ADHS-Diagnose mit 28 – und jetzt frage ich mich, was hätte anders laufen können

Hey ihr Lieben,

ich habe erst vor Kurzem meine ADHS-Diagnose bekommen. Eigentlich stand das Thema schon seit meiner Kindheit immer mal wieder im Raum, wurde aber nie wirklich weiterverfolgt und irgendwann war es einfach kein Thema mehr.

Jetzt, wo ich die Diagnose habe, fühlt sich das Ganze irgendwie ziemlich komisch an. Ich weiß natürlich, dass ich die Vergangenheit nicht ändern kann und dass es nichts bringt, sich ständig zu fragen, was gewesen wäre. Trotzdem erwische ich mich gerade immer wieder bei dem Gedanken:

Was wäre gewesen, wenn ich das schon früher gewusst hätte?

Wäre manches in der Schule anders gelaufen? Hätte ich vielleicht studiert? Wäre ich beruflich und finanziell heute an einem ganz anderen Punkt? Wären manche Entscheidungen oder Lebensphasen vielleicht anders verlaufen, wenn ich damals schon gewusst hätte, warum mir bestimmte Dinge so schwerfallen, oder mein Kopf anders funktioniert als bei den „Normalos“ ?

Ich weiß, dass man darauf keine Antwort bekommen wird. Aber trotzdem beschäftigt mich das gerade ziemlich.

Gleichzeitig stehe ich jetzt vor dem nächsten Schritt: dem Thema Medikamente. Und davor habe ich ehrlich gesagt auch etwas Angst. Nicht unbedingt vor den Medikamenten selbst, sondern davor, dass sie mich als Mensch verändern könnten.

Ich möchte mich nicht plötzlich wie ein anderer Mensch fühlen oder das Gefühl haben, dass meine Persönlichkeit „wegmedikamentiert“ wird. Ich möchte einfach besser mit meinem Kopf klarkommen und die Dinge, die mir bisher schwergefallen sind, vielleicht etwas leichter schaffen.

Deshalb würde mich interessieren:

Wie habt ihr die Zeit nach eurer Diagnose erlebt?
Hattet ihr auch dieses „Was wäre gewesen, wenn ich das früher gewusst hätte?“-Gefühl?
Und wie war es für euch, mit einer Medikation anzufangen? Hattet ihr ähnliche Ängste bezüglich einer Wesens- oder Persönlichkeitsveränderung?

Ich würde mich wirklich über eure Erfahrungen freuen. :heart:

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Hallo ei1598.

Meine Erfahrung ist, dass sich beinahe jeder nach der ADHS-Diagnose fragt, was wäre gewesen wenn…
Und das ist auch normal. Denn schließlich ist das eine lebensverändernde Auswirkung.
Und ein Stück weit gehört das Schwelgen in der Vergangenheit als auch das Reflektieren vergangener Situationen zum Umgang mit Deiner Zukunft dazu.
Mir persönlich hat es extrem dabei geholfen, mich nicht mehr als „anders“ zu sehen. Und es hat mir dabei geholfen, mich und meine Angewohnheiten so akzeptieren, wie sie sind.

Insofern würde ich sagen, es gehört einfach dazu und Du darfst es gerne zulassen, solange es Dir dabei hilft, Dich auf die Zukunft und dein akzeptiertes „ich“ einzustellen.

Und was die Medikamente angeht: Eine Wesensveränderung kannst Du (meiner Meinung nach) nur dann erzwingen, wenn Du weit über die normale Dosis hinausgehst - und dann auch nur durch zu viel Hyperfokus, ggf. auftretende Tics, etc.
Wenn Du Dich mit Deinem Arzt zusammen einstellst, wirst Du an Deinem Wesen/Charakter keine Veränderung verspüren. Eventuell nur Dein Umfeld, indem man Dich (je nach Subtyp) als aufmerksamer, ruhiger, ausgeglichener, etc. wahrnimmt. Aber auch hier sei gesagt (und das weiß Dein Arzt natürlich viel besser), dass jeder eine andere Wirkung abhängig vom Wirkstoff verspürt.

Ich persönlich habe es ein paar Monate probiert, die Medikamente dann aber abgesetzt.
Letztlich liegt es ja nur an Dir, ob Du es nehmen möchtest oder nicht. :upside_down_face:

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Für mich war es 2017 zunächst peinlich das eine Kinderdiagnose als Verdacht im Raum stand . Ich hatte zuvor noch nicht von Adultes ADHS gehört.

