ADHS und "Phasen"?

Hallo zusammen,

Da ich meine Diagnose erst neu habe, möchte ich dieses Forum nutzen um ein paar Fragen zu stellen.
Also:

Frage 1: MIr ist aufgefallen das meine ADHS Symptome (Speziell geht es hier um das H) manchmal nicht so stark sind.
Jetzt hab ich mich gefragt ob das normal ist, ich es mir einbilde oder ob es an den Reizen liegt. HIer ein Beispiel:
Ich treffe draußen meine Nachbarn und werde in ein kurzes Gespräch verwickelt. Es ist an einer Industriestraße sehr laut. Ich zappel mehr als wenn ich drinnen alleine sitze.
Liegt es an den Reizen? Oder fällt mir das Zappeln zuhause weniger auf weil ich nicht drauf achte?
Wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin versuche ich ruhig zu sitzen um niemanden zu nerven mit meinem „rumgefuchtel“ :grin:

Frage 2: Ich hab gehört das ADHSler Schwierigkeiten haben Ordnung zu halten. Bei mir ist das aber anders. Meine Wohnung ist penibel aufgeräumt. Aber ich mag aufräumen auch irgendwie. Ist das normal? Gibt es auch ordentlich ADHSler oder bin ich eine Ausnahme? Liegt es daran das ich aufräumen mag oder mein Bewegungsdrang über das Aufräumen und putzen befriedige?

Danke für nette Antworten. Für mich ist das alles noch neu.

  • Jen
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Das ist normal ich bin auch sehr ordentlich, habe ständig einen Bewegungsdrang und lege alles immer an seinen Platz, verlege oder verliere selten etwas nur in extrem stressigen Situationen.
Rede wie ein Wasserfall, bin ständig in Bewegung vergesse zu essen und zu trinken und entspanne am besten beim Joggen oder Radfahren oder Zumba
Fernsehen langweilt mich

Ich habe in meiner ebenfalls noch sehr kurzen Reflektionsphase seit der Diagnose vor 2 Monaten sowohl Phasen als auch Umstände festgestellt, die meine Symptome beeinflussen.

Unter Phasen fallen für mich vor allem Zyklusphasen (für diesen Thread eher OT), aber auch die „neu und spannend“ Phasen, in denen das, was neu ist, super viel Spaß macht, ich Sachen durchziehen kann und das neue regelmäßig mache. Die können ein paar Tage, Wochen, sogar Monate dauern, aber irgendwann ist das neue Routine, generiert keinen Spaß mehr, wird langweilig oder anstrengend. Klassiker sind die drölfzigtausend Hobbys, die ich angefangen habe (vor allem aus dem kreativbereich, aber auch Balkonprojekte, Renovierungsarbeiten, Ernährungsumstellungen, Sportarten,…man, die Liste ist echt lang :roll_eyes:), aber selten ein einziges Projekt auch überhaupt beendet habe, geschweige denn das Hobby als solches noch ausführe.
Kann ich aber gut mit leben, indem ich es wertfrei annehme, aktiv gegen Impulse arbeite, Geld dafür auszugeben und nichts anfange, dass mich in unvollendetem Zustand belasten würde (ich sag nur Renovierungsarbeiten…).

Die Umstände sind da ne größere Herausforderung, weil ja selten nur einer wirkt. Um da die Übersicht zu wahren und überhaupt reflektieren zu können, kategorisiere ich die Umstände in etwa so:

Rahmenbedingungen

  • gut geschlafen, genug gegessen und getrunken, physisches Wohlbefinden allgemein
  • gesundheitliche Einschränkungen wie Erkältung, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, etc.
  • psychische Beschwerden wie depressive Episode, Angstzustände, etc.
  • gesamtsituation, z.b. Stress/Langeweile/konflikte auf Arbeit, im sozialen Umfeld, etc.

sensorische Reize

  • optisch wie blendende Sonne, flackender Lampe, grelle Lichter, unangenehme Farben,…
  • akkustisch wie plötzliche/unangenehme Geräusche, konstanter Lärm, Stimmengewirr, beruhigende Musik,…
  • olfaktorisch wie plötzliche Parfümwolke, unangenehmer Körpergeruch, irritierende Gerüche die ich nicht zuordnen kann,…
  • sonstige wie schwitzen nach Bewegung, kratzige Klamotten, komischer Geschmack im Mund, Essen hat komische Konsistenz,…

akkutes

  • auf wichtigen Termin/Verabredung warten
  • Druck-/Leistungssituation (Spektrum reicht von jemanden anrufen müssen bis Abschlussprüfung/Vorstellungsgespräch)
  • verfügbare Ressourcen, z.b. Kopfhörer/Sonnenbrille/etc. um sensorisches zu mildern, Rückzugsmöglichkeiten, Bezugspersonen in Reichweite (physisch/digital),…

