Besucht ihr klassische Konzerte?

Hallo,

ich liebe klassische Musik. Von Bach und Mozart über Beethoven und Mendelssohn bis zu Debussy und Ravel. Meine Lieblingskomponisten sind Franz Schubert und Johannes Brahms.

Und da richte ich schon seit Jahrzehnten einen Hyperfokus drauf. Ich beschäftige mich mit dem Leben der Komponisten und mit vielen Details ihrer Werke. Natürlich verstärkt, seitdem Informationen leicht über das Internet zu bekommen sind, aber auch schon früher über Bibliotheken. Auch die verschiedenen Interpreten, also Pianist/innen, Geiger/innen oder Cellist/innen verfolge ich intensiv.

Was ich aber kaum tue, ist Konzerte besuchen. Also ein, zweimal im Jahr, eher seltener, aber bei weitem nicht so häufig und so gerne, wie man vermuten könnte, wenn man weiß, wie sehr ich mich für die Musik selbst interessiere.

Das liegt ganz sicher an meiner ADHS. Denn es läuft immer auf die gleiche Weise, ich freue mich wochenlang darauf, endlich den Pianisten Sowieso oder das Quartett Soundso einmal selbst erleben zu können. Und dann schweife ich ganz schnell ab und denke über alles Mögliche nach oder ärgere mich über den unbequemen Sitzplatz und das Konzert vergeht, ohne dass ich mehr als ein paar prägnante Momente mitgekriegt hätte, schade um den ganzen Aufwand. Trotz Medikament.

Dazu kommt, es gibt ja eigentlich nichts zu sehen. Außer eben dass die Musiker ihr Instrument bedienen. Und das soll ja auch so sein, wenn sie sich darauf konzentrierten, beim Spielen eine gute Figur zu machen, würde das akustische Ergebnis eventuell beeinträchtigt.

Aber weil es nichts zu sehen gibt und man trotzdem hinsieht, ist man noch mehr abgelenkt, also ich jedenfalls.

Trotzdem finde ich öffentliche Konzerte in der Regel authentischer als CD-Aufnahmen, weswegen ich sogar mehrmals wöchentlich Konzerte von Deutschlandfunk Kultur oder SWR Kultur oder WDR 3 aufzeichne. Die Stücke kann ich mir dann so oft anhören wie ich möchte und habe dann sogar mehr davon als wenn ich dabei gewesen wäre. Und das nur vom Rundfunkbeitrag. Würden es alle machen wie ich, wären alle klassischen Musiker pleite. Da habe ich ein Bisschen ein schlechtes Gewissen.

Erlebt ihr das auch so? Dass Konzertbesuche euch nichts oder wenig geben, obwohl ihr die Musik selbst mögt?

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Kann es sein, daß du nicht wirklich genießen kannst und du dich dem Moment auch nicht genug hingeben kannst?

Weil wenn du ein klassisches Konzert in der Elbphilharmonie oder in Köln in die Philharmonie gehst sind das Welten zu jeder Radioübertragung oder Tonaufnahme alleine schon weil du gar nicht so viele und gute Boxen haben kannst um eine vergleichbare Akustik und Raumdimension erzeugen kannst wie es in diesen beiden Gebäudestrukturen ganz bewußt angelegt ist.

Was du vor Ort wie auch im Theater erleben sollst ist ja nicht der einzelne Musiker oder das Stück sondern die Gesamtkomposition und diese große dreidimensionale Tiefe und den jeweils einmaligen Moment wo man sich in einen solch geschaffenen Ort ja ganz bewußt allen bekannten Einflussmöglichkeiten entzieht und auch selbst nicht in eine Art Gewohnheitstrott verfallen kann sondern das ganz besondere in einen noch besonderen Ort erleben kann und es somit ganz andere Gefühlswelten eröffnet

