Angst-Attacken vermischt mit Trauma und Meltdown?

Hallo!

Ich wende mich einmal mit einem Problem der Differenzierung an euch und hoffe, ihr könnt mir mit euren Erfahrungen helfen. Für den Kontext ist es wichtig zu wissen, dass ich mich aktuell in einer Tagesklinik in Behandlung befinde und das unter anderem wegen der offiziellen Diagnose Sozialphobie. Ich nehme seit einigen Wochen 50 mg Elvanse und bin mit der Wirkung soweit sehr zufrieden.

Was mich umtreibt sind „Angst-Attacken“, die ich regelmäßig in Gruppensituationen erlebe. Alleine tauchen diese relativ plötzlichen körperlichen Reaktionen nicht auf, oder nur dann, wenn es einen sozialen Kontext wie einen Chat oder einen Forenbeitrag gibt. Das erscheint auf den ersten Blick wohl sehr logisch bei einem Betroffenen mit einer Sozialphobie.

Ich nenne die Attacken in diesem Kontext erst mal Angst-Attacken, weil mir ein besseres Wort fehlt und es sich tatsächlich wie gesagt körperlich so anfühlt wie Angst: schneller Herzschlag, verengte Kehle, stark erhöhte sensorische Wahrnehmung, Fluchtinstinkt. Äußerlich sichtbar sind diese Attacken bei mir nicht. Wenn ich es nicht schaffe, sie laut zu kommunizieren, merkt niemand etwas (oder jedenfalls hat mich niemand je auf etwas angesprochen). Ich schwitze oder hyperventliiere auch nicht, ebenso wenig denke ich, ich sterbe wie es Betroffene von Panik-Attacken beschreiben. Neulich habe ich die Bezeichnung „Stille Panikattacken“ gefunden und fand sie sehr passend, wenngleich einige Merkmale wie gesagt fehlen. Deshalb vermutlich eher „Stille Angstattacken“ in meinem Fall.

Was mich noch verwirrt, ist die starke Reaktion auf sensorische Reize. Einmal hat ein Parfüm-Duft eines Mitpatienten eine solche Attacke bei mir ausgelöst. Ich kannte diesen Patienten kaum und er war mir bis dahin weder bewusst positiv noch negativ aufgefallen, entsprechend gab es auch keinerlei Konflikte zwischen uns. Teilweise habe ich aus biografischen Gründen starke Angst vor Männern, was vielleicht ein Auslöser gewesen sein könnte.

Kennt es jemand aus eigener Erfahrung, dass Angst/Panik durch Sensorik verstärkt wird? Oder überhaupt erst ausgelöst? Für meine Begriffe fällt das schon fast eher in den Trauma-Trigger-Bereich, aber ich kann mich irren. Dazu sei gesagt, dass ich diesen Parfüm-Duft nicht bewusst kannte; der war ein sehr generischer Männer-Rasierwasser-Duft.

Kann Elvanse die Empfindlichkeit auf sensorische Reize verstärken? Medikinet hatte diesen Effekt bei mir als ich es vor einigen Jahren mal genommen habe. Von Elvanse kannte ich es bisher nicht, aber ich nehme es auch erst seit April.

Zurück zu den Angst-Attacken: die vergehen in meinem Fall entweder mit der Zeit, wenn ich in der Situation bleibe, lassen mich aber tierisch müde, angespannt und manchmal unfähig zu sprechen zurück. Oder sie gehen vorbei, wenn ich mich aus der Situation zurrückziehe, also erst mal den Raum verlasse. Darüber sprechen hilft danach meistens. Wenn ich dann alleine bin, fühle ich mich allerdings oft sehr hilflos und überfordert, während ich beim Bleiben in der Situation eher zur Dissoziation neige.

Kennt jemand mit Angst/Panik dieses Muster der Auslöser und Attacken?

Ich habe manchmal den Eindruck, überfordernde Reize und Aufgaben spielen bei der Anbahnung meiner Angst-Attacken eine zusätzliche Rolle, weshalb ich lange dachte, ich hätte ADHS-bedingte Meltdowns. Aber mittlerweile denke ich, die Angst verstärkt die Reize (z.B. werden Geräsuche dann unerträglich laut) und ADHS erhöht „nur“ die Empfindlichkeit darauf.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass ich keine bewussten Sorgen im Vorfeld von Gruppensituationen habe. Es ist mehr ein Wirrwarr an Emotionen und kaum/keine konkreten Bilder. Ich mache mir nicht schon stundenlang vorher Sorgen vor Gruppentreffen oder ähnliches, sondern erst unmittelbar in der Situation oder ganz kurz davor.

Ich bin dankbar für Erfahrungen und Ideen dazu. Diese Attacken sind ziemlich belastend.

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:adxs_wink:
Hier, ich

Ist mir persönlich noch nicht so aufgefallen, vorstellen könnte ich es mir aber schon.

