AD(H)S trotz unauffälliger Grundschulzeit?

Hallo zusammen,

ich bin hier ganz neu im Forum und hoffe, ich bin hier in der richtigen Kategorie.
Ich bin weiblich, 30 Jahre mit den Diagnosen generalisierte Angststörung, spezifische Phobie und rezidivierende depressive Störung (derzeit mittelgradige depressive Episode). Insbesondere mit der Angstproblematik habe ich bereits seit meinem 16. Lebensjahr zu tun.
Seit einiger Zeit bin ich auf das Thema AD(H)S aufmerksam geworden und erkenne mich in vielen Verhaltensweisen wieder. Beim Symptom-Test V5 der ADxS-Seite hatte ich ein Ergebnis von 27 von 43 ADHS-typischen Symptomen, was laut der Seite auf eine starke ADHS-Symptomatik hindeutet. Allerdings zweifle ich immer wieder daran, ob eine Diagnostik sinnvoll wäre, auch aufgrund meiner bestehenden Diagnosen, die ja durchaus ADHS-ähnliche Symptome auslösen können.
An meine Kindheit kann ich mich schwer erinnern. Laut meiner Eltern war ich ein unruhiges Baby, das Schwierigkeiten mit dem Schlafen hatte, aber nicht extrem auffällig. Ich konnte mit ca. 10 Monaten laufen und hasste es, im Kinderwagen zu sitzen. Als Kleinkind war ich laut ihnen zum Teil „verträumt“, ich mochte nicht lange stillsitzen in Restaurants, o.Ä., habe mir wenig zugetraut und war grundsätzlich eher zurückhaltend, aber dennoch „aktiv“ (malen fand ich im Kindergarten schrecklich, ich habe immer draußen gespielt). Allerdings kann das ja auch eine Typ-Sache sein und ich denke so verhalten sich viele Kinder. Meine Eltern fanden mich auch nicht besonders auffällig. In kurzen Videos aus meiner Kindheit ist mir aufgefallen, dass ich zum Teil wie „geistesabwesend“ geguckt habe, manchmal ein bisschen in meiner eigenen Welt war und meistens langsam oder gar nicht auf Ansprachen reagiert habe (bis zum Alter von 4-5 Jahren). Allerdings sind dies nur kurze Ausschnitte, ansonsten fiel mir nichts besonderes auf.
Um einen besseren Eindruck zu bekommen, habe ich mir meine Grundschulzeugnisse angeguckt. Ich war eine sehr gute Grundschülerin, meine Zeugnisse waren nicht auffällig - im Gegenteil, oft wurden Wörter benutzt wie „ausdauernd, engagiert, zuverlässig, kann dem Unterricht folgen“. Höchstens kleine Auffälligkeiten waren vorhanden, wie bspw. manchmal unvollständiges Material, manchmal Probleme mit dem Einhalten der vorgegebenen Zeit, manchmal wenig Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und gesonderte Übungen um eine gleichmäßige Schreibschrift zu erhalten (wobei da schwer zu sagen ist ob nur ich diese gesonderten Übungen machen musste). Ich war auch perfektionistisch, als ich einmal einen einzigen Fehler in einem Diktat hatte, war ich völlig aufgelöst und weinte den ganzen Heimweg.
Mit Klassenkameraden kam ich immer gut zurecht und hatte über meine ganze Kindheit ziemlich stabile Freundschaften. Ich konnte außerdem stundenlang lesen und eigene Geschichten schreiben, dann war ich oft wie versunken. Ansonsten konnte ich mich aber schwer alleine beschäftigen, wollte immer dass mein älterer Bruder mich „entertaint“.
Schwierigkeiten kamen erst ab dem Gymnasium, dort wurden plötzlich meine Noten schlecht, ich rebellierte, usw.
Ich möchte euch nicht mit meinem gesamten Lebenslauf langweilen, sondern meine Frage ist: Lohnt es sich eine Diagnostik anzustreben, auch wenn die Grundschulzeit so unauffällig war? Die Probleme kamen erst danach, ist es möglich dass bei ADHS so ein starker Umschwung kommt von ausdauernd zu unkonzentriert? Oder wären Auffälligkeiten dann schon immer in einem gewissen Maß da gewesen?
Symptome, bei denen ich weiß, dass sie schon sehr lange bestehen sind: Verträumt/gedanklich immer mal wieder abwesend, motorische Unruhe (mit den Füßen wippen, mit Sachen rumspielen, usw.), versinken in Dingen, die mich interessieren, Dysphorie bei Inaktivität, niedriges Selbstwertgefühl und ganz stark ausgeprägt Rejection Sensitivity.
Bei allen anderen Symptomen kann ich schwer beurteilen, seit wann sie vorhanden sind bzw. ob sie zum Teil nicht auf meine anderen Diagnosen zurückzuführen sind, die ich ja inzwischen auch schon seit einer langen Zeit habe.
Ich wäre für jeden Ratschlag dankbar, auch wenn hier sicherlich einige Informationen fehlen.
Liebe Grüße