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Ich kann mich ehrlich gesagt hier nur meiner Vorrednerin anschliessen. Denn ich finde Live Musik klingt eigentlich immer viel besser als reine Studio Aufnahmen. Jedenfalls wird die Ton und Klangqualität von Tonträgern oder Aufnahmen nie der akustischen Qualität eines Live Konzertes gerecht. Und bei einem Live Konzert gibt es auch durchaus "viel zu sehen" wenn man die Musiker beobachtet, so wie erstens natürlich deren Können, als zweitens das harmonische Zusammenspiel der Musiker, und drittens die Leidenschaft der Musiker. Und von daher lohnt sich meiner persönlichen Meinung nach ein Konzertbesuch immer. :heart:

Bei mir spielt das Klima, der Sitzplatz und die Akustik ein große Rolle . Das Prozedere bis es losgeht also Weg, Wartezeit, Schlange an der Kasse unruhiger Saal etc. hat auch viel Einfluss. Je länger die Wartezeit um so mehr finde ich die Dinge, die nerven. Zwei Stunden „brav sein müssen „ ist auch so eine Sache für sich.

Am besten bin ich mit jemanden da, der komplett mein Interesse teilt mit dem ich während der Wartezeit schon über die Musik etc. Reden kann und dem ich während des Konzertes kurze Kommentare geben kann und wo ich die ganze Zeit weiß , der fühlt wie ich oder denkt grade selbiges.

Wenn ich einen Sitzplatz aussuchen kann, ziehe ich Außenplätze vor, ich sitze ungern mittendrin.

Die Medikation hilft mir auch, ich nehme dann aber auch noch extra was. Bist du dann unter deiner Standardmedikation , oder ergänzt du dann auch ?

Bei ungünstigen Rahmenbedingungen kann es für mich auch gefühlt rausgeschmissenes Geld sein .

Warst du in Konzertsälen, die auf klassische Konzerte ausgelegt sind oder einfach nur Saal mit Bühne ?
Vielleicht könnte auch eine Kopfhörerübertragung für Hörgeschädigte dir helfen, den Fokus zu halten?

Ansonsten, wenn du weißt , dass es nichts für dich ist, dann genieße die Musik lieber weiterhin zu Hause. Es gibt ja auch noch andere Wege Musiker finanziell anzuerkennen .

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Ich gehe gern zu Konzerten. Es müssen nicht klassische sein. Mein ‚letztes‘ Konzert war Tom Jones vor einigen Wochen. Der Mann ist 86, da passiert auf der Bühne außer Gesang auch nicht viel, aber was für eine Stimmgewalt! Und vor ein paar Tagen habe ich Karten für Max Raabe mit Palastorchester gekauft. Wenn ich es rechtzeitig erfahre, bzw. mich rechtzeitig erinnere, gehe ich gerne mal zu Veranstaltungen mit Livemusik. Teilweise bin ich auch mit meiner Ukulelegruppe sowieso vor Ort. Einige Veranstaltungen sind auf Spendenbasis, da geht dann sozusagen der Hut rum. Das finde ich immer schön und da lasse ich mich auch nicht lumpen, trotz knappem Geldbeutel. Da ich selbst musiziere gehe ich vielleicht auch mit ganz anderen Augen und Ohren da hin. Klar, hören kann ich auch daheim, aber Live hat so eine ganz eigene Atmosphäre. Aber vor Ort kann ich den ‚Profis‘ auch mal auf die Finger schauen und dabei ist es völlig egal ob ich dasselbe Instrument spiele :joy:

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@Kathy Ich weiß gerade nicht, wie man am Smartfon zitiert. Ja natürlich kann das sein, dass ich den Moment schlecht genießen kann, das ist ja das beschriebene Problem.

Allerdings bezogen auf klassische Konzerte. Bei persönlichen Gesprächen, gutem Essen, Sonnenuntergängen oder Theateraufführungen kann ich den Moment mehr oder weniger durchaus genießen, bei Konzerten eben zu wenig.

@Naseweischen Ja sicher ist es interessant, den Musikern mal auf die Finger zu schauen und ihr Zusammenspiel zu beobachten. Mich lenkt es aber vom Musikstück ab. Weniger natürlich, wenn ich das Stück sehr gut kenne.

