Autistische Verhaltensweisen bei ADHS

Wie seht ihr das? Kennt sich hier jemand damit aus? (Explizit auch mit ASS).

Differenzialdiagnostisch war das wohl auffällig. Den kompletten Bericht habe ich zwar noch nicht, aber ich weiß, dass AQ und EQ über dem Cut-Off waren, entgegen meiner Erwartung.

Ich bin wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Jetzt mit der Medikation fällt mir das selber sehr stark auf. Ich kann keine Gesichtsausdrücke/Emotionen lesen. Höchstens, ob gut, schlecht oder neutral. Mir war auch das selber nicht bewusst und ich hätte es negiert, bis ich mich näher mit beschäftigt habe.

Habe es so interpretiert: Erhöhte Ablenkbarkeit, alle Reize gleich wichtig, hält Säuglinge/Kinder sicherlich davon ab, sich allzu intensiv mit Gesichtern zu befassen. Man sagte mir leider zudem öfter, ich hätte kaum Mimik (hätte also das perfekte Pokerface, lol). Kann denn so etwas von ADHS kommen, was meint ihr?

Gibt aber noch mehr, was mich stutzig macht. Detailverliebtheit gehört meines Wissens nach nicht zu ADHS. Hatte schon immer meine Bereiche, in denen ich sehr gut und akkurat war (u. a. Rechtschreibung, hab ich andere früher verbessert, kotz). In der 6. Klasse wollte ich das Periodensystem auswendig lernen, weil ich die Namen der Elemente so interessant fand. Wegen ADHS habe ich aber nur angefangen, es nicht zu Ende gemacht, hehe. Mein Lieblingsthema seit Grundschule ist Medizin. Jetzt, wo ich mich wieder aufs Lesen konzentrieren kann, nutze ich es intensiv. Momentan ist es das menschliche Gehirn (ok, das war auch schon in der Grundschule). Habe erst die 12 Hirnnerven auswenig gelernt. So, nächstes. Es gibt so Brodmann-Areale, 52 Stück, die sind nun dran, leider finde ich die nirgendwo vollständig. Ich mag das, diese Einsortierungen, Kombinationen mit Zahlen. Damit kann man nichts anfangen, aber es macht mir Spaß.

Frage: Wenn ich, abgesehen von engster Familie, entweder alle Beziehungen oder Medizin aufgeben müsste und ich würde lieber letzteres wählen, ist das normal? Also das Thema ist mir wichtiger als die meisten menschlichen Beziehungen/Freundschaften? Finde das selber gerade irgendwie hart …

Ich frage mich halt, ob das irgendwie mit ADHS zu tun hat oder nicht, einfach nur Wesenszüge oder nicht normal?
Ich muss sagen, es gibt halt viel, was nicht zu ASS passt. Ich hatte als Kind eine blühende Fantasie. Das Chaos hat immer dominiert, keine Routinen oder Zwänge. Wobei ich bis Gymnasium dachte, dass Gegenstände Gefühle hätten. Habe in meiner eigenen Welt gelebt, aber war immer 'ne Art Fantasiewelt.

Jetzt bin ich auf noch was gestoßen, worin ich neurologisch den Grund sehe für bspw. das mit den Emotionen. Nennt sich Zentrale Kohärenz, ist aber nur im Zusammenhang mit Autismus. Das ist allerdings so Hardcore mein Problem! Ich sehe die Welt in Details (wobei, da sehr sprachbasiert) und nicht als Ganzes. Das bessert sich teilweise mit Medikinet. Es ist so krass, manchmal, wenn das Medikinet aufhört zu wirken, fängt alles um mich herum optisch in seine Einzelteile zu zerfallen, kennt das jemand? Als ob mein Gehirn Probleme hätte, eine „Gesamtberechnung“ durchzuführen.

Dazu habe ich bei ADHS nichts gefunden bzw. nichts, was das erklären könnte. Es gibt noch etwas, nennt sich visuelle Wahrnehmungsstörung, da die sogenannte „Szenenwahrnehmung“, das geht in dle Richtung. Aber der Rest stimmt halt einfach nicht.

Dieses Thema lässt mich einfach nicht mehr los. Auch, weil die sozialen Probleme nun so rauskommen. Ich meide teilweise Menschen, weil ich das Gefühl habe nicht adäquat auf sie reagieren zu können und weil ich schnell reizüberflutet bin in solchen Situationen. Klingt komisch, aber habe das Gefühl, dass ADHS teilweise protektiv gewirkt haben könnte.

