ADHS bei Jungs, Hochsensibilität bei Mädchen

Hallo zusammen,

meine ADHS-Diagnosestellung liegt nun gute 3 Wochen zurück, seit einer Woche nehme ich Methylphenidat, und mein Leben ist jetzt schon ein völlig anderes als davor.

Ich hab mir in den letzten Wochen (und Monaten, seit ich Mitte Februar beim diagnostischen Interview war) viele, viele Gedanken zu dem Thema gemacht. Normalerweise habe ich meine Grübeleien und Zerdenkereien zu so spezifischen Themen immer wieder versucht einzudämmen, aber ich glaube, dass es wichtig für die Verarbeitung ist, dass ich mir gerade so viele Gedanken dazu mache und versuche es einzuordnen. Das war damals mit meiner Hashimoto-Diagnose genauso. Ich habe mich tage- und nächtelang dazu belesen, über Monate hinweg, sodass ich am Ende Expertin war und ein gutes Gefühl dafür bekommen habe, was diese Erkrankung mit mir anstellt und wie ich ihr am besten begegnen kann. So versuche ich es aktuell auch mit ADHS. Diese sturzflutartige Beschäftigung damit scheint mir gerade irgendwie wichtig zu sein, um es gut integrieren zu können. Da bin ich auch froh, dass ich gerade ‚Urlaub‘ habe.

Aber lange Rede, kurzer Sinn: Worum es mir gerade geht ist das Gefühlswirrwarr und meine Biographie (die in gewisser Weise vielleicht auch vielen anderen Biographien von Mädchen und jungen Frauen mit ADHS ähnelt) im Kontext Geschlecht und Geschlechtsunterschiede.

Wie ich hier in einigen Posts bereits erwähnt habe, hat auch mein Bruder ADHS. Bei ihm liegt ganz klar die hyperaktive Variante bzw. kombinierte Variante vor. Er wurde schon zu Beginn der Grundschulzeit diagnostiziert, war das klassische, anstrengende ‚Zappelphilipp‘-Kind. Es folgten Besuche bei Psychologen, Ritalin, Ergotherapien etc. pp. Die ganze Bandbreite, die man als Kind mit ADHS vermutlich so geboten bekommt, gerade als Junge.

Bei mir sah das alles (leider) ziemlich anders aus. Ich war so ein bisschen der Sonnenschein der Familie, das brave, liebe Vorzeigekind. Gut in der Schule, keine Verhaltensauffälligkeit, sozial und angepasst, freundlich und intelligent. Aber diesem Stereotyp konnte ich nicht lange gerecht werden. Das klappte in der Grundschule noch, aber spätestens ab der 5. oder 6. Klasse ging das alles ganz schnell bergab. Depressive Verstimmungen, soziale Ängste, somatische Beschwerden, Mobbingerfahrungen und Probleme mit dem Essverhalten standen auf der Tagesordnung. Doch wo man bei meinem Bruder wirklich jede erdenkliche Option zur Behandlung ausgeschöpft hatte, blieb ich quasi unentdeckt. Bis… ich 14 war. Ich sprach mit meiner Mutter oft über meine Schwierigkeiten, erntete aber von ihr und meinem Vater oft nur Unverständnis oder - sagen wir es so - sie konnten die Schwierigkeiten, die ich hatte nicht einordnen. Grundsätzlich hieß es: „Nimm dir das alles nicht so zu Herzen“ oder „Mach dir nicht so einen Kopf“ oder auch „Du musst dir einfach ein dickeres Fell zulegen.“ Einfach… das sagt sich so einfach.

Eines Tages meinte meine Mutter zu mir, dass es doch sein könne, dass ich hochsensibel sei. Hochsensibel? Was sollte das sein? Nie davon zuvor gehört. Klar kann man sich so etymologisch ableiten, was das wohl bedeuten könnte. Ich beschäftigte mich dann mehr mit diesem Konzept ‚Hochsensibilität‘, meldete mich auch dazu in einem Forum an, las mich ein, meine Mutter besorgte sich auch ein Buch dazu, in dem ein Selbsttest zu finden war. Den füllte sie für mich und sich selbst aus. Das las sich dann in etwa so:

Ist Ihr Kind schnell von äußeren Umweltreizen überfordert?

Hat Ihr Kind einen hohen Gerechtigkeitssinn?

Kann sich Ihr Kind sehr in seinen eigenen Gedanken verlieren und sehr kreativ denken?