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@Nelumba_Nucifera Situationsbedingt mehr nehmen bringt mir nichts. Dann werde ich nicht aufmerksamer, sondern nur zappeliger.

Ich meinte da eher nicht mehr , sondern die Wirkung am Abend zu verlängern , oder bist du da auch gut abgedeckt ?

Eigentlich ja. Also wenn ich nach 22 Uhr noch extra Konzentration brauche, nehme ich schon mal 2,5 mg nach.

Aber wie es mir bei Konzerten geht, ist auch so, wenn es um 16 Uhr beginnt.

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Hast du schonmal versucht mit geschlossenen Augen die Musik dort zu genießen?

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Mir geht es da genauso. Ich habe eine Vorliebe für alte Musik und Mozart, aber ich kann Konzerte nicht genießen. Es ist einerseits die Reizdichte, die mich auf größeren Konzerten gestört hat oder die mich zu viel Energie kostet und andererseits vermute ich so etwas in der Art eines Monotropismus bei mir. Das bedeutet ich kann nur einen Sinneskanal wirklich gut nutzen und nicht mehrere Gleichzeitig.

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Für mich ein spannendes Thema!

Ich würde gerne klassische Konzerte besuchen, meide aber seit 20 Jahren jegliche Situationen wo ich lange still sitzen muss und ich keine Möglichkeit habe zu „flüchten“. Konzerte, Kino, Theater etc. ging für mich mit ADHS gar nicht.

Jetzt mit Medikinet dachte ich, es würde wieder gehen :wink:

Jetzt lese ich aber von euch dass es trotz Medikamente weiterhin schwierig ist?

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Hallo Merabo,

das ist ja bei jedem und jeder anders. Vielleicht ist bei dir Medikinet der Gamechanger.

Beim Theater macht es einen Unterschied, wenn ich das Stück vorher gelesen habe. Dann kann ich mich auf die Inszenierung und die Schauspieler konzentrieren und habe von dem Besuch mehr.

spannendes thema und für mich persönlich und meine ähm laufbahn sehr relevant! ich bin selbst musiker, nicht professionell, aber das hat exakt mit dieser thematik zu tun. ich mag konzerte nicht, weder als musiker noch als zuhörer. als musiker kommt natürlich das lampenfieber dazu und meine ängste werden so gross, dass ein musizieren körperlich tatsächlich nicht mehr möglich ist:( aber was definitiv der grösste grund für die unmöglichkeit des geniessens ist, sind die mitmenschen. ich kann nicht geniessen, nicht abschalten, mich nicht gehen lassen. ich kann nicht mal ins kino deswegen. tja und oft finde ich auch tatsächlich die aufnahmen rein musikalisch viel viel schöner. ich höre die arbeit, die perfektion, die wohl unzähligen takes im studio etc. ich mag auch die intention, improvisation interessiert mich nicht. filme mag ich mehr wie theater, schallplatten mehr wie konzerte, bücher mehr wie lesungen… kontrolle, intention…das ist ein grosses thema für mich als kunstschaffender mensch.

Also klassische Musik höre ich nicht, ich bin da eher bei Techno angesiedelt - ergo gehe ich nicht auf Konzerte, sondern in Clubs oder auf Festivals.
In Clubs gehe ich gerne. Das geht auch unkompliziert und spontan, und ist nicht mal im Ansatz so teuer wie ein Konzert.
Ich war bisher in meinem Leben erst auf wenigen Konzerten (Rap, Deutsch-Pop, Indie) und bin auch kein großer Fan davon. Viel zu viele Menschen, viel zu laut, grelle Lichter, meistens steht man Stundenlang…
Auch Festivals finde ich schrecklich, dann soll ich da auch noch übernachten mit 0 Privatsphäre… :anxious_face_with_sweat: ich war bisher immer nur 1 Tag auf einem Festival, hab nie das ganze Wochenende gebucht weil das meine persönliche Hölle wäre.

