ADHS und Weltwahrnehmung und Keto

Ich hatte tatsächlich Versuche von Keto in meinem Leben. Persönlich kann ich von ketogener Ernährung bei ADHS aber eher abraten.

Hintergrund zu mir - ich bin Physikerin. Zum Studium hat das ADHS erstaunlich gut gepasst. Oder anders, Physik ist das einzige Studium, was bei mir mit ADHS funktioniert. Das Besondere ist die Freiheit. Nicht andauernd Dauerbelastung mit Leistung, sondern Spitzenphasen und lange Regenerationszeit. Im Physikstudium, wie auch drum herum, löst man primär Probleme. Man hat ein paar Vorlesungen, ein paar Übungen und der Rest der Zeit geht für mathematische Modellierung, Problemlösung und Übungszettel drauf.

Ich hatte in den guten Phasen ca 3-4 Vorlesungen. Bei 3 Vorlesungen sind das dann 4h pro Vorlesung plus 2h Tutorium, also 6-7 2h Blöcke VL und dann noch 3 Blöcke mit 2h (oder 1,5h genauer) Übung. Also gut 16h VL + Übung in der Woche. Pro Tag also 4-6 h Uni.

Klingt nicht nach viel. Aber wie schon erwähnt - es ist Physik. Der Großteil der Zeit geht wie gesagt für die Übungszettel drauf. Und ich habe bisher niemanden erlebt, der mehr als 6h pure Mathematik oder theoretische Physik am Tag mental verarbeiten kann. Gut, also 4-6h Mathe am Tag plus dann noch über Zettel nachdenken, Problem lösen, etc.

Enter the sugar. Ein guter Tag sah ungefähr so aus - ca 10h zur Uni. Draußen Sonnenschein, Sommersemester. VL fängt an. Ich, zwei Freundinnen, Block und Stift. 45 min. 12 Tafeln voll mit Differentialgleichungen. Ich im Hyperfokus. Alles mitgeschrieben. Jede Termumformung verstanden. Körper auf vollem Adrenalin. 15 min Pause. Ich renne um den Block. Einmal. Hirn schreit nach Zucker. Croissant vom Bäcker. Weiter laufen. Zurück zur VL. Es geht weiter. Mehr Mathe, ähnliches Programm. Mehr Differentialgleichungen. Alles aufgenommen. Alles verarbeitet. Alles verstanden. Etwas Pause. Tutorium. Zettel vom letzten Mal diskutieren. Soweit alles ok. Danach Ruhe. Studentencafe. Neuer Zettel draußen. Erstmal Zettel organisieren. 4-5 mathematische Probleme ready for Lösung. Ich schaue drauf. Die Formeln nehmen Gestalt an, Pattern formieren sich vor meinem inneren Auge. Ich kritzle die ersten Ideen und Ansätze auf einen Zettel. Abends dann Sport mit Freundin. 45 min Aerobic, 45 min Pilatesübungen danach. Hirn gut stimuliert und wach. Die simplen Tanzschritte zu lernen, hat 2 Jahre gedauert. Ich will beim Sport nicht nachdenken müssen. Ich will einfach stupide Bewegungen machen. Die beiden Trainer tanzen vor. Mein Körper geht in Trance, immer noch voll im Flow. Ich freue mich auf süße Typen, auf gemeinsames Rechen, auf geistige Stimulation und die Wellen der Musik nehmen mich auf. Wir alle tanzen synchron. Manche vertanzen sich. Ich frage mich, was passieren würde, wenn alle maximal synchron tanzen und wenn alle maximal asynchron tanzen. Die Energie der Füße lässt den Boden vibrieren. Auf die Art generieren manche Clubs ihre Energie über Schwingungen einer Bodenplatte durch Tanzgäste. Maximal synchron wäre maximale konstruktive Interferenz. Maximal asynchron wäre Auslöschung, alles dazwischen dann halt dazwischen. Später die Pilatesübungen. Ich denke an das zweite Semester, an das erste Semester und an Schwerpunkte. Nach 12 Jahren ohne zu kapieren, was diese Körperspannung sein soll, merke ich es endlich. Ich merke, wie die Kräfte wirken. Wenn ich den Arm parallel zur Schwerkraft ausrichte, gehen Dinge einfach. Orthogonal zur Schwerkraft (komplett ausgestreckt) und es ist am schwersten. Warum geht das überhaupt? Orthogonal ist die Projektion auf die Schwerkraft gleich Null, das dürfte eigentlich nicht gehen, dass ich den Arm so halten kann. Ach ja, die Physikvorlesung. Professorin sage was von „constraints“ - Zwangskräfte. Natürlich. Die Knochen bilden den Constraint, daran sind die Muskeln ausgestreckt, entlang der Muskeln wirken die Zwangskräfte, die die Kräfte, die der Schwerkraft entgegen wirken, so umlenken, dass der Arm ausgestreckt gehalten werden kann. So und das jetzt mal in 3D. Ab auf alle Viere, Bein parallel zum Boden ausstrecken. Natürlich, Kräfte. Drehmoment wirkt da, wo Bein in Hüfte übergeht. Hebelarm ist maximal an der ausgestreckten Fußspitze. Gesamtkörperschwerpunkt sollte pi mal Schnauze so um den Bauchnabel rum sein. Null Ahnung von Körperspannung, aber ich spüre intuitiv, was die Übungen sollen und was Körperspannung ist. Weil ich mit der Natur in sync lebe. Physik ist Natur. Ich modelliere Kräfte im Kopf. Ich spüre sie im Körper. Ich schwimme im See, ich sehe die Strahlen der Sonne, die sich im Wasser spiegeln. Figuren und Pattern formieren sich vor meinem inneren Auge. Meine besten Ideen für Algorithmen sind im Schwimmbad, im See oder unter der Dusche entstanden. Ich gehe schwimmen und habe Klammern und Elemente zwischen den Klammern vor dem inneren Auge. Ich schwimme meine Bahnen und frage mich, ob ich die Spur auf einem großen Tensorprodukt irgendwie vereinfachen kann. So, Spur ist zyklisch. Also ist die Basis egal. Zwischen den Klammern stehen jetzt nur Elemente auf der Hauptdiagonalen der Matrix. Das für alle Submatrizen. Ich kann also im Tensorprodukt alle Submatrizen diagonalisieren für die Spur. Ich gehe raus, trockne mich ab, gehe ins nächste Cafe. Es ist eiskalt draußen, Dezember. Ich frage nach Kuchen (Zucker!) und nach Zettel und Stift. Idee wird notiert. Es stimmt tatsächlich, ich kann die Spur ins Tensorprodukt reinziehen. So und damit habe ich den Ansatz für einen neuen Algorithmus für einen Quantencomputer. Unabhängig von der Anzahl der Qubits oder der Dimensionalität des Systems. Sollte auch für Logik höherer Ordnung halten.