Man kennt das ja. Hat man sich mal so einen HSP-Test angeschaut, ist das Prinzip recht schnell nachvollziehbar. Das sind also Menschen, die eine geringere Schwelle gegenüber inneren wie äußeren Reizen aufweisen, schneller ‚angetriggert‘ werden sozusagen. Das kommt aber natürlich auch mit Stärken: Eine besondere Auffassungsgabe, eine ausgeprägte Kreativität und Empathie, eine starke Hilfsbereitschaft und die Freude an den kleinen Dingen im Leben. Ich habe das Buch vor Kurzem nochmal aus der Versenkung gezogen und gesehen, dass sowohl ich als auch meine Mutter bei dem Test wirklich sehr hoch gescored haben. Seit einigen Wochen vermute ich sogar, dass auch bei meiner Mutter ADHS bzw. eine ‚Restsymptomatik im Erwachsenenalter‘ vorliegt. Vor allem seit sie in die Wechseljahre gekommen ist, haben die Auffälligkeiten noch einmal ganz massiv zugenommen.

Seit ich denken kann, bin ich also so ein hochsensibler Mensch. Jedenfalls habe ich mich mit 14 sehr schnell in diesem Hochsensibilitäts-Konzept wiedergefunden.
Das hat erst einmal eine Erleichterung mit sich gebracht. Ja, ich war also schon irgendwie anders als die meisten. Aber ich war nicht ‚gestört‘ wie mein Bruder (das war damals eine große Angst von mir). Um das klarzustellen an dieser Stelle: Ich liebe meinen Bruder. Er ist ein humorvoller Mensch, mit dem man sehr viel aufregende Dinge erleben kann. Wir haben viel zusammen erlebt und auch, wenn wir uns heute nicht mehr so oft sehen, weil wir recht weit entfernt voneinander leben, begegnen wir uns so, als hätten wir uns gestern das letzte Mal getroffen. Die Zeit mit ihm verfliegt, es wird nie langweilig.

Nun zurück zum eigentlichen Thema. Hochsensibilität, das war nun also so ein Label, mit dem ich die ganze Zeit umherlief. Das ging mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich hatte zwar eine Weile lang eine zufriedenstellende Selbstbezeichnung gefunden, aber… mh, irgendwie hatte ich ja immer noch die gleichen Schwierigkeiten wie davor. Ich fühlte mich oft allein, wie ein Marsmännchen von einem anderen Planeten, und nichts und niemand konnte mir das vernünftig erklären. So lebte ich also Jahre, gar ein Jahrzehnt, immer wieder zweifelnd and mir selbst, stolperte von einer depressiven Episode in die nächste und hielt mich schlicht für dumm und unfähig. Selbst dann, wenn ich von außen betrachtet erfolgreich war: Abitur, erfolgreiche Praktika, ein stabiler Freundeskreis, ein Bachelor- und ein Masterabschluss, eine langjährige zufriedene Partnerschaft. Was wollte ich eigentlich? Von außen betrachtet hatte ich doch alles. Auch in Bezug auf meine Depressionen und Ängste habe ich mir früh und viel Hilfe gesucht. Stationäre und ambulante Therapien, Antidepressiva, Achtsamkeitstrainings, Selbstreflexion, Selbsthilfe-Kanäle auf YouTube und und und.
Vor einem halben Jahr saß ich bei einem Erstgespräch einer Verhaltenstherapeutin, die mir erst einmal verdeutlichte, wie viel ich schon an Therapieerfahrung hatte. Ja, und doch… kam ich mir immer noch irgendwie fehlerhaft vor. Oder sagen wir mal unvollständig. Als ob mein Gehirn seit meiner frühesten Jugend irgendwie an manchen Stellen und in manchen Bereichen einfach eingeschlafen wäre, sich nicht weiterentwickelt hätte, irgendwie abweichend zusammengewachsen wäre, wie es nicht sein sollte. Ich fühlte mich unzulänglich, nicht funktional genug, wie ein Hochstapler.

