ADHS - Ursache in der Erziehung?

Alles, was AD(H)S spezifisch bei Erwachsenen betrifft, sofern es nicht besser in den medizinischen Bereich passt (z.B. Diagnose). Dieses Forum ist auch für NIchtmitglieder lesbar.
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Nono
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Nono » Mi 1. Jul 2020, 23:53

Hey, sehr interessanter Thread... mal sehen, ob der Initiator sich jemals wieder einloggt, er hat sich nämlich, seit er diesen Post verfasst hat, noch nicht wieder hier sehen lassen... ist ja nicht so selten bei ADHS... ;)

@Hibbelanna :
Wichtiger war, dass meine Mutter nicht selbst betroffen war und uns damit ein ruhiges und ordentliches Gerüst gegeben hat. So ein Glück, dass sie nicht betroffen war (haha, war ein Scherz, mit ADHS-Mann und zwei ADHS-Kindern war sie ohne Ende betroffen!!
Dafür war sie sehr früh sehr ausgelaugt.
Sieht das nicht aus wie ein „strukturiertes ADHS“, typisch für Frauen? ...grade auch mit dem Ausbrennen...
Addy Haller
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Addy Haller » Mi 1. Jul 2020, 11:43

So meinte ich das auch: Die eigene Deutung ist das Wichtigste.

Und dafür ist es sinnvoll, viele mögliche Erklärungsansätze zu kennen und für sich das zusammenzubasteln, was am Schlüssigsten ist.

Es führt mE aber nicht weiter, wenn man sagt: Mein Therapeut sagt, meine Eltern seien wahrscheinlich verantwortlich dafür, dass ich so oder so bin.

Letztendlich sind das nur Hypothesen, die zutreffen KÖNNEN aber nicht müssen.
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Hibbelanna
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Hibbelanna » Mi 1. Jul 2020, 11:37

Addy Haller hat geschrieben:
Mi 1. Jul 2020, 11:02
Klar, die Psychoanalytiker können sagen, es sei etwas in der frühen Kindheit zwischen Eltern und Kind schiefgelaufen. Die Bindungstheoretiker mögen es auf eine unsichere Bindung zwischen Eltern und Kind schieben. Die Verhaltenstherapeuten sehe die Ursache der Probleme in erlernter Hilflosigkeit usw.
Da bin ich absolut bei Dir.
Aufarbeitung ist aber die Grundlage.

Weil: jeder hat eine Erzählung seines Lebens. Wenn man sich diese Darstellung, die ja eine Deutung ist, aber nicht selbst klarmacht, dann kann man auch die Unstimmigkeiten nicht erkennen. Schick ist das, wenn man die von jemandem auswerten lässt, der was davon versteht.

Die Erzählung ist ja schon Teil des eigenen Denkens, lange bevor sie erzählt wird. So wie beim Threaderöffner.
Grade ärgere ich mich, dass ich nicht klüger geantwortet habe... Jede Geschichte hat Respekt verdient. Sch..x ADHS...

Es gibt da den Begriff der "Biografizität" - einer Form der lernenden und zu erlernenden Selbstreflexion. Das ist ganz spannend. Biografizität umfasst das Betrachten des eigenen "Gewordenseins", auch unter der Betrachtung z.B. der historischen oder systematischen Umstände. Das ist ein wenig Mode geworden, weil wir ja heute keine Norm-Biografien mehr haben, sondern jeder sein eigenes Leben für sich selbst deuten muss um dann darauf die weitere Biografie auch planen zu können.

Worauf ich rauswill: Die eigene Deutung zu durchschauen bedeutet letztlich auch, eigene Verantwortlichkeiten bzw. aber den Einfluss durch Umstände zu erkennen.
Dann kann man präziser eingreifen. Für "uns" besonders wichtig.

Therapie kann ja immer bedeuten, dass ein Therapeut mit den Methoden, die er so draufhat, kommt und einen dann in diese Methoden reindeutet.
Oder auch: sich auf den Menschen mit seiner Biografie einlässt und seine Methoden auf diese anpasst. M.E. die beste Lösung.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Addy Haller » Mi 1. Jul 2020, 11:02

Hallo Hibbelanna,

danke für das konkretisieren, warum Adoptivkinder oft ADHS haben. Ich war damals, als ich postete, unterwegs und hatte nicht die Zeit, das näher auszuführen. :)

Ansonsten volle Zustimmung.

