Hallo Tobias
Was du beschreibst, kommt mir sehr bekannt vor:
Die Ablenkbarkeit von der Arbeit durch Privates kenne ich sehr gut. Da habe/musste ich mir aber schon anfangs der Zwanzigerjahre eine Strategie zurechtlegen, und man hatte beim Job als Logistiker damals auch nicht unbedingt die Möglichkeit wie Internetablenkung. Als das mehr und mehr aufkam, konnte ich oft der Versuchung auch nicht widerstehen. In der Kaderposition hatte ich sowieso keine Zeit mehr für sowas. Auch sorgte ich selbst dafür, dass ich immer arbeitstechnisch unter Strom stand. Ich lief sonst Gefahr, dass mir langweilig wurde, und das war Gift für meine allgemeine Arbeitsmotivation.
Ich möchte Dir kurz meine Situation beschreiben. Vielleicht findest Du Dich da ein wenig drin. Denn ich sehe Parallelen. Als betroffener versuche ich es ebenso kurz und unwirr zu halten wie möglich, aber die Geschichten sind eben nicht mal in 1-2 Sätzen gesagt:
Ich bin 42Jahre alt, und war 8 Jahre in einer Kader-Funktion in der Logistik.
In den ersten 2.5 Jahren arbeitete ich im 2. Arbeitsmarkt als Teamleiter und war, ohne es zu wissen, dass ich, unter anderem, von vielen meines Gleichen umgeben war^^.
In der Arbeitswelt lernte ich mich zu maskieren. Im 2. Arbeitsmarkt und als Kader, musste ich meine Maskierung dann perfektionieren, was mir lange Zeit gut gelang. Nach nicht ganz 2 Jahren, erschöpften sich meine Energiereserven dadurch so sehr, dass ich mich in Behandlung begab. Diagnose: mittelgradige Erschöpfungsdepression. 3 Wochen Krankgeschrieben, danach hatte ich noch 2 Wochen Ferien, und nahm Wellbutrin.
Vor allem das Medikament verhalf mir, meine Arbeit wieder aufzunehmen. Ich merkte jedoch schnell, dass ich wohl nicht für den 2. Arbeitsmarkt geschaffen bin und suchte eine Stelle, zurück in der freien Privatwirtschaft. Dort hatte ich 4 Jahre die Gesamtverantwortung der Logistik in einem produzierenden KMU.
Als meine Frau Schwanger wurde und meine Energie wieder mehr und mehr nachliess (die Medikation hatte ich bereits vor Jahren abgesetzt), schob ich es auf den Job und suchte mir, noch vor der Geburt meiner Tochter, eine neue Stelle.
Da gab es Intrigen und eine hohe Arbeitsbelastung. Hinzu kam die neue Situation als Vater mit einem „Schreikind“ (war selbst eins der übelsten Sorte). Dies überlastete mich vollends und ich verliess die Firma nach einem Jahr und wurde von meiner Frau angefleht, wieder Wellbutrin zu nehmen.
In der nächsten Firma lief ich erneut in ein Himmelfahrtskommando, mit endlos unentgeltlichen Überstunden, schwierigem Team, riesigen Projekten und am Schluss wurde mir Desorganisation und Führungsschwäche vorgeworfen und ich erhielt die Kündigung. Kaum eine Woche später hatte ich eine kleine Operation, deren Folge mich für fast ein Jahr physisch aus dem Verkehr zog.
Da hatte ich viel Zeit nachzudenken. Als ich dann physisch komplettsaniert war, beschloss ich, jetzt mal meinen Kopf vorzunehmen. Erstdiagnose ADHS. Seither Medikation 18mg Mephs-Methylphenidat, und ich bin ein anderer Mensch.
lange Reder kurzer Sinn
Hier sehe ich die Parallelen:
- meines Erachtens klare Anzeichen von Ablenkbarkeit in den Gedanken. Man kann sich zwingen, klar, kostet aber viel Energie. Meine Gedanken waren bei der Arbeit immer auch im Privaten. Und auch an tausend anderen Orten. Auch war es nie gleich. Ich hatte bessere und schlechtere Tage. Zum Teil auch Achterbahn an einem Tag.
- Mann legt sich Strategien zurecht, die bei belastender Lebenssituation oder einer einschneidende Umstellung, plötzlich nicht mehr, oder nicht mehr gleich gut funktionieren. Oder… in meinem Fall alle Energie absaugt. Das wirkt sich auf alles im Leben aus. Nicht zuletzt auf das Selbstvertrauen und die Belastbarkeit.
- Im letzten Job verlor ich ebenfalls die Übersicht, war überfordert und zweifelte an mir selbst.
Machte mir vorwürfe, arbeitete bis zum umfallen und sah kein Land mehr.
Ich bin schlussendlich nach über 6 Jahren wieder über meine Hausärztin zu meinem Psychotherapeuten, und schilderte, trotz eigenem Verdacht auf ADHS, lediglich wie ich mich fühle, wo meine Probleme liegen, wie das Gefühl des „anders sein“ und „anders fühlen“ seit der Kindheit da ist und wie es sich anfühlt. wo ich für mich Strategien gelernt habe, welche Probleme neu hinzukamen oder sich veränderten. spätesten beim Fragenkatalog zur Erstdiagnose, vielen ganz viele Groschen in mir.
Erst kam Trauer und Wut.
Und dann, erst möglich durch die Medikation, Aufarbeitung und das wichtigste: Selbstvergebung und das Verstehen seines Lebens und deren Schwierigkeiten. Nun als neuer Mensch wieder auf Arbeitssuche im selben Arbeitsbereich wie zuvor. und mir gings nie besser.
Falls du magst, können wir uns gerne weiter austauschen.
Ich wünsche Dir alles Gute.