ADHS "Symptome" sollten nicht im Mittelpunkt stehen

Überall liest man hier nur von Problemen in der Therapie zur Kontrolle der “Symptome”.
Ich finde die sollten gar nicht so genannt werden. Symptome sind Ausprägungen von Krankheiten. ADHS ist keine Krankheit. Völlig bescheuert, dass das auch nach nebensächlichen “Symptomen” und benannt ist und Syndrom heißt. Das ADHS in mir ist mit meiner Persönlichkeit auf’s Engste verwoben, das ist ein Teil von mir, das ist kein Syndrom! Glaub da stehen ganz andere Sachen im Mittelpunkt die ADHS eigentlich ausmachen als diese “Symptome”

Wer trotzdem mal versuchen will ohne “Symptome” zu leben:
Ich hab unfreiwillig einen Weg gefunden 13 Jahre lang keine “Symptome” zu haben, hier ist das Rezept:

  1. Eine Prise Kindheitstrauma
  2. 2 Jahre exzessiv Amphetamine und MDMA
  3. Richtig unglücklich LSD nehmen

Dadurch erhält man Depersonalisation und Schizophrenie, toll! Depersonalisation macht emotionslos und das ist der Knackpunkt. Also einfach antipsychotische Medikamente nehmen damit die Schizophrenie nicht so feuert und man die reine Depersonalisation hat. Ohne Emotionen keine Hyperaktivität. Ohne Emotionen keine Hyperfokusse und dadurch Aufmerksamkeitsdefizit (gibt’s ja dann keinen Antrieb mehr für). Das ist was gegen ADHS hilft. Keine Emotionen haben. Also ich werd nichts gegen mein ADHS machen jetzt wo das wieder da ist. Einfach im Moment leben und den Autopilot laufen lassen, sonst stresst man sich nur

Nach 13 Jahren hat sich die Depersonalisation aufgelöst in einem einzigen Moment als ich nichtsahnend auf dem Sofa saß. Wusste nicht mal dass ich Depersonalisation hatte! Also war ich völlig geflasht. Hat sich bemerkbar gemacht durch eine Flut von Emotionen die mich erfasst hat und seitdem bin ich wieder normal. Und alle ADHS-Symptome wieder da, fuck! Manchmal bin ich genervt von “Symptomen” und manchmal muss ich drüber lachen wie verpeilt ich bin. Lachen/Humor hilft immer.

Man kann sehr viel über sich lernen wenn man keine Emotionen hat für 13 Jahre und dann direkt alle wieder. Habe den direkten Vergleich dazu was der Unterschied ist dabei und alles was mich ausmacht was ich schon komplett vergessen hatte in mir wiederentdeckt Tag für Tag. ADHS hab ich auch wiederentdeckt, willkommen zurück, Du altes Syndrom, willkommen, mein Körper gehört Dir!
ADHS ist komplett durch Emotionalität angetrieben, alle Symptome sind emotional angetrieben. Jetzt sind die alle wieder da UND ich kann sie wegen dem ADHS nicht kontrollieren. Das ist kein Symptom, das ist ein Feature. Ich erlebe jeden Moment emotional, da fühl ich mich lebendig. Davor war ich quasi ein Zombie, emotional tot, hatte keine Gefühle für meine Brüder, Schwester, Eltern, Freunde, niemanden. Die waren mir quasi alle egal. Hab ich erst nach der Depersonalisation verstanden. Ich find das ganz schön krank, dass neurotypische Menschen Ihre Emotionen überhaupt so kontrollieren können! Nervt mich auch wenn jemand der mir nahesteht zu etwas emotionalem total sachlich antwortet und mich völlig falsch versteht. Manchmal sollte man versuchen etwas emotional nachzuvollziehen. Seit ich wieder gesund bin passiert das bei mir automatisch. Weiß nicht was da in neurotypischen Menschen abgeht, dass die manchmal viel zu sachlich sind bei irgendwie unpassenden Momenten.