Ob Depression, ADHS oder welche psychische Auffälligkeit auch immer: Den Frieden mit den eigenen zu Eltern zu machen, ist für meine Begriff die Voraussetzung, um für sich selbst weiterzukommen und ein zufriedenes Leben führen zu können.

Klar, die Psychoanalytiker können sagen, es sei etwas in der frühen Kindheit zwischen Eltern und Kind schiefgelaufen. Die Bindungstheoretiker mögen es auf eine unsichere Bindung zwischen Eltern und Kind schieben. Die Verhaltenstherapeuten sehe die Ursache der Probleme in erlernter Hilflosigkeit usw.

Alles Ansätze, mit denen es sich sicher lohnt auseinanderzusetzen.

Aber:

Gerade bei ADHS gibt es eben auch noch die erhebliche genetische Komponente. Niemand kann im Nachhinein sagen, wieviel Prozent des Zustands im Erwachsenenaltern nun genetisch und wieviel von Eltern (oder anderen Bezugspersonen) verursacht worden ist.

Und da das so ist, hilft meiner Meinung nach nur die radikale Akzeptanz des jetzigen Zustands. Alles Nachkarten, die Frage, warum bin ich so wie ich bin, das Verantwortlich-machen der Eltern ist sinnlos.

Bei heftigeren Dingen wie Missbrauch sieht die Sache natürlich noch mal anders aus, doch auch hier müsste das Ziel sein, mit der Vergangenheit abzuschließen.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Hibbelanna » Mi 1. Jul 2020, 10:39

Addy Haller hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 11:43
1. Adoptivkinder haben überdurchschnittlich häufig ADHS. Der Grund dafür, den ich aus Zeitgründen nicht genauer ausführen kann, ist naheliegend. Es ist auch in Studien nachgewiesen.
Kann man ja auch so ganz einfach annehmen:
Eltern mit ADHS werden gerne mal ungewollt (z.B. auch zu früh) schwanger, leben gerne auch mal in prekären Verhältnissen.
Eltern mit ADHS bekommen Kinder mit ADHS. Da kommt dann viel zusammen, was zur Entscheidung führen kann, ein Kind zur Adoption freizugeben.
alter-ADHSler hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 10:13
Mit meiner 2. Frau, deren Nerven ich ab und zu ganz schön blank lege, habe ich herausgefunden, dass mein ADHS durch die Erziehung meiner Adoptiveltern initiiert wurde und zumindest mit ein Grund dafür ist, das ich so bin, wie ich bin.
Das finde ich so ehrlich gesagt ziemlich (also eigentlich sehr...) unfair. Abgesehen davon, dass es nicht zutrifft.

Deine Adoptiveltern haben aus meiner Sicht viel richtig gemacht, weil sie mit Euch nicht in die volle Konfrontation gegangen sind. Als Eltern, die ihr Kind lieben, werden sie gesehen haben, wie stark die Überforderung auch für das Kind sein kann.
Du kannst ein Kind nicht zurechtbiegen, wenn es so eine Veranlagung und so ein Schicksal mitbringt. Bei einem eigenen Kind mag das leichter sein, weil man da doch noch sowas wie gewachsene Grundgefühl füreinander hat.
Was hätten sie tun sollen? Ständig in Konfrontation gehen mit einem Kind, dass einfach ein so großes Päckchen mitbringt, dass man ihm einfach nur Gutes tun will?

Du bist, mit Verlaub, jetzt mehr als ein Vierteljahrhundert erwachsen. Also Du bist jetzt seit 25 Jahren Dein eigenes "Elter" - da ist die eigene Nase deutlich näher als die der Eltern. Da würde ich Dir doch eher raten, Deine Schwächen anzunehmen und daran zu arbeiten. Also das für Dich zu tun, dessen Unterlassen Du Deinen Eltern als Versagen vorwirfst.
Ich erlaube mir, Dir das so vor die Stirn zu klatschen, weil ich selbst noch vor 10 Jahren so selbstmitleidig auf meine Eltern gezeigt habe (jaaa, wir sind halt alle ein wenig entwicklungsverzögert). Das hat mir nicht gut getan und hat notwendige Einsichten einfach nur verzögert. Zum Glück hatte ich eine Therapeutin, die mir Wege gezeigt hat, mit mir selbst da ins Reine zu kommen.

