Hallo zusammen,
meine Tochter ist sehr verträumt und extrem leicht ablenkbar (z. B. durch eine Fliege im Raum, das Klingeln der Tür oder indem sie mit ihren Haaren spielt). Sie zeigt ausgeprägte Konzentrationsprobleme und benötigt für Aufgaben deutlich mehr Zeit als andere Kinder.
In der Schule schafft sie ihre Hausaufgaben häufig nicht vollständig und kommt oft nach Hause, ohne alles beendet zu haben. Teilweise muss ich ihr den Stoff erneut erklären, da sie dem Unterricht nicht ausreichend folgen konnte. Wenn ich ihr die Inhalte erkläre, versteht sie diese gut, arbeitet jedoch weiterhin sehr langsam.
In der Hausaufgabenbetreuung sind jeweils 20 Minuten für Deutsch und 20 Minuten für Mathematik vorgesehen. Tatsächlich entspricht ihre Leistung dort häufig nur etwa 10 Minuten wirklich konzentrierter Arbeit. Zu Hause benötigt sie anschließend mindestens weitere 1,5 Stunden, um die Hausaufgaben zu beenden.
Eigentlich sollte Lernen Spaß machen. In unserem Alltag sind Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen jedoch sehr belastend – nicht, weil wir unmotiviert wären oder unsere Tochter nicht unterstützen möchten, sondern weil wir sie permanent an ihre Konzentration erinnern müssen („konzentrier dich“, „nicht träumen“), teilweise minütlich. Bisher hat dieser Druck unsere Beziehung noch nicht nachhaltig belastet, wir haben jedoch große Sorge, dass sich dies langfristig negativ entwickeln könnte. Genau das möchten wir unbedingt vermeiden.
Ihre Arbeitsausdauer in Klassenarbeiten ist deutlich eingeschränkt. Zu Beginn kann sie sich noch relativ gut konzentrieren, gegen Ende lässt die Konzentration stark nach, und sie schreibt dann „irgendetwas“. Etwa 10–15 % ihrer Fehler sind Flüchtigkeitsfehler bei Inhalten, die sie eigentlich sicher beherrscht. Außerdem verliert sie Punkte, weil sie Aufgaben nicht genau liest. Durch diese Konstellation erhält sie meist eine Note 3, gelegentlich auch eine 2. Ohne unsere intensive Unterstützung hätte sie vermutlich eine 4 oder schlechter.
In letzter Zeit schlägt sie sich während des Lernens mit der Hand gegen die Stirn, um konzentriert zu bleiben. Außerdem sagt sie zunehmend Sätze wie: „Ich bekomme immer nur diese Noten, obwohl ich viel lerne.“ Wir empfinden dies als beginnende Dekompensationszeichen und als Ausdruck einer hohen inneren Belastung.
Ihr Arbeitsstil ist insgesamt chaotisch. Beim Schreiben von Geschichten sind ihre Texte sehr ungeordnet; sie schreibt meist das auf, was ihr spontan in den Kopf kommt, ohne erkennbare Struktur oder Planung. Die Schrift wirkt dabei häufig unkonzentriert und wenig sorgfältig.
An den Hauptfächern zeigt sie nur geringes Interesse, während sie ein sehr großes Interesse an Sachunterricht und Musik hat.
Sie hat erhebliche Schwierigkeiten mit Struktur und Organisation. So vergisst sie beim Packen ihrer Schwimmtasche regelmäßig einzelne Dinge oder vergisst trotz täglicher Routine immer wieder ihre Zahnspange. Morgens muss sie sich stark konzentrieren, um nichts zu vergessen.
Diese Schwierigkeiten zeigen sich auch in ihren Hobbys:
Früher hat sie Schwimmen als Leistungssport betrieben, was jedoch nicht funktioniert hat, da sie die erforderliche kontinuierliche Anstrengung nicht aufbringen konnte. Derzeit schwimmt sie im Breitensport weiter, da sie Freude am Schwimmen hat – jedoch ohne Leistungsdruck.
Auch beim Klavierspielen zeigt sich ein ähnliches Muster. Sie hat wenig Motivation, neue Stücke zu beginnen, Noten zu lesen oder regelmäßig zu üben. Bereits eingeübte Stücke spielt sie hingegen problemlos. Der Einstieg in neue Stücke fällt ihr extrem schwer und wird von ihr als sehr belastend erlebt („wie gegen eine Wand schieben“).
Sie ist ein sehr sensibles Mädchen mit ausgeprägtem Mitgefühl und hoher Empathie gegenüber anderen Menschen.
