ADHS + Autismus: Erfahrungen?

Hallo,

nachdem ich lange einem Termin hinterhergejagt habe, hatte ich im Mai großes Glück und konnte an einer Autismus-Diagnostik teilnehmen.

Letzte Woche hatte ich dann das Abschlussgespräch und die Diagnose hat sich bestätigt: Ich habe (Asperger) Autismus mit recht starken Werten, 2 Punkte mehr und ich wäre bei „sehr stark“ gewesen.

Für mich erklärt das, vor allem rückblickend, sehr viel und es ist eine große Erleichterung für mich, endlich zu wissen, was „nicht stimmt“.

Gleichzeitig stellt es mich vor neue Herausforderungen, da auch die stark ausgeprägte ADHS noch vorhanden ist (erstmals als Kind in den 90ern diagnostiziert, als Erwachsener wieder diagnostiziert vor ziemlich genau zwei Jahren).

Besonders zu schaffen macht mir vor allem die Sache mit den Medikamenten. Ich habe vor zwei Jahren Medikinet verschrieben bekommen und anfangs war das der Himmel auf Erden. Mit der Zeit wurde es immer unangenehmer, die Reizempfindlichkeit ist deutlich angestiegen und ich nehme es eigentlich so gut wie gar nicht mehr. Bei der Autismus-Diagnostik wurde mir gesagt, dass das wohl leider ein häufiges Phänomen ist, wenn beides zusammen auftritt: Die ADHS Medikamente reduzieren das Chaos im Kopf und machen ruhiger, gleichzeitig werden dadurch aber die autistischen Symptome, wie die verstärkte Reizempfindlichkeit, spürbarer und kommen mehr zur Geltung.

Mich würde deshalb sehr interessieren, ob es hier andere Betroffene gibt und wie ihr damit umgegangen seid? Was könnt ihr empfehlen? Seid ihr medikamentös eingestellt? Habt ihr die Medikation aufgegeben? Ich habe mich schon an ein Autismus-Zentrum zur Beratung gewendet, um mehr über die neue Situation und Bewältigungsstrategien zu lernen. Leider sind die bis Jahresende schon voll ausgebucht… wie sollte es anders sein. Ich kriege zu gegebener Zeit aber einen Terminvorschlag. Bis dahin hoffe ich, hier vielleicht den ein- oder anderen Erfahrungsbericht und hilfreiche Tipps lesen zu können.

Vielen Dank

Hallo Sev,

meine neuste Erkenntnis die fast schon Dosis unabhängig ist. Wenn meine ADHS mir sagt: „das ist eine gute Idee.“, dann sollte ich mich anfangen gegen Reizüberflutung zu Wappnen. Leider fällt es meiner ADHS sehr schwer das zu verstehen und Regelmäßig auch umzusetzen, also die bessere Selbstfürsorge zu betreiben.

Tach Sev,

ich hatte es in der Autismusdiagnostik zwar knapp nicht zum Asperger geschafft, aber da ich lange Zeit Asperger vermutete, war ich vor meiner ADHS-Diagnose vor allem in der Autismus-Community unterwegs.

Deshalb wollte ich Dir empfehlen, zusätzlich zu diesem Forum auch noch bei www.aspie-treff.de vorbeizuschauen. Da gibt es auch viele gute Leute und hilfreiche Infos

Ich nehme ein Medikament, gegen Nervenschmerzen, das zufällig auch gegen ADHS-Symptome wirkt, da es ein Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer ist.

Es ist tatsächlich so, dass die ADHS etwas geglättet ist und in den Hintergrund tritt. Insbesondere die autistischen Wahrnehmungsbesonderheiten treten stärker zu tage und die soziale Erschöpfung ist deutlich stärker zu spüren.

Ich erkläre es mir so: die ADHS gibt etwas Ruhe und ich erkenne, wie stark ich eigentlich auf Ruhe und Rückzug angewiesen bin um meine soziale Batterie aufzuladen.

Trotzdem denke ich gerade darüber nach, echte ADHS Medikamente zu erproben. Prämenopause und ADHS ist nämlich eine ziemlich chaotische Mischung.

