AD(H)S Verdacht berechtigt?

Hallo,

ich denke solche Themen wurden hier schon häufiger besprochen, dennoch möchte ich gerne einen Beitrag starten. Denn das Thema belastet mich spürbar und die Aussicht auf eine Diagnose ist ein riesiger neu entdeckter Lichtblick. Umso mehr habe ich Angst, dass sich der Verdacht als unbegründet herausstellen könnte.

Erstmal zu mir, ich bin Cis-Mann und 26 Jahre alt. Aktuell bin ich im 6. Semester eines kreativen Studiengangs. In den kreativen „Hauptfächern“ habe ich hervorragende Noten, allerdings werde ich zum Ende des Semesters nie fertig mit meinen Projekten und verliere mich in Details oder Aufgaben, welche mir besonders gut liegen. Dinge endgültig zu beenden fällt mir wahnsinnig schwer und oft brauche ich deutlich länger für meine Arbeiten als andere, was für mich bisher mit meinem starken Perfektionismus zusammenhing. Andererseits bin ich oft den halben Tag in der Uni mit quatschen oder anderem Kram beschäftigt und komme kaum voran. Dann kommen plötzlich Arbeitsphasen, in denen ich in kürzester Zeit sehr viel schaffe. Bei meinen meinem Projektangaben streiche ich häufig Teile der Prüfungsleistungen, was aber toleriert wird. Die Qualität der Ausarbeitung reißt es dann am Ende meist raus, allerdings muss ich dafür häufiger mehrere Tage und Nächte durcharbeiten und erleide massiven körperlichen und mentalen Stress. Zum Ende des ersten Semesters ging soweit, dass ich innerhalb von 4 Tagen/3 Nächten zusammengenommen nicht mehr als 5 Stunden geschlafen habe und eigentlich pausenlos gearbeitet habe. Innerhalb des Semesters mache ich selten Nachtschichten und versuche immer mehr auf meinen Schlaf zu achten. Dass ich Nächte durchmache ist allerdings seit diesem Studium neu und missfällt mir sehr, anders schaffe ich es aber einfach nicht.

In den Klausurfächern dagegen habe ich das riesige Problem mich nicht zum lernen aufraffen zu können. Teils stell ich mir etliche Male am Tag den Wecker um endlich anzufangen und mach es dann doch nicht. Am Ende gehe ich dann meist nahezu oder gänzlich unvorbereitet in die Klausur. Inzwischen ist es in manchen Fächer so schlimm, dass mir bei weiteren Fehlversuchen die Exmatrikulation droht. Dabei mag ich eigentlich mein Studium grundsätzlich gerne und betrachte es durchaus als wichtig. Vorlesungen besuche ich auch nicht, weil ich da eh nicht zuhöre und quasi gar nix mitnehme. Es ist als würde ich durch eine Röhre schauen und alles nur noch dumpf hören, die Worte kommen bei mir gar nicht richtig an auch wenn ich sie eigentlich höre oder ich mache irgendwelchen anderen Kram und passe garnicht auf.

Ähnlich geht es mir beim Lesen von sachtexten oder Büchern. Ich lese einzelne Worte aber es ergibt sich kein Zusammenhang oder ich bin gedanklich direkt komplett woanders. Deshalb hab ich in meinem ganzen Leben nicht mehr als 5 Bücher gelesen

Leider ist es finanziell auch inzwischen echt schwierig und würde eigentlich gerne von zuhause ausziehen und auf eigenen Beinen stehen aber ich schaffe es einfach nicht, was mich seelisch sehr belastet.

Ich bekomme es seit Monaten nicht auf die Kette mich für einen Job zu bewerben, obwohl ich eigentlich auch ein Praktikum machen müsste um das Studium abschließen zu können. Seit ungefähr 7 Monaten versuche mein Bewerbungsportfolio zu erstellen, was nur sehr unkontinuierlich und unter großer Überwindung gelingt aber einfach nicht fertig wird. Fast alle anderen haben ihr Praktikum inzwischen abgeschlossen.

