An spät diagnostizierten: was habt Ihr im Leben nach der Diagnose geändert?

Hm, also ich hab inzwischen schon mal drüber nachgedacht, als quer Einsteiger wahlweise beim Kampfmittelräumdienst zu arbeiten oder in die Steuerfahndung zu gehen :joy:

Mein Job langweilt mich schon ziemlich, aber ich habe einen sehr sicheren Arbeitsplatz, gute Bezahlung, viel Flexibilität, was Arbeitsort und Arbeitszeiten angeht und einen wertschätzenden Vorgesetzten und prima direkte Kollegen
Ganz objektiv wäre ich mit klammern gepudert, das aufzugeben

Außerdem traue ich es mir derzeit gar nicht zu, mich irgendwo neu einzuarbeiten. Habe vor ein paar Jahren noch mal ein Fernstudium begonnen und das nach vier Semestern abgebrochen, obwohl es mich schon sehr interessiert.
Aber das war so viel Formalismus, das hat mich einfach sehr abgeschreckt, da konnte ich die Motivation nicht aufrechterhalten

Konkret will ich mir ein bisschen mehr Freiraum schaffen im privaten. Ganz wörtlich: ich will mir in einem bisher nicht wirklich genutzten, weil Durchgangszimmer, eine Lese Ecke einrichten beziehungsweise einen kleinen Rückzugsort. Ist, wie gesagt als Durchgangszimmer nicht wirklich dafür geeignet, aber im ersten Schritt mal besser als nichts.

Ach ja, und ich werde nach der kommenden Gehaltserhöhung meine Arbeitszeit reduzieren.
Von den fast 10% mehr reißt sich ohnehin das Finanzamt die Hälfte unter den Nagel, da reduziere ich doch lieber um 10% und hab umgerechnet 20 Urlaubstage zusätzlich

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Dann lieber zum Kampfmittelräumdienst, das ist sicherer :rofl:

:+1:
Absolut korrekt!

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Ich habe ja selbst diesen Thread eröffnet, um mal eine Vorstellung zu bekommen, was für Auswirkungen die Diagnose auf andere hatte.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich da selbst noch keine Idee.
Fühlte mich zunächst erleichtert, eine Erklärung für meine Macken zu bekommen und mit der Medikation ein bisschen Hoffnung, die in den Griff zu bekommen.

Mit ein bisschen Abstand zeigt sich jetzt, dass ich zwar tatsächlich ein paar Sachen besser im Griff habe, aber im Großen und Ganzen eher desillusioniert bin
Traue mich jetzt gar nicht mehr, etwas Neues anzufangen, weil ich ja weiß, dass ich es ohnehin nicht durchhalten werde
Früher war da zumindest immer diese Hoffnung, dass jetzt das nächste, aber wirklich genau das ist, was ich schon immer haben/machen wollte.
Jetzt weiß ich: es wird ja doch wieder nur eine Phase sein und überlege mir dreimal, ob ich da Energie, Zeit und Geld investiere

Glücklich bin ich mit dieser Entwicklung aber nicht :confused:

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Moin du.

Gib dir bitte etwas Zeit.
Die Medikamente sind kein Allheilmittel.
Die Arbeit muss von dir kommen.

Du musst dich selbst erstmal neu kennen lernen und sehr vieles umlernen.
Das dauert und ist anstrengend.

Wie läuft es eigentlich mit den Medikamenten?

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Mit Elvanse (50) komme ich jetzt gut klar, muss nur eigentlich mittags nachlegen und hab da den optimalen Zeitpunkt noch nicht gefunden.

Immerhin kann ich mich auf die Arbeit besser konzentrieren und koche auch öfter, das ist schon eine deutliche Verbesserung.

Mittel- bis langfristig habe ich aber keinen Plan, was ich verändern könnte/sollte.
Immerhin gehe ich einigermaßen regelmäßig zum Sport, soweit die alten Knochen das zulassen.
Eine OP steht auch noch im Raum, die mich an planen hindert, weil sie Auswirkungen noch nicht absehbar sind.

Ich könnte wirklich einen Therapeuten gebrauchen, aber das ist ja nahezu unmöglich…

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Ich bin ja schon seit 2016 berufsunfähig, daher spüre ich die Auswirkungen wahrscheinlich nicht so stark. Frage mich immer, ob ich bei der Arbeit mit Medikation besser klargekommen wäre. War immer etwas zu spät und hatte ständig mit dem Papierkram zu kämpfen. Als ich mit meinem Fernstudium fertig war, hatten sich 200! Akten angehäuft :blush: Aber es ist müßig, darüber zu spekulieren. Obwohl leider 2026 noch mal eine Nachuntersuchung ansteht. Aber ich hoffe, dass sie mich nicht mit 62 noch mal arbeiten schicken.