ASS, den Verdacht gab es schon mal einige Zeit vor meiner ADHS-Diagnose. War da auch bei so 'nem Typen inklusive Videoaufnahme, da kam später nur 'n Brief, es KÖNNTE davon kommen, aber er sehe es nicht, daher eher Persönlichkeitsstörung nicht näher bezeichnet (in dem Falle bleibt mir das Lachen mal im Halse stecken …). ADHS, auch keine Rede davon.

Jetzt bin ich durch meine eigene Diagnostik bzw. auch durch die Wirkung der Medikation wieder auf das Thema gekommen. Ich will wissen, ob das Soziale, mit den Gesichtern, schrägen Themen etc. auch von ADHS kommen kann. Ach ja, in der Schule wurde ich ziemlich übel gemobbt. Habe in der 5. Klasse Mitschüler mit meinen wissenschaftlichen Themen vollgequatscht und nicht bemerkt, dass es sie gar nicht interessiert hat. Mutter meinte schon immer, ich hätte kein Einfühlungsvermögen.

Aber halt vieles könnte auch Folge von ADHS sein. Meine Persönlichkeit ist so krass gegensätzlich. Metaphern finde ich übrigens echt gut (bildhafte Sprache und so), Ironie verwende ich auch, aber bei anderen erkenne ich sie oft nicht. Man kann mir sonst was erzählen, würde es glauben.

HALT WIE DR. JEKYLL UND MR. HYDE.
Bin da so zerrissen irgendwie gerade. Muss nochmal mit meinem Psychiater sprechen, der hat leider chronisch keine Zeit.

Fällt euch dazu was ein? :slight_smile: Kennt ihr das? Freue mich sehr über Antworten und Erfahrungen.

GLG CHAOS

Doch, Detailverliebtheit passt sehr gut zu AD(H)S.
Wenn „uns“ was interessiert, können wir da unglaublich viel Zeit für investieren. Ging mir früher mit Zahlen und deren Zusammenhängen so, ich hatte die Mathebücher meist spätestens zum Halbjahr komplett durchgearbeitet. Mein Sohn konnte mit 4 Jahren die meisten Automarken auf 30 Metern Entfernung besser erkennen und benennen als ich.

Nur wechseln diese Interessen halt öfter, jetzt berichtigt er seinen Opa im Dinosaurierpark („Opa, das ist ein xy-(ich glaube Allo-?)Saurier, den Tyrannosaurus gab’s erst im Jura. Und ein Pteradodon ist kein Dino- sondern ein Flugsaurier.“)

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Ich habe mich in deinem Text oft wieder gefunden.
Meine ADHS Diagnose bekam ich vor einem Jahr. Ich dachte, das ist die Erklärung für alle komischen Struggles in meinem Leben, gerade was das Soziale angeht.

Dann wurde mein Neffe wenig später mit Asperger diagnostiziert. Und mein Bruder. Ich beschäftigte mich viel damit, und erkannte mich so oft wieder.

Nun habe ich endlich wieder eine Psychologin, welche denselben Verdacht hatte. Wir machten einige Tests, doch die Ergebnisse waren so sehr am Grenzbereich, dass ich mich lieber an eine Ambulanz wenden und mich dort diagnostizieren lassen soll. Wartezeit 40 Monate. :roll_eyes:

Meine Sorge ist, dass ich mich zu sehr in die Asperger-Thematik reingesteigert habe und ich einfach nur Gründe, Entschuldigungen suche, warum ich nicht „perfekt“ bin. Warum ich so unflexibel bin, meine Struktur brauche, alles seinen Platz haben muss, ich oft nicht weiß, welches Verhalten in sozialen Situationen angebracht wäre, Gesichtsblindheit, meine Lethargie bei Stress etc…

Da sind wir uns verdammt ähnlich :smiley:

Helfen kann ich dir leider nicht, aber vielleicht hilft es dir zu wissen, dass noch jemand in einer ähnlichen Situation ist. :hugs:

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Hallo 5FDP,

das ist interessant, denn es ist ja bekannt, dass gerade ASS einen großen genetischen Anteil hat. Meine auch gelesen zu haben, manche Gene für ADHS/ASS würden sich überschneiden, daher findet man beides familiär gehäuft.

