Wie fängt man an?

Testung, Testverfahren, Onlinetests, Diagnosesicherheit, Komorbidität (* -> Für Gäste sichtbar)
StElmosFire
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Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von StElmosFire » Sa 5. Jun 2021, 00:36

Liebes Forum,

ich freue mich, hier eine Möglichkeit zum Austausch gefunden zu haben. Ehrlich gesagt bin ich schon seit Jahren ziemlich sicher, dass ich (fast 40) ADHS habe.

Die Anzeichen gab es schon zu Schulzeiten, aber in den Augen meiner Mutter gab und gibt es keine psychischen Krankheiten in der Familie :roll: Wurde also nie diagnostiziert. Aber schon im Zeugnis der 1. Klasse steht wortwörtlich, dass ich schnell abgelenkt bin. Schon immer war ich ein Zappelphilipp. Als ich als Kind einen gerade gesehenen Kinofilm zusammenfassen sollte, fiel mir das schwer. Ich hatte 13 Jahre lang keine Ordnung, sondern Zettelwirtschaft. Das Abi ging so - die kreativen und sprachlichen Fächer haben mich gerettet. Sorgen machte ich mir keine - lief ja irgendwie.

Wie steht es heute um meinen Alltag? Ordnung war ja nie mein Ding, Organisation fällt mir also bis heute schwer. Ich kann schlecht zuhören und schweife oft ab. Lange Texte strengen mich an, gerade Schachtelsätze. Wenn ich einen Satz mit Kommafehler lese, denke ich an den Kommafehler, nicht den Satz, den ich gerade lese.

Trotzdem habe ich spät studiert (mit Ende 20) - irgendwie. Vorher habe ich mich mit halbgarer Ausbildung durch kreative Jobs gelebt. Mein spätes Studium habe ich nur geschafft, weil ich die Profs fast Wort für Wort mitgeschrieben habe und mir Zuhause in Ruhe zusammengefasst und bis zum Erbrechen wiederholt habe. Das ist irgendwie spannend: Ich habe es immer geschafft, irgendwie durchzukommen. Aber jetzt kommt langsam die Grenze des wurschtelns.

Im Job, den ich seit Jahren habe, tue ich mich nicht unbedingt fachlich, sondern in Sachen Überblick schwer. Was war jetzt noch mal der Auftrag? Wie meint er das? Was sollen wir noch mal machen? Oh, ein Eichhörnchen!

Ich vergesse Geburtstage, obwohl ich sie aufschreibe, weil ich nicht in den Kalender gucke, in dem sie stehen. Und weil das jetzt beim Geburtstag eines Familienmitglieds schon wieder passiert ist, möchte ich mir gerne Hilfe suchen. Es ist quasi das Fass übergelaufen.

Meditation, Achtsamkeit, Entspannung, Klangschalen... Gecshenkt, hilft nichts. Die Gedanken rasen und brodeln weiter. Philipp zappelt weiter.

Aber: Wie fange ich an? Ich habe mir jetzt am Montg einen Termin beim Hausarzt gemacht. Ist er ein erster Ansprechpartner? Habe ich dann gleich einen Stempel auf der Stirn? Bei mir laufen die Angst, Stigmatisiert zu werden und die Last, die ADHS (?) mir gibt, Hand in Hand über die Wiese.

Ich freue mich über eure Erfahrungen. Danke schon jetzt.

SEF
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Nono
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Nono » Sa 5. Jun 2021, 06:37

Hi, willkommen hier im Forum und vielleicht auch willkommen im Club ;)

Also für mich klingt es, als ob es sehr gut möglich ist, dass das die Erklärung ist.

Hsusarzt... hm, Glücksache... genauso ist es Glücksache, ob ein Psychiater es diagnostiziert bzw. erkennen will. Dazu brauchst du unbedingt jemanden, der auch mit ADxS bei Erwachsenen auskennt... meine Erwachsenen-ADS-spezialisierte sagte, bei unter 45 jährigen Psychiatern wäre die Chance etwas höher, weil sie es in ihrer Ausbildung gehabt hätten...

Auf jeden Fall mach die Tests hier auf ADxS.org und schreib dir auf, was dir bei jeder Frage an Beispielen auf deinem Leben einfällt. Das ist das Wichtigste, dass du individuelle Beispiele geben kannst aus deinem Leben.

Alles Gute und lies erstmal hier ganz viel :)
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von allmighty » Sa 5. Jun 2021, 06:54

Hallo @StElmosFire und herzlich willkommen!

