ADHS ansprechen in der Kern-Familie

Liebe Community,

ich stehe zur Zeit vor einem großen Problem. Bei meinem kleinen Sohn (7 Jahre, einziges Kind) wurde vor ein paar Wochen eine Hochbegabung festgestellt. Hinzu kommt jetzt die Vermutung, dass auch einige Verhaltensweisen wohl zu ADHS passen. Hierzu hat die Testung aber noch nicht angefangen. Ich habe mich direkt eingelesen und geschaut, wie ich meinem Sohn helfen kann, ihn verstehen und unterstützen kann. Seitdem läuft es auch besser bei uns zu Hause, weniger meltdowns, weniger Aggressivität seinerseits. Leider macht meine Frau nur sehr wenig mit. Sie versperrt sich der Thematik und wirft mir vor, ich würde etwas „hineininterpretieren“ und voreilige Schlüsse ziehen. Fakt ist aber, dass es besser geworden ist, seitdem ich angefangen habe mich einzulesen und mich anders zu verhalten.

Der eigentliche Punkt ist aber, dass je mehr ich lese, mir immer klarer wird, dass sehr viele Verhaltensweisen im Kontext von ADHS ebenso auf meine Frau zutreffen (Impulsivität im Alltag, eskalierende Diskussionen, starkes Ruhe- und Schlafbedürfnis, Rückzüge, meltdowns/ shutdowns etc.). Jahrelang habe ich mir die Schuld dafür gegeben und meine Frau auch. Ich war immer verantwortlich für die Eskalationen, für die Rückzüge etc. Jetzt macht plötzlich alles Sinn. Und je näher das Thema durch meinen Sohn kommt, desto stärker kommen auch die Verhaltensweisen wieder zurück.

Ich frage mich nun, wie kann ich das Thema meiner Frau gegenüber ansprechen ohne das sie es als Kritik empfindet? Wie kann ich das Thema ansprechen, um für uns als Familie einen Weg zu finden, durch den alle glücklich sein können?

Vielen Dank für eure Hilfe.

Das wird schwierig bis unmöglich wenn sie sich den Thema gegenüber so sperrt. Gibt Menschen die ADHS immer noch nicht ernst nehmen

Sei du für euer Kind da und fahre du ggf mit zu den Terminen.

Du musst verstehen, warum deine Frau sich dagegen wehrt. Sie hat sich in ihrem Leben eingerichtet und das könnte unerwartet umdefiniert werden.

Das braucht etwas Zeit. Hab Geduld und nerve sie nicht. Sie wäre nicht die erste und nicht die letzte, die durch die Behandlung ihres Kindes auf ihre eigene ADHS kommt. Das war bei mir auch so.

Und eines dürfte nachvollziehbar sein: Wenn sie selbst so ist und vielleicht auch andere in ihrer Herkunftsfamilie, empfindet sie das alles eher als normal und eben nicht behandlungsbedürftig.

Und wenn bisher du „verantwortlich“ bist für die Eskalationen, könnte es auch bei dir Thema sein?

Verblüffend viele ADHS-ler/innen suchen sich unbewusst ADHS-Partner.

Puh, das ist eine schwierige Kiste. Mach einfach weiter so wie Du es bisher handhabst, informiere Dich und lass hin und wieder mal was offen liegen. Nimm die Veränderung im Verhältnis deines Kindes zu Dir, und umgekert als positive Bestärkung mit in Gespräche, lass immer wieder locker, versuche die Debatten nicht länger als 15 Minuten zu führen. Viel Gedult wird nötig sein. Menschen haben Angst vor Stigmatisierung, der typische Stempel, wollen all das nicht wahr haben. Ich mache das jetzt seit 4 Jahren mit. Es ist ein langer steiniger Weg der Akzeptanzfindung, auch hier kein Ziel in Sicht. Schau auf dein Kind, wenn es ihm durch deine Zuwendung und Verhaltensänderung besser geht, wird deiner Frau auch egal sein warum es so ist, hauptsache es ist so. Meistens ist es das was Menschen dazu bewegt ihre Haltung zu überdenken. Gerade wenn Du davon ausgehst das deine Frau auch ADHS hat, beziehe die Spezifikationen bei Frauen mit in dein Informationsbündel ein. Es gibt da einiges zu beachten. Vielleicht findest Du dann Zugang zu ihr wenn Du verstehst was es für Unterschiede gibt, falls Du das nicht schon berücksichtigt hast. Wenn noch Fragen aufkommen schreib einfach, auch wenn Du nur was los werden willst. Hier sind viele nette Menschen, mit einem Haufen Ahnung und Selbsterfahrung.