Letztes Jahr im Sommer hatte ich dann aufgrund des Stresses und einer fehlgeschlagenen Beziehung eine Art Burnout mit anschließender Depression. Damals war es so schlimm dass ich das Gefühl hatte, meine Zunge nicht mehr richtig bewegen zu können. Ich stand von morgens bis abends wahnsinnig unter Strom, könnte kaum Stillsitzen und hatte wahnsinnige Gedankenkreise, die sich um verschiedenste Themen handelten. Oft hatte ich abends Kopfschmerzen vom nachdenken und wachte morgens vollkommen verkrampft, mit Kieferschmerzen und Kopfschmerzen auf und sofort ging der Zirkus vom vorne los. Im sonstigen Alltag begleitet mich eher ein dumpfes Kopfgefühl, mit plötzlich einschießenden Gedanken oder plötzlichen Sprüngen und dem Gefühl eher nur Gedankenfetzen zu denken, die ich teils auch nicht so richtig greifen kann. Nachdem ich dieses Loch durch, dauerhafte reflexion überwinden konnte begab ich mich dann in Tiefenpsychologische Therapie und inzwischen geht es mir besser aber mich begleitet seit Beginn der Therapie das Gefühl, dass ein grundlegender Baustein fehlt. Dass die erarbeiteten Gründe zwar irgendwo eine Erklärung sind aber als vollständige Herleitung nicht ausreichen für die Probleme die ich habe.

Vorallem beschäftigt auch die Frage, warum alle um mich herum ihren Arbeits-/Unialltag einfach schaffen und ich nicht obwohl ich eigentlich, wenn ich denn Antrieb finde, auch richtig gut und kreativ bin in dem was ich tue.

Nach der Uni hänge ich meist nur Zuhause rum und schaue irgendwelche Serien, dabei hab ich viele Ideen was ich gerne machen und wie ich mein Leben verbessern könnte aber ich schaffe es selten anzufangen. Dann liege ich wie ein 300 Kilo schwerer schlaffer sandsack auf meinem Bett und stelle mir Wecker für Wecker um irgendwelche simplen Formulare auszufüllen, E-Mails zu schreiben oder mit der Hausarbeit anzufangen. Diese Problematik vermittelt mir das Gefühl meilenweit hinter meinen Optionen hinterherzuhängen.

Ein weiteres Problem ist meine Vergesslichkeit. Ständig suche ich irgendwelche Gegenstände, weiß nicht ob ich sie dabei habe oder wo ich sie hingelegt habe. Ich vergesse regelmäßig was ich gerade machen oder sagen wollte. Häufig fällts mir dann nur kürzer Zeit doch wieder ein oder Ich finde die Dinge durch logische Herleitung aber wenn ich etwas mal nicht finde, werde ich schnell sauer, was sonst eher untypisch für mich ist. Sonst bin ich notorisch verspätet außer es ist besonders wichtig. Mir fällt es wahnsinnig schwer Ordnung zu halten obwohl ich mich teilweise in meinen Wohnräumen über Monate nicht wohl fühle und mich bemühe sie ordentlich zu halten aber ich hänge immer hinterher.

Außerdem fresse ich wirklich Unmengen an Zucker obwohl ich weiß, dass es nicht gut ist und gebe dafür jeden Tag sinnlos Geld aus. Die Cravings sind einfach zu stark um dauerhaft zu widerstehen. Außerdem habe ich ein Problem mit Masturbation bei Langeweile oder schlechter Gefühlslage und neige dazu bei Alkoholkonsum (begrenzt auf soziale Events/Partys) über die stränge zu schlagen. Außerdem kaufe ich mir ständig neue Dinge oder Gegenstände für neue Kreativprojekte, die ich dann nie richtig starte. Zuletzt wollte ich ein Skizzenbuch binden. Angefangen hab ich damit noch nicht.

Ich wippe ständig mit dem Bein oder anderen Körperteilen und knabbere seit dem 8. Lebensjahr ständig an den fingernägeln ohne wirklich ersichtlichen Grund…naja die Liste ist lang.

