AD(H)S für Außenstehende unentdeckt?

Hallo zusammen,

ich habe vorhin den Test von ADXS.org im Bezug auf die Selbstbewertung von ADHS gemacht. Dabei kam 30 von 46 Symptomen heraus, also definitiv ein Hinweis auf ADHS. Gerade habe ich meinem Freund den Fremdbewertungsbogen machen lassen. Unfassbar war für mich, dass bei ihm nur 4 von 46 rauskam und damit 0 Symptome nach DSM-5 und ICD-10.

Kann sowas sein? Dass die Eigen- und Fremdwahrnehmung da so auseinander geht? Zumal mein Freund eine Person ist, mit der ich beinahe jeden Tag zusammen bin. Daher sollte er mich eigentlich gut kennen.
Ich habe mich kurz gefragt, ob ich meine Probleme völlig überschätze oder er sie unterschätzt. Denn normalerweise fällt ja gerade dem Umfeld auf, wenn eine Person ADHS hat. Ist das beim Typ ohne Hyperaktivität dann vielleicht eher so, dass es vom Umfeld unentdeckt bleibt?

Ich denke nämlich eigentlich nicht, dass ich mir meine Beschwerden einbilde, aber das Ergebnis macht mich tatsächlich stutzig…

Hey Chihiro,

nun, wie soll dein Freund denn sagen können, dass du ADxS hast, wenn er sich mit dem Thema garnicht auskennt? Wenn er dich doch einfach nur so kennt wie du nun mal bist, ohne das zu pathologisieren.

Selbst du scheinst dir ja nichtmal ganz sicher zu sein. Wie soll es dann eine andere Person, die sich im Thema nicht auskennt und vor allem nicht in deinen Kopf gucken kann. Wenn du zudem nicht auf den Kopf gefallen bist, hast du im Leben zahlreiche Coping-Mechanismen entwickelt, um in der Welt der normalen Menschen zu überleben. Du hast dich also angepasst und fällst zusätzlich weniger auf.

Also ein klares ja. Die Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung kann sehr weit aneinander sein. Ich persönlich musste lernen, dass meist Beides sehr weit von der Realität entfernt ist :wink:

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Ich glaube, ich muss dazu erwähnen, dass er Psychologie im Master studiert. Fremd ist ihm das Thema also definitiv nicht.

Und wegen meiner eigenen Unsicherheit. Das stimmt schon. Völlig sicher bin ich mir nicht. Ich kann mich aber mit sehr, sehr vielen Beiträgen hier identifizieren und sehe viele der Symptome bei mir. Das mit den Coping-Strategien stimmt, da hast du recht. Einiges lernt man mit der Zeit zu ‚managen‘, sodass es nicht auffällt.

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liebe Chihiro (toller Name übrigens, bist du auch Anime-Fan?),

ich denke, das ist sehr schwierig zu beurteilen. Bei uns war es so, dass mein Freund (er ist aber ein extrem feinfühliger Mann, der sehr kleine Signale richtig zu deuten weiß) eine Doku über ADxS gesehen hat und daraufhin meinte, er hätte mich daneben stellen können. Meine Mutter hingegen erkannte erst, als ich die Medikamente bekam, dass ich tatsächlich ADxS habe, dass das meine Probleme erklären könnte…

Also ja, die Eigen- und Fremdwahrnehmung kann sehr weit auseinander klaffen. Allerdings muss die Tatsache, dass er so wenig Punkte hatte in dem Test, nicht heißen dass du kein ADxS hast. Ganz ehrlich: gerade bei den ADxS`lern ohne Hyperaktivität ist es mit sehr guten Coping-Strategien durchaus möglich, dass ein ADxS unerkannt bleibt. Und gerade, wenn man die Person jeden Tag sieht, gewöhnt man sich vielleicht auch an die ein oder andere Macke…? :wink:

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Das ist ja interessant. Ja, da könntet ihr tatsächlich beide recht haben, dass man sich an einige Maken des Partners einfach gewöhnen kann.

Aber auch spannend mit deinem Freund und deiner Mutter, Daydreamer. Da hast du definitiv einen sehr aufmerksamen Mann an deiner Seite.

Vermutlich ist es da wirklich am Sinnvollsten eine Person vom Fach aufzusuchen.
Es gibt da ja eine Adressliste von adxs.org, die man sich zuschicken lassen kann, oder? Hatte hier jemand in einem anderen Thread erwähnt.

