Ich habe seit Freitag eine ADHS-Diagnose. Die Fragebögen waren bei mir eher unauffällig bzw. negativ. Im Nachhinein merke ich aber bei ziemlich vielen Fragen, dass ich spontan „nein“ gesagt habe, obwohl die Antwort nach etwas Nachdenken eigentlich „ja“ gewesen wäre. Vieles habe ich offenbar einfach automatisch kompensiert oder mein Gehirn hat irgendwie Wege gefunden, das Problem zu umgehen.
Rückblickend erklärt ADHS bei mir ziemlich viel. Ich hatte schon immer eine katastrophale Selbstorganisation. Schule ging irgendwie, weil die komplette Struktur von außen kam. Morgens hin, Stundenplan, Lehrer, Aufgaben und irgendwann war der Tag vorbei.
An der Uni ist diese Struktur zunehmend weggebrochen. Prioritäten setzen konnte ich überhaupt nicht. Irgendwann war einfach alles wichtig, weil ich wusste, dass ich es irgendwie schaffen muss. Gleichzeitig konnte ich unter Druck teilweise zu wirklich sehr guten Leistungen auflaufen. Meinen Chemie-Bachelor habe ich noch mit guter Note geschafft und danach auch noch ungefähr zwei Jahre gearbeitet.
Irgendwann ist es aber extrem gekippt. Letztes Jahr hatte ich einen ziemlichen Zusammenbruch und inzwischen kann ich praktisch nicht mehr arbeiten, obwohl ich wirklich gerne wieder würde.
Was mich gerade vor allem beschäftigt: Zu viel Belastung ist zu viel, aber zu wenig ist auch kaum auszuhalten. Wenn ich mich zu Hause nur schone und nichts zu tun habe, werde ich irgendwann wahnsinnig. Mein Kopf braucht ständig irgendetwas.
In Crashs bin ich außerdem teilweise extrem reizempfindlich. Dann können mir selbst Licht oder normale Alltagsreize zu viel sein. Das schwankt aber stark.
Noise Cancelling und möglichst wenig Reize haben mir anfangs sogar ziemlich geholfen. Irgendwann ist das aber ebenfalls gekippt und inzwischen kann mich zu viel Ruhe fast genauso kirre machen. Es fühlt sich an, als würde ich das richtige Maß zwischen Unterforderung und Überforderung überhaupt nicht mehr finden.
Ich habe jetzt Methylphenidat bekommen. Das bringt tatsächlich eine ziemlich angenehme Ruhe in den Kopf und macht vieles leichter, hält bei mir bisher aber nur ungefähr drei Stunden richtig gut. Wie das weiter eingestellt wird, muss man sehen.
Psychotherapie habe ich schon und ich stehe auf einer Warteliste für Ergotherapie. Ich frage mich trotzdem gerade, was man in so einer Situation macht. Mir fehlt offensichtlich äußere Struktur, aber normale Arbeit ist aktuell noch zu viel.
Kennt das jemand? Was hat euch geholfen, wieder Struktur und Belastbarkeit aufzubauen, ohne euch direkt wieder zu überfordern? Und hat sich dieses schmale Fenster zwischen Unterforderung und Überforderung bei euch mit einer passenden ADHS-Medikation wieder vergrößert?