Auf die Konzerte wurde ich auch eher mitgeschleppt, ich mag die Künstler, aber das Konzert nicht, sozusagen :laughing: liegt vielleicht eher am Autismus (meine autistischen Familienmitglieder waren original noch nie in ihrem Leben im Club, auf Konzert oder sonst was und werden sie auch niemals. Das ist glaube ich deren persönliche Hölle).

Und ja, abgesehen von dem ganzen Stress auf Konzerten, geben sie mir auch nicht so viel Ich weiß nicht…ich dachte mir bisher jedes mal danach „war schon nett und so, aber nochmal gebe ich keine 70€ dafür aus“.

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Das tut mir leid. :adxs_trost:

Es gibt mittags an Werktagen öfters Kinovorstellungen, wo man (fast) der einzige ist, würde dir das gefallen?

Da ticke ich anders. Vielleicht weil ich auch Jazz sehr gerne mag, wo Vieles spontan im Moment geschieht, und ich finde die Interaktion zwischen Publikum und Musikern spannend. Deswegen nehme ich gerne Konzerte im Rundfunk auf, auch mit Beifall und Zugabe. Ich finde es auch gut, wenn bei Klavierkonzerten die Kadenz improvisiert wird, so wie Mozart und Beethoven es beabsichtigt haben, leider machen das nur wenige Pianist/innen. Ich kenne es von Robert Levin und Kit Armstrong.

Hier sehr beeindruckend ab Minute 21

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hihi, ja das glaube ich dir, die meisten menschen, die ich kenne und ohne ausnahme alle musiker die ich kenne mögen genau diese interaktion, das „magische“ wie sie öfters betonen.

vielleicht kommt meine abneigung auch daher, dass ich kunst studiert habe und mich stets auch mit musikern umgeben habe. technisches können alleine interessiert mich nicht, es geht mir immer um den inhalt. und die äussere form muss zum inhaltlichen passen. häufig aber erlebe ich improvisation als ein zurückgreifen auf tricks und kniffs, als ein präsentieren virtuoser technik. das mag erstaunen, aber langweilt mich sehr schnell, vorallem, wenn man die tricks kennt. ich bin da eher wie ein schriftsteller, der jedes wort, jeden satz so lange schleift, bis er nicht anders hätte sein können. zeit und vertiefung ist mir dabei wichtig und dann kann mich eine als „dilettantisch“ bezeichnete aufnahme mehr begeistern, wie ein hochvirtuoses, technisch einwandfreies stück. hab auch eine vorliebe für art brut etc. aber vielleicht sind das alles nur vorwände und ausreden meinerseits und der grund ist ein anderer, ich bin mir da nicht so sicher, seitdem ich die adhs diagnose überraschend erhalten habe:)

so, entschuldigt den off topic exkurs, ich finde das thema spannend und freue mich zu lesen, dass es auch klassik fans gibt an diesem ort! meine lieblingskomponisten sind übrigens ravel, debussy, feldman, glass, reich, webern, berg, adams, penderecki, rachmaninov, bartok, riley, schumann, cage, takemitsu, ahhhhhh es hört nicht auf:)

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Skrjabin? Ciurlionis?

:adxs_happy:

ja, skrjabin mehr wie ciurlionis! mag spätromantik sowieso seeeehr, da, wos langsam neuartig und gefährlich wurde, als die unheimliche dissonanz plötzlich thema wurde :slight_smile:

beides auch sehr visuelle komponisten…zufall oder hast du die bewusst gewählt, bist du synästhetisch?

Jedenfalls war das nicht meine Absicht. Beide waren eben ein bisschen „verrückt“ und vielleicht auch neurodivers.

Die Dissonanz hat Grenzen, wenn sie ein gewisses Maß überschreitet, habe ich nicht mehr so Zugang dazu. Also die späten Sonaten von Skrjabin sind dann nicht mehr so mein Ding.

Da wo Prokofjew oder auch Mahler (ich höre von ihm am liebsten die 10. Sinfonie in der von Cooke ergänzten Fassung) mit Dissonanz quasi spielerisch umgehen, gefällt mir das am besten.

Oder auch Brittens Violinkonzert. Leider ziemlich traurig.