Oh, und ja, der Name stammt wirklich von Chihiros Reise ins Zauberland. Also um deine Frage zu beantworten, ja, ich mag Anime. :slight_smile:

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sehr cool. (ist jetzt Off-Topic, sorry dafür, aber ich muss das jetzt einfach sagen). Ich liebe Anime. Und Manga. Mein Partner ebenfalls. Ich hoffe sehr, dass die AnimagiC dieses Jahr endlich mal wieder stattfinden kann - warst du da schon mal?

ja, die gibt es. Weiß jetzt gerade nicht mehr wo, aber ich kann gern mal nachschauen (oder vielleicht weiß es der ein oder andere hier ja auf Anhieb). Ich halte es auch für sehr sinnvoll, eine Fachperson das prüfen zu lassen.

ja. Wobei ich nicht 100%ig sagen kann, ob sie es vielleicht auch einfach nicht wahr haben wollte…? Allerdings, mein Papa ist auch betroffen, er hat erst, nachdem ich diagnostiziert war (übrigens erst mit 27) und seine Freundin aus genau den Gründen, die bei mir definitiv am ADxS liegen, Schluss gemacht hat, auf meinen Hinweis hin erkannt, dass er auch betroffen sein könnte …

Oh ja, er ist toll. Meist muss ich ihm nicht einmal sagen wie es mir geht, er sieht es mir immer an! Und manchmal merkt er es sogar, bevor ich es merke (also zum Beispiel wenn ich mal wieder „grumpy“ bin)

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Ich habe mir mal die Ergebnisse vom Fremdfragebogen angeschaut.

Mir ist aufgefallen, dass einige Fragen nicht passend beantwortet waren. Es gibt in meiner Familie nämlich eine genetische Disposition. Da wurde mit Nein geantwortet.

Oder auch, wie ihr schon schreibt, dass einige Macken gar nich mehr wahrgenommen werden. Ich empfinde Dinge natürlich anders, als er sie aufnimmt. Ich kann beispielsweise meine Angst gut überspielen und wirke nach außen emotional gefasster, als ich es wirklich bin. Früher bin ich deutlich häufiger ‚explodiert‘. Ich glaube, dass ich da inzwischen anders mit umgehe etc.

Das ergibt für mich jetzt definitiv mehr Sinn…

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Hallo Chihiro und herzlich willkommen,

AD(H)S bei Frauen ist stark unterdiagnostiziert. Weil die Frauen oft still und gut angepasst sind. Sie fallen entweder gar nicht oder, wie du, erst im jungen Erwachsenenalter auf, wenn sie mehr im Leben managen müssen und weniger vorgegeben wird.

Martin Winkler hat das in einem Text mal sehr gut herausgearbeitet:
adhsbeifrauen - drmartinwinkler (google.com)

Für deine Eltern war ADHS immer mit dem Bild deines Bruders verbunden. Du bist ganz anders, aber bist deswegen keine Nichtbetroffene, sondern die ADHS, eigentlich müsste ich schreiben ohne H, sieht bei dir ganz anders aus.

Meine Frau hat mich im Fremdbeurteilungsbogen eher noch kritischer und eindeutiger eingeschätzt als ich mich selbst. Aber ich bin eben auch ein hyperaktiver und impulsiver Mann.

Viele Grüße
Falschparker

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In meinem Umfeld haben fast alle gesagt, dass ich unmöglich ADHS haben könne (was die meisten trotzdem nicht davon abhielt, mir Vorträge zu halten, was ihrer Meinung nach nicht mit mir stimmt; ich schätze, denen ging es mehr um den Verlust der Deutungshoheit über mich als darum, dass sie keine Symptome erkannt hätten). Das ging so weit, dass ich es kurz vor der Diagnose fast selber nicht mehr glaubte.

Die Fremdeinschätzung ist so eine Sache. Die Menschen um uns herum kriegen doch nur mit, was wir nach außen tragen. Sie hören sozusagen nur den fertigen Vortrag, nicht die ganzen Fehlversuche beim Schreiben, die Aufschieberei auf dem Weg dahin und die Selbstzweifel, die uns bis ans Rednerpult begleiten. Eltern sowieso: Je länger die Kindheit her ist, desto mehr wird sie idealisiert.