Zum Thema Keto - hier wird es spannend. Selbes Semester wie das mit dem Sport oben (zweites Semester Physik). Ruhige Gedanken wie auf Elvanse gabs für mich eigentlich nur a) nach 90 min Sport für den Moment, wo Körper wirklich erschöpft ist b) wenn ich so viel Mathe gemacht habe, dass mein Hirn so massiv die Schnauze vom Rechnen voll hat, dass es sagt „Weg mit den Formeln“. Auf Elvanse sind sie nicht immer ruhig, aber das erste Mal Methylphenidat war vom Effekt genau so wie die Erschöpfung nach dem Sport. Gedanken komplett in der Gegenwart. Komisches Gefühl, weil ich NDRIs einfach nicht abkann. aber wenigstens mal Gedanken komplett in der Gegenwart. Keto. Ohne Zucker dreht mein Hirn frei. Körperliche Aktivität ist riesig, Wunsch danach auch, Fokus ist gleich Null. Hatte ich neulich nochmal. Ausgeschlafen, Bock auf Rausgehen, Medis nicht genommen plus nichts gegessen. Suche mit Freund nach Steckdose für E-Auto-Laden. Nach 30 min Geduld massiv unten. Ich bin kurz davor, ihn anzuschnauzen. Zuhause erstmal Essen und später Elvanse. Ich kann die Uhr danach stellen - ohne Zucker ist mein Hirn drauf wie am ersten Tag ohne Elvanse. Scatterbrained as fuck. Bock auf Bewegung. Null Fokus. Und es ist nicht mal schön. Erster Tag ohne Elvanse konnte ganz nett sein, wenn das Umfeld stimmte. Entweder extrem müde oder extrem energiegeladen. Ohne das Dexamphetamin und ohne Zucker ist exec func aber für die Tonne bei mir. Körper kann machen, was er will, aber Kontrolle über Gedanken und Handlung sind gleich null. Diverse Jahre vor Elvanse war es auf Keto nur fehlender Fokus. Heute ist es bei zu niedrigem Blutzuckerspiegel fehlender Fokus und fehlende Kontrolle über meine Handlungen. Mit Keto kann man meiner Meinung nach den wissenschaftlichen Output einer Uni auf Null fahren. Es gibt ja den Witz, dass die Akademiker kaffeesüchtig sind. Zumindest werden die im Physikdepartment und bei Info und Co gerne rumgereicht. xkcd und phdcomics. Mathedoktoranden ohne Kaffee = Problem. Persönlich konnte ich immer die Uhr danach stellen, ohne Medikamente, ohne irgendwas. Wenn Theo 2 anfing und die Diffgleichungen kamen, kam nach 5 Min auch immer Bock auf Zucker. Das war so übel, dass ich mal in der VL saß und meine Freundinnen fragte. Drehung nach rechts „Hast du Zucker?“. „Nein.“ Drehung nach links „Zucker?“. „Ich habe ein Karamellbonbon.“ Ich hasse Karamell, aber besser als nichts. Bonbon rein, alles gut. Ich liebe meine Freundinnen.