ADHS ist eine Veranlagung, die wohl eher durch die Giftigkeit Deiner frühen Kindheit "scharf geschaltet" wurde, nicht durch das wohlmeinende Verhalten der neuen Eltern.
Geh da nicht zu analytisch ran. Eher so, als fehlte Dir ein Bein. Uns fehlt halt ein Botenstoff.

[/quote]
Andromache hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 12:56
Ergo: Trotz konsequenter Erziehung seit frühester Kindheit schlug diese bei mir nicht durch.
Ging mir ähnlich. Der einzige Effekt aus diesen verzweifelten Dressurversuchen war
das Gefühl, immer "falsch" zu sein.
die maximale Überforderung vor allem meiner Mutter (toll, DAS habe ich voll übernommen...)
kein Gefühl für die Vorteile meiner Eigen-Art
und gebracht hat's nix.

Wichtiger war, dass meine Mutter nicht selbst betroffen war und uns damit ein ruhiges und ordentliches Gerüst gegeben hat. So ein Glück, dass sie nicht betroffen war (haha, war ein Scherz, mit ADHS-Mann und zwei ADHS-Kindern war sie ohne Ende betroffen!!
Dafür war sie sehr früh sehr ausgelaugt.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Hedwig » Di 30. Jun 2020, 07:54

Andromache hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 02:33
Falschparker hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 01:38
Neben dem Beginn einer medikamentösen Behandlung ging ich in den ersten Monaten zu einer christlichen Psychologin, und ein sehr wichtiger Punkt war, meiner Mutter bewusst zu vergeben.
Was ist der Unterschied zwischen christlichen und nicht explizit christlichen Psychologen?
Das würde mich wirklich mal interessieren.
Könnte mir vorstellen, dass die sich mehr an den 10 Geboten orientieren und vor allem Vater und Mutter ehren statt bei denen die Schuld für alles zu suchen.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Andromache » Di 30. Jun 2020, 02:33

Falschparker hat geschrieben:
Di 30. Jun 2020, 01:38
Neben dem Beginn einer medikamentösen Behandlung ging ich in den ersten Monaten zu einer christlichen Psychologin, und ein sehr wichtiger Punkt war, meiner Mutter bewusst zu vergeben.
Was ist der Unterschied zwischen christlichen und nicht explizit christlichen Psychologen?
Das würde mich wirklich mal interessieren.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Falschparker » Di 30. Jun 2020, 01:38

alter-ADHSler hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 10:13
Mit meiner 2. Frau, deren Nerven ich ab und zu ganz schön blank lege, habe ich herausgefunden, dass mein ADHS durch die Erziehung meiner Adoptiveltern initiiert wurde und zumindest mit ein Grund dafür ist, das ich so bin, wie ich bin.
Und was soll das jetzt?

Warum geht es dir denn so sehr darum, nach Schuldigen zu suchen? Ist das nicht etwas spätpubertär?

Wenn deine Frau so analytisch geprägt ist, dann ist ihr sicher auch klar, dass, ich weiß gerade nicht welcher kluge Mensch das gesagt hat, jeder Mensch ab 25 für sein Gesicht selbst verantwortlich ist.

Aus deiner Wortwahl (Seelsorge, Gott segne Euch) schließe ich, dass du Christ bist. Das freut mich sehr, ich auch! :D

Ich bekam meine ADHS-Diagnose mit 37, das war 2003. Neben dem Beginn einer medikamentösen Behandlung ging ich in den ersten Monaten zu einer christlichen Psychologin, und ein sehr wichtiger Punkt war, meiner Mutter bewusst zu vergeben.

Nicht weil ich im Entferntesten daran dachte, sie hätte meine ADHS herbeigeführt. Sie war eher das Gegenteil, sehr strukturiert, in dem Betrieb den meine Eltern zusammen führten, hielt sie die Fäden zusammen.