Viele Muster ziehen sich schon seit dem Ende der Grundschule durch aber werden stück für stück immer bedrohlicher und problematischer. In der Grundschule selbst war ich eher unauffällig. Ein schüchternes verträumtes Kind aber auch extrem neugierig und interessiert was wohl schlagartig mit meinen Schulbeginn verpufft sein soll (laut meinen Eltern). In der Grundschule hatte ich selten Probleme, wobei meine Eltern Zuhause auch mit mir geübt haben, nach der Schule immer als erstes drauf geachtet haben, dass ich Hausaufgaben mache und generell Zeit in mich investiert haben. Ich sollte in der Grundschule auch zu einer Testung, was meine Eltern aber abgelehnt haben, weil die lehrerin die halbe Klasse testen lassen wollte und ich zuhause super konzentriert gespielt habe. Meine Noten und meine Verhaltensbeurteilungen waren immer gut. Ich habe eigentlich selten große Verständnisprobleme in der Schule gehabt (außer in Englisch). Dementsprechend bin ich auch in der Oberschule mit wenig mündlicher Mitarbeit, ohne Hausaufgaben zu machen und für Klausuren zu lernen, bis zum Abitur gekommen (wenn auch manchmal etwas holprig).

Auf meinen Zeugnissen von Klasse 1-4 finden sich allerdings allerhand interessante vermerke.

…hat ein außergewöhnlich ausgeprägtes soziale Begabung…handelt selbstlos und bereichert die Klasse durch seine tolerante Art…
…arbeitet zu langsam (auf jedem Zeugnis)… könnte schneller schreiben… liest zögerlich vor…hat Schwierigkeiten neue englische Begriffe und Redewendungen zu lernen…braucht im Englischunterricht regelmäßig Hilfe… entwickelt zu Aufgaben manchmal eigene Ideen… Ist leicht ablenkbar… könnte noch an seiner hefterführung arbeiten… hat Schwierigkeiten gelerntes auf neue Aufgabenformen zu übertragen… könnte wieder mehr mitarbeiten…

Im großen Symptomtest V5 ergab das Ergebnis Hinweise auf 81,3% (35 von 43) der typischen ADHS Symptome, wobei die Tendenz deutlich zum Unaufmerksamen Bereich geht.

Mein Vater hat im Symptomtest ebenfalls Hinweise auf 60,5% der ADHS-Symptome und sein ganzes Leben ähnliche Probleme wie ich jetzt gehabt (Prokrastination, Depressionen, soziale Schwierigkeiten, das Gefühl anders zu sein, zerstreut und vergesslich, immer in Gedanken…).

Auch mein kürzlich verstorbener Onkel würde sehr gut ins Bild passen (Messi, riesiges Interesse an Kunst und Kultur, Kaufsucht, Fettsucht, wahnsinniges Problem mit Prokrastination, endlose unbeendete Projekte, niedriger Bildungsabschluss, trotz unbestreitbarer hoher Intelligenz, soziale Probleme in der Schulzeit, betrachtete sich selbst als gescheiterter Träumer mit großen Ambitionen…).

Meine 90 jährige Großmutter dagegen ist extrem hyperaktiv und nahezu unfähig sich auf Dinge zu konzentrieren die nicht aus ihrem Mund kommen.

Auf mich wirkt es wie ein wirklich stimmiges Bild, was nahtlos fast alle ungeklärten persönlichen Probleme und Schwierigkeiten in der Familie auf einen Schlag erklären würde. Ich hab große Sorge, dass ich mir jetzt zu große Hoffnungen mache und letztendlich weiter nach einem Grund für all das suchen muss. Ich plane jetzt nächste Schritte und denke über die Möglichkeit nach, die Diagnostik selbst zu zahlen, da es nicht sonderlich aussichtsreich erscheint in Berlin in naher Zukunft einen Termin zu bekommen. Prinzipiell kann ich mir prinzipiell vorstellen eine medikamentöse Therapie auszuprobieren. Ich könnte noch viel mehr erzählen, meine Symptomtagebuch PDF ist inzwischen 14 Seiten lang, aber der Text ist eh schon ausgeufert und ich hoffe irgendwer nimmt sich die Zeit das zu lesen.

Ich bin ständig am Zweifeln ob die Symptome bei mir tatsächlich so auffällig sind oder ich mir das vielleicht nur einrede, weil ich ja eigentlich doch im vielen Bereichen gut zurecht komme. Von außen wird mir eher gespiegelt, dass ich für kompetent, zuverlässig, motiviert und intelligent gehalten werde.