Und nun stehe ich an einem ganz anderen Punkt: Ich habe die Gewissheit und kann nun endlich das Puzzle zusammensetzen. Ich habe ADHS. Ich bin eine 26-jährige Frau, die mindestens die Hälfte ihres Lebens geglaubt hat, dass sie ‚zu sensibel‘ sei, weil sie im Schatten ihres älteren Bruders nicht ‚genug‘ aufgefallen ist, obwohl sie innerlich gelitten hat. Keiner hat es so richtig gesehen, weil das ist einfach das sensible Mädchen. Die muss sich schlichtweg einfach nur ein dickeres Fell zulegen, eine emotionale Rüstung überstreifen. Ja, aber wie? Niemand zeigt es diesen sensiblen Mädchen. Sie werden abgetan, sich selbst überlassen, mit dem Gedanken: Nun ja, Mädchen wissen sich schon selbst zu helfen. Die sind ja emotional und sozial sowieso intuitiv gewandter als Jungs. Aber Mädchen brauchen auch Hilfe. Hilfe zur Selbsthilfe.
Und das ist der Moment, wo ich diesen Gedanken habe: „Wie schade.“ Da bin ich sicherlich nicht die Einzige. Wie schade, dass meine Mutter nicht darauf gekommen ist, dass ich ADHS haben könnte, anstatt einfach nur hochsensibel zu sein. Was hätte ich mir an Leid erspart, und den Menschen um mich herum natürlich auch? Wo stünde ich jetzt als Persönlichkeit?
Andererseits… gerade diese Herausforderungen, durch die ich gegangen bin, haben mich zu einer resilienten Person gemacht. Überleg mal, du läufst einen Hürdenlauf und bist die Einzige, die 5 Kilo-Gewichte an den Schuhen trägt. Das baut ja irgendwo auch Muskeln auf. Aber es führt auch dazu, dass du dir Verletzungen zuziehst, die nicht hätten passieren müssen.

Es hat alles zwei Seiten…

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Ich glaub, WEIL deine Mutter so viele Ähnlichkeiten zu dir hat bei solchen Tests und sie sich vermutlich auch nicht mit dem ADHS deines Bruders identifizieren kann, konnte sie gar nicht auf den Gedanken kommen, dass du ADHS haben könntest. Es ist ja ihre Normalität und es ist anders als das ADHS von deinen Bruder.

Ich finde es viel schlimmer, dass man ewig in Therapien steckt und auch stationär und keiner auf diese Idee gekommen ist. Ich hab vor kurzem meine schriftlichen Sachen durchgeschaut und mich erinnert, was ich alles immer und immer wieder gesagt hab in verschiedenen Therapien und auch stationär und wie extrem das in das Gesamtbild ADHS passt. Und am Ende muss ich zufällig selbst rauszufinden, was ADHS ist und dass ich das haben könnte. Bei mir ist es jetzt so, dass auch noch ASS im Raum steht, aber auch das hab ich direkt von Anfang an bei Psychiatern und Therapeuten angesprochen und keiner ist irgendwie drauf eingegangen und seit dem ich die ADHS Diagnose habe, sagen plötzlich alle, dass da doch noch eine für meine Schwierigkeiten viel ausschlaggebendere Störung dahinter steckt, weil das ADHS allein das alles nicht erklären kann und auch die Kindheit usw. kann das nicht erklären.
Wofür hole ich mir Hilfe, wenn dann doch das stimmt, was ich schon unzählige Male angesprochen habe…

Ich hab Menschen kennengelernt, die keine Diagnose haben wollen (vielleicht Angst vor Medikamenten, keine Ahnung), sie fühlen sich sehr wohl, wenn sie sich als hochsensibel bezeichnen. Einige sagen dann, dass sie autistische Züge haben. Sie gehen dann lieber zum Heilpraktiker, um keine richtige Diagnose zu bekommen.