Hatte vor ein paar Tagen ein intensives Beispiel, an dem ich viel für mich lernen konnte. War mit einem tollen Mann zu nem Date unterwegs (Kino/Essen), konnte im Kino kaum ruhig sitzen, Restaurant haben wir so schnell wie möglich verlassen (fix jeder zwei Tappasgerichte gegessen und tschüss), zwischendurch draußen auf net Bank gesessen zwecks Körperkontakt und reden. Ich konnte nur letzteres ansatzweise genießen und mich halbwegs entspannen, wollte das Date aber so auch nicht beenden und nahm ihn zum Netflixen und kuscheln auf meiner couch mit heim. Da war ich plötzlich absolut tiefenentspannt, woran ich erst gemerkt habe, wie krass angespannt ich vorher war.
Aus allen der obigen Bereiche trafen mehrere Sachen zu, die mich belastet haben: hatte Nachts doof gelegen und Schmerzen im Bein, sofern ich das nicht hochgelegt habe, im Kino hat es komisch gerochen und das flimmern des Films war unangenehm. Draußen war es grau aber unangenehm grell, dazu unangenehm kalter Wind und Stadtlärm, dafür waren Menschen auf Abstand, er nah, ich konnte rauchen und wir konnten reden. Im Restaurant war es unangenehm voll, massives Stimmgewirr, nach 10 Minuten fing ne Mariachiband direkt neben uns an, live zu spielen, Kommunikation nur noch via anbrüllen,…:stuck_out_tongue_closed_eyes::see_no_evil:
Zuhause auf der Couch konnte ich das Bein hochlegen, alles roch angenehm nach zuhause, perfekte Lichtstimmung, angenehme Temperatur, alles nach Bedarf anpassbar, Decke zum einkuscheln, viel bequemeres ankuscheln an ihn.
Kein Wunder, dass sich mein Anspannungslevel da so massiv verändert hat :joy:

Du bist damit also definitiv nicht allein.

Und mit dem Ordnung halten auch nicht, bei mir ist idR auch alles sehr ordentlich und an seinem Platz. Nicht, weil mir aufräumen per se Spaß macht, sondern weil mich Unordnung so massiv unter Dauerstress setzt, dass ich über die letzten 17 Jahre Strategien entwickelt und verfeinert habe, wie ich trotz innerem Chaos mein Umfeld dauerhaft ordentlich halten kann.

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@Ratte68 Krass das klingt fast alles nach mir. Sehr Ordentlich, Bewegungsdrang, Alles immer an seinen Platz, Verliere selten was, Rede wie ein Wasserfall, ständig in Bewegung und vergesse zu trinken (Essen nie, Trinken IMMER) Ich dachte immer ich kann kein ADHS haben weil ich ja nie etwas verliere und alles ordentlich ist. Danke für deine Antwort. Ich dachte schon ich bin irgendwie komisch :smiley:

@Sonja Krass. Ich dachte immer ich kann kein ADHS haben. Verrüclt das es anderen da genauso wie mir geht. Danke für deine wirklich sehr ausführliche Antwort. Darf ich fragen ob der Mann wusste das du ADHS hast? Ich hab es einmal meinen Nachbarn erzählt (schön dumm) und seitdem wird immer drauf rumgeritten. Ich höre kurz weg “Jen, hat schon abgeschaltet, da kickt das ADS” und so. Seitdem geh ich da auch nicht mehr runter zum quatschen weil es mir unangenehm war.

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Hm, Phasen hab ich auch, wobei die bei mir nicht mehr zyklusbedingt sein können.
Das ist es oft eher irgendein Impuls von außen, der mich anstößt und mich in Bewegung bringt.
Und ich bin auch eigentlich sehr ordentlich, Unordnung verursacht mir ebenfalls Stress.
Wenn ich allein bin, kann ich das auch super durchziehen
Da ich aber noch drei Menschen im Haushalt habe, die sich nicht immer an meine Regeln halten, +3 Vierbeiner, versinke ich dann auch immer wieder im Chaos, wenn die Unordnung überhand genommen hat
Was mir unheimlich hilft, ist unsere Putzhilfe.
Nicht nur dadurch, dass sie putzt, sondern allein dadurch, dass ich weiß, sie kommt am Freitag und dann müssen die zu putzenden Räume und Flächen auch frei sein.
Und wenn diese Räume (sie putzt nur Küche und Bäder) dann sauber sind, gib mir das Motivation, Mich auch um den Rest zu kümmern

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@Minzli Ja wenn man mit Leuten zusammen wohnt dann kann ich mir gut vorstellen das es schwieriger ist Ordnung zu halten. Ich wohne ja alleine, da macht keiner Dreck außer ich selber. Dazu noch 3 Haustiere die dann auch noch Haare verlieren, nicht ganz so einfach wie bei mir. Die Putzhilfe scheint dir sehr zu helfen, das freut mich.