Was denkt ihr, haltet ihr eine Diagnose für aussichtsreich?

Und worauf sollte ich achten ? Hat jemand Empfehlungen für gute Anlaufstellen als Privatzahler, deren Diagnosen auch später von anderen (kassenärztlichen) Psychiatern gut akzeptiert werden ?

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Das kommt natürlich darauf an, wo du hingehst. Für ADHS-Spezialist/innen sollte es sehr plausibel sein und die Diagnose eher eine Formsache.

Ja, aber du möchtest doch nicht warten, bis du nicht mehr zurecht kommst? Außerdem hat dieses Zurechtkommen seinen Preis, du brauchst viel mehr Energie für das gleiche Ergebnis, und das macht auf die Dauer auch krank.

Und das Studium ist eine Herausforderung, aber nicht die allergrößte. Stell dir einen Jongleur mit Tellern vor. Deine Teller sind die kreativen Aufgaben, die Klausuren, die gesunde Ernährung und die ausgewogene Freizeitgestaltung. Schon nicht einfach.

Aber stell dir mal vor, es kommen als Teller noch eine Paarbeziehung und ein Kleinkind dazu, dazu noch ein Nebenjob mit launischem Chef und perfektionistische Schwiegereltern. Vielleicht noch eine Immobilie, wo immer wieder etwas repariert werden muss. Irgendwann fällt ein Teller herunter und es gibt einen Riesenscherbenhaufen. Studium nie beendet, Ehe kaputt, Kind wird woanders groß, du kommst ans Saufen, der Freund bei dem du untergekommen bist wirft dich raus.

Wenn dann der Arzt fragt, warum sind Sie nicht früher zur ADHS-Diagnose gegangen, sagst du, bisher war immer alles gut gegangen.

Herzlich willkommen im Forum, lieber @Dushk !

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Kurz und knapp, bei eigenverdacht abklären lassen, meine letzte Info aus einer Doku von einer ADHS Spezialistin. Sagt die in der Dokumentation. :+1:

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Herzlich willkommen Dushk,
Alleine schon die Länge Deines Texts läßt mir den AD(H)S Verdacht berechtigt erscheinen :wink:

Der Inhalt allerdings auch.

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Hallo,

um eine Idee zu bekommen, ob, wie stark und mit welcher Ausprägung du ADHS haben könntest, kannst du den ADHS-Symptomtest auf ADxS.org machen. Es handelt sich um ein Onlinescreening. Eine richtige Diagnostik kann immer nur ein erfahrener Arzt oder Therapeut machen.
Viele User hier im Forum kennen den Test, sodass das Ergebnis hilft, deine Beschreibung besser einzuordnen.

Viele Grüße

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Hallo Dusk,

ich bin erst seit ein paar Monaten in dem Thema, und erst eben solang diagnostiziert.

  1. Mir kommt das was Du schreibst seeehr bekannt vor. Allerdings bei mir nicht ganz so ausgeprägt. Vielleicht findet Du in meinem Vorstellungsthema auch Gemeinsamkeiten.
  2. Bei dem was ich vermute, das Du studierst, ist es wichtig dass Du das jetzt abklären lässt und zwar richtig. Das Studium dürfte erst der Anfang sein, das Arbeitsleben danach ist oft nochmal deutlich anstrengender, wenn auch spannender und erfüllender.
  3. Ich halte es für sehr wahrscheinlich dass Du in relativ kurzer Zeit auf ganz reguläre Weise eine Diagnose von einem klassischen Psychologen z.B. bekommen kannst. Vorraussetzung: du musst dich zu mehreren Terminen aufraffen können.
  4. Nach der Diagnose kannst Du Dich für eine Medikation entscheiden. Es gibt außer Ritalin/Medikinet noch andere die Dir helfen könnten. Diese Möglichkeit würde ich an Deiner Stelle ausprobieren, da sie eine sehr gute Stütze sein kann, mit deren Hilfe Du an Dein Potential zunehmend besser wieder nutzen könntest. Und genau das hast Du mit Sicherheit verdient.
  5. Fällt mir gerade nicht mehr ein. :wink:

Ich wünsche Dir alles Gute!

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