Hi @Nightwish

Das Thema ist bei Euch ja noch ganz frisch. Das kann erst mal erschrecken.
ADHS wird auch heute noch stigmatisiert und als Mutter möchte man natürlich nicht, dass dem Kind so ein ein „Stempel“ aufgedrückt wird. Und wenn sie selbst betroffen ist, dann könnte da auch der Gedanke „Ich war doch auch so und habe kein ADHS…“ mit reinspielen.

Als bei unserem Sohn der erste ADHS-Verdacht (aus der Schule) aufkam, war mein erster Gedanke auch: Nee, der hat auf gar keinen Fall ADHS. Ja, der ist „anders“ - aber ADHS? Auf keinen Fall!
Bei der Diagnostik wurde dann auch festgestellt, dass er sehr intelligent ist und noch was anders hat, für ADHS hat es aber „nicht gereicht“.
Irgendwie lief es dann bei ihm auch besser in der Schule und das Thema war erst Mal vom Tisch.

Am Ende war es so, dass ich zuerst meine Diagnose bekam und danach beide Kinder. Mein Mann wollte zuerst auch gar nichts davon wissen - inzwischen ist er sich ziemlich sicher, auch ADHS zu haben. :adxs_zwinker:

Ich würde empfehlen, jetzt nichts zu überstürzen und keinen Druck zu machen. Macht erst Mal die Diagnostik fürs Kind zu Ende. Deine Frau wird dann auch Fragebögen fürs Kind ausfüllen müssen und dabei könnte ihr schon das eine oder andere Lichtlein aufgehen (auch was sie selbst betrifft). :adxs_zwinker: Für mich waren die Fragebögen jedenfalls ziemlich erhellend.

Bleib erst Mal bei Deinem Kind und unterstütze es weiterhin. Wenn es so besser läuft, machst du auf jeden Fall was richtig. :adxs_daumen: Das wird auch Deine Frau irgendwann erkennen (müssen) und vielleicht ist sie dann offener für Gespräche über ADHS.

4 „Gefällt mir“

Danke für eure tollen Rückmeldungen. Ich hab viel mitgenommen aus euren Antworten.

Heute war ein sehr schlechter Tag mit meltdowns und sehr starker Impulsivität seitens meines Sohnes und in Folge dessen auch meiner Frau. Mir war es plötzlich alles zu viel. Ich habe regelrecht abgeriegelt und mich zurückgezogen in ein anderes Zimmer, weil ich vollkommen leer war/ bin. Ich habe die beiden einfach sich selbst überlassen - keiner der dazwischen geht. Und es ging auch nach einer Stunde wieder bei den beiden. Nur ich sitze noch hier und bin fertig. Morgen geht es bestimmt wieder besser.

4 „Gefällt mir“

Möglich.
Falls sie selbst ADHS hätte, wäre es plausibel, dass sie
in Eurem Kind nur sieht, was sie selbst auch tut und lässt und was sie so ihr Leben lang kennt…

Danke für deine Antwort. Nach den letzten extremen Tagen habe ich für mich eine kleine Lösung gefunden. Ich werde meinem Kind weiter zur Seite stehen und alles mögliche tun. Aber ich werde kein „Stimmungsminister“ mehr sein und dauernd dazwischen gehen. Bei mir ist soviel hochgekommen in den letzten Tagen… die heftigsten Ausraster der letzten Jahre habe ich quasi Revue passieren lassen. Und ich habe für mich entdeckt, dass ich erst mal heilen muss, um überhaupt noch für jemanden richtig da zu sein. Da gab es so viel Wut und Aggression, das hat richtig weh getan und ich habe es meist geschluckt und einfach weiter gemacht. Das geht nicht mehr.

2 „Gefällt mir“

Das tut mir sehr leid. Ich würde dir empfehlen, einmal abzuwarten, was die Testung jetzt ergibt. Es tönt verdächtig nach ADHS, allerdings können viele Symptome von ADHS auch bei (reiner) Hochbegabung zutreffen. Wenn ihr aber dann eine Diagnose habt, würde ich von da aus gehen. Halt aber die Augen uns Ohren offen. ADHSler mit hoher Intelligenz können wunderbar kompensieren. Bei unserm Sohn wurde drum ADHS zuerst einmal ausgeschlossen (und er ist nicht einmal hochbegabt, sondern einfach überdurchschnittlich begabt).