Vom Mod:! Hab mal für die Lesbarkeit ein paar Absätze eingefügt!
Hallo Shrimp,
ich möchte dir gerne darauf antworten. Mein Erfahrungsschatz von mehr als 50 Jahren dürfte hierbei wohl für sich sprechen.
Ich müsste jetzt mein gesamtes Leben ausbreiten, um zu verdeutlichen, wie einschränkend diese neuronale „Norm-Funktionsabweichung“ in meinem Leben war. Ich beschreibe gerne bildlich, wie es in meinem Kopf zugeht: eine zehnspurige Autobahn, die aber nicht nur einmal existiert, sondern in mehreren Höhenlagen übereinander, jeweils mit sämtlichen fahrbaren Untersätzen gefüllt und kreuz und quer, vor uns zurück, entgegen jeglicher uns bekannter Verkehrsregeln.
Hätte es in der Schulzeit nur 3 Wahlfächer gegeben, wäre ich vermutlich als Überflieger aus der Schule raus. Deutsch, Kunst und abstraktes logisches Denken in der Geometrie, währenddessen aber Mathematik die sogenannte Beton-fünf behielt. Warum ist das wichtig? Weil die Bedeutung von Abitur, Studium und meinen damaligen beruflichen Träumen an genau dem scheiterten: ohne Abi kein Studium.
Bevor ich jetzt aber ausschweife, möchte ich auf den eigentlichen Punkt nun endlich zu sprechen kommen (übrigens auch typisch unter den mir bekannten ADS´lern: sich kurz fassen- unmöglich, haha): ich habe in den Wechseljahren einen regelrechten ADS Boost nach meinem Burnout erfahren und ich stand vor der Wahl: mich dauerhaft aus dem Berufsleben, durch vorzeitigen Renteneintritt, zu verabschieden oder mich mal unter der Lupe zu betrachten und mich meinen Besonderheiten zu widmen.
Was mir geholfen hat? Das immer mehr Menschen weltweit sich meinen Symptomen ähnelnden, in die Kamera sprachen und auf sich aufmerksam machten. Das war der Beginn einer regelrechten Metamorphose - klingt pathetisch? Ja, darf es sogar, weil ich mittlerweile so viel positives berichten kann und am liebsten die ganze Welt daran teilhaben lassen möchte.
Nach mehr als 5 Jahrzehnten, einigen Therapierfahrungen und einer erlangten Offenheit, habe ich es gelernt in die Offensive zu gehen, mich nicht mehr „falsch“ zu fühlen. Ich habe betrachtet, worin ich eigentlich gut bin und ernte plötzlich Reaktionen über für mich vollkommene Selbstverständlichkeiten meiner selbst, ohne zu wissen, dass sie auch im positiven Sinn besonders sind.
Neben stark ausgeprägter Empathie, die man mir als Hochsensibiltät diagnostizierte, kann ich dank der divergentem Denken-Fähigkeit, dieses wunderbar für die Kanalisierung in die Kreativität mir zunutze machen. Darum war ich in der Werbe- und Marketing Branche bis zum Burnout auch ganz gut aufgehoben.
Jetzt habe ich den Mut mein eigenes Ding aufzubauen. Ich war schon immer „open-minded“, habe mich aber in der Vergangenheit durch das konventionelle Denken meines Umfeld, immer hemmen und in frage stellen lassen.
Aus meinen bisherigen Gesprächen mit Gleichgesinnten bestätigten mir alle: den Hyperfokus wenn uns ein Thema interessiert kennen alle von sich, Kreativität nicht unbedingt, pauschal lässt sich also nicht unbedingt vereinen, aber es gilt für mich. Und ich drehe den Spieß jetzt um: eine Selbstständigkeit in dem was ich kann, kreative Marketing Strategien entwickeln, lässt mich regelrecht schöpferisch explodieren. Ich baue seit April meine Selbstständigkeit auf, habe Kurse besucht für autobiografisches Schreiben um parallel auch ein Buch irgendwann zu schreiben und habe mein Mindest ändern können.
Mittlerweile bin ich mir bewusst, dass in früherer Zeit, meine Fähigkeiten: alles um mich herum wahrzunehmen, Emotionen zu spüren und zu deuten, ausgeprägte Sinneswahrnehmungen, meine Energie und Impulsivität, abstraktes Denken und die Kreativität wären damals als Vorteil gesehen worden und ich vermutlich irgendwas zwischen Schamanin, Seherin oder als Scout gewesen. In unserer aktuellen Zeit werden diese Fähigkeiten als Störung erklärt, ja klar, weil wir zu funktionieren haben, in Systemen gepresst werden. Wer da nicht in die Form passt, aber unbedingt dem genügen will, könnte es mit Medikamenten versuchen, aber auch das funktioniert nicht immer.