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Dass mit dem Chaos im Haus bei mehrern Personen kenne ich auch.
Mein ältester ist vor 2 Monaten ausgezogen und hat sein Chaos mit seine WG genommen, seidem haben wir hier eine traumhafte Ordnung keine 12 paar Schuhe mehr im Flur und der ganze Esszimmertisch voll mit Papieren, Kartons und seinem ganzen Kram.
Selbst sein Platz am Küchentisch war immer zugemüllt von seinem Zimmer will ich gar nicht reden.
Mein Mann ud mein anderer Sohn bleiben mit iherr Unordnung meissten in ihren Zimmern wobei mein Mann da auch starke Probleme hat…
Ich genieße diese Ordnung und freue mich jeden Tag erneut darüber.
Seit mein Mann von meinem Adhs weiss, wir häufig auf meine Schwächen hingewiesen, abends wenn die Wirkung der Medis nachlässt(19:00 Uhr) ich nehme aber nichts nach ich möchte spätestens um 22:30 schlafen.
Mich nachts zu beschäftigen macht mich kirre
Fernsehen langweilt mich

Ja, der Mann weiß das. Im Privaten Bereich ist es für mich mittlerweile selbstauferlegte Pflicht, dass zu erzählen, ich hab sogar ein ADHS Tattoo, sehr gut sichtbar am Oberarm, weil mir die Diagnose sprichwörtlichunter die Haut ging (und weil meine Mitbewohnerin/beste Freundin mit mir parallel diech ihren eigenen Diagnoseprozess gegangen ist, Tattowiererin ist und wir das Motiv gemeinsam als Freundschaftstattoo entworfenhaben :grin:).
Dadurch nehme ich zwar eine Menge Zurückweisung und Ablehnung in Kauf, habe dafür aber auch einen sehr guten Idiotenfilter.

Leute, die anderen ihre Symptome vorwerfen, Diagnosen als Ausreden und psychisches Leid als Einbildung abwerten, vergiften mir nur mein Umfeld und sind eine Beleidigung für alle Betroffenen sowie derer, die sich informieren und entsprechend vernünftig damit umgehen.

Ein Date würde bei mir nichtmal zustande kommen, wenn ich nicht wüsste, dass der andere das Thema händeln kann. Kann er es nicht, würden er und ich Nur unglücklich, wozu also seine Zeit verschwenden.
Dann lieber Platz schaffen für jemanden, der absolutes Verständnis hat, durch eigene Hochsensibilität auch intensiver auf äussere Reize reagiert (wir haben beide im Restaurant, als die Band sich aufstellte, verzweifelte Lachanfälle unterdrücken müssen, wissend dass wir jetzt beide leiden werden, aber nicht sofort weg können :sweat_smile:) und deutlich empathischer für meine emotionale Dysregulation ist.

Ich weiß, dass es Menschen gibt, die zu mir passen und mich entsprechend annehmen und wertschätzen können, wie ich bin. Ich weiß ebenso, dass diese Menschen sehr selten sind, was aber nichts daran ändert, dass ich diese Menschen verdient habe und eher Einsamkeit in kauf nähme als mich mit Idioten zu umgeben. Und ich weiß, dass ich solche Menschen irgendwann finden werde. Nicht durch aktives Suchen und Druck, sondern dadurch, dass ich die richtigen Umstände schaffe (stabiles Ich, mich in Situationen mit neuen Menschen begeben, etc.)

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@Ratte68 Das ist schön das es dir mit der Ordnung hilft. Und bei deinem Sohn kannst du die Tür ja einfach zu machen, dann siehst du das Chaos nicht mehr :wink: Danke für deinen Beitrag, jetzt fühl ich mich nicht mehr so komisch mit meinem Ordnungsdrang!

@Sonja Ich liebe Tattoos. Es freut mich das du so einen Idiotenfilter hast. Ich glaube aber nicht das ich mir zu meinen 9 Tattoos zusätzlich noch sowas stechen würde. Wie gesagt, siehe meine Nachbarn die direkt drauf rumreiten sobald ich mal mehr zappel oder nicht zuhöre weil das Thema langweilig ist.

Ja, ich denke die Stärke hätte ich auch nicht.
Ich habe auch schon erlebt dass mich Menschen denen ich von meiner Diagnose erzöhlt habe, sehr kritisch beäugt und ständig auf Fehler hingewiesen haben, das ist mir zu anstrengend ich möchte mich nicht ständig für mein Adhs und seine Auswirkungen rechtfertigen, das überfordert mich.