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Hi Chihiro,
deine Geschichte könnte meine sein.
Nur dass mein Bruder immer noch keine Diagnose hat, und keine Therapie. Er war als Kind enorm auffällig. Aber ADHS war damals noch nicht wirklich bekannt und unsere Eltern (vielmehr unser Vater) haben lieber die Augen verschlossen, als etwas zu unternehmen.
Ich bin 20 Jahre älter als du, und mein Bruder ist nochmal drei Jahre älter als ich.
Genau wie du, hab ich mich von klein auf übermäßig kontrolliert, um nicht die gleichen Probleme zu bekommen, wie er.
Meine Mutter sagte immer, ich sei der Sonnenschein der Familie.
Wenn mich Leute lobten, weil ich so freundlich und brav war, fand ich das zwar gut, aber ungerechtfertigt. In der Pupertät fings bei mir auch an mit Depressionen und ich wollte aufmüpfig sein, rebellisch, hab mich aber nie so ganz getraut. Bis dann Angst-Attacken kamen.
Ich hab mich auch schon mein Leben lang gefragt, was mit mir nicht stimmt, und warum ich mich überall wie ein Alien fühle.
Ich hatte sogar schon mal Ahnenforschung betrieben, weil ich hätte wetten können, dass ich adoptiert bin.:wink:
Genau wie du, verbringe ich enorm viel Zeit damit zu recherchieren, und mich zu informieren. Ich hab schon einige Therapeutinnen gehabt, und mir wurde auch schon gesagt, dass ich zu erfahren sei, für Therapie. Auf die Idee, dass ich ADHS haben könnte, kam aber keine wirklich. Über 1,5 Jahre habe ich an dem Gedanken rumlaboriert, letzte Woche war das Abschlussgespräch zu meiner Diagnostik, und die Ärztin sagte, es könnte klarer nicht sein. Und, obwohl mir schon seit einem Jahr ziemlich klar ist, dass ich ADHS habe, bin ich aus dieser Praxis rausgegangen, und mein ganzes Leben hat sich aufgeklärt. 47 Jahre Suchen, Grübeln, Zweifeln, sich verloren fühlen,und ein Termin und es erklärt sich auf einmal alles.

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Ja, das ist ja das Traurige an der Sache. Im Prinzip auch das, wo ich meinte „Wie schade“. Man hätte schon so viel früher intervenieren können.

Bei mir wurde es immer wieder in Richtung Depression einsortiert: Antriebsschwäche, Unlust etwas anzufangen und/oder zuende zu bringen, impulsive Handlungen, Konzentrationsschwierigkeiten etc. Und irgendwann denkt man sich (jedenfalls war das bei mir so): Kann doch nicht sein, dass das alles die Depression sein soll. Vor allen Dingen auch in der Zeit, wo ich offensichtlich nicht depressiv war. Also… es gab ja nie eine Zeit, wo ich nicht diese Antriebsschwäche und Konzentrationsschwierigkeiten wahrgenommen habe.

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Haargenau so war das bei mir auch! Ich war immer latent rebellisch, aber nie offensiv. Ich hab mich auffällig gekleidet, provokante und aggressive Musik gehört, aber ich war nie ‚zickig‘ oder ‚ungehorsam‘.

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Ja, genau so war es bei mir: vom Aussehen Punk, vom Verhalten Streber. :laughing:

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Liebe Chihiro,

eigentlich bin ich hier im Forum wegen meines Sohnes (14 Jahre) angemeldet, der seit etwa einem halben Jahr die Diagnose ADHS vom unaufmerksamen Typ bekommen hat. Im Moment beschäftigt mich aber das Wohlbefinden meine Tochter sehr. Beim Lesen deiner Geschichte habe ich so viele Parallelen gesehen, dass ich dir schreiben wollte.

Meine Tochter (12 Jahre) war lange ein unauffälliges, angepasstes, fröhliches Kind: sehr gut in der Schule, sportlich, musikalisch. Meine Mutter nennt sie scherzhaft „Wundertüte“, weil sie uns immer wieder überrascht. Als sie noch klein war, begann sie plötzlich zu klagen, ihre Füße würden jucken. Wir sind von Arzt zu Arzt gerannt: erst Verdacht auf Fußpilz, dann Neurodermitis. Mit der Zeit legten sich die Beschwerden etwas, waren aber nie weg. Und jetzt seit ein paar Wochen kam das Jucken verstärkt wieder und noch dazu, dass nicht nur Füße und Hände jucken, sondern, so beschreibt sie es, auch die Knochen und der Bauch von innen. Die aktuelle Hautärztin meint auch inzwischen, dass das wahrscheinlich nichts Dermatologisches ist, sondern eher psychosomatisch.

Und genau hier hat mich dein Beitrag wachgerüttelt: Ich habe bisher auch vor allem an Hochsensibilität gedacht. Deine Zeilen haben mir aber gezeigt, dass auch die von mir bislang etwas vernachlässigte Möglichkeit ADHS durchaus in Frage kommt, gerade bei Mädchen, die nach außen brav und leistungsstark wirken und innerlich trotzdem sehr kämpfen.

