Liebe Nadine
Ich hatte eine ähnliche Erfahrung. Ich war bei einer Psychologin, wegen Prokrastination. Nach kurzer Zeit fand sie dann, dass sie das Gefühl hat, dass ich all diese Probleme wegen ADHS (unaufmerksamer Typ) haben könnte. Sie hat mit mir dann Fragebögen ausgefüllt. Die Resultate liessen schon auf ADHS schliessen. Deshalb meldete mich meine damalige Psychologin für eine Diagnostik an.
Ich habe mich vor der Therapie schon gefragt, ob ich evtl. ADHS haben könnte. Einfach eine unauffällige Form, denn ich war früher in der Schule immer sehr gut. Ich hatte einfach mit Strukturen Probleme (Rechtschreibung, Texte schreiben, Vorträge oder Plakate einteilen), hatte immer ein Chaos, obwohl ich immer versuchte, aufzuräumen. Ich kam oft zu spät, musste schnell weinen, und habe dann im Gymnasium erst mitten in der Nacht auf die Tests lernen können. Ausserdem hatte ich beim Fahren immer grosse Mühe mit der Aufmerksamkeit und dem Überblick. Ich bin schnell stressanfällig und arbeiten war immer eher schwierig, weil ich mir so einen Druck machte und ich auch schnell an allem Zweifle, ausserdem habe ich Mühe mit Abläufen und mit meiner Vergesslichkeit. Ich kann zwar super gut zuhören, lasse mich aber beim Arbeiten extrem schnell ablenken.
Der erste Arzt bei dem mich die Psychologin anmelden wollte, hatte keine Kapazität. Deshalb hat sie mich bei einem Psychiater angemeldet, der eigentlich schon im Ruhestand war. Ich musste auch ausgefüllte Fragebogen mitnehmen. Es waren 2 mit je 25 Fragen. Als ich am Termin da war, hat er mich als erstes gefragt, ob ich den Fragebogen auch anders hätte ausfüllen können. Ich fand nicht nur diese Frage eigenartig. Er hat mir sehr viel von sich erzählt und meinte bei vielen Dingen: “Das ist typisch ADHS!”. Zum Beispiel tierlieb sein. Was ich auch speziell fand. Ich habe dann auch selbst einige Fragen komisch beantwortet, weil er aber auch ganz eigenartig gefragt hat. Der ganze Termin war sehr unstrukturiert, sodass ich meiner besten Freundin sagte, dass der Psychiater bestimmt selbst ADHS hat. Ich hatte dann einen weiteren Termin bei ihm. Dort sagte mir der Arzt, dass er selbst ADHS hat. Was mich natürlich nicht überraschte. Bei diesem Termin erklärte er alle meine Probleme mit einer Angststörung (ein Fragebogen musste ich so schnell, schnell selbst in 5 Minuten ausfüllen). Er meinte dann ich solle Betablocker nehmen, wieso genau, wann und wie hat er mir aber nicht erklärt. Als ich fragte, was mir das jetzt bringt, meinte er, dass ich nun ja wisse, dass ich kein ADHS habe.
Ich brauchte etwas länger, bis ich das Ganze etwas verarbeitet hatte.
Nach einem halben Jahr, in dem ich mit der Psychotherapeutin versuchte mein Aufschieberverhalten zu verringern, und nichts half, meinte ich zu ihr, dass ich mir eine Zweitmeinung wünsche. Sie fand das eine gute Idee und meldete mich bei dem Arzt an, wo sie mich schon das erste Mal anmelden wollte. Der hatte dann zum Glück wieder Kapazitäten.
Ich hatte nur einen Termin bei ihm, dafür sehr strukturiert und relativ lang. Ich wurde sehr ausführlich befragt und musste ein paar Tests machen. Bei denen ware ich zwar sehr gut, aber alles andere wies auf ADHS hin.
Deshalb erhielt ich von ihm dann einige Wochen später eine Diagnose.
Ich hätte nicht gewusst, wieso ich sonst so grosse Probleme mit mir habe. Darum war ich sehr froh eine Diagnose bekommen zu haben. Wenn er aber auch gemeint hätte, dass es kein ADHS wäre, hätte ich es bestimmt besser akzeptieren können, weil ich das Ganze als viel seriöser und fundierter empfand.
Wahrscheinlich hätte ich mich auch dann ab und an gefragt, ob ich nicht vielleicht doch in Richtung ADHS tendiere, einfach vielleicht subklinisch bin.
Aber ich zweifle auch immer wieder an meiner Diagnose. Ich glaube, das gehört einfach etwas dazu, da es ja nicht eine einfach zu stellende Diagnose ist.
Fazit: Ich empfehle dir sehr, dass wenn du die ganze Diagnose als speziell empfandest, dir eine Zweitmeinung einzuholen.
Liebe Grüsse
Nicole