Ich habe nach meiner Wunderheilung direkt angefangen alles zu verbessern um mich langfristig wohlzufühlen und für möglichst positive Emotionalität zu sorgen damit das mit dem ADHS nicht zu sehr frustet. Will nicht nur ab und zu gut drauf sein, ich will am besten zukünftig fast permanent gut drauf sein, das geht mit ADHS, am besten mit anderen Menschen die mir nahe stehen (wenn die nicht mal wieder denken der irre schizobruder oder so)

  1. Nicht zu viel über “Symptome” nachdenken.
  2. postitives und humorvolles in allem sehen (das geht bei mir jetzt wieder wenn mich nicht was aufregt eigentlich automatisch, kann man nicht unbedingt forcieren denk ich)
  3. Messi-Wohnung aufräumen
  4. Rauchen aufhören (E-Zigarette Ersatz mit weniger Nikotin)
  5. Joggen anfangen/Sport machen
  6. Alte Freunde kontaktieren
  7. Leute ansteckend freundlich auf der Straße beim vorbeigehen grüßen und sich freuen wenn der Funke überspringt, auch gut um soziophoben Ängsten entgegen zu wirken, da kommt garantiert keine schizophrene paranoide Stimmung auf wenn man das macht :wink:
  8. Mit Kindern spielen (Neffen, Nichten, Kinder von Freunden) die haben keine komischen Vorstellungen von Schizophrenen oder so, top
  9. Emotionen körperlich/verbal ausleben, auch Negative, zu Hause zumindest lass ich immer voll raus. Lasse genervte Stöhngeräusche von mir wenn mich was frustet, kommt halt einfach raus aus mir, ist besser zu ertragen so ein Gefühl wenn man es nicht nur fühlt sondern auslebt und rauslässt
  10. Nicht alles an sich analysieren/reflektieren, mit ADHS muss man versuchen im Moment zu leben und laufen zu lassen, krampfhaft kontrollieren geht nicht
  11. Sich selbst was gönnen, man hat verdient zu genießen und sollte essen, trinken, zigaretten bewusst genießen. Bad nehmen, Embryo-Stellung einnehmen und in dicke Decke wickeln, was auch immer man braucht, man ist mehr als irgendwelche “Symptome”, man ist ein Mensch, nicht auf sowas reduzieren lassen
  12. Selbstbewusstsein entwickeln, sich selber nicht runtermachen. Rationalisieren warum etwas was man nicht geschafft hat ok gewesen ist nicht zu schaffen, es ist ok auch mal zu scheitern, sich nicht selbst negativ bewerten, sondern selbst verstehen warum man es nicht geschafft hat und selbst bemitleiden (wenn man sich selbst Leid tut, spürt man dass man das nicht verdient hat und baut sein Selbstwertgefühl auf, keine Schuld in sich suchen, Fehler die man macht nicht zu eng sehen, wenn man jemanden wütend anschreit weil er einen frustriert (öhm, wie mein Bruder letztens) dann ist das nicht so schlimm und man muss das auch mal machen, stirbt ja keiner bei. Auch wenn man jemanden damit Unrecht getan hat, egal, einfach entschuldigen und vergessen

Angst gehört bei ADHS garantiert nicht zu den Emotionen auf die man keinen Einfluss hat. Man kann sich gegen Ängste desensibilisieren. Depersonalisation hat Angst nicht weggenommen, musste lernen die Schizophrenie-Ängste auszuhalten. Über Jahre stückweise besser geworden. Erst danach hat sich Depersonalisation gelöst. Mit Ängsten konfrontieren, nicht aus dem Weg gehen, kämpfen! Rationalisieren warum die Angst unnötig ist und mit was anderem beschäftigen. Ich hatte maximale Angst in meiner Wohnung jede Sekunde, keine Pause bevor ich Antipsychotische Medikamente bekam (trotzdem lange nicht verstanden dass die helfen). Ich habe gelernt es mir egal sein zu lassen was jemand der mich sehen kann über mich denkt (dachte ich werde in meiner Wohnung permanent gesehen, durch die Wand mit High-Tech-kameras) und alles was ich mache übelst negativ bewertet, wurde runtergemacht, wurde vor dem Schlaf mit Mord bedroht, da hat geholfen sich zu rationalisieren: wenn die mich umbringen, dann kann ich ja ruhig bleiben und muss keine Angst haben bis die da sind und es machen, brauch keine Angst BIS dahin zu haben, hab so lange mit der Angst gekämpft und jetzt hab ich so gut wie keine mehr, das hilft glaub ich auch dabei dass ich keine schizophrenen Symptome kriege, Medikamente natürlich Pflicht

