Bewältigen von Problemen

Mir fällt gerade kein besserer Titel ein. Es geht darum, ob ihr eine Strategie habt, wie ihr mit Problemen umgeht.

Ich tendiere oft dazu, vieles aufzuschieben. Haushalt, Probleme, Pflichten.

Ich finde es extrem schwierig, einen Überblick zu behalten, und arbeite meist einfach nur das akuteste Problem ab. Jedoch kommen schneller neue Probleme auf, als ich in der Lage bin, abzuarbeiten. Und das nicht erst seit kurzen, sondern eigentlich schon immer. Irgendwann werden Probleme zum glück nichtig oder lösen sich von alleine (aber meist mit negativen Folgen).

Ich habe hier auch viele Ratschläge bekommen für meine Probleme, wofür ich auch sehr Dankbar bin. Aber ich merke, dass ich auch mit den Ratschlägen überfordert bin. Denn auch die Liste der Ratschläge wird immer länger, und ich weiß garnicht, mit welchen ich anfangen soll.

Oftmals endet es eben darin, dass ein Problem mich überrascht (plötzliche Preiserhöungen, Rechnungen, diverse Probleme) und diese dann zuerst gelöst werden müssen. Ich habe aber mittlerweile das Gefühl, auf einem Schiff zu sein, und immer wieder neu auftauchende Löcher zu stopfen, damit das Schiff nicht sinkt. Ich komme garnicht mehr zum Navigieren oder sonstigen Aufgaben. Und jedes mal, wenn ich ein Loch stopfe, entsteht irgendwo ein neues und ein altes Loch wird wieder undicht. Es ist also eine Endlosaufgabe.

Wennich mir alle Probleme aufschreibe, alle Pflichten (Haushalt, Einkaufen usw.) alle Ratschläge und alle Lösungen, so bräuchte ich 100 Stunden am Tag, um allem nachzugehen. Ich weiß nicht, wie ich entscheiden soll, was jetzt am wichtigsten ist, was am erfolgsversprechensten usw. Ich muss aber irgendwie filtern.
Das einzig gute dadran ist, dass der Druck momentan so groß ist von vielen Seiten, dass ich mich motivieren kann, etwas zu tun.

Trotzdem fühle ich mich maßlos überfordert an der Flut von Problemen, Lösungen und Ratschlägen, sowie die Entscheidung dadrüber, welchen ich nachgehen soll (und dazu noch den Alltag zu regeln).

Habt ihr dazu irgendwelche Strategien, wie ihr damit umgeht? Meine Taktik ist es eigentlich, immer das wichtigste Problem anzugehen, und den erfolgsversprechensten Ratschlag zu befolgen. Allerdings hilft dies momentan nicht mehr. Ich habe zwar viele Ratschläge für einzelne Probleme, aber ich brauche eigentlich einen tollen Ratschlag, um mit dem Gesamtthema „Probleme“ zurecht zu kommen, auch wenn sich das nun etwas kryptisch anhört.

Ich verwende eine 4-Felder-Eisenhower-Matrix und versuche die Dinge entweder selbst abzuarbeiten oder zu delegieren, entweder sofort oder als Wiedervorlage.

Klappt leider immer nur so gut wie ich in der Lage bin die Dinge richtig zu gewichten.
Und es darf mir kein Gedankenfurz dazwischen kommen. (Seitdem ich Ritalin adult nehme hat mein Gehirn weniger Flatulenzen. Aber falsch gewichten geschieht immer noch zu oft).

Was lustigerweise oft hilft, ist, wenn zwei AD(H)Sler sich zusammentun und sich gegenseitig beim Probleme lösen unterstützen. Denn obwohl die Problemlösungsfähigkeiten von AD(H)Slern stark eingeschränkt sind, betrifft das überwiegend die eigenen Probleme. Für andere geht es oft besser.
Schön dargestellt im (sehr informativen und wunderbar unterhaltsamen Buch) „Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin“ von Lobo und Passig. Lobo kennt man auch als Spiegel-Kolumnist…

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Ich weiß genau, was du meinst. Leider. Und habe jede Menge Strategien durch. Keine hat diese Probleme auf Dauer gelöst, sondern mich mur immer weiter erschöpft. Das einzige, was mir hilft, ist, immer mehr zu reduzieren. Alles. Irgendwo tauchte hier schon mal das Thema Minimalismus auf. Ist so ein Modethema geworden. Für andere ist es die blanke Not, weil sie gar nicht mehr besitzen, oder weil sie es gar nicht schaffen, mit mehr zurecht zu kommen.

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Stell Dir folgende Situation vor:
eine Person, die Du sehr magst, hätte Dir das mit exakt diesen (nochmal sorgfältig lesen…) Worten erzählt und Dich inständig um Deinen Rat zu ihrem/seinem Problem dazu gebeten

… was würdest Du darüber denken?
… was würdest Du ihm / ihr raten?

Vielleicht hätte er / sie auch eine Liste dabei und wollte sie mit Dir mal durchgehen …

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Ich vergleiche das immer mit den Chinesischen Tellerjongleuren im Zirkus. Kennt ihr die?
Sie lassen auf langen Stangen oben Teller rotieren, rennen von einer Stange zur nächsten um den Drehimpuls wieder zu erhöhen, damit die Teller nicht runterfallen.

Ich habe das Spiel aufgegeben, oder besser: die Stangen reduziert und versuche mehr Leute ins Boot zu holen (BEW), die aufpassen und mich informieren, wenn ein Teller droht gefährlich zu eiern.

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Gnadenlos delegieren kann auch helfen.