Heute kann ich sehr genau meinen Körper wahrnehmen. Semaglutid und Elvanse sei Dank. Über die Abnehmspritze kann man streiten. Mir nimmt sie die permanente Gedankenkontrolle von wegen „wieviel essen? kein Alk“ etc" ab. Semaglutid und etwas Elvanse = kein Alk. Genug exekutive Kontrolle, um jede Form von Alk permanent abzuwehren. Der Gewichtsverlust ist eher cherry on top. Außerdem ist es deutlich einfacher, eine Unterzuckerung zu kurieren und zu identifizieren als das Gegenteil. Überzuckerung - klar, nervös und man will raus. Unterzuckerung kriege ich einfach raus. Wenn ich grundlos schlechte Laune habe und depri bin, kommt der Test. Heißes Wasser, Tee, etwas Honig rein. Trinken. Nach 5 min Laune ok? Bingo, es war Unterzuckerung. Körper sagt mir heute sofort in jeder Minute, was er will. Scheiße für Zeitplanung, gut, um Eskalation zu vermeiden. Früher kamen meine eigenen Bedürfnisse nur in Form diffuser Ängste an, gegen die ich ankämpfen musste. Heute kann ich recht schnell ermitteln, wo das Problem liegt. Als mentale Chiffren, als Gedankenbilder, als Assoziationen oder in anderer Form. Das erste Mal seit 30 Jahren kann ich meine Emotionen wirklich als solche wahrnehmen. Die verrückte Wahrnehmung durch Physik ist auch ok. Gut, ich sehe überall Kraftvektoren und Pfeile. Schlimm? Ich kann inzwischen prima identifizieren, wo und wie und warum ich verspannt bin. Kann meinem Freund sehr präzise erklären, wie er sich im Bett bewegen soll und wieso welche Stellung zu welchem Zeitpunkt erwünscht ist. Und ich kann jedes Mal lachen, wenn wieder irgendwelcher KI-Mist aus dem Silicon Valley kommt. „Menschliches Hirn hat Speicher von X Milliarden TB.“ Ja klar. Ich merke, wie die Kräfte auf meinen Körper wirken. Biochemische Regelkreise sind Billiarden an rückgekoppelten Gleichgewichtsreaktionen. All diese Kräfte und Gelenke zu regeln, ist für einen Roboter fast unmöglich. Ihr wollt einen Supercomputer? Holt euch ein Kind. Je nach Benchmark ist das Baby dem Roboter oder Supercomputer weit überlegen. Laufen lernen ist Schwerstarbeit für Hybridcomputer, geschweige denn Digitalcomputer. Für Kinder ist Rechnen mit großen Zahlen schwer bis unmöglich. Das kann der Computer gut. Aber Bildverarbeitung oder Laufen lernen? Da schlagen biologische Systeme jeden Digitalcomputer. Chemische Reaktionen zu berechnen ist fast unmöglich (je nach Präzision). Und Keto? Blutzuckerspiegel ist ein Regelkreis. Das Hirn kann nur Glukose verarbeiten und braucht permanent Glukose. Steigt der Glukoseverbrauch durch mentale Anstrengung (Mathe), reagiert der Regelkreis und stellt Glukose bereit. Kurzanstrengung ist ja Erschöpfung der Glykogenspeicher, Langzeitanstrengung geht auf aeroben Stoffwechsel und Lipolyse. Aber bei mentaler Anstrengung sind keine Muskeln involviert und die Reaktionszeit ist viel kürzer. Dexamphetamin kann Fokus binden, dann kommt der Crash aber halt später bei Unterzuckerung. Die einfachste Möglichkeit für den Regelkreis? Biologisch die Glukose bereitzustellen, ist schwierig. Also gibts noch den Signaltrigger. „Bitte einmal Glukose ins System geben, wir kriegen das hier über biologische Feedbackmechanismen nicht geregelt.“. Wie übersetzt sich der Signaltrigger beim Menschen? „Liebste Freundin, hast du ein Karamellbonbon für mich?“ :slight_smile:

Kannst du mehr Abstände machen? So kann ich es nicht lesen.