Hoffe das hilft irgendwem, peace

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Hallo neurotyp!

Wow was für eine Achterbahnfahrt!

Ich mag keine Achterbahnen. Mir wird schnell schlecht!

Willkommen in deinem neuen Leben!

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Hallo neurotyp,

Es ist interessant für mich mal ein paar Dinge aus einer anderen Sicht und aus einer anderen Ecke des ADHS zu lesen. Du bist anscheinend auf einer ganz anderen Seite des ADHS unterwegs als ich.

Ich konnte auch ohne Emotionen ganz schön hyperaktiv sein. Mit ADHS und seinen Auswirkungen auf mich und meine Umwelt, bin ich nur dadurch zurecht gekommen, indem ich (allerdings unbewusst) meine Emotionen stark heruntergefahren hatte. Da, wo neurotypische Menschen emotional reagierten, stand ich sehr cool und emotionsarm daneben.

Ich machte mit ADHS also genau das, was du als Verhalten von neurotypischen bezeichnet hast. Ich scheine im Vergleich zu dir an einem anderen Ende des ADHS - Spektrums unterwegs zu sein. ADHS sehe ich auch nicht als Krankheit. Es muss halt als Störung definiert werden, damit man (zum Beispiel ich) medizinische Leistungen dafür bekommen kann.

Es ist schön, wenn es dir mit deinem ADHS gut geht. Deine Euphorie kann ich nur bedingt teilen. Was dem einen sin Uhl ist dem andern sin Nachtigall.

Mein bis vor kurzem noch unerkanntes ADHS jedoch hat mir der letzten Jahren mehr seine negativen Seiten gezeigt und mich langsam aber sicher in eine tiefe depri rein getrieben. Von den unangenehmen und schmerzhaften Auswirkungen auf meine Familie und andere Sozialkontakte mal ganz abgesehen, die unter meinen Verhaltensweisen mehr oder weniger litten. Deshalb bin ich froh, dass ich mit Medikamenten mein ADHS unter Kontrolle habe. Ich beginne, vergessene Emotionen wieder zu finden - endlich - und sozialverträglicher zu sein.

Dein 12 Punkteprogramm finde ich recht okay mit Einschränkungen zu den Punkten 9, 10 und 12.

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Danke für deinen Post.

Finde es klasse, wie du gelernt hast mit den “Symptomen” umzugehen (tut mir leid, dass ich den Begriff benutze). Aber ich finde das wirklich sehr stark, was du geschrieben hast, insbesondere das “alles analysieren” und “reinsteigern”. Natürlich sollte man jetzt nicht jedem zu exzessiven Drogenkonsum raten, aber ich hoffe so sehr, dass sich doch einige von der Social Care beeinflussen lassen.

Ich hoffe du kommst soweit auch mit der Schizophrenie klar und musstest nicht allzulange in der Klinik bleiben. Wie lange hat diese Phase angehalten? Nimmst du noch viele Medikamente? Darf ich fragen, was du noch nimmst?

Pass bitte auf dich auf

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Warum sollte es keine Krankheit sein? Man bekommt eine Diagnose und Medikamente, also ist es eine Krankheit.
Etliche andere Krankheiten sind auch eng mit der Persönlichkeit verwoben. Wer keine Krankheit haben will, darf nicht zur Diagnostik gehen.

Hi @neurotypP8G3J2: Deinem Beitrag kann ich mich nur anschließen. Meinen tiefsten Respekt für diese Glanzleistung Deiner Selbstreflektion. Das hat mich inspiriert hier auch meinen Senf dazu zugegeben.