Der Hausarzt könnte dir eventuell helfen einen Neurologen/ Psychiater oder eine Klinik zu finden, wo du dich testen könntest und dir eine Überweisung geben.

Zum Thema Stigmatisierung muss du dir keine Sorgen machen. Ärzte haben Schweigepflicht und deine Diagnose kannst du danach für dich behalten. Adxs ist keine Geschlechtskrankheit und es gibt absolut kein Grund dich dafür zu schämen. Wir können schließlich nichts dafür, dieses Los gezogen zu haben.

Stell dich wenn du magst im Vorstellungsbereich vor, dort können nur registrierte User*innen mitlesen.
Vielleicht könntest du auch schreiben aus welcher Ecke der BDR du kommst und bekommst eventuell Tipps für Ärzte und co. in deiner Nähe bzw. aus deinem Bundesland.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Ratte68 » Sa 5. Jun 2021, 07:41

Erst meinmal Willkommen.StElmosFire

Allmighty hat Recht die erste Möglichkeit ist über den Hausarzt.
Ich habe selbst erst eine frische Diagnos seit ca 4 Wochen und nehme seit 3 Wochen Medikamente.
Das Schwierigste ist an einen Adhs test zu kommen da hatte ich ziemliches Glück.

Mein Psychater ist der Mann meiner Freundin und daher bin ich so schnell an den Test gekommen.
Er ist aber schon 75 und arbeitet nicht mehr allzu lange daher nimmt er auch keine neuen Patienten mehr auf.
Vieles was Du schreibst kommt mir bekannt vor meine Eltern wollten die Anzeichen nicht wahrnehmen.
Seit ich Medilamente nehme fällt es mir leichter achtsam bei einer Sache zu bleiben
Habe Hoffnungen, aber niemals Erwartungen. ... Dann erlebst du vielleicht Wunder, aber niemals Enttäuschungen.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Nono » Sa 5. Jun 2021, 08:36

Ja Meditation etc kann ich auch viel besser mit Medikation.

Und verrate hier nicht zu genau wo du her kommst. Aber du kannst Ulbre eine PN schicken und er kann dir eine Ärzteliste schicken.

Mein Eindruck war bei der Liste, die ich bekam, dass manche Hinweise ganz schön veraltet ist auch sehr subjektiv waren. Andere wiederum top aktuell.

Die Liste ist nur so gut wie das Feedback, dass er hinterher von dir bekommt. Wenn niemand rückmeldet, wo er/sie war, wo es gut und wo es sinnlos war oder welche Praxis es gar nicht mehr gibt, dann bekommen die anderen eben auch keine brauchbaren Tipps.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Nono » Sa 5. Jun 2021, 08:39

Ach ja, wichtig: es ist nicht unverschämt, wenn Ärzte sagen, dass man die Diagnostik privat zahlen muss. Die bekommen nämlich von den Kassen nicht genug dafür, wenn es qualitativ gute Diagnostik sein soll.

Das können 300-500 Euro sein, frag am besten gleich nach.

Wer eine kostenlose Diagnostik möchte, muss in vielen Regionen jahrelang warten oder die Ambulanzen machen schon gar keine Liste mehr...
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Ratte68 » Sa 5. Jun 2021, 08:56

Hallo @StElmosFire

Falls ich Dich privat einmal anschreiben darf schicke ich Dir die Adresse einer Klinik in der ich im Januar kommenden Jahres einen Termin für einen ausführlicheren Test bekommen habe

Gruß Ratte
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Tischfeuerwerk » Sa 5. Jun 2021, 10:52

@StElmosFire Allgemeinmedizinische Praxen sind zwar oft die erste Idee, aber nicht immer die beste. Wenn die Person wertschätzend ist, wird sie Dir helfen oder erklären, dass sie keine Ahnung hat.
Vielleicht kennt sie eine medizinische Fachperson, eine Fachambulanz oder Klinik, wohin sie verweisen kann.
Hilfreich kann eine Selbsthilfegruppe in Deiner Gegend sein. Selbsthilfegruppen sind auch mit Verdacht auf AD(H)S zugänglich. Da sind Menschen (aktuell eher online), die mitunter Empfehlungen in der Region haben. Auch Warnungen, wohin eins besser nicht geht.
Online gibt es auch Bewertungsplattformen. Da finde ich es persönlich hilfreich nach wertschätzenden Fachpersonen zu suchen. Leider haben die aber oft genug keinen Plan von AD(H)S, aber sie verletzen wenigstens nicht.
Viel Erfolg auf Deinem Weg.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von TulipRulesOkay » Sa 5. Jun 2021, 11:20

Vielleicht das ganze in den Vorstellungsbereich schieben, dann wäre es im geschlossenen Bereich?