In der Schule (NRW) hat sie eine eingeschränkte gymnasiale Empfehlung. Die Klassenlehrerin meinte, ohne unsere Unterstützung hätte sie eine Realschulempfehlung erhalten. Mit unserer Unterstützung „verdiene sie eine Chance“ auf dem Gymnasium. Die Lehrerin ist der Ansicht, es könne sein, dass sie irgendwann einen „Click“ bekommt und es besser wird – ebenso könne es sein, dass sie in 1 oder 2 Jahren auf die Realschule wechseln müsse.
Wir haben die Lehrerin sowohl beim Empfehlungsgespräch als auch in vorherigen Elterngesprächen auf unseren Verdacht eines ADS angesprochen. Dies wurde von ihr verneint mit der Begründung, die Leistungen seien zu gut; sie sehe unsere Tochter lediglich als hochsensibles Kind. Sie hat zwar schon Kinder zu kinderpsychiatrischer Abklärung geschickt, jedoch eher Kinder mit den Noten 4–5.
Wir haben inzwischen einen Termin bei einer Kinder- und Jugendpsychiaterin vereinbart, da wir der Meinung sind, dass die oben beschriebenen Punkte deutlich für ADS sprechen. Zudem zeigt unsere Tochter erste Dekompensationszeichen, und wir befürchten, dass der Schulstress langfristig unsere Beziehung belastet. Leider ist der Termin erst im Juli.
Nun stehen wir vor der Entscheidung der weiterführenden Schulform und sind sehr unsicher.
Was für das Gymnasium spricht:
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Sie möchte gemeinsam mit ihren Freundinnen dorthin gehen
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stärkere Leistungsförderung
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unsere Hoffnung, dass sich bei bestätigter Diagnose und unter Therapie ihre Leistungen verbessern könnten (z. B. eine Note besser), sodass sie auf durchschnittlichem Niveau arbeiten kann, ihre Hausaufgaben selbstständig schafft und der familiäre Stress deutlich abnimmt
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die Sorge, später zu bereuen, dass wir ihr nicht die Chance auf das Gymnasium gegeben haben und sie an der Gesamtschule unterfordert ist
Was gegen das Gymnasium spricht:
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die Befürchtung, dass sie selbst unter Therapie überfordert sein könnte
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dass sie sich ständig mit leistungsstärkeren Kindern vergleicht und trotz großer Anstrengung weiterhin keine guten Noten erzielt
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Unsere Sorge ist außerdem, dass – falls es in ein oder zwei Jahren doch nicht gut klappt – ein Schulwechsel notwendig wird. Da es in unserer Nähe keine Realschule mit freien Plätzen gibt, bestünde die Gefahr, dass unsere Tochter dann nicht gezielt wechseln kann, sondern an irgendeine Realschule geschickt wird, was wir ihr gerne ersparen möchten.Gerade bei einem so sensiblen Kind befürchten wir, dass ein solcher Schulwechsel sehr frustrierend für sie wäre und sie diesen als persönliches Scheitern erleben könnte – im Sinne von „Ich bin nicht gut genug“. Das könnte ihr Selbstwertgefühl zusätzlich belasten.
Was für die Gesamtschule spricht:
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Lernen im eigenen Tempo
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weniger Leistungsdruck
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dennoch die Möglichkeit, später Abitur zu machen
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wir wohnen in Münster, wo das Niveau der Gesamtschulen relativ hoch ist, da viele Kinder mit gymnasialer Empfehlung aufgenommen werden
Was gegen die Gesamtschule spricht:
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die Sorge, dass sie dort nur das Minimum leistet
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dass sie sich in einem sehr offenen „Freestyle-System“ auf einem niedrigeren Niveau einpendelt, obwohl sie eigentlich mehr leisten könnte.
Da wir nicht wissen, was auf uns zukommt, sind wir sehr auf die Erfahrungen von Eltern angewiesen, deren Kinder bereits auf einer weiterführenden Schule sind und eine ADS-Therapie erhalten.
Ich weiß, dass jeder Fall sehr individuell ist. Dennoch würde mich sehr interessieren:
– Wie sind eure Erfahrungen nach Beginn einer Therapie?
– Verbessern sich Konzentration, Arbeitsgeschwindigkeit und Leistungen so, dass ein Kind am Gymnasium tatsächlich etwa eine Note besser wird?
– Und wenn ihr in unserer Situation wärt: Gymnasium oder Gesamtschule?
Vielen Dank für eure Erfahrungen.