Darf ich dich fragen: Hattest du damals auch körperliche Beschwerden oder seltsame Körperempfindungen, die sich im Nachhinein als Teil des ADHS Bildes erklären ließen? Also zum Beispiel so ein Jucken von innen, Kribbeln, Unruhe in den Gliedern, Bauchdruck, Spannungskopfschmerzen, Dinge, die schwer zu benennen sind, aber sehr real empfunden werden? Und falls ja: Was hat dir geholfen, sowohl diagnostisch als auch ganz praktisch im Alltag?

Deine Geschichte gibt mir Mut, genauer hinzuschauen und nicht vorschnell alles unter sensibel zu verbuchen. Danke, dass du so offen teilst. Ich freue mich über jeden Hinweis, wie wir für meine Tochter den richtigen Weg finden können.

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Liebe Ela

Eigentlich hast du ja die Poststellerin gefragt und nicht mich, aber ich würde trotzdem gerne antworten, auch wenn ich gar nicht so viel beitragen kann.

Ich habe erst im Sommer eine ADHS Diagnose erhalten und war auch immer unauffällig. In der Pupbertät hatte ich grosse Probleme mit mir selbst, aber die habe ich meist ziemlich gut versteckt, denn ich wollte nicht, dass man sich um mich sorgt. Das wird wahrscheinlich auch deshalb so gewesen sein, weil meine beiden älteren Geschwister (Bruder und Schwester) eher schwierige Kinder waren. Mein kleiner Bruder und ich waren die einfachen und hatten ja auch keine “richtigen” Problemen.

Ich hatte eigentlich als Kind keine Symptome mit Kopf- oder Bauchschmerzen, aber meine Schwester hatte immer mal wieder Kopfschmerzen. Sie hat keine Diagnose und möchte auch keine machen, aber da sie auch mit Depressionen zu kämpfen hat(te) und ich beim Ausfüllen meiner Fragebögen immer wieder an sie denken musste, da bei ihr vieles zutreffend gewesen wäre, bin ich sehr davon überzeugt, dass sie es auch hat.

Meine Tochter ist auch extrem sensibel und tendiert zu Ängsten. Bei ihr steht auch eine Testung im Raum, aber ich bin mir noch sehr unsicher, ob es sinnvoll wäre, oder ob sie unerkannt bleiben würde, weil der Leidensdruck (noch) zu klein ist.

Meine Tochter hat auch immer mal wieder Bauchschmerzen bei Ängsten. Ihr hat es geholfen, wenn wir das jeweils eingeordnet haben. Die Schmerzen sind zwar real, aber es hilft ihr nicht, wenn sie dann zu Hause bleibt, weil diese Schmerzen eine andere Behandlung brauchen. Ich denke sie sollten sich ernstgenommen fühlen, aber auch Hilfe erhalten in der Einordnung, weiss aber nicht ob das generell so stimmt.

Eventuell würden auch Entspannungsübungen helfen, oder Massagen. Die mag meine Tochter jeweils sehr gerne.

Uns wurde noch das 6 min Tagebuch für Kinder empfohlen. Dies hat bei meiner Tochter nicht funktioniert, da sie Mühe damit hat, darüber zu sprechen, was sie gut kann. Ihr hilft es, wenn sie ein bisschen mehr Abstand hat dazu. Ich habe für die Schule ein Kinderbuch ausgeliehen zum Thema ADHS. (bin noch Lehrerin) Dort wird ADHS als Zappelfloh im Ohr vorgestellt, der Probleme, aber auch Stärken hat. Ihr hat das Buch super gefallen und wenn sie sich ihre Probleme und Stärken als Floh vorstellt kann sie besser darüber sprechen.

Auch wenn ich nicht so die Erfahrung und Tipps habe, könnte vielleicht doch noch etwas für deine Tochter passen.

Ganz liebe Grüsse

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Passt nicht so ganz hier zum Thema, aber so etwas springt mir ins Auge.

Ich bin erwachsen und auf der rationalen Ebene kann ich ganz gut meine Fähigkeiten und Stärken einschätzen, von denen ich auch nicht wenige habe. Emotional steckt es aber immer noch drin, es fühlt sich irgendwie peinlich und anmaßen an (Impostor-Syndrom). Wirklich genau so, als würde ich eigentlich einer Illusion aufsitzen und jemand könnte jeden Augenblick diese Illusion entlarven und das Kartenhaus einstürzen lassen. Es fühlt sich nicht glaubwürdig und sicher an, kann doch nicht sein. Ich finde es wirklich schlimm, das besonders Frauen und Mädchen häufig so empfinden. Und ich denke, man sollte da auf jedenfall intervenieren und die vielen kleinen Stellschrauben und Signale in der Umwelt aufspüren, um die weichen frühzeitig besser zu stellen.

