Gemeinsame Freundinnen können ein großer Motivator sein und sich gegenseitig helfen. Was ich eher als Problem sehe, ist, wenn ihre Freundinnen dann neue Freundinnen finden und sie sich abgehängt fühlt. ADHS/ADS ist bei Mädchen oft eher die verträumte Form als bei Jungen. Jungen sind eher impulsiv.
Was den Schulstress angeht - erstens gibt es viele Wege zum Erfolg. Mein Vater hat sich mit Lernen auch schwer getan und war eher der handwerkliche Typ. Der war auf der IGS (integrierte Gesamtschule) deutlich glücklicher als auf dem Gymnasium, hat nach der Schule eine Lehre gemacht und nochmal BWL studiert. Die Lehre hat ihm in seinem Job geholfen, ernst genommen zu werden, da er sich mit dem, was er verkauft hat (Autos) auch wirklich gut auskannte. ADHS wurde bei ihm nie diagnostiziert (andere Zeit etc), aber es ist recht wahrscheinlich, dass er das hat.
Was das Lernen angeht - ADHS-Medikamente können super bei Konzentrationsproblemen helfen (sehe ich täglich bei mir, obwohl ich sie erst am Ende vom Studium bekommen habe). Was beim Lernen wohl der Hauptfaktor ist - immer, bei allen Schülern - ist Interesse. Wozu brauche ich das Ganze? Da kann man sich alle möglichen Szenarien ausdenken. Textanalyse und Quellenanalyse - gibts im Deutschunterricht als Gedichtanalyse - das fand ich furchtbar - ist wichtig für kritisches Denken. Die ganze Debatte, die heute über Falschinformation und Medienkompetenz geführt wird, ist im Kern nur das. Ob ich politische Propaganda von 1920 analysiere oder heute wissen will, ob auf Facebook und Co nicht irgendwelcher Müll verbreitet wird - die Methodik hat sich in den letzten 100 Jahren nicht wirklich geändert. Fremdsprachen - sind geil. Öffnen neue Welten. In der Schule fand ich sie langweilig, aber auf englisch Fanfictions zu meinem Lieblingsbuch lesen zu können und später dann Zeitungsartikel aus aller Welt im Original ist super. Ich kann afrikanische Tageszeitungen lesen und wissen, was vor Ort passiert, weil ich Französisch kann. Ich kann in Frankreich Urlaub machen und mit den Leuten vor Ort mich unterhalten. Mit Spanisch kann sie später überall in Südamerika reisen und sich mit den Leuten vor Ort verständigen. Die sind super nett und offen. Mit Englisch steht ihr die halbe Welt frei - nicht nur die USA und England, sondern auch große Teile Asiens und Europas. Da werden in den großen Metropolen viele Gespräche auf Englisch geführt. Physik - bekommt sie später - war für mich in der Schule Mist, kann einem aber unglaublich viel erklären. Alltagsdinge, wieso man beim Sport Körperspannung braucht. Chemie - worauf man beim Putzen achten sollte, wieso der Glitzernagellack glitzert und eventuell im Dunklen leuchtet. Mathe - ist wunderschön als mentale Ablenkung, wenn einem der Alltag auf die Nerven geht und überall zu gebrauchen. Einfache Größenabschätzungen von Preisen und Runden kann ihr zeigen, wieso es bescheuert ist, wenn bei einer Autowerbung geworben wird, dass es eine Sektflasche gratis gibt - die Sektflasche ist ein Witz im Vergleich zum Preis des Autos. Es zeigt ihr, welche Größenrelationen Preise haben - wieso bei Papier sparen, aber viel Geld für Markenschminke ausgeben, wenn es auch die Billigmarke tut. Exponentielles Wachstum - du knickst ein Blatt Papier so groß wie ein Zimmer und nach ein paar Mal Knicken ist es so klein wie eine Postkarte. Geschichte - da kann man in jeder Epoche was Spannendes finden und seien es nur schöne historische Filme mit all den tollen Kleidern. Klavierspielen wäre auch so ein Beispiel. Ich habe Keyboard gelernt und wollte unbedingt in der Lage sein, Modern Talking (über Musikgeschmack bitte nicht streiten) spielen zu können. Das war Anreiz zum Üben. Aber Musikunterricht mit Blockflöte oder diesem Xylophon, wo man irgendwelches steinaltes Zeug übt? Mitgefühl und Empathie - alleine damit kann man eigentlich alle Fächer reinnehmen. Chemie - ist die Grundlage dafür, dass wir überhaupt Milliarden von Menschen versorgen können (Stichwort Haber-Bosch-Synthese und chemischer Dünger). Seitdem haben wir zwar bescheuerte Kriege um andere Ressourcen, aber es müssen an sich keine Menschen mehr sterben, weil der Boden zu knapp ist und man nicht genug Leute ernährt bekommt. Nochmal Chemie - wie heilt man Krankheiten? Wie wirken Medikamente? Biologie - viel mehr als nur Pflanzen benennen und auswendig lernen, in welche Klasse welches Blatt gehört. Geschichte - wieso haben wir heute überhaupt diese Freiheitsrechte? Mathe - deine Tochter will mit ihren Freundinnen verreisen, aber die eine Freundin ist arm und lebt von Hartz IV, die andere hat zwei gutverdienende Eltern. Wenn man jetzt fiktives Einkommen ansetzt, kann man ausrechnen, wieviel jeder zu der Reise zuzahlen sollte, dass es fair ist.