Nach der offiziellen Diagnose wurde mir im Rückblick vieles klar aber ich bin froh, dass ich als Kind nicht medikamentös behandelt wurde. Vermutlich hätte ich dann den ganzen familiären Bullshit noch klarer wahrgenommen , so war ich immer unterwegs und habe mir zu Hause nichts gefallen lassen . Also das wäre wenn gab es wenn überhaupt nur kurz bei mir, denn die Medikation hätte ja nichts am familiären Umfeld geändert .
Schulisch und strukturell wäre aber damals eine Medikation natürlich hilfreich gewesen.

Das mit den Medis war so eine Sache, da ich damals ein „zu schnelle Diagnose- und Medikamentenritiker „ war und nun soll ich selber …..
Ich hatte aber auch Angst vor den Medis. Die positiven Berichte im damaligen Forum und das es keine Spiegelmedikamente sind , haben mir den Mut gegeben es wenigstens zu testen und ich bereue es nicht.

Ich empfinde keine Wesen- und Persönlichkeitsveränderung eher eine Unterstüzung und bin froh das mein Wesen unter Medis nicht mehr innerlich und äußerlich so ausagiert .

Teste die Medis, gib der Sache ein wenig Zeit und Geduld , letztendlich kannst du dich jeder Zeit dafür oder wieder dagegen entscheiden.

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Hallo,

schön dass du da bist.

Mir ging es ähnlich. Ich habe mich nach der Diagnose oft gefragt, und frage mich noch heute, was wohl gewesen wäre, wenn ich die Diagnose als Kind bekommen hätte.

Vielleicht hätte ich bessere Noten geschrieben, hätte mehr Freunde gehabt, einen leichteren Einstieg ins Berufsleben.

Aber vielleicht wäre ich auch überheblich geworden, oder hätte nicht den Beruf ergriffen, den ich jetzt habe.

Rückblickend muss ich sagen, dass es möglicherweise auch gut war, dass ich die Diagnose so spät bekommen habe. Klar, eine frühe Diagnose hätte mir viel erspart aber vielleicht auch viele Lernprozesse verhindert. So habe ich vielleicht erstmal nur die Realschule besucht, dafür aber gelernt mich anzustrengen und durchzubeißen, ich habe Frustrationstoleranz gelernt und Verständnis für anderen, die komisch sind, oder Außenseiter. Ich habe gelernt kleine Erfolge zu sehen und dran zu bleiben und ganz viele Methoden, die mir helfen, mich zu strukturieren, zu konzentrieren, zu beruhigen etc. Und ich habe gelernt geduldig zu sein (auch wenn es nicht immer so aussieht). Alles Dinge, die ich jetzt in meinem aktuellen Beruf im pädagogischen Bereich brauche.

Von daher denke ich, dass es wenig Sinn macht über verlorene Chancen etc in der Vergangenheit zu grübeln, sondern eher mal zu überlegen, was man vielleicht auch durch eine unbehandelte Adhs an Positivem mitgenommen hat.

Das mit den Medis habe ich direkt ausprobiert und es hat sich für mich tatsächlich als Augenöffner und Gamechanger erwiesen.

Ich wünsche dir viel Mut und Kraft auf dem Weg nach der Diagnose. Und hab keine Angst um Hilfe zu bitten, wenn du welche brauchst.

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Genau das habe ich auch erlebt! Ich war traurig über all das, was in meinem bisherigen Leben nicht gut gelaufen ist und besser hätte sein können, wenn ich schon als Kind meine Diagnose (und auch die Medikamente) bekommen hätte.

Und nicht nur das, auch dass mir immer wieder gesagt wurde (und ich sogar noch öfter geglaubt habe), ich sei selbst schuld, ich sei eben faul und undiszipliniert. Ich habe mich als Kind häufig sehr geschämt, wenn ich wieder „aus der Rolle“ gefallen war, wusste aber auch nicht, wie ich aus dem Film rauskam.

Um das aufzuarbeiten, bin ich in den ersten Monaten nach meiner Diagnose (2003) ein paarmal zu einer Psychologin gegangen. Auch meiner rückblickend perfektionistischen Mutter zu vergeben, war Thema.