Nun gibt es zweifellos unterschiedlich starke Ausprägungen, die sich im Laufe eines Lebens auch wieder ändern können, wo ich den Beweis für antrete. Ja, ich bin schneller erschöpft, schlafe zudem schlecht, aber versuche mit Heilpflanzen mich zu boostern. Der Endokrinologe (Hormon Spezialist) bestätigte mir aktuell nun auch einen Zusammenhang zwischen Wechseljahren und AD(H)S Steigerungen. Tja und was fange ich nun damit an? Kickt gerade mein ADS z.B. in dem ich Menschen ins Wort falle, weil meine Gedanken schneller sind, sage ich ihnen kurz das ADS mehr ist als eine Aufmerksamkeitsstörung unter der die meisten Menschen das nur kennen. Mein Worte poltern manchmal auch hier im Text aus mir heraus und die Satzstellung entspricht nicht der grammatikalischen Norm? Ja, schuldig in allen Punkten, aber bin ich deswegen eine Null in Deutsch, nur weil mein Hirn lange Schachtelsätze liebt? AD(H)S ist etwas, das, wenn Du dich unter einem anderen Licht als deine Umwelt es von dir verlangt, betrachtest, etwas besonderes - und kann deswegen deine Superkraft sein. Sie unterscheidet dich von anderen, ja, aber die anderen bezeichnen dich als „falsch“ weil sie dir nicht folgen können.
Du scheiterst am Alltag, ja, das kenne ich, weil dich dein ADS überholt, weil du vermutlich Chaos im Kopf, Chaos im Alltag, Chaos auf dem Schreibtisch, Chaos in Ordnung, Chaos im Papierkram, Chaos in Struktur, Chaos selbst beim Versuch des aufräumens - ich wette, das einiges davon zutrifft. Hier geht es nicht um das schön reden, hier geht es darum, das du dich neu betrachtest - was macht dein Hirn anders als andere? Wir spalten gerne mittlerweile in unserer Gesellschaft, weil alles was nicht passt, einfach als falsch bezeichnet wird. Ob selbst unter Gleichgesinnten mehr Verständnis untereinander herrscht? Kann ich hier noch nichts zu sagen, aber es wäre wünschenswert, weil irgendwann muss irgendwer den Anfang machen.
Seit etwas über einem Jahr erlebe ich mich nun neu, ich ernte nicht mehr „Alice im Wunderland“ oder „Träumerin“ oder „konzentriere dich doch mal auf eine Sache!- jetzt ernte ich „krass, was du alles kannst“, wie machst du das alles gleichzeitig ?“- und soll ich dir was sagen: es öffnen sich immer mehr Türen. Ich schreibe gerne, spreche auch gerne und der Zufall hat dafür gesorgt, dass ich bald mit einem 30 Jahre jüngeren Mann zusammen einen Podcast starten werde. Depression und ADS stehen eng zusammen, wenn dazu noch Autismus und Hochbegabung sich dazu gesellen, haben wir hier alle eine Vorstellung, wie es dem jungen Mann bisher erging. Er kommt jetzt aber gerade ins Leben zurück, erlebt eine Eigenmotivation und entdeckt neue Talente in sich. Alleine das mitzuerleben, einem jungen Menschen zuzuhören, ihm Mut gemacht haben zu können und er jetzt seine Fähigkeiten für sich im analytischen Denken festgestellt hat, wird auch seine Weichen im Leben stellen.
Wir wollen aber nicht ÜBER neurodivergente Störungen (furchtbares Wort ) sprechen, sondern teilhaben lassen, WIE unsere Hirne MIT Neurodivergenz an Themen rangehen, wie wir so ticken. 30 Jahre mehr Lebenserfahrung gegen einen IQ höher als manch Tempolimit aber beide mit Turbo ADS Zündung. Wir wollen mit KOGNITANZ in erster Linie anderen Mut machen und zu uns selbst stehen. Joanne K. Rowling hat für die Personen ohne magischen Fähigkeiten das Wort MUGGLE erfunden- wir haben auch Fähigkeiten die nicht jeder hat, leiden teilweise auch sehr stark unter manch eine Ausprägung, aber bitte erklärt uns doch nicht für „gestörte“. @ #allemugglesdadraußen: im Zweifelsfall finden wir schneller eine Lösung, sei diese auch noch so kreativ, unperfekt oder improvisiert, aber wir finden eine, wenn man uns nur lässt.
So, ja das war jetzt anstrengend und ich gönne mir eine Pause.