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Liebe @Hbl12345

schön, dass Dein Weg Dich in unser Forum geführt hat :smiling_face:

Ich könnte es kurz machen und einfach sagen „Ja es lohnt sich!“

Es kann gut sein, dass Deine Copingstrategien die für die Grundschule funktioniert haben, im Gymnasium dann einfach nicht mehr funktioniert haben. Aufs Gymnasium gehen ist dann doch noch mal eine ganz andere Herausforderung.

Auch können die beginnenden hormonellen Umstellung im Hinblick auf die beginnende Pupertät eine Rolle spielen.

Unauffällige Mädchen wurden früher nie mit ADHS in Verbindung gebracht, denn das ist das gesellschaftlich erwünschte Stereotyp.
Auch Jungs die nicht wild hyperaktiv rumzappeln und am besten auch noch richtig schlecht in der Schule sind wurden allermeist übersehen (wie auch ich selbst)
Was wusste man früher schon von ADHS?
Ich wusste ja selber nichts davon.
Leider gilt das Stereotyp vom ADHS Jungen auch heute in unsere Gesellschaft noch.
Und selbst Fachpersonal hat meist keine Ahnung von ADHS im Erwachsenenalter und würden es deshalb auch nicht erkennen oder gar diagnostizieren.

Es ist sehr oft der Fall, dass unerkannte ADHSler mit Ängsten und Depressionen sich in Behandlung begeben und erst viel später kommt raus dass da unbehandeltes ADHS vorliegt.

Deine bisherigen Diagnosen können sowohl einzeln ohne ADHS vorlegen, aber auch als Komorbitäten die durch die nicht Behandlung entstanden sind.

Dein ADHS Screeningtest hat ja schonmal ein gutes Stück bestätigt, dass Dein Verdacht richtig sein könnte.

Was Deine Eltern betrifft. Nun es gibt auch eine gewisse genetische Wahrscheinlichkeit, dass bei Kindern mit ADHS wenigstens ein Elternteil auch ADHS hat. Das ist auch der Grund warum Eltern, die Symptome selber bei ihren Kindern nicht wahrnehmen, weil sie es von sich selber nicht anders kennen. (Das muss bei euch nicht der Fall sein, aber es kommt sehr oft vor)

Ahja bevor ich es vergesse wegen Rejection Sensitivity

Es gibt bei ADHS eine Art von Rejection Sensitivity die ein Amerikanischer Arzt Rejection Sensitive Dysphoria genannt hat.

Vllt sagt Dir das ja was :upside_down_face:

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Hallo liebe Hbl12345,

ja, es lohnt sich!!! Ich kann nur sagen, dass ich jetzt vor 10 Wochen mit 45 Jahren die Diagnose bekommen habe.

Meine Grundschulzeit und auch die Zeit auf dem Gymnasium waren nahezu völlig unauffällig. Erst ab 20 kamen die ersten Symptome, die auffielen…

Ich habe schon seit über zwei Jahrzehnten eine Zwangsdiagnose, die aber auch mittlerweile in Frage gestellt wird, insofern, als dass es schon immer eher ADHS gewesen sein könnte.

Ich habe endlich meinen Frieden und Ruhe im Kopf Dank Elvanse.

Alles Liebe für dich!

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Ja, mit der Diagnostik machst Du nichts falsch und auffällige Grundschulzeugnisse sind keine Voraussetzung für die Diagnose. Es muss nachgewiesen werden, dass Symptome schon in der Kindheit bestanden, das muss aber nicht zwangsläufig in der Schule aufgefallen sein. Wenn Deine Eltern femdanamnestisch von Aufmerksamkeitsproblemen berichten können, dann sollte das auch schon ein Hinweis sein.
Wichtig ist, dass Du Dir jemanden suchst, der auf die ADHS Diagnostik spezialisiert ist, weil Du ansonsten riskierst, aufgrund der eher nicht auffälligen Kindheit einfach durchgewunken zu werden.

