenidat, und ich bin ein anderer Mensch.

lange Reder kurzer Sinn
Hier sehe ich die Parallelen:

  1. meines Erachtens klare Anzeichen von Ablenkbarkeit in den Gedanken. Man kann sich zwingen, klar, kostet aber viel Energie. Meine Gedanken waren bei der Arbeit immer auch im Privaten. Und auch an tausend anderen Orten. Auch war es nie gleich. Ich hatte bessere und schlechtere Tage. Zum Teil auch Achterbahn an einem Tag.
  2. Mann legt sich Strategien zurecht, die bei belastender Lebenssituation oder einer einschneidende Umstellung, plötzlich nicht mehr, oder nicht mehr gleich gut funktionieren. Oder… in meinem Fall alle Energie absaugt. Das wirkt sich auf alles im Leben aus. Nicht zuletzt auf das Selbstvertrauen und die Belastbarkeit.
  3. Im letzten Job verlor ich ebenfalls die Übersicht, war überfordert und zweifelte an mir selbst.
    Machte mir vorwürfe, arbeitete bis zum umfallen und sah kein Land mehr.

Ich bin schlussendlich nach über 6 Jahren wieder über meine Hausärztin zu meinem Psychotherapeuten, und schilderte, trotz eigenem Verdacht auf ADHS, lediglich wie ich mich fühle, wo meine Probleme liegen, wie das Gefühl des „anders sein“ und „anders fühlen“ seit der Kindheit da ist und wie es sich anfühlt. wo ich für mich Strategien gelernt habe, welche Probleme neu hinzukamen oder sich veränderten. spätesten beim Fragenkatalog zur Erstdiagnose, vielen ganz viele Groschen in mir.
Erst kam Trauer und Wut.
Und dann, erst möglich durch die Medikation, Aufarbeitung und das wichtigste: Selbstvergebung und das Verstehen seines Lebens und deren Schwierigkeiten. Nun als neuer Mensch wieder auf Arbeitssuche im selben Arbeitsbereich wie zuvor. und mir gings nie besser.

Falls du magst, können wir uns gerne weiter austauschen.
Ich wünsche Dir alles Gute.