Die eigene Mischung machts: Wie ich nach 55 Jahren Blindflug meinen Frieden fand

55 Jahre. So lange habe ich gelebt, ohne zu wissen, wer oder was da eigentlich am Steuer sitzt. Ich bin neurodivergent.

Seit etwa einem halben Jahr beschäftige ich mich intensiv mit der Symptomatik, der ich so lange unterlegen war. Und ich habe meine Schlüsse daraus gezogen. Ich weiß jetzt in etwa, wie mein Begleiter heißt. Und ich akzeptiere das, denn: Du gehörst einfach zu mir.

Ich schreibe das hier, weil ich weiß, wie sich das „Loch“ anfühlt. Und ich will euch sagen: Ihr könnt euren eigenen Weg da raus finden.

Der Kampf, den man nicht gewinnen kann

Früher bin ich in die Sucht gerutscht. Ich lese hier im Forum oft von ähnlichen Dingen, nur mit anderen Substanzen. Heute ist mir eines glasklar: Ich hatte fast Null Chance, gegen die Sucht anzukämpfen, solange ich nicht wusste, wie mein Gehirn tickt.

Es war der verzweifelte Versuch, das Loch zu füllen, wenn der Akku leer war. Es war Selbstmedikation, um in einer Welt zu funktionieren, die nicht für uns gemacht ist.

Heute weiß ich: Wenn der Zeitpunkt kommt, an dem der Akku leer ist, dann ist das eben so. Punkt. Wer das nicht akzeptiert und versucht, sich mit Gewalt oder Mitteln darüber hinwegzusetzen, verliert.

Mein Treibstoff: Die eigene Mischung

Um den „Teufel Sucht“ zu verbannen und stabil zu bleiben, habe ich mir meine eigene Strategie zurechtgelegt. Vielleicht ist es nur Mittel zum Zweck, aber scheiß drauf – es funktioniert.

Es sind vier Säulen, die mich heute tragen:

1. Akzeptanz (Vorbei ist vorbei) Ich versuche gar nicht mehr, mich für Fehler zu rechtfertigen, die passiert sind. Vorbei ist vorbei. Entweder man versucht es auf eine andere Weise neu, oder man bekommt die Gelegenheit dazu. Und wenn nicht? Dann eben nicht. Ich kämpfe nicht mehr gegen die Vergangenheit und nicht mehr gegen meine Natur.

2. Mut zur Gleichgültigkeit Das klingt hart, ist aber mein Schutzschild. Ich muss nicht alles an mich heranlassen. Ich muss nicht jede Erwartung erfüllen. Dieser Mut ist notwendig, um bei mir selbst zu bleiben und nicht im Lärm der anderen unterzugehen.

3. Komfortmaximierung Komfort zur Maximierung der eigenen Produktivität, zur eigenen Entlastung – na aber hallo! Schön blöd, wer sich das nicht zunutze macht. Ich mache es mir so einfach wie möglich. Nicht aus Faulheit, sondern um meine Energie zu schützen. Sobald der Gedanke kommt: „Ich MUSS das so machen, sonst…“, ist das totales Gift für mich. Ich gestalte mein Umfeld so, dass es für mich arbeitet, nicht gegen mich.

4. Neufokussierung Wenn ich die Energie nicht mehr im Kampf gegen mich selbst verschwende und den Alltagskomfort nutze, habe ich plötzlich Kraft übrig. Und die lenke ich ganz bewusst dahin, wo ich sie haben will.

An euch

Ich habe 55 Jahre gebraucht, um das zu kapieren. Ich habe diese Kraft jetzt. Ich schreibe das, damit ihr nicht so lange braucht, um eure eigene Mischung zu finden.

Es gibt einen Weg aus dem Loch. Er beginnt damit, aufzuhören, sich dafür zu entschuldigen, wer man ist. Macht es euch bequem in eurem eigenen Leben. Es steht euch zu.

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