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Hallo @anon57001248 ,
vielen Dank für deine ausführliche Antwort!
Leider habe ich auch schon öfters gelesen, dass selbst Experten oft noch das „typische“ ADHS-Bild im Kopf haben, welches insbesondere bei Mädchen seltener auftritt. Wirklich schwierig :frowning:
In das Video zu Rejection Sensitive Dysphoria habe ich reingeschaut, vielen Dank für die Empfehlung! Ich erkenne mich definitiv in vielen Dingen wieder - ich bin ein riesiger People Pleaser. Gefühle wie Wut und Ärger unterdrücke ich schon sehr lange, so dass es mir auch schwer gefallen ist, diese Fragen zur Impulsivität zu beantworten. In meiner späten Kindheit und Jugend hatte ich ab und an mit Wutausbrüchen zu tun. Aus Angst vor Ablehnung habe ich diese Emotionen völlig vergraben - außer mir selbst gegenüber natürlich. :roll_eyes:
Dass die Genetik eine große Rolle spielt, habe ich auch oft gehört. Ohne Expertenwissen zu haben, sehe ich meine Mutter besonders im Bereich der Impulsivität sehr stark.
Auf jeden Fall hat mir deine Antwort sehr dabei geholfen, mich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen und nicht aufgrund meiner Grundschulzeugnisse „aufzugeben“. Es wäre einfach schön eine Erklärung dafür zu haben, wieso es mir seit Jahren so geht, denn ich habe einfach das Gefühl, dass es über Angststörung und Depression hinausgeht.
Vielen Dank dir! LG

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Hallo @ADHalSodoch ,
vielen Dank für die Antwort!
Es freut mich sehr, dass dir die Diagnose Erleichterung und Klarheit gebracht hat und vor allem einen Weg, wie du damit umgehen kannst!
Frieden und Ruhe im Kopf klingt wirklich traumhaft - vielleicht komme ich ja auch irgendwann dahin! :slight_smile:
Liebe Grüße!

Hallo @Albinomaus ,
vielen Dank für die Antwort und den Tipp!
Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass (unabhängig von einer möglichen ADHS-Diagnostik) für Psychiater/Psychotherapeuten die Sache oft klar ist, wenn bereits eine Depression oder Angststörung vorliegt. Symptome, die man besprechen will, wurden gefühlt automatisch auf die beiden Diagnosen geschoben, auch wenn es einem selbst anders vorkam. Man möchte aber dann als Nicht-Experte natürlich nicht widersprechen.
Danke fürs Bestärken!
LG

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Aus meiner Kindheit kenne ich das auch.

Ich habe neulich erfahren, dass zu dem Symptom der Impulsivität auch Dinge wie lautes und schnelles Sprechen gehören.
Ich dachte nämlich auch, dass ich diese Impulsivität überhaupt in keiner Weise mehr habe und ich nicht wüsste was ich auf die Frage antworten könnte.

Genau so ging es mir auch.
Du wirst auch auf Fachpersonal treffen die glauben, dass wenn in den Grundschulzeugnissen nichts steht, das ein Ausschlusskriterium für eine ADHS Diagnose sei. Alles selber erlebt und auch schon oft gehört und gelesen.

Spannend, eine laute Stimme habe ich definitiv und das trotz meiner unsicheren Art und dem „nicht im Mittelpunkt stehen wollen“. Sogar so, dass mich eine geräuschempfindliche Freundin regelmäßig darum bittet, leiser zu sprechen. :slight_smile: Was bei mir direkt mit Schamgefühlen einhergeht. :upside_down_face:

Darf ich fragen, wie lange es bei dir gedauert hat, bis du die Diagnose erhalten hast? Und wie viele Experten musstest du dafür aufsuchen?

Wenn es am Ende bei mir kein ADHS ist, was ja mit guter Wahrscheinlichkeit sein kann, kann ich das natürlich hinnehmen. Ich möchte halt nur ungern das Gefühl bekommen, dass ich einfach nur „abgewimmelt“ werde, weil bestimmte Dinge nicht ins typische Bild passen. :neutral_face:

Ja :blush: man selber merkt was überhaupt nicht.