Wenn Du einigermaßen funtkionierende Coping-Mechanismen hast und nicht offensichtlich wie die Klischeevorstellung von ADHS herumflippst, dann kommen die wenigsten von selbst drauf, dass da ADHS im Spiel sein kann. Viele von uns merken’s ja lange Zeit nicht mal selbst. Erst wenn wir anfangen, uns im Licht dieser Möglichkeit zu hinterfragen, erscheint es uns teils so offensichtlich, dass wir das gar nicht mehr ohne denken können. Aber auch das ist wieder ein innerer Prozess, den kriegt niemand so mit.

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Ich finde die unterschiedlichen Erfahrungsberichte von euch interessant und auch irgendwo sehr ermutigend. Das zeigt, wie verschieden die einzelnen Geschichten trotz der gleichen Diagnose sind (egal ob mit H oder ohne H).

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Danke, ja! Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass dieselbe Leute sich gegenseitig solche Vorträge erlaubt haben. Was gibt einem Mensch das Recht, andere nach seinem Muster biegen zu wollen und ihn anpassen zu wollen? Lieber bin ich so wie ich bin als ein verlogener falscher Mensch, der nur seine Außenfassade gesellschaftstauglich und angepasst pflegt. Und ja, alle diese Menschen, die bei mir immer zu meinen wußten, was bei mir nicht stimmt, sind leere Kreaturen ohne eigene Persönlichkeit. Ich habe sie aus meinem Leben verbannt und lache sie einfach innerlich bemitleidend aus.

Weiß jetzt nicht, ob dies zu deinem Post passt, bin momentan irgendwie im Modus: f*ck the haters! Trotzdem lasse ich weiterhin vieles zu nah an mir ran.

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@Maxmalwieder

Bingo! Genauso bei mir passiert. Mein (eigentlich) bester Kumpel (kennen uns jetzt schon seit über 22 Jahren) wollte mir sogar bis nach erhaltener Diagnose ausreden dass ich ADHS habe. „Ach komm das kann nicht sein! Ich kenn jemand der hat das und bei dem ist das viel schlimmer!“
Warum? Warum kann eine fundierte Diagnose die absolut ins Bild passt nicht einfach akzeptiert werden?`

Sry bin grad deswegen auch etwas auf 180 mal wieder :frowning:

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Gemessen daran, dass viele von uns sogar die eigene Diagnose hin und wieder anzweifeln, würde ich das dem Kumpel nicht so sehr ankreiden. Mir passiert das sogar unter Medi-Wirkung, wenn ich mich - auch dank dieser - mal nicht mehr für ein Montagsauto halte.

Nur, falls das hilft von 180 auf 130 zu kommen…

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Weil die meisten Leute da draußen höchstens Halbwissen haben.
Deswegen würde ich es auch nicht erzählen.

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Naja ich halte schon relativ den Deckel drauf.
Auf der Arbeit wissen das lediglich die Chefin der Personalabteilung (frei nach Sheldon) und mein Chef wegen den Terminen und damit ich damit keine Probleme bekomme weil mein Arzt eigentlich nur vormittags Termine vergibt und die spätesten Termine nachmittags viel zu früh für mich sind. Also bekomme ich immer den ersten Termin des Tages (8 Uhr).
Im privaten ist es auch sehr überschaubar.
Selbst 90% meiner Familie wissen es nicht.
Hatte halt nur irgendwie die Hoffnung das grade vom besten Kumpel da etwas mehr Rückhalt kommt. Naja, hinterher ist man immer schlauer :expressionless:

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Ich weiß nicht – ein Grund dafür, dass so viele von uns immer mal wieder an unserer Diagnose zweifeln, ist doch, dass Leute uns unser Leben lang eingeredet haben, wir wären nicht eine vollständige Version von uns, sondern eine unvollkommene Version von ihnen. Jedenfalls kommt’s mir so vor. Deshalb bin ich da ein bisschen weniger nachsichtig, wenn Leute das einfach weiter behaupten.

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Ich weiß auch nicht. Ich fürchte aber, mir waren solche Leute nie wichtig genug. Sonst hätte extrinsische Motivation vielleicht auch besser geklappt. Kann natürlich sein, dass ich nur introjektbegabt bin und die besagten Leute längst als Selbstgespräch verinnerlicht habe.

Ich zweifele an der Diagnose evtl. auch immer mal testweise, wenn ich fürchte, ich verschenke durch sie Coping-Potential, indem so eine „Das ist eben so. Finde Dich damit besser ab.“ - Resignation einzieht.