Autismus-Verdacht neben ADHS (AuDHD?): Testergebnisse (AQ 38, RAADS-R 152) - Wie erlebt ihr diese Schnittmenge im Alltag?

Hallo zusammen,

ich habe mich ehrlich gesagt lange vor dem Thema gedrückt und wollte eine ganze Weile nichts davon wissen. Da mein Vater allerdings hochbegabt war und rückblickend ziemlich sicher auch auf dem Autismus-Spektrum lag, hat mich das Ganze in letzter Zeit doch nicht mehr losgelassen.

Da ich wegen meines ADHS ohnehin in Behandlung bin (nehme aktuell LDX) und demnächst wieder ein Termin bei meinem Psychiater ansteht, habe ich mich nun endlich hingesetzt und die gängigen, öffentlich zugänglichen Screening-Tests gemacht.

Die Ergebnisse fielen dann doch deutlicher aus als gedacht:

  • AQ (Autismus-Spektrum-Quotient): 38 / 50 Punkte (Cut-Off: ab 32 auffällig) → Deutlich drüber, ASS wahrscheinlich
  • RAADS-R: 152 Punkte (Cut-Off: ab 65 auffällig) → Mehr als doppelt so hoch wie der Schwellenwert
  • Aspie-Quiz (Version 4): ND: 126 / NT: 82 (Differenz: +44 zugunsten ND) → Spitzen bei ND-Talent (8,7/10) und Wahrnehmung (7,3/10); sehr niedrig bei NT-Talent (2,8/10) und Beziehung (2,7/10)
  • EQ (Empathie-Quotient): 29 / 80 Punkte (ASS-Schnitt: ~18-19, NT-Schnitt: ~39-48) → Liegt dazwischen; unter NT-Schnitt, aber über dem ASS-Mittelwert
  • AQTest.org (Kurztest): 7,0 / 10 → Skala „Hoch“, deckungsgleich zum klassischen AQ

Wo sich das Ganze bei mir im Alltag zeigt:

  • Mustererkennung & Hyperfokus: Ich habe einen extremen Hang dazu, Informationen systematisch zu sammeln, zu katalogisieren und mich tief in Spezialinteressen zu vergraben (spiegelt sich wohl auch im hohen ND-Talentwert von 8,7).
  • Sensorik & Reizüberflutung: Meine Wahrnehmung ist extrem schnell überreizt - egal ob laute Geräusche, blendendes Licht oder banale Dinge wie kratzende Kleidungsetiketten und leichte Berührungen. Bei Stress kippt das schnell in Overloads oder Shutdowns. Um das abzufangen, brauche ich feste Routinen, zeitliche Berechenbarkeit und reguliere mich unbewusst oft über Stimming (z. B. Schaukeln, Druck auf Augen/Ohren, Dinge in den Händen kneten).
  • ADHS-Überlappung (Exekutivfunktionen): Gleichzeitig macht sich das ADHS massiv bemerkbar: extreme Ablenkbarkeit, Probleme, unterbrochene Aufgaben wieder aufzunehmen, und kaum Antrieb bei Dingen ohne intrinsisches Interesse. Auch Notizen zu strukturieren oder räumliche Orientierung fallen mir trotz systematischer Ader schwer (NT-Talent bei nur 2,8).
  • Kommunikation & Sozialverhalten: Aussagen nehme ich oft sehr wörtlich, werde missverstanden oder habe im Gespräch plötzliche Wortfindungs- und Reaktionsblockaden. Trotzdem fühle ich mich nicht empathielos - eigene Emotionen kann ich recht gut reflektieren, was wohl auch zu dem intermediären EQ-Wert von 29 passt. Mein Bedürfnis nach Rückzug und Alleinsein ist extrem hoch (unangekündigter Besuch ist ein Albtraum), und auch zwischenmenschlich passe ich nicht in klassische Raster (asexuell verortet, kein Interesse an klassischem Dating, NT-Beziehungswert bei 2,7).

Fragen an euch und eure Erfahrungswerte:

Da in der Praxis oft mehr fundiertes Erfahrungswissen bei Betroffenen steckt als in mancher 15-Minuten-Sprechstunde beim Arzt, interessieren mich vor allem eure ehrlichen Perspektiven:

  1. Einfluss von Stimulanzien (LDX): Habt ihr erlebt, dass unter Elvanse/LDX autistische Wesenszüge (wie Reizempfindlichkeit, starre Routinen oder sozialer Rückzug) plötzlich viel deutlicher hervorgetreten sind, weil das ADHS-Grundrauschen gedämpft wurde?
  2. Der innere Widerspruch (AuDHD): Wie moderiert ihr im Alltag den ständigen Konflikt zwischen dem ADHS-Anteil (sucht Reize, Spontaneität, verabscheut Monotonie) und dem autistischen Anteil (braucht totale Vorhersehbarkeit, Ruhe und bricht bei Planänderungen ein)?
  3. Typische Denkfehler bei Selbsttests: Gibt es Fallstricke oder blinde Flecken bei diesen Screenings, die man als spät reflektierender Mensch mit ADHS gerne mal falsch bewertet oder übersieht?
  4. Alltags-Hacks statt Lehrbuchwissen: Welche ganz konkreten Strategien oder Hilfsmittel haben euch bei sensorischen Overloads und sozialem Energiehaushalt wirklich geholfen - abseits der üblichen Standardfloskeln?