@Ratte68 Vor allem möchte man nicht ständig dran erinnert werden das man krank und nicht normal ist.

Same! Ich hab auch immer Ordnung in der Bude. Zudem steht im Zuhause nie viel herum, alles clean, weiss, schwedisch hell :smile:
Selbst in der Küche gibts keine Griffe, nur Flächen die ich anstupsen muss. Auch beim Backoffen, Induktionfeld etc… alles Displays, nie Knöpfe. Daher liebe ich auch Ikea Malm, ebenfalls clean Style :sweat_smile:

Alles was rumsteht, abgestaubt werden muss, macht mich so irre. Das ist echt heftig. Früher wusste ich auch nicht, dass das adhs bedingt ist. Das gestresste Gehirn braucht Ruhe, keine zusätzlichen Reize. Halt wirklich typisch Adhs!

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@Lea Meine Wohnung ist auch clean. Wenig Deko. Nur gezielt. Alles in weiß/grau/schwarz. Wie bei Ikea wo jemand in einen Showroom nochmal ein Foto von einem Hund reingestellt hat, damit man denkt da wohnt jemand der einen Hund hat :joy:
Malm hab ich auch xD Als Nachttisch im Schlafzimmer. Das dass typisch ADHS ist hätte ich nicht gedacht. Ich hab wieder was gelernt. Danke dafür!

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Huhu, ich erkenne bei mir immer mehr ,was meine Symptome verstärkt:

  • wenn ich vergesse zu essen/ trinken
    Das passiert leider seeeehr oft. Aber ich kompensiere es mit Kaffee. Was überhaupt nicht gut ist.
  • eine Woche bevor ein neuer Zyklus startet
    Gaaanz schlimm. Da bin ich einfach ein dünnhäutiges Kopfloses Huhn
  • wenn zu viele Reize auf mich einprasseln
    Zuviele Menschen, grelles Licht, andere hektische Menschen , Geräusche und Lautstärke
  • Stress
  • zu viele offene Tabs im Hirn

Ich bin erstmal froh, dass ich es erkannt habe. Leider schaffe ich es nicht selbst was zu ändern. Ich warte derzeit noch auf einen Therapieplatz. Im Januar ist dann auxh meine Diagnostik abgeschlossen. Dann kann ich hoffentlich mit Medikamenten mir etwas helfen.

Ordnung ist mir auch wichtig. Ich kann sie schnell herstellen aber nicht dauerhaft halten. Und zwei kleine Kinder im Haushalt sind da auch suboptimal. :sweat_smile:

Uuuuh ein ADHS Tattoo? Das find ich cool. Darf ich fragen , mit welchem Motiv du es auf dir trägst?
Ich überlege nämlich auch. Bisher würde ich die chemischen Formeln von Dopamin, Serotonin oder Noradrenalin irgendwie auf meinem bemalten Arm einbauen. Aber die Idee muss noch reifen.

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Ja menschen zuzuhören Ihnen in die Augen schauen und nicht 5000 Dinge gleichzeitig zu denken wenn das gegenüber spricht fällt mir auch extrem schwer.
Mit de Ordnung bin ich genau gleich alles an seinem Platz und ständig Putzen.

Finde das mit den Sozialen Kontakten und ADHS exrrem schwer. Es belastet mich ziemlich:( weiss nicht wie andern es dabei geht? Manchmal hasse ich diese Krankheit so sehr aber man kann es leider nicht ändern.

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@Friedaline

Wir sind da eher Team wortwitz :sweat_smile:

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Wie geil! Sehr cooles Tattoo :smiling_face:

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Hey, stark!
Angelehnt an ACDC…Passt total! Nicht nur wg Highway to Hell sondern auch von der Bedeutung „Wechselstrom/Gleichstrom“
Love it! :guitar:

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@Friedaline Ah okay. Ja ich wusste nicht das es so viele Auslöser gibt. Ist mir quasi alles bekanntunbekannt :sweat_smile:
Mit Kindern ist das natürlich sehr schwer. Das verstehe ich auch.

@Kim Das geht es dir nicht alleine so. Mir geht es auch so. Ich finde nie irgendwie Freunde auch wenn ich immer versuche Kontakte zu knüpfen aber ich bin wohl immer der schräge Vogel den man lieber umgeht. Naja. Wir können nichts dafür.

@Sonja So eins hab ich schonmal gesehen! Ich mag das alles in Englisch gehalten ist mit ADHD und nicht ADHS. Das wäre sonst komisch weil der Rest ja auch Englisch ist.

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