Aber zurück zum Thema :blush: Ich habe das Gefühl, dass ich ein bisschen mehr schaffe. In letzter Zeit z.B. habe ich relativ viele Quiches gebacken und Marmelade gekocht. Dass meine Wohnung etwas aufgeräumter ist (noch weit vom Ideal entfernt) kann auch mit der APP zusammenhängen. Ich habe auch den Eindruck, dass ich besser schlafe. Aber das wichtigste ist eigentlich, dass ich mehr Verständnis für mich habe und verstehe, warum ich in manchen Dingen so desorganisiert bin und von einer Sache zur nächsten hüpfe, ohne die vorherige zu beenden. Oder so vieles vergesse. Oder so oft ein bisschen zu spät bin (das hat sich leider nicht wirklich gebessert).

Bewusst und aktiv was verändert habe ich nicht.

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Ich finde, das du mit Elvanse gut klarkommst und auch schon gemerkt hast, das du mittags nachlegen musst, ist schon ein Fortschritt.
Gerade das richtige Medikament zu finden und dann die Eindosierung finde ich persönlich ziemlich stressig.
Ich nehme auch Elvanse und lege nach 5-6 Stunden nach.
Wie Zappelphilip schon gesagt hat, gib dir Zeit. Überlege, wie lange du ohne Diagnose klarkommen musstest.
Ich finde, du hast schon Fortschritte gemacht
Wenn ich überlege, wielange ich gebraucht habe, um zu akzeptieren, das ich nicht mehr arbeiten kann
Ich habe mich wertlos gefühlt, wie eine Versagerin.
Jetzt habe ich es für mich in meinen Gedanken umgedreht und weiss, was ich für ein „Luxusleben“ habe.
Ich bin trocken, habe eine gesunde Familie und habe unendlich viel Zeit, mich um mich zu kümmern und um meine Familie. Das haben andere nicht.
Das wird, glaub mir.
Therapie wäre gut, aber du hast recht, fast unmöglich, da ranzukommen.
:slightly_smiling_face:

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Ich weiß, was Du meinst. Meine Begeisterungsfähigkeit ist dahin, genau wie mein eng mit der Begeisterungsfähigkeit verknüpfter Hyperfokus auf bestimmte Themen.

Eine Weile fand ich das ganz schön doof, bis mir aufgefallen ist, dass ich mir jetzt Sachen aussuchen kann, die ich ausprobieren möchte. Vorher hatte ich nicht unbedingt den Eindruck, ein Mitspracherecht zu haben - die Begeisterung ergriff mich und irgendwann verließ sie mich wieder. Allein und begeisterungslos stand ich erneut vor einem finanziellen Flurschaden und inmitten von Dingen, die ich nie wieder anfassen würde.

Jetzt kann ich mir bewusst Dinge aussuchen, die ich mal probieren möchte, oder eben auch nein sagen. Eigentlich ist das viel entspannter, es ist eben nur auch ungewohnt.

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Das geht mir ähnlich. Es ist mir sehr lange sehr schwer gefallen zu akzeptieren, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Jetzt möchte ich es auch nicht mehr. Bin auch ohne Job gut beschäftigt.

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Tut mir leid, dass es bei dir gerade nicht so läuft.

Das ist jetzt aber bestimmt nur eine Momentaufnahme und sagt nicht viel darüber aus, wie es in einige Wochen, Monaten oder Jahren ausschaut. Manches braucht einfach Zeit, da schliesse ich mich den anderen an. Das wird aber auf jeden Fall!

Und manche Verbesserung nimmt man auch gar nicht so wahr, weshalb ich mir sowas von Zeit zu Zeit einfach mal aufschreibe. Auch vermeintlich kleine Dinge. Wenn ich wieder das Gefühl habe, dass nix voran geht, dann schau ich da drauf und denk mir dann: Joa sieh mal einer an,

  1. dieser negativen Einschätzung ist nicht zu trauen :wink:
  2. so schlecht schauts doch eigentlich gar nicht aus

Allerdings muss ich zugeben, dass ich meine Erwartungshaltung auch etwas an meine realistischen Möglichkeiten angepasst habe.

Hast du denn bestimmte Pläne im Kopf, bei denen du jetzt den Aufwand scheust? Also sind das wirklich aufwändige und teure Dinge?

Vielleicht muss es ja auch gar nicht das eine große Ding sein? Vielleicht macht es ja auch Spaß, einfach unterschiedliche Sachen auszuprobieren?

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Also ich schon - gerade zu wissen, wie ich funktioniere und was ich brauche hat mir sehr dabei geholfen!

Bin auch gerade wieder in einer beruflichen Weiterbildung und das macht mir Spaß.

Ich weiß zum Beispiel, dass ich nicht im Büro arbeiten kann und möchte. Zumindest nicht den ganzen Arbeitstag.

Ich bin Krankenschwester und hatte früher Management studiert - jetzt weiß ich, dass mir andere Richtungen eher liegen und gut zum ADHS passen.

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Wusstest du das vor der Diagnose schon oder hat sich das danach herauskristallisiert?