Aber weil sie so strukturiert war, hatte sie natürlich große Schwierigkeiten damit, dass ich als Kind so viele Gegenstände verlor. Das war jedesmal ein schlimmes Theater, sie machte mir ein schlechtes Gewissen, ich fühlte mich immer sehr schlecht.

Nach meiner ADHS-Diagnose wurde mir klar, dass ich ja gar nichts dafür konnte dass ich so ein Schussel bin.

Was ich damit sagen will: Deine Eltern haben sicher eine Menge falsch gemacht und es ist gut das aufzuarbeiten. Dafür müssen sie nicht ADHS bei dir, deiner Schwester, deinem Neffen und sonst noch jemand ausgelöst oder begünstigt haben.

Welchen Anteil Genetik und welchen Anteil Erziehung haben, darüber streiten die Gelehrten. Allein durch Erziehung haben auch die allerchaotischsten Eltern noch keine einzige ADHS herbeiführen können.

Und schon gar keine Eltern, die mit 5 Jahren überhaupt erst die Gelegenheit bekommen, einen Einfluss zu haben! Das ist vollständig absurd. Mein großer Sohn bekam seine ADHS-Diagnose mit fünfeinviertel, mein kleiner Sohn mit vier.

Und natürlich machen Eltern Fehler! Immer. Und Eltern von ADHS-Kindern machen mehr Fehler. Ein Kind ohne ADHS aufzuziehen ist schließlich überhaupt keine Kunst. Man macht das, was die Experten raten, und es funktioniert in der Regel auch. Bei einem ADHS-Kind funktionieren sie nicht, und wer ist schuld?

Viele Grüße und auch dir und deiner Familie Gottes Segen
Falschparker
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Overthesky » Mo 29. Jun 2020, 22:20

Khan hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 20:47
Overthesky hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 19:48
Mit ADHS selbst wird man geboren und man stirbt damit.
Gilt das tatsächlich für 100 % aller Fälle ?

Weil man immer wieder hört, dass zwischen 60 und 80% der Kinder es mit ins Erwachsenenalter mitnehmen.

Das heisst, dass der Rest später "normal" ist ?
Ich würde mal sagen bei 60% ungefähr verbleibt eine von außen klar wahrnehmbare und/oder beeinträchtigende Symptomatik, aber bei 100% verbleibt eine zumindest Restsymptomatik, die bei mindestens 40% nicht mehr pathologisch relevant ist.

Insgesamt halte ich es mit Michael Moore, als Donald Trump 1 Monat vor der Wahl in sämtlichen Wahlumfragen im Rust Belt gegenüber Hillary Clinton hinten lag und Michael Moore (der in Flint, Michigan und somit im Rust Belt aufgewachsen war) dazu voller Angst sagte: "I don't believe any of these Rust Belt polls." Bei der Wahl gewann dann entgegen den Umfragen Donald Trump in fast allen Staaten des Rust Belt. Analog dazu: "I don't believe any of these ADHD prevalence studies." Damit meine ich selbstverständlich auch diese 60% Verbleib von ADHS im Erwachsenenalter.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Khan » Mo 29. Jun 2020, 20:47

Overthesky hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 19:48
Mit ADHS selbst wird man geboren und man stirbt damit.
Gilt das tatsächlich für 100 % aller Fälle ?

Weil man immer wieder hört, dass zwischen 60 und 80% der Kinder es mit ins Erwachsenenalter mitnehmen.

Das heisst, dass der Rest später "normal" ist ?
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Addy Haller » Mo 29. Jun 2020, 20:41

Hedwig hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 20:20
Kind 4 entmistet grad als Ferienjob meine Küchenschränke, macht ne neue Ordnung. Und ist total glücklich dabei. Und ich bin es auch.
Jaaaa, gut, für andere ist das natürlich nie ein Problem. ;)
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Hedwig » Mo 29. Jun 2020, 20:20

Addy Haller hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 19:34
Ich würde auch sagen: Ich habe als Kind nie richtig verstanden, was die Eltern eigentlich von einem wollen.
Stimmt, was ‚aufräumen‘ ist, habe ich bis heute nicht richtig verstanden.