Dass die Medikamente deine Persönlichkeit beseitigen, musst du nicht befürchten. Ich hatte sehr schnell den Eindruck und den habe ich immer noch, dass ich mehr „ich“ bin, wenn das Medikament wirkt.

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Für mich war die Diagnose mit 39.

Mir kommt der Gedanke so oft obwohl ich nie darüber nachdenken will. Der Gedanke lebt jetzt aber Rent free in meinem Kopf. Angst vor den Medikamenten hatte ich nicht. Ich hatte mich eher gefreut und gehofft das sich viel in meinem Leben verbessert. Passiert natürlich nicht ohne viel daran zu arbeiten. Da hatte ich mir zu viel erhofft damals :smiley:

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Bei mir war es ähnlich. Ich hatte eine komplizierte Vergangenheit und ständig Orientierung und Zugehörigkeit bei falschen Organisationen gesucht.

Das ging z.B. über → Fußball → „Gewalt ist geil“ → Hooligan → AfD Gründungsmitglied.

Das naive Vertrauen, dass „Freunde“ wirklich Freunde sind und ich ständig ausgenutzt wurde.

Das ich für mein Studium 5 1/2 Jahre, statt 3 gebraucht habe…

Nach der Diagnose brach Vieles in mir zusammen. Ich hatte aber das Glück, direkt am selben Tag Medikinet verschrieben bekommen zu haben. Das hat den ersten Sturz etwas abgefedert. Trotzdem habe ich mich natürlich gefragt, „WAS WÄRE WENN?“. Zumal ich in meiner Kindheit bei sehr vielen Psychologen war, sogar Psychotherapie bekam. Mein Vertrauen in die staatlichen Organe war irgendwie zerstört…

Ich würde aber lügen wenn ich sage, dass sich das mit der Zeit ändert. Ich habe einfach 30 Jahre verschwendet :slight_smile:

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Hallo,
ich habe das Gefühl, ich ticke da etwas anders als ihr.

Ich habe meine Diagnose seit knapp vor meinem 50. Geburtstag.

Eine Trauerphase so wie ihr hatte ich nicht, das einzige, was mir meine ADHS wohl dauerhaft kaputt gemacht hat, war eine Beziehung, der ich immer noch ein bisschen hinterher trauere.

Schulisch war es bei mir phasenweise schwierig, aber ich habe immer noch irgendwie die Kurve bekommen.

Grundsätzlich sehe ich das Leben aber nicht als einen einzigen Weg, sondern als verschlungene Pfade, die man täglich neu einschlägt.

Sich beruflich verändern, Haus verkaufen, Scheidung sehe ich nicht als „Scheitern“.

Das einzige negative, was ich tatsächlich meiner ADHS anlaste, ist meine Essstörung. Das frustriert mich ziemlich.

Ich bin 41 hatte die Diagnose mit 40 und bin bekannt Autistisch seit ich teenager war.

Ich bin stark im Glauben an „hätte hätte Fahrradkette“ lol.

Nein ich bin dort wo ich bin mit meinen Leben zufrieden trotz der ups and downs, und es stimmt es hätte anders laufen können aber ich glaube so wie es gelaufen ist war der Zeit entsprechend. 2013 gab es erst doppel diagnosen da war ich schon 28 Jahre alt. Seit wann gibt es Erwachsenen medikamentierung. Ich hätte sich gerne etwas mehr Verständnis von meiner Familie gehabt.

Aber ich bin jetzt mit genau der Person zusammen die much komplettiert und hätten wir uns 20 Jahre zuvor getroffen wäre da nichts draus geworden weil wir seit dem selber an uns gearbeitet haben. Aber du hastnoch dein ganzes Leben vor dir, Mir hat einerMsl gesagt Ab 35 Jahre alt hatte er das beste Alter, Ich glaube besonders bei audhs oder ähnlichen ist dort etwas dran weil das Hirn etwas später durchreift.

Ich hatte ebenfalls eine Phase des Trauerns nach meiner Diagnose, die ich erst in den 40ern erhalten habe. Ich hatte Sorgen, wie ich mit der Diagnose mein Leben stemmen soll. Doch die Medikation hat mir sehr geholfen.

Da ADHS vererbt wird, bin ich mir nicht sicher, ob meine Kindheit und Jugend anders verlaufen wäre. Ich habe eine klassische ADHS Laufbahn und bin heute stolz darauf, trotz all dieser Schwierigkeiten es so weit geschafft zu haben.

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