ADHS kommt gerne mit Hyperfokus. Heißt, wenn man einen Grund findet, wieso man xyz unbedingt will oder spannend findet, lernt man die Dinge fast schon von alleine. Bei der Schwimmtasche - was ist wirklich wichtig? Braucht sie wirklich all den Kram? Badeanzug und Handtuch sind Essentials. Schwimmbrille vergessen ist nervig, weil man nicht kraulen kann und nicht tauchen, aber kein Beinbruch, wenn man die mal vergisst. Haare waschen - kann man notfalls zuhause nachholen. Schulsachen - was ist wirklich essentiell? Kann sie die Bücher in der Schule lagern? Benutzt die Schule Tablets? Blöcke und Stifte kann man viele haben, dann hat man halt 10 Stifte, 2 in jeder Tasche und irgendwo findet sich dann immer mal einer. Die Sachen sind ja selten für immer weg 
Hausaufgabenbetreuung und Unterricht funktioniert nach Schema F. In den unteren Klassenstufen (bis ca. Klasse 10) wird viel auf den ganzen Kleinscheiß Wert gelegt - schöne Handschrift, ordentliche Hefter, in Mathe nicht auf liniertem Papier rechnen. Ich hatte viele Klassenkameradinnen, die immer fleißig gelernt haben, wunderschöne Hefter hatten usw und ich war immer die mit der 2 oder 3 unter den Streberinnen. In der Oberstufe wurde dann mehr aufs selbstständige Denken und Argumentieren wieso man xyz tut, Wert gelegt. Und im Studium war das Thema Ordnung dann komplett durch. Da hat dann niemand mehr gefragt, ob wir die Hausaufgaben auf Karopapier rechnen oder auf parfümierten Zetteln, solange es lesbar war.
Kurzum - es wird besser. Wenn sie sich dann irgendwann das raussucht, was ihr wirklich Spaß macht, kommt die Motivation und sie wird sich an das anpassen, was die anderen tun. Berufe wählt man eh oft genug nach dem, was einem liegt, Spaß macht und wie die anderen drauf sind. Ich habe selten so viel hyperaktive Verpeiltheit und Unordnung gesehen wie bei Physikern. Wenn man andauernd was vergisst, muss man sich mehr merken. Und schafft sich dann sein eigenes System. Spätestens, wenn man später sehr viel auf einmal machen muss, lernt man, Prioritäten zu setzen und findet sein eigenes Ordnungssystem.
Ein Freund aus dem Studium hatte furchtbare Probleme mit Fremdsprachen. Französischer Mathematiker, ist auf einer Eliteuni gewesen und hat trotzdem furchtbar viele Rechtschreibfehler gemacht. Hatte null Freunde, bis ich als Ausländerin an die Uni kam. Und trotz aller Sprachdefizite hat das Erlebnis ihn so geprägt, dass er sogar ein Jahr in Deutschland studiert hat. Seine Exfreundin war auch Ausländerin und dann kam bei ihm das mit der Sprache. Bei mir umgekehrt auch - ich wollte Freunde in Frankreich finden, weil ich nicht gut mit Gruppen klarkam und die Ausländer immer in Gruppen zusammengehockt haben. Da kam das Thema Sprache dann automatisch. War nicht immer einfach, war nicht immer schön, war oftmals sehr einsam. Aber die Erfahrung war genial. Man kann das Abi nachholen. Man kann Fachabi machen. Man kann nach 3 Jahren Berufserfahrung oder so auch ohne Abitur studieren - allerdings nur das Fach, in dem man arbeitet. Nichtlineare Lebensläufe werden oft schief angeschaut und führen zu Selbstzweifeln. Aber dafür lernt man, was man wirklich will und unglaublich viel über sich selbst und über Organisation. Ich habe Freunde, die ganz normal Abi gemacht und studiert haben. Und andere, die eine Lehre gemacht haben, keine Fremdsprache konnten und sich alleinerziehend durchgekämpft haben. Letzere hat dann tatsächlich promoviert als alleinerziehende Mutter und Englisch in ihrer Arbeitsgruppe gelernt mit viel Unterstützung der Kollegen. Diverse Lehrer haben mich gelehrt, Physik zu hassen und am Schluss habe ich das Kackfach tatsächlich studiert, als ich nicht mehr gezwungen wurde, Wurfparabeln von Bällen zu berechnen, sondern die Hoffnung hatte, endlich zu wissen, wie Chemie funktioniert. Das war es wert. 10 Jahre harte Arbeit, aber ich kann sagen, dass ich jetzt so tief rein gegangen bin, wie ich wollte und endlich meine Antworten habe, auf die ich jahrelang gewartet habe. Intrinsische Motivation ist die größte Gabe - wenn Dinge um ihrer Selbst willen Spaß machen. Und Erfolgserlebnisse sind so wichtig. Und wie gesagt, bei der Konzentration können ADHS-Medikamente sehr gut wirken. Sie haben genug Nebenwirkungen und sind nicht für jeden was. Aber wenn sich Erfolgserlebnisse einstellen, geht die Spirale, die bei euch anscheinend gerade nach unten geht, auch schnell wieder nach oben. Wichtig ist nur, dass deine Tochter weiß, dass ihr Glück und Erfolg im Leben nicht an ihren Schulnoten hängt und niemals hängen wird. Der Rest wird kommen. Viel Glück.