Worauf ich aber achten werde ist, dass ich Medikamente wenn nur in sehr niedrigen Dosen erproben werde, bzw. mit niedrigen Dosen beginnen werde.

Ich reagiere sehr empfindlich auf Medikamente, insbesondere wenn sie zentral wirken. Mache Medikamente brauche ich aber in sehr hohen Dosen. Ibuprofen und Lokalanästhesie z.B.

Danke für die Info! Nachdem das Aspie-Forum vor einiger Zeit offline gegangen ist war ich schon verzweifelt :weary_face:.

Ja, das Aspie-Forum wollte ich Dir eigentlich auch verlinken - aber mußte dann feststellen, daß dort dicht ist. Ich war dort Aspergillus5.1…

Es gibt keine offizielle Punkteskala im ICD die mit dem Schweregrad des Autismus korreliert. Es gibt Selbstbeurteilungsbögen mit Cut-Off Punktzahlen, vielleicht meinst du das. Diese sind natürlich sehr subjektiv geprägt.

Es gibt Leute mit „schwerem“ Autismus die ganz gut klar kommen und Leute mit „leichtem“ Autismus die überhaupt nicht klar kommen. Deshalb halte ich von dieser Bewertung sehr wenig.

Im DSM bnzw. in den USA wird übrigens nach Leveln kategorisiert. Diese Level sagen nicht aus wie „schwer“ der Autismus ausgeprägt ist, sondern wie groß der Unterstützungsbedarf im Alltag ist.

Ich denke das ist höchst indivudell, ob Autismus oder nicht. Habe schon von vielen ASSlern gelesen die mit Stimulanzien gut klar kommen.

Nicht desto trotz war es bei mir tatsächlich so, dass die ADHS-Medikamente den Autismus deutlich sichtbarer gemacht haben. Das scheint tatsächlich üblich zu sein.

Ich habe rein medikamentös Medikenet adult, Elvanse und Bupropion hinter mir. Am Besten hat mir was die ADHS-Syptome angeht Elvanse geholfen. Leider bin ich dauerhaft nicht mit den Schwankungen der Wirkung über den Tag / über längere Zeit nicht klar gekommen, die haben mich doch immer wieder zu sehr irritiert.

Zudem hat Elvanse meinen Autismus wirklich stark in den Vordergrund gerückt. Ich bin noch antosozialer geworden als ohnehin schon und hatte gar kein Verständnis / keine Toleranz mehr für meine Mitmenschen.

Bin jetzt aktuell seit 4 Monaten bei Atomoxetin und bisher recht zufrieden bzw. scheint dies das beste Gesamtpaket für mich zu haben. Beachte aber bitte, dass alle ADHS-Medikamente Vor- und Nachteile haben und es (meiner Meinung nach) selten das eine perfekte Medikament gibt.

Mein Tip was ADHS-Medikamente angeht:

Da muss man sich durchprobieren was für einen selbst die beste Lösung ist. Unabhängig ob jetzt „nur“ ADHS oder ADHS + Autismus vorliegt. Das kann langwierig und oft frustrierend sein, aber lohnt sich am Ende.

Was Feedback und Fragestellungen zu diversen ADHS-Medikamenten angeht kann ich übrigens Reddit empfehlen. Dort gibt es sehr viele Erfahrungsberichte. Mein Eindruck , dass einige andere Länder hier viel weiter sind was die Erfahrungen damit angeht.

Ja, das kann ich so bestätigen, kenne einige AuDHSler und zähle mich selber auch dazu (keine offizielle Autismus Diagnose aber brauche ich für mich auch nicht).
Seit ich Elvanse nehme, ist der Autismus richtig zum vorschein gekommen… :laughing:

Empfehle ich auch. Es lohnt sich definitiv mal Medikamente zu versuchen.

Es gibt da so ein Meme…
Sobald man ADHS Medikamente nimmt, der (noch nicht bekannte/diagnostizierte) Autismus so:

Eisbären haben keine natürlichen Feinde und kennen daher keine Scheu. Sofern es sich um einen Eisbären auf dem Bild handelt. Die Metapher bzw. Meme finde ich aber gar nicht mal so schlecht.

„Dann müsste ich nicht mehr schrei’n!“ und oder weinen…