So ungefähr könnte ich es auch beschreiben, es ist, für mich, auch ein sehr unangenehmer Kreislauf iwie, wobei der Auslöser das Gedächtnis anwirft und sich dadurch alles gefühlt hochschaukelt.

Nee, es passiert wie aus dem nichts, ein Geräusch, Geruch, Geschmack, ganz egal und es dauert ein vielfaches dessen, den Ausgang aus dieser Krise zu finden.

Und ja, anstrengend, sehr anstrengend…

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Danke fürs Teilen deiner Erfahrungen! :slightly_smiling_face:

Vielleicht reduziert Elvanse auch die ADHS-Symptome so weit, dass der Rest sichtbar wird. So könnte ich es mir auch vorstellen. Medizinisch ist es aber halt auch ein Stimulanz und regt das Nervensystem an, und insofern denke ich, dass es die Überempfindlichkeit auch verstärkt.

Das heißt, Gerüche, Geräusche usw. erinnern dich tatsächlich auch an etwas Unangenehmes und lösen auf diese Art unter anderem die Angst aus? Ich hatte in der Therapie nämlich darüber gesprochen und war einigermaßen ratlos, weil ich den konkreten Auslöser keiner mir real passierten Situation zuordnen konnte. Sondern es kommt mir vor wie grobe Muster, auf die ich da reagiere: Männer-Parfüm = Mann = Angst. :sweat_smile: Total übergeneralisiert.

Ja genau. Mittlerweile erkenne ich die Anspannung zumindest schon vorher, wenn sie sich anbahnt. Das hilft ein wenig.

Nach, manchmal auch in den Situationen, habe ich zusätzlich sehr oft ein schlechtes Gewissen den Menschen gegenüber, auf die ich so heftig reagiere. Denn die sind nun einmal in keiner Weise daran schuld oder verantwortlich und ich fühle mich wahnsinnig schuldig, dass ich so reagiere. Mittlerweile ist es dank Therapie etwas besser, denn dort wurde mir bewusst gemacht, dass das keine freiwillige Entscheidung ist, sondern eine Reaktion des Nervensystems und dass es vollkommen normal ist, dass Menschen auf Erinnerungen an alte Gefahren stark reagieren.

In gewisser Weise ist sogar beschämend für mich das hier so offen zu schreiben, weil es natürlich immer noch die Stimmen in meinem Kopf gibt, die mir Überempfindlichkeit und „Es ist doch nur Angst, stell dich nicht an. Dir passiert nichts.“ vorwerfen.

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1000%

Dieses sichtbar werden, hm, ich be-merke es, wenn ich so drüber nachdenke, sonst war es eben nur so und ich hätte es aber nicht greifen können. Macht das iwie Sinn für dich?

Könnten es nicht auch viele kleine Begebenheiten sein, die unterm Strich aber zu deinem Musterverdacht werden?

Und ohne unangenehme Erfahrungen, bewusst oder unbewusst, würde doch deine Angst eher gar nicht anspringen, oder?

Das ist schwierig, sollte dir aber kein schlechtes Gewissen machen, du bist, wie du bist, auch die Summe dessen, was dir an miesen Dingen im Leben passiert ist. Da hilft nur Abstand oder drüber reden.

Ich bin da eher Team Abstand, beobachte vielleicht aus der Entfernung, um mir ein Bild zu machen.

„Es ist doch nur…“ wenn ich für jedes Mal einen € ins Sparschwein gesteckt hätte
:adxs_rot:
Angst ist nunmal auch nicht so komplett sinnlos, sie kann tatsächlich auch be-schützen.

Wäre es für dich etwas, so als Gedankenversuch, aus Angst vor, auf Respekt vor zu switchen?

Der Alarm geht ja nicht aus Spaß an, auch das haben wir uns nicht freiwillig ausgesucht.

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Hört sich an wie ein sensorischer overload der in meltdown oder shutdown enden kann .

Bin als audhsler sehr empfindlich gegen LED Lichter(flimmern und helligkeit) bei glühbirnen etwas besser aber das hauptproblem ist heutzutage das Läden (Ikea, Thalia Kaufland etc) gefühlt Flutlicht qualitaet an Helligkeit haben und dann aus allen richtungen am besten dich direkt blendend.

Früher gabs nur zb qyadratische neon röhren und gut us. kam ich besser mit zurecht. bei kaufland dröhnrn die auch noch musik und werbung so laut das gabs früher auch nicht.

Würd dir empfehlen tief durchzuatmen(zaehl langsam bis 5 im kopf beim einatmen und ausatmen hinsetzen still ecke finden. zu kaufland etc geh ich meistens nur mit Sonnenbrille und kopfbedeckung

In die eine stadtteil bib kann ich gar nicht lange bleiben weil.die nur ne 2,5m decke hat und wahnsinnig led flimmernde leuchtstiffroehren die wegen der geringen höhe auch noch an allen wäenden reflektieren.

Wird mir schwindlig von dort

Gab auch paar menschen die mir aus igendein grund panik gemacht haben als ich jünger war . und da ich noch nicht wusste das es angst ist habe ich es emotion übelkeit genannt

Ich nehm jetzt mph ,aber reize werden darunter recht gut gefiltert und lenken mich unter peak wirkung nur wenig ab

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@Silberlocke
Interessanter Aspekt, dass auch sensorische Trigger Angst-Attacken auslösen können. Ich hatte das bisher nur mit Traumata assoziiert, aber vermutlich existiert da eine große Schnittstelle. Für mich macht es Sinn, dass Sensorik, die einen an schlimme Erfahrungen erinnern, auch Panik und Angst auslösen können.

Für mich macht deine Beschreibung, dass die Angst greifbarer wird durch die Medikation, sehr viel Sinn. So erging es mir auch. Davor, also vor der Medikation, haben allerdings Ungeduld, Unruhe und die typische Impulsivität von der ADHS meine Angst sehr oft überdeckt in sozialen Situationen. Das heißt, ich konnte lustige Sprüche bringen oder mitlachen, obwohl ich gleichzeitig große Angst hatte und ich konnte diese Angst auch nicht als solche benennen. Elvanse regelt die Impulsivität bei mir runter, sodass ich die Angst jetzt mit mehr Wucht spüre und sie (nach einiger therapeutischer Arbeit) auch benennen kann.

Ja, da gebe ich dir in beiden Punkten recht. Mir fällt es sehr schwer, diese vielen kleinen Erlebnisse als insgesamt so schwerwiegend zu akzeptieren, dass daraus eine so große Angst entstanden ist. Ich bin viel zu schnell dabei, die Beispiele aus dem Diagnosekatalog zur K-PTBS wörtlich zu nehmen und zu denken, nur bei Folter, Krieg oder langer häuslicher Gewalt entstehen Traumata.

Ich hatte einmal einen Konflikt, in dem ich dem Gegenüber erklärt habe, dass meine Angst nichts mit ihm zutun hat. Sehr schwierig und ich weiß nicht, ob die Person es verstanden hat.

Angst ist nicht vollkommen sinnlos, sondern biologisch überlebenswichtig, so viel ist klar. Erst mal will ich aber aufarbeiten, dass ich mir nicht mehr selbst die Schuld an der Angst gebe. Dann kann der Rest kommen.

Arbeitest du mit Exposition gegen die Angst, wenn ich fragen darf? Das musst du natürlich nicht beantworten. Ich stelle mir immer wieder die Frage, wie viel Exposition gut für mich ist und wie viel dann zu viel ist.

@morri

Was du beschreibst aus Läden, kenne ich auch sehr gut. Allerdings fühlt sich das bei mir, ganz genau betrachtet, nochmal anders an als die Angst in sozialen Situationen. Wenn ich asu dem Geschäft rausgehe, ist es vorbei und ich kann durchatmen. Die Angst dagegen verfolgt mich deutlich länger, manchmal über eine halbe Stunde nach dem Verlassen der Situation, und sie geht bei mir mit sehr schlimmen Gefühlen aus früheren Erlebnissen einher.

Die Sensorik spielt aber wie bereits beschrieben auch eine große Rolle.

Meine Reizfilter auf Ablenkungen von außen funktioneren unter Elvanse deutlich besser. Dagegen wird die Wahrnehmung von Sensorik bei mir deutlich geschärft, wenn ich die Medikamente nehme.

Ich habe mal ein wenig recherchiert und die Ergebnisse zusammengefaßt:

Das Zusammenspiel aus Elvanse, ADHS und sensorischen Reizen lässt sich im Grunde in vier Bausteine zerlegen:

  • Der Reizfilter-Effekt von Elvanse: Lisdexamfetamin erhöht den Dopamin- und Noradrenalinspiegel. Das hilft bei ADHS extrem bei der Fokussierung, dreht aber gleichzeitig manchmal die Empfindlichkeit des vegetativen Nervensystems hoch.

  • Verstärkte Hypervigilanz: Durch die Stimulanzien nimmst du Geräusche oder Gerüche oft viel schärfer und deutlicher wahr. Wenn ohnehin schon eine Grundspannung da ist, kippt diese geschärfte Wahrnehmung schnell in eine totale sensorische Übererregung.

  • Gestörtes „Sensory Gating“: Wenn dein Nervensystem durch die Gruppensituation sowieso schon am Limit läuft, reicht oft eine winzige Kleinigkeit – wie eben ein starker Duft –, um das Fass komplett zum Überlaufen zu bringen.

  • Olfaktorische Flashbacks: Gerüche wandern ohne Umwege direkt in die Amygdala, das Angstzentrum im Gehirn. Ein generischer Herrenduft kann dadurch blitzschnell eine unbewusste Bedrohung ankurbeln – gerade bei entsprechenden biografischen Erfahrungen –, noch bevor dein Verstand überhaupt begriffen hat, was los ist.

Du bildest dir das also keineswegs ein. Es ist eine sehr reale Mischung aus geschärfter Wahrnehmung durch das Medikament und unbewussten Schutzreflexen deines Körpers.