Ich freue mich über jeden Gedanken, Querverweis oder Erfahrungsbericht von euch!

Viele Grüße

Oberkörper Schaukeln

Oha. Schwieriges Thema für mich, da ich auch noch nicht so weit bin. Ich bin ja selbst unter AuDHS Verdacht und mir fällt es sehr schwer da eine eindeutige Unterscheidung zu machen, grade weil so viele Dinge sich überschneiden oder gegenseitig maskieren können plus dem Hochstapler Syndrom. Und von Online Tests lasse ich generell die Finger, denn bei mir schlägt irgendwie alles an. Ich habe mal einen Test gemacht, wo man nur einen Ausschnitt der Augenpartie sah. Der ging sechzig Minuten. Nicht nur, dass ich mich total unwohl fühlte bei all den Augen, ich konnte aus fast keinen den Gemütszustand ablesen und habe nur geraten.

Aber ich erzähle trotzdem mal, in der Hoffnung es hilft.

Ich nehme LDX erst seit Kurzem. Ich sehe da (noch) keinen Hinweis auf gesteigerte autistische Symptome. Und wenn ich ehrlich bin, könnte ich sie auch nicht richtig unterscheiden. Zwei Auffälligkeiten gibt es jedoch: Zum Einen kommen Verhaltensweisen in mir hoch, welche ich Jahrzehnte unterdrückt habe. Insbesondere die Freude ohne Grenzen, der erhöhte Redebedarf zu Themen die mich interessieren und das Verlangen mein Unmut in einer Situation lautstark zu äußern. Generell liebe ich Systeme und ich sehe fast überall eins. Und wenn keins da ist, mache ich eins. Diese Vorhersehbarkeit beruhigt mich. Und seit LDX gelingt mir die Zuordnung von einzelnen Elementen eines Systems leichter und ich konzentriere mich mehr darauf.

Mein innerer Widerspruch ist zum Glück nicht so stark vorhanden, denn ich habe viele Dinge einfach zugelassen bzw. mich über Jahre selbst „trainiert“. Es gibt ein paar starre Regeln die für mich absolut Sinn ergeben und das steht bei mir im Einklang. Hausarbeit immer am gleichen Tag, feste Bettzeiten, immer über die Ampel gehen, Dinge die wichtig sind immer in Sichtweite platzieren etc. Und wenn ich Pause brauche, gönne ich sie mir, auch wenn es einen halben Tag dauert. Ich mache eh vieles nur halbherzig, wozu dann der Stress? Ich habe keine Lust rauszugehen, weil ich meine Erschöpfung immer so schnell spüre und mich die immer gleiche Strecke einfach nur anödet. Aber ich habe mir ein System einfallen lassen, dass ich ein bestimmtes Album höre welches genau am Ende der Strecke endet wenn ich eine bestimmte Geschwindigkeit halte. Und ich wechsle immer an den gleichen Stellen die Straßenseite synchronisiert mit den gleichen Passagen in der Musik. Diese Mischung aus starren Regeln und Sicherheit bietet mir einen Halt und lässt mich die Langeweile begrenzen. Ganz weg ist sie aber nie. Beim Hyperfokus kann ich selten meine Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen bewahren, so gerne ich es auch möchte. Deshalb breche ich ein Thema oder Interesse in Teilstücke auf, welche ich schnell abarbeiten kann. Und um meine Suche nach Neuem zu befriedigen, finden sich dabei auch immer wieder neue Aspekte oder Themen. Ich kann mir dann schnell einen ganzen Kosmos an Themen aufbauen, die alle mit einander verbunden sind und habe immer was zu tun. Aber seit LDX ist das nicht mehr so prägend. Ich kann nun etwas länger im Thema bleiben.