Ich konnte das somit auch meinen Kindern nicht beibringen.
Aber was soll ich sagen:
Kind 4 entmistet grad als Ferienjob meine Küchenschränke, macht ne neue Ordnung. Und ist total glücklich dabei. Und ich bin es auch.

Es gibt in nächster Zeit viel Mayonnaise bei uns, bevor die abläuft.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Overthesky » Mo 29. Jun 2020, 19:50

Junkie am Bahnhof oder Self made Milliardär, beides gibt es bei ADHS. Und natürlich spielt beim Outcome die Sozialisation eine sehr große Rolle...
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Overthesky » Mo 29. Jun 2020, 19:48

Mit ADHS selbst wird man geboren und man stirbt damit. Die Sozialisation und somit auch die Erziehung spielt eine nicht geringe Rolle, was man draus macht bzw. eben nicht macht...

viewtopic.php?f=4&t=162
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Nelumba_Nucifera » Mo 29. Jun 2020, 19:38

Natürlich spielt Erziehung eine große Rolle, wichtig ist aber auch eine verlässliche Beziehung/Bindung, die einem Struktur und Halt gibt.

Ich finde @Andromache ist ein gutes Beispiel, dass ein "ADHS-typische-Desorganisation" trotz "Erziehung" nicht unbedingt zum totalen Erfolg führt .

Ich glaube mit einer verlässlichen Bindung/Beziehung findet man in seinem ADHS mehr halt, als wenn diese fehlt aber brav "erzogen" wird.
Das Einzige was an mir nicht vollendet ist, und nie sein wird.......... meine ToDo-Liste ! ;)
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Addy Haller » Mo 29. Jun 2020, 19:34

Die Eltern verstehen oft eben nicht, dass die Exekutivfunktionen bei ihrem Kind nicht funktionieren.

Wie soll ein Kind mit ADHS dann sein Zimmer aufräumen? Woher soll es wissen, wie das geht? Das wird einfach vorausgesetzt, ist aber oft eine Überforderung. Die Kinder sitzen dann unschlüssig in ihrem Chaos und wissen nicht, wo sie anfangen sollen.

Eltern müssen solchen Kindern klare Strukturen vorgeben und Steuerungshilfen anbieten, damit sowas funktioniert. Die Vorstellung, das Kind möge sein Gehirn einschalten und dann durch inneres Sprechen seinen Arbeitsprozess selbst strukturieren, ist sowas von abwegig.

Bezogen auf das aufzuräumende Zimmer: Alles hat seine Kiste. Außen auf der Kiste steht drauf was drin ist, vielleicht noch mit Bild. Je nachdem können da 15-30 Kisten zusammenkommen, die immer am gleichen Ort stehen und an die man leicht rankommt. Und dann wird der ganze Kram, der rumliegt, da einfach reingeworfen. Fertig.

Natürlich kommen noch ein paar Gelingensbedingungen hinzu.

Ich würde auch sagen: Ich habe als Kind nie richtig verstanden, was die Eltern eigentlich von einem wollen.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Maxmalwieder » Mo 29. Jun 2020, 18:30

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit einem Prokrastinationsforscher - einem echten, nicht die Art von Teilnehmender Beobachtung, die wir immer machen, 8-) - gehört. Also nicht ADHS, vielmehr sagt er sogar, dass er keine zwingende Korrelation zwischen den beiden gefunden hat, was sicher noch mal ein eigenes Thema wäre.

Moment, hier ist es: https://www.alieward.com/ologies/procrastination

Ganz am Ende geht er darauf ein, welchen Einfluss die Erziehung auf spätere Prokrastination haben kann, besonders eine bestimmte Art von Erziehung: Durch Eltern, denen nichts, was man tut, gut genug ist, die einem aber auch nie einen Begriff davon geben, was "gut genug" eigentlich ist.