Mein Partner ist jemand, der sehr gern andere fördert und ermutigt, ihre Stärken auszuspielen. Er sagt auch, dass er dieses Problem im akademischen oder technischen Umfeld deutlich mehr bei Frauen beobachtet hat. „ Du bist schon so weit oben, hast schon so viel geschafft. Jetzt brauchst du eigentlich nur noch von dir selbst überzeugt zu sein, dann kaufen die anderen es dir ab und du steckst sie in die Tasche., Leute glauben den dümmsten Schwachsinn, dein ‚Schwachsinn‘ wäre zumindest keiner.“

Wahrscheinlich hasse ich dieses blockierende Gefühl noch mehr als meine gesundheitlichen Probleme.

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Ich kann mich daran erinnern, dass ich sowas Ähnliches während der Pubertät hatte. So eine Art Kitzeln im Bauch. Das hat mich wahnsinnig gemacht. Ich empfand es als sehr unangenehm. Und da ich nicht wusste, wie ich dem entgegenwirken kann, habe ich vor Wut geheult. Man kann dieses Gefühl schlecht beschreiben

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Das kann ich so gut nachvollziehen. Ich weiss eigentlich auch, dass ich viel Wissen habe und gute Eigenschaften habe. Aber wenn ich ein Kompliment bekomme könnte ich oft weinen, weil ich das Gefühl habe, dass ich sie nur getäuscht habe und wenn sie mich wirklich kennen würden, sie nicht so denken würden.

Eigentlich weiss ich, dass ich das ändern sollte und arbeite daran mit meinem Therapeuten. Einfach ist es jedoch nicht. Ich weiss, dass ich nicht so wichtig bin, dass die anderen Leute ständig über mich nachdenken, aber der Gedanke, dass jemand wütend auf mich sein könnte, oder dass ich Schuld daran bin, dass mich jemand anlügt aus Angst mich zu verletzen ist doch da… :see_no_evil_monkey:

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@ela1 Hi.

Ich weiß nicht, ob ich dazu berechtigt bin hier drinnen zu schreiben, da ich eine männliche Person bin aber ich wollte trotzdem mal meinen Beitrag leisten. Wenn man sonst als Junge hier nicht schreiben darf, bitte klärt mich auf.

Ich habe zwar (noch) keine Diagnose und vermute zu adhs auch noch Autismus, allerdings könnten vielleicht meine Vorschläge eventuell trotzdem helfen.

Ich maske glaub ziemlich viel und habe auch Probleme mit lauten Umgebungen. Daher habe ich besonders in der Schule sehr oft Spannungskopfschmerzen und hatte es noch extremer in der Vergangenheit. Ich habe zumindest herausgefunden, dass es zumindest mir sehr hilft, wenn ich in meiner Freizeit in den Wald gehe und einfach raus gehe um runter zu kommen und Kraft für den nächsten Tag zu haben. Außerdem, (ich weiß natürlich nicht genau wann die Symptome deiner Tochter auftreten, ob akut in der Schule oder schon morgens) aber mir hilft es ziemlich in der Pause auch laufen zu gehen und in ruhige Räume zu gehen um einfach runter zu kommen. Nicht nur wegen der vorherrschenden Geräuschkulisse, sondern auch wegen der generellen Umgebung in der Schule und da ich dort für diese kurze Zeit nicht angepasst sein muss. Das hat mir schon geholfen (leider nicht immer) die Kopfschmerzen vorübergehend, manchmal sogar dauerhaft für den Rest des Schultages los zu bekommen. Allerdings weiß ich natürlich auch nicht direkt was deine Tochter genau stresst und kann daher nur meine eigenen Lösungsvorschläge nennen. Ich habe auch schon oft gehört, dass viele mit ADHS überhaupt nicht runter kommen können in komplett stillen Umgebungen, deshalb kann ich nur sagen, deine Tochter sollte am besten herausfinden wodurch sie entspannen kann, auch in der schulischen Umgebung und dies dann tun. Vielleicht hilft es. Ich träume eben auch sehr gerne weil es Spaß macht und ich dabei runter kommen kann während ich in die Ferne schaue. Deshalb hilft es mir in stillen Räumen.