Da hast Du sicher recht, und es sind auch nicht so die Riesen Pläne, die ich habe.
Es ist eher das Fehlen von Plänen, das mir zu schaffen macht.
Sicher auch meinen gesundheitlichen Problemen geschuldet, aber nicht nur.

Ich war nie gut darin, Dinge auf mich zukommen zu lassen, hatte eigentlich immer Pläne und Ideen und im Moment eben keine.
Muss ich mich vermutlich erst dran gewöhnen.

Jep, ich glaube, das ist es!
Im Moment fühle es sich mehr nach Verlust an

Also ich bin als Erwachsene schon 2003 diagnostiziert worden.

Aber zu verstehen wie ich wirklich funktioniere und wie ADHS funktioniert - das habe ich erst viel später begriffen. Ich hatte auch lange Zeit keine medikamentöse Behandlung.

Und trotzdem habe ich auch in der ganzen Zeit einiges geschafft und durchgehalten, wenn das Interesse da war.

Ich glaube die Diagnose allein führt nicht unbedingt dazu sich selbst besser zu verstehen. Das ist auch eine Entwicklung.

Und trotzdem können mich einzelne Situationen in neuen Bereichen schnell triggern und ich habe das Gefühl „ich kann das nicht :see_no_evil:“.

Das stimmt aber dann nicht.

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Und hast Du das irgendwie gefördert, mit therapeutischer Hilfe zum Beispiel oder hat sich das eher ergeben?

Ich hatte keine Ahnung Psychotherapie im eigentlichen Sinne - für mich hatte es aber den Effekt denke ich.

Es war eine Art kognitive Achtsamkeit - mit dem sein was ist. Ohne Bewertung. Dazu bin ich in schwierigen Krisen gekommen (Dysfunktionale Beziehungen. Das macht ja extrem viel aus.).

Vielleicht so ähnlich wie das Konzept von Byron Katie. Aber ich mag oder mochte für so etwas keine Übungen. Es hat einfach meine Lebenseinstellung sehr verändert. Vertrauen ins Leben.

Und dann noch ein paar praktische Strategien - wie Umgang mit Post, Termine managen mit dem iPhone und sehr sehr wichtig - Umgang mit Geld durch eine Budgetmethode.
Das war ein absoluter Gamechanger - obwohl ich nie viel Geld ausgegeben hatte (gefühlt).

Ich finde Arbeit quasi wichtiger als Therapie. Äussere Struktur die mir Stabilität gibt und gut für mich passt - das ist sehr wichtig.

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Deine Punkte kann ich zu 100% nachvollziehen. Echt krass das es nicht nur mir so geht und dazu kommt ich arbeite im Vertrieb. Ständiges hinterherlaufen um Termine zu bekommen, ewig lange Prozesse diese müssen natürlich dokumentiert werden. Ich habe nichts gegen Home Office aber das kostet mich unglaublich viele Ressourcen. Ich bin lieber beim Kunden vor Ort, da performe ich am besten.

Hallo zusammen ich mache auch mal einen Eintrag.
Ich bin 36,seit 13 Jahren Selbständig als Zimmermann und wurde vor 1 Jahr diagnostiziert. 70 mg Elvanse

Nach dem ich eine kleinen Midlifekrise hatte (nach dem ich eine Betriebs Gebäude mit 2 Wohnungen nebenbei in 4 Jahren gebaut habe und alles Glatt lief) und für 2 Wochen von heute auf morgen Wandern ging um ein bischen zu reflektieren.
Manche brauchen länger um darauf zukommen mal zu einem Therapeuten zu gehen😅

Ich bin eigentlich relativ gut zurecht gekommen.
Aber das mit dem aufschieben, und genug Druck aufbauen um mal in die Gänge zukommen. War schon extrem ausgeprägt.

Im Nachhinein merke ich wie einfach das ganze hätte sein können. Ich kann jetzt auch 6 Tage Arbeiten aber brauche massiv weniger stunden für Büro arbeiten, habe erst anfang jahr das 10 Finger System gelernt „vorher konnte ich mich nicht solange auf etwas konzentrieren“ was mich so wenig interessierte.
Bei der Arbeit muss ich mir nicht immer alles aufschreiben damit ich es nicht vergesse.
Wenn ich mir ein Plan mache kann ich es gut abarbeiten.
Klar mann überschätzt sich immer noch jedoch weniger als vorher.
Und der gesamte Alltag ist nicht mehr so anstrengend, es braucht alles viel weniger energie und überwindung.
Jetzt habe ich meine energie nicht schon nach Feierabend oder der hausarbeit verbraucht, ich kann auch etwas fitness machen und Radfahren. Was vorher so unglaublich überwindung brauchte , so das ich extrem selten vom fernseher weg kam.
Erst wenn ich über 110kilo war konnte ich mich aufraffen. Jetzt geht alles so wie man sich das vorgestellt hat.

Natürlich ist Schlaff und regelmässige strukturen das A und O aber das geht mit Elvanse wie von selbst

Ich bin gespannt ob das in einem jahr immer noch so ist.