Ich habe für meine Diagnostik erfolglos nach Spezialisten gesucht, keine gefunden und dann quasi nächstbeste Psychiater genommen, wollte nicht ewig warten. Hat geklappt.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Nono » Sa 5. Jun 2021, 12:02

Da hast du aber echt die Nadel im Heuhaufen gefunden!

Wenn der Hausarzt einen Psychiater empfiehlt, kann es sein, dass der nett ist oder was auch immer, aber wenn der Hausarzt keine Ahnung von ADHS hat, dann ist es Lotto, ob der Psychiater Ahnung von ADHS hat...
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Overthesky » Sa 5. Jun 2021, 13:48

Bloß nicht zum Erstbesten um die Ecke gehen zur Diagnostik, lies mal das: https://www.doccheck.com/de/detail/arti ... psychiater

das über den Hausarzt in die Wege zu leiten, auch diesbezüglich wär ich sehr vorsichtig... ansonsten: deine Schilderung passt ziemlich gut zu ADHS. Hier umlesen im Forum und DRAN BLEIBEN!!!!
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von TulipRulesOkay » Sa 5. Jun 2021, 13:52

Ich hab nicht nur auf einen gesetzt, dazu war mir die Sache zu wichtig und langwierig.

PS den verlinkten Horror-Bericht finde ich hier gänzlich unpassend. In dem Thread hier geht es um eine Erstdiagnostik. Die verlinkte Fallschilderung ist komplett anders gelagert (medikamentierte Patientin begibt sich wegen etwas anderen in stationäre Aufnahme und eckt mit ihrer Medikation an, die sie etwas unkonventionell nimmt, nämlich zu 50% Teil abends).

PPS "wäre ich sehr vorsichtig" - was soll denn Schlimmes passieren? Ich finde solche Warnungen ohne konkrete Ausführung wenig zielführend.
Ich finde, es kann höchstens nichts dabei rauskommen. Geht man halt zum nächsten Arzt.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Nono » Sa 5. Jun 2021, 19:20

TulipRulesOkay hat geschrieben:
Sa 5. Jun 2021, 13:52
Ich finde, es kann höchstens nichts dabei rauskommen. Geht man halt zum nächsten Arzt.
Naja es kann Monate Verzögerung bedeuten, bis man wieder einen Termin beim neuen Arzt bekommt.

Das kann je nach Beschwerdebild auch einen dramatischen Unterschied machen und man muss u.U. einen erheblichen Leidensdruck noch länger aushalten.

Nee, muss nicht sein!
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von Worgl » Sa 5. Jun 2021, 19:21

Also als Erwachsener ADHS diagnostiziert zu bekommen ist echt nicht so einfach wie es eigentlich sein sollte.

Ich habe zunächst mächtig viele ADHS Fragebögen die so online verfügbar waren (z.B. von der WHO) selbst durchgeführt und von meiner Frau als Fremdeinschätzung ausfüllen lassen.

Bingo, das war eine exakte Charakterisierung von mir.

Dann ging es los mit der Arztsuche.
Meine Frau hat mich zum Glück unterstützt. Ich war bereit alles privat zu zahlen um einen Arzt zu finden, der ADHS im Erwachsenenalter überhaupt diagnostiziert.

Dabei würde ich so oft von Hinz zu Kunz verwiesen, dass ich zwischendrin komplett aufgegeben habe.

Einige Zeit später im nächsten Anlauf haben wir (OK, hauptsächlich meine Frau) einfach die komplette Jameda-liste angerufen und oder angemailt, bis letztlich sogar 2 Praxen geantwortet haben um mich zu diagnostizieren.
Das hat dann auch ewig gedauert aber schlussendlich geklappt.

Durchbeißen und dranbleiben, es lohnt sich.
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Re: Wie fängt man an?

Ungelesener Beitrag von TulipRulesOkay » Do 10. Jun 2021, 19:57

Bei mir hats vom ersten Selbsttest bis zur Diagnose inkl. Rezept ca 6 Monate gedauert. 2 Ärzte parallel, jeweils 2 Termine.
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