Manche AD(H)Sler haben ja schon einen guten Job und könnten es sich leisten:
Steuererklärungen muss man nicht selbst machen, Putzen waschen ebenso.
Und wenns finanziell enger ist, wäre ein Tausch von Sachen die man echt hasst, gegen Dinge, die man besser kann und mag, mit Gleichgesinnten oder Mitbetroffenen eine Option.

Oft hindert übertriebener (dysfunctionaler) Perfektionismus am delegieren und loslassen.

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Da ist tatsächlich etwas dran, ich kann besser die Probleme anderer Personen lösen, da es mich nicht emotional so stark beeinflusst. Bei eigenen Problemen gerade ich schnell unter stress.

Aber ich kann mich auch nicht austricksen. Also ich kann nicht meine eigenen Texte lesen und so tun, als wären sie von jemand anderem, und mir dann selber Ratschläge geben. Dafür ist mein Unterbewusstsein zu clever, das merkt ganz genau dass ich mich gerade verarschen will :wink: Da bin ich dann trotzdem genau so gestresst wie vorher, weil ich ganz genau weiß, dass ich gerade über meine eigenen Probleme nachdenke.

Delegieren kann ich leider nichts, außer an meine Katzen. Aber die sind noch schlechter im Erledigen von Dingen als ich.

Das ist ein passender vergleich. Das Problem ist ja, dass man sich um alle Teller immer wieder kümmern muss. Mit jedem weiteren Teller hat man also erstmal die Anfangs-Kraft, die man benötigt, um diesen Teller aufzustellen und ins rotieren zu bringen. Dazu kommt aber auch, dass man jetzt einen weiteren Teller hat, um den man sich regelmässig kümmern muss.

Mir kommt es oft so vor, als drehen sich 100 solcher Teller, und ich kümmere mich nur um die wichtigsten 10, während im Hintergrund immer wieder Teller herunter fallen.

Allerdings liegt es nicht dadran, dass ich mehr Teller habe als andere. Ich schaffe es nur irgendwie nicht, eine Balance hin zu bekommen, und es eskaliert ständig, während andere eine art intuitive Balance finden und ihre 100 Teller in Rotation behalten.

Eine Fähigkeit, die ich bei allen meinen Freunden beobachtet habe, und immer beneidet habe.

Interessant ist aber, dass ich in Spielen sehr gut bin. Ob es nun PC-Spiele oder Brettspiele sind. Besonders liebe ich extrem komplexe Spiele. Oftmals sind andere überfordert von der Komplexität, während es mir spaß macht. Ich glaube der unterschied ist, dass mich diese Spiele stimulieren und mir spaß machen, da wird mein ganzes Potential ausgeschöpft. Die komplexen Probleme des Alltags stimulieren mich aber in keinster weise und motivieren mich nicht (ausser es wird wirklich bedrohlich).

Vielleicht sind sie gar nicht so komplex sondern man macht sie sich komplex? nach dem Motto: wäre es einfach, hätte ich kein Problem damit…
Irrtum: WEIL es einfach ist, habe ich und Du vermutlich auch ein Problem damit.
Es ist tückisch wenn auch nachvollziehbar und selbstwertdienlich, Tätigkeiten, die man nicht bewältigen kann, aufzuwerten, quasi aufzupusten. Man schafft sich Scheinriesen vor denen man sich fürchten kann und bringt den Teufelskreis so richtig in Schwung.

Mit ADHS kenne ich nur zwei Modi:
Komplex = reizvoll, anregend
simpel = erweckt oft den Eindruck komlex zu sein, ist stattdessen nur kleinteilig, wobei jedes Einzelteil simpel und daher reizlos ist und deshalb so lange prokrastiniert wird, bis es problematisch und damit wieder „Reiz-voll“ ist.

Einzige, aber schwierige Lösung -
diese Dinge zu Routine machen (dazu zähle ich auch routinemäßiges Delegieren)
diese Dinge gemeinsam machen, sich Partner:innen suchen.

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Hm. Ich finde schon, dass viele Alltagsdinge zusammen sehr komplex werden, und das legt mich dann auch lahm (ist [war*] mit Ritalin viel besser): In meinem Kopf laufen (ohne Medikamente) lauter Gedankenstränge parallel und durcheinander.

Ich weiß z.B., dass bestimmte Dinge getan werden müssen. Mit im Detail unterschiedlicher, aber jeweils durchaus vorhandener Dringlichkeit. Und sie erfordern verschiedene Handlungsschritte, teilweise sind sie von einander auch noch abhängig, bzw. manche Handlungsschritte sind günstiger vor oder nach anderen vorzunehmen. In meinem Kopf läuft ständig eine überaus (!) detailreiche Prozessoptimierung ab, die mich sehr viel Energie kostet. Wenn noch Zeitdruck, Erschöpfung, Hunger, emotionale Dinge, Reize von außen etc. dazu kommen, wird es ganz schlimm, weil das alles auch noch ständig mit in die ohnehin voller Variablen steckende Rechenoperation einfließt. Oft bin ich dann schlichtweg handlungsunfähig.

Ich habe mir natürlich schon frühzeitig versucht, mit Mindmaps, Flussdiagrammen, Prioritätenlisten etc. zu helfen versucht, aber da fehlt mir die Dreidimensionalität, ich bräuchte dafür quasi ein Hologramm, in dem ich die einzelnen Dinge hin- und herschieben kann, und selbst dann wäre es wohl nicht mehr übersichtlich, weil viel zu viele Verknüpfungen, Abhängigkeiten… das Bild „verstopfen“ würden.

Mit Ritalin ist das einfacher: Ich kann mit viel weniger Anstrengung auf eine Sache