Ich würde einfach mal davon ausgehen, dass es wirklich ADHS ist. Vllt gibt’s noch eine kleine Chance dass es sich am besten alles doch besser anders erklären lässt, aber so what :man_shrugging:t2:
Ich würde mich einfach wieder mit dem Thema beschäftigen und versuchen immer mehr zu verstehen was da alles an Symptomen eine Rolle spielen kann.
Ich habe für mich festgestellt, dass auf die Ausprägung der Symptome auch andere Dinge und Vorstellungen eine Rolle spielen und man oft das ein oder andere Symptom bei sich erstmal so nicht direkt sehen kann.
Auch gerade die Angststörung kann dem ein oder anderen Symptom entgegen wirken, weil sowas macht man ja nicht usw…

Auf jeden Fall, meine Angststörung hält mich oft von bestimmten Verhaltensweisen ab - das kann mal gut, mal schlecht sein. :upside_down_face:
Ich werde mich definitiv weiter damit beschäftigen und wer weiß - vielleicht schaffe ich es ja dann auch mal mich zur Diagnostik zu überwinden.
Vielen Dank für deine Hilfe!

Apropos Grundschulzeugnisse ist mir noch was eingefallen: Letztens habe ich mir das 1. Klasszeugnis von meinem Sohn angeschaut, der deutlich von ADHS betroffen ist. Die Klassenlehrerin hatte uns in der 1. Klasse die Diagnostik ans Herz gelegt, weil er auffällig war. Im Zeugnis finden sich darauf keine Hinweise, ohne zu wissen, dass er ADHS hat, liest es sich völlig unauffällig. Er hat eher Probleme mit der Aufmerksamkeit und hat nie den Unterricht gestört. Wissenslücken konnte er durch guten IQ ausgleichen. Motorische Unruhe äußerte sich durch vom Stuhl fallen, mit Gegenständen rumspielen, Sachen fallen lassen - all das hat keine Erwähnung im Zeugnis gefunden. Trotzdem ist er wirklich sehr beeinträchtigt, auch in der Schule.

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Nein, du langweilst nicht, sondern schilderst schon aus deiner Kleinkindzeit so viele Besonderheiten, die zu ADHS passen, dass man von „unauffällig“ nicht reden kann.

In der Schule konntest du offenbar gut kompensieren. Wenn du eine Leseratte warst, ist das eigentlich kein Wunder. Insbesondere bei Mädchen. Dir 20 Jahre später eine ADHS-Diagnose verweigern, weil du dir in der Schule Mühe gegeben hast, wäre ja eine besonders aparte „Bestrafung“.

Herzlich willkommen im ADXS-Forum! Schön dass du da bist!

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Übrigens mein kleiner Sohn - jetzt ist er 11, aber das war eigentlich immer schon so - passt sich in der Schule an, und wie! Er bekommt morgens Attentin, was aber nur bis mittags wirkt - trotzdem gibt es nie Beschwerden, er ist vom Verhalten her der Klassenbeste und kriegt jeden Tag einen „grünen Smiley“ (es gibt auch gelbe und rote). Vermutlich würden seine Lehrerinnen gar nicht darauf kommen, dass er ADHS-ler ist.

Wenn er um 15:30 nach Hause kommt, setzt er seine „Schulmaske“ ab und ist das wildeste und forderndste Kind, das man sich vorstellen kann.

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@Albinomaus Danke fürs Teilen! Interessant, dass sich im Zeugnis keine Hinweise finden lassen. Es freut mich aber zu hören, dass die Klassenlehrerin einen guten Blick dafür hatte und das Gespräch gesucht hat.

Hallo @Falschparker ,
vielen Dank fürs willkommen heißen und für deine Nachricht! :slight_smile:
Solche Nachrichten bestärken mich sehr eine Diagnostik anzustreben. Ich bin oft so hin- und hergerissen und rede meine eigenen Symptome sehr klein. Es abklären zu lassen kann aber ja so oder so nicht schaden, sondern im besten Fall dazu führen, dass einem mit der Problematik geholfen wird! :slight_smile:

Danke auch für das Teilen der Erfahrungswerte, wie es bei deinem Sohn ist. Solche Erzählungen zeigen mir auch wieder, dass ich selbst noch ein sehr „typisches“ Bild im Kopf habe. Nach dem Motto „in der Schule läuft’s ja gut“. Dass das manche Kinder aber vermutlich enorm viel Kraft kostet, geht dann schnell mal unter. Umso schöner, dass es so aufmerksame Eltern gibt, die einen guten Blick für ihre Kinder haben! :slight_smile:

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