Es geht mir da wie dir. Bin hin und her gerissen zwischen „ich will das jetzt unbedingt wissen“ bzw dass es meine sozialen Probleme erkläre und dann andererseits der Angst, mich da hineinzusteigern. Denn darin bin ich sehr gut.

Lange habe ich gedacht: „Na und, dann kannst du halt intuitiv nicht so gut mit Menschen, who cares“. Aber mittlerweile bin ich da anderer Meinung. Die erste Stelle, die ich dieses Jahr verloren habe, da lag es auch am Sozialen. Die ganze Welt ist quasi Soziale Kompetenz bzw. Seilschaften, für die man intuitives Gespür für soz. Situationen und Menschenkenntnis braucht.
Ich meine … was für ein Handicap!

Ja, das mit den Wartezeiten ist richtig bescheuert. Ich werde mal meinen Psychiater fragen, ob er da wie bei ADHS auch wen kennt.

Na ja mit dem Sozialen sind halt auch solche Situationen … beschäftige mich privat momentan mit Neurowissenschaften. Bin da im Internet auf was gestoßen nicht weit entfernt von mir, so eine Art Forschungsgemeinschaft an einem Institut. Ich wollte der Leiterin mal eine Mail schreiben, ob ich nicht ein Praktikum dort machen könnte. Ich weiß nicht, ob das naiv ist?

Meine Mutter hält gar nix von der Idee, solle mir lieber neuen Job suchen und mich auf den Tms im Herbst vorbereiten, was ich sowieso vorhabe. Und soll meine Zeit nicht mit so „Schwachsinn“ verbringen => habe, nach einem Einführungsbuch zum menschlichen Gehirn, mir „Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften“ bestellt mit 800 Seiten und Übungsaufgaben, das wollte ich durcharbeiten. Das verletzt mich halt total, was sie gesagt hat. Hat sie recht? Sie meint, würde mich von den wichtigen Dingen ablenken lassen.

Das macht mich total fertig. Ich habe im Rettungsdienst gearbeitet und das nicht wirklich gut. Nicht, dass irgendwer zu Schaden gekommen wäre, aber ich bin in Praktischen Dingen ganz schlecht und kann nicht gut im Team arbeiten. Und dort interessiert nicht, ob man die 12 Hirnnerven auswendig weiß. Ich bin bei einfachen Sachen strunzendoof, nur bei Denkaufgaben gut.

Das beschäftigt mich auch … Adhsler im Rettungsdienst … joa kann man sich sehr gut vorstellen. „Autist“ im Rettungsdienst lol … das würde natürlich meine Probleme etwas erklären. Oder etwas stark. Hatte halt gedacht, würde damit näher an mein Lieblingsthemengebiet kommen. War wohl eher „ein Griff ins Klo“, wie man so schön sagt. Ich leide jedenfalls sehr darunter.

Glg Chaos

hi chaos4life, ich hab nicht alles gelesen.

dir ist bewußt, daß 30 % adhsler komorbid im autistischen spektrum sind?

ja klar bist du dann eventuall bei adhs als auch beim autistischen spektrum im grenzbereich.

du bist autist mit abenteuerlust - das heißt, du kannst soziale regeln lernen, mithilfe deiner neugier.

du bist adhsler mit autistischen ansprüchen - du kannst eine 1000seitige anleitung lesen, die jedem adhsler zuwider wäre.

also gleicht sich das ein bisschen aus.

an anderen stellen zeiht es dich stattdessen doppelt runter, wie bei mir:

ich lebe lieber ein jahr lang in meiner neuen wohung ohne möbel, da ich mich nicht entscheiden kann, da ich das perfekte bett haben möchte.

lustigerweise führt das auch dazu, daß ich inder lage bin, tagelang das internet zu durchforsten, bis ich den absolute niedrigsten preis auf die sache bekomme, die ich haben möchte.

was extrem viel zeit verschwendet. aber beruhigt.

naja unterm strich bin ich hammer chaotisch weil ich meinen perfektionistischen ansprüchen nie genügen kann.

kurzum gesagt:

du kannst beides haben, und deswegen passt beides so in etwa. richtig macht es erst sinn, wenn du beides in erwägung ziehst.

in meinem fall habe ich dyskalkulie, autistisches spektrum und adhs. das adhs ist mit seinen auswirkungen am schlimmsten.