Vielleicht konnte ich helfen, vielleicht auch nicht🤷. Aber ich will es zumindest mal versucht haben.

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Liebe ela,

ich habe deinen Post leider jetzt erst gelesen, weil ich so lange nicht im Forum aktiv war. Ich hoffe meine Antwort erreicht dich noch.

Von meiner Seite ein ganz klares Ja. Seit ich auf der Welt bin, habe ich mit körperlichen Symptomen zu tun, die keine körperlich erklärbare Ursache zu haben scheinen (abgesehen von meiner Hashimoto-Thyreoiditis, die hab ich von meiner Oma geerbt).

Ich hatte schon im Kindergarten (also mit 3 bis 4 Jahren) Schlafstörungen. Ich konnte NIE Mittagsschlaf halten. Ich musste über Mittag von meiner Mutter nachhause geholt werden, um die anderen Kinder nicht beim Schlafen zu stören. Egal, was meine Eltern probiert haben, ich konnte einfach nicht schlafen. Auch nachts bin ich wohl wirklich sehr oft aufgewacht, auch noch bis ins 10./11. Lebensjahr. Meine Mutter hat das wahnsinnig gemacht, aber irgendwann hat sie sich damit wohl arrangiert. Da konnte auch nie eine Erklärung für gefunden werden. Es war einfach ‘anders’ als bei den anderen Kindern. Punkt.

Ich hatte auch als kleines Kind schon viele Hautausschläge, wie Milchschorf etc. und bekam sehr früh die Polypen chirurgisch entfernt. Das war ziemlich belastend, weil ich mit 4 Jahren nicht begreifen konnte wieso der Arzt mir mit der Zange im Ohr rumwühlt. An den Schmerz erinnere ich mich bis heute noch.

In meiner späteren Kindheit/frühen Jugend kamen dann einige psychosomatische Beschwerden dazu. Auch hatte ich wieder mit Hautausschlägen zu kämpfen. Ekzeme im Nacken und im Gesicht und, wie ich vor Kurzem erfahren habe, habe ich schon länger Rosazea. Meine Haut ist leider unfassbar empfindlich. Ich vertrage auch sehr viele Hautprodukte nicht gut.

Seit der Weiterführenden Schule plage ich mich mit Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Meine Schlafstörungen haben sich vom Mittagsschlaf einfach zum Nachtschlaf hin verlagert, sodass ich ab 12/13 Jahren nicht vor 1 Uhr nachts einschlafen konnte. Egal, wie müde ich körperlich war, mein Kopf war es leider nicht. Da kam meine Mutter dann eben mit der Hochsensibilitäts-These. Und das ergab auch erstmal Sinn.

In meiner/m späten Jugend/frühen Erwachsenenalter kamen dann die Hashimoto-Thereoidits dazu sowie ein Reizdarmsyndrom, Migräne und unspezifische Muskelschmerzen (die ich aber mehr auf Hashimoto zurückführe).

Seit ich von ADHS weiß fügt sich alles wie so ein Puzzle zusammen. Die Schlafstörungen seit meiner frühesten Kindheit (scheinbar gehen ADHS und Schlafprobleme zu über 80% Hand in Hand), meine emotionale Empfindlichkeit vor allem gegenüber Ablehnung und Kritik, psychosomatische Schmerzen, Migräne, Entzündungen unterschiedlicher Organe. Es passt für mich mittlerweile ziemlich gut ins Bild.

Ein Jucken von Innen hatte ich eher nicht, jedenfalls erinnere ich mich nicht daran. Aber ich kenne sehr gut springende, rasende Gedanken und - was ich bis heute habe und ebenfalls seit früher Kindheit kenne - ich habe die ganze Zeit wie so ein subtiles Klingeln in den Ohren. Es ist aber eher nicht sowas wie ein Tinnitus, sondern eher eine Art statisches, weißes Rauschen, wie man das manchmal von krisseligen Fernsehbildern kennt. Unter Elvanse verschwindet das Klingeln komplett. Nach Abklingen der Wirkung kommt es wieder. Es ist seltsam. Ja, wie du beschreibst, schwer zu beschreiben. Denn es ist eben nicht sowas wie ein klassischer Tinnitus. Es ist mehr das Programmrauschen, das durch zu viele Prozesse im Kopf entsteht, vermute ich.

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