Bei uns war das genau so: es gab es immer wieder ein Donnerwetter, wenn wir nicht genau taten, was von uns erwartet wurde. Allerdings erinnere ich mich nicht, dass uns das, was von uns erwartet wurde, mal ordentlich gezeigt oder wenigstens die Erwartung formuliert worden wäre. Das bedeutet nicht, dass das nicht passiert ist, aber hängengeblieben ist das in meinem ADHS-Hirn nicht, weil's wahrscheinlich nicht mit so viel Drama einherging wie die Konsequenzen. Wenn ich an Situationen außerhalb der Schule denke, in denen mir was beigebracht wurde, denke ich irgendwie immer und ausnahmslos an schlechtgelaunte Erwachsene, die nicht glauben können, dass sie mir das jetzt vormachen müssen. Übrigens nicht nur meine Eltern.

Das gilt nicht nur für Pflichten: Lesen gelernt habe ich, weil mein Vater keine Lust hatte, mir dauernd etwas vorzulesen. Also hat er mir, als ich mal damit nervte, die Buchstaben gezeigt und wie das mit den Wörtern funktioniert und mir das Buch in die Hand gedrückt. Danach konnte ich lesen, aber erstmal nur Kinderbücher in Schreibschrift.

Meine Mutter ist bis heute eine strikte Gegnerin der Laisser-Faire-Erziehung. Ironischerweise hatte ihre Erziehung, was das Lernen von Strukturen angeht, genau denselben Effekt. Ich denke, ADHS-Kindern muss man deutlicher als anderen beibringen, was die Strukturen sind, warum sie so sind, wie alles ineinandergreift, und wie genau alles geht. Die wenigsten Eltern sind auf so was vorbereitet. VIeles in der Erziehung läuft dagegen über Beobachtung und irgendwie aufschnappen, wie der Laden läuft. Das ist aber genau das Problem bei ADHS.
Andromache hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 14:11
Ich denke, das ist auch einer der großen Unterschiede zu ADS. Ich konnte die Konsequenzen immer abschätzen und habe auch immer verstanden, warum ich diese Konsequenzen tragen musste und stand dazu.
Oh, ich wusste auch immer sehr genau, was mir blüht. Ich hatte nur absolut keine Vorstellung davon, wie ich es abwenden könnte. Mir kam das alles immer sehr willkürlich vor.
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Andromache » Mo 29. Jun 2020, 14:23

Addy Haller hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 14:14
Tja, besonders blöd ist es, wenn man weder Konsequenzen abschätzen noch Ordnung halten kann. :o
Na ja, weiß nicht so recht, was schlimmer ist. Denn ich hatte ja mein Fehlverhalten immer vor Augen und spürte das Damoklesschwert der Konsequenz ja permanent über mir und konnte auch immer den Zeitpunkt abschätzen, wann es auf mich nieder rauschen würde..
Da muss man sich schon sehr abhärten, um damit einigermaßen entspannt leben zu können. 😉
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Addy Haller » Mo 29. Jun 2020, 14:14

Tja, besonders blöd ist es, wenn man weder Konsequenzen abschätzen noch Ordnung halten kann. :o
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Re: ADHS - Ursache in der Erziehung?

Ungelesener Beitrag von Andromache » Mo 29. Jun 2020, 14:11

Addy Haller hat geschrieben:
Mo 29. Jun 2020, 13:54
Das Problem der konsequenten Erziehung bei ADHS, so wichtig sie ist, besteht mMn darin, das Kinder und Jugendliche mit ADHS aufgrund ihrer Zeitblindheit, des Lebens im Hier und Jetzt, oft nicht verstehen, wie negative Konsequenzen überhaupt funktionieren.

Umgekehrt kann, wenn sich eine Konsequenz einstellt, nicht nachvollzogen werden, wie es dazu gekommen ist und man fällt, absolut glaubwürdig, aus allen Wolken.
Ich denke, das ist auch einer der großen Unterschiede zu ADS. Ich konnte die Konsequenzen immer abschätzen und habe auch immer verstanden, warum ich diese Konsequenzen tragen musste und stand dazu.

Das einzige, was ich aber nicht verstehen konnte, war, warum ich im Gegensatz zu den anderen keine Ordnung halten konnte.

Oftmals wurde ich auch bestraft und musste in ein Einzelzimmer. Am Anfang war das für mich die Höchststrafe und dann habe ich die Ruhe genossen und konnte morgens ausgeschlafen in den Tag starten.
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