Probleme mit Gesichtern habe ich auch. ich kann nicht richtig zeichenen, weil ich das, was ich sehe, nicht aufs papier umsetzen kann.

fantasie , ja. hammertagträumer. seit ritalin ist es viel besser. gegenstände haben gefühle, das nennt man magisches denken, hatte ich auch. ist nicht weit entfernt von psyschotischen eigenschaften. wenn ich träume, wache ich immer in dieser parralelwelt auf, in der ich episodenhaft fortgesetzte erlebnisse habe. im traum bin ich mir sicher, daß das die richtige welt ist. dann wache ich auf.

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Hi @ppaul

Ja, Das beschreibt es eigentlich sehr Treffend. Die eine hälfte, die Ich bin, ist ADHS. Aber das beschreibt meine Probleme eben nicht erschöpfend.

Anders gesagt: Es bleibt ein Rest, den ich mir nicht erklären kann. Und ich werde mir immer sicherer, dass das von Ass kommt. Denn viele Dinge, Die ich zeige, Kommen bei Autismus vor, aber nicht bei Adhs. Das ist wie ein Großes Puzzle. Einzeln sind die Teile beliebig, Nicht unbedingt Spezifisch für irgendeine Erkrankung, Könnten auch eine Norm- oder Persönlichkeitsvariante sein. Erst die Summe dieser vielen einzelnen Teile lässt auf ein größeres Bild schließen.

Geht es dir auch so, dass die Medikation vermehrt autistische Verhaltensweisen Zutage Fördert? Mir fällt das erst seit Mph auf. Vorher auch, aber nicht so extrem. Beziehungsweise es war eben mit Adhs vermischt. Das Heißt, an Stellen wo Ein autist normalerweise beständigkeit und Routine bevorzugen Würde, verhilft mir das Adhs zu einer gewissen Geneigtheit zu Abwechslung und der Suche nach neuem. Du hast recht. Das Bild ergibt erst sinn, wenn man beides sieht. das eine funktioniert nicht ohne das Andere, zumindest bei Mir.

Was mir aber auf die Nerven Geht, ist, dass Leute ständig versuchen, Mich irgendwie Abzuwiegeln. So in dem Sinne, dass ich mich nicht so anstellen soll, das Könnten ja auch normale verhaltensweisen sein. Bzw dass jeder halt sein Päckchen zu tragen hat. Allerdings handelt es sich bei Autismus um eine Tiefgreifende Entwicklungsstörung … und dann wüsste ich schon gerne, ob das zutrifft oder nicht.

Was ich aber schon krass finde: Seit der Medikation bereiten mir Situationen Probleme, bei denen ich vorher nicht solche Schwierigkeiten hatte. Einkaufen gehen oder allgemein neue Umgebungen. Mir fällt dann auf, dass ich anfange bspw ununterbrochen (also bei Anspannung) mit der linken Hand zu schnipsen bzw die immer wieder auf- und zumache. Vorher ist mir das nicht aufgefallen. Könnte das eine Nebenwirkung sein? Klingt auch eher nach Autismus … denke mir dann „ach du steigerst dich da wieder rein“.

Ich hatte durch das Verträumte vom ADHS vorher das Gefühl, mein Gehirn würde immer wieder in eine Art Standby-Modus schalten, der mich automatisch vor „Überlastung“ schützt. Das geht jetzt nicht mehr. Bin immer präsent sozusagen. Krass.

Ich war wie gesagt mal bei einem Psychiater, der von sich behauptete sich mit dem Thema auszukennen. Er hat Ass nicht ausgeschlossen, aber tippte auf Persönlichkeitsstörung. Ich kann nun anhand von Fakten die wesentlichen Punkte des Arztbriefes widerlegen. Damals war Adhs auch noch nicht bekannt. Aber das Urteil dieses „Experten“ hatte mich nachhaltig beeinflusst und meinen Verdacht war erst mal erledigt. Das war vor einigen Jahren.

Noch eine letzte Sache … 30 prozent scheint mir etwas hoch. Adxs ist ja häufiger als Ass. Ich habe jetzt was v. 15 Prozent gelesen. Aber umgekehrt bis zu 50 Prozent autisten auch mit Adxs. Spannendes thema.

Glg Chaos