Zu typischen Denkfehlern ist mir nichts geläufig. Wie gesagt, ich mache keine Online Tests mehr. Aber nachdem ich so viele Videos und Berichte von Betroffenen konsumiert habe, sehe ich den Unterschied ADHS zu Autismus eher fließend als starr, denn sehr viele Symptome können bei Beiden auftreten. Mir geschieht es aber oft, dass ich entweder eine falsche Annahme mache oder aber verwirrt bin weil sich etwas mehrfach zuordnen lässt. Manchmal fehlt mir auch einfach ein Detail oder mir erschließt sich der Kontext nicht. Das ist aber typisch bei mir. Beispiel: Bevor ein Witz zündet oder ein Sprichwort Bedeutung gewinnt, vergehen Minuten bis Jahre.

Zu sensorischen Overloads kommt es bei mir sehr stark auf den Sensor an. Geräusche zum Beispiel, da haben mir ANC Kopfhörer am besten geholfen. Allerdings hat sich auch das seit LDX bei mir geändert. Normalerweise nehme ich Geräusche in so ziemlich der gleichen Lautstärke wahr, weshalb mich auch alles ablenken konnte. Sind es zu viele Geräusche, fällt es mir schwer zu differenzieren und es ist ein Matsch. Seit LDX sind Geräusche nun anders verteilt. Leises ist leise, Lautes aber dafür lauter. Und solange LDX wirkt, sind meine ANC Kopfhörer nicht mehr so effektiv. Ebenso gibt es jetzt Geräusche, welche ich unangenehm empfinde als wenn LDX nicht wirkt. Gegen Missempfindungen auf der Haut habe ich selbst noch keine Lösung gefunden, außer mich mit Hilfe eines Hyperfokus abzulenken. Wenn ich mal wieder das Gefühl habe durch Spinnweben zu laufen oder das tausende Insekten auf meiner Haut krabbeln, Kopfhörer auf und Youtube Videos zum Thema Naturwissenschaften oder Chipdesign schauen. Im Sommer, wenn plötzlich unterwegs wieder das Gefühl kommt als ob hunderte kleiner Nadeln in meine haut eindringen, dann kann ich nur durchhalten bis ich zuhause bin oder Pokemon Go anmachen unterwegs.. Gerüche versuche ich nicht zu bekämpfen auch wenn sie nerven. Denn die sind für mich ein Indikator. Wenn sie mich so sehr nerven, dass ich ausrasten könnte über einen Zeitraum von mehreren Tagen, weiß ich dass ich mich wieder auf dem Weg in einen Burnoutschub befinde und mich dann sozial isoliere und mich kaputt fresse. Dann muss ich so schnell wie möglich die Reißleine ziehen. Und bezüglich sozialem Energiehaushalt kann ich mich nur zurückziehen. Da nehme ich auch keine Rücksicht auf andere Menschen. Denn jeder weitere Schritt bedeutet wieder Burnout. Was mir persönlich auch hilft ist einfaches stimming. Ich mag es sinnlose Wörter zu bilden die auf öff oder örf enden. Klingt einfach niedlich und beruhigt.

Hoffentlich konnte es Dir etwas weiterhelfen. Aber auch zeigen wie individuell die ganze Sache ist. Ich sehe ja, wie detailliert und strukturiert Du Dich an das Thema heran wagst. Dein Wunsch nach Rationalisierung ist deutlich erkennbar. Und das ist auch erst einmal eine gute Sache. So habe ich auch begonnen. Erst einmal alles analysieren, recherchieren und einordnen. Also habe ich mir eine Tabelle und ein Dokument erstellt, mir tonnenweise Betroffenenberichte durchgelesen, Videos geschaut, Material von Psychiatern und Psychologen organisiert und dann mit meinen Verhaltensweisen und Symptomen verglichen. Im Verlauf der Recherche habe ich die Tabelle verworfen und aus der Liste wurde ein 10 seitiges Dokument. Je mehr Infos ich hatte, desto mehr fiel mir auf, dass sich beide „Krankheiten“ nicht immer auf einzelne Symptome eingrenzen lassen.

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Dieser Bericht liest sich für mich äußerst schnöff! :smiley: Im Ernst, vor allem das mit den Gerüchen, wenn die Belästigung stärker wird, dass das ein Zeichen zum Innehalten ist, gute Idee! Ich muss auch mal prüfen, WANN das mit den Gerüchen bei mir intensiver ist. Denn es gibt Phasen, da fällt über Tage auf, dass ich alles oder vieles intensiver rieche. Mit meinem Regelzyklus scheint das nicht so viel zu tun zu haben, aber ich hab noch nicht gschaut, wie das mit dem Stress zusammen hängt… Danke!

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Möff? Wer stibitzt hier mein Stimming? What the Börf!

Danke für das Lob. Ich denke, dass ist sehr individuell. Es ist schwierig bei der all der Reizüberflutung das richtige Signal zu finden. Das hat bei mir auch viele Jahre gedauert das einzugrenzen. Und vielleicht sind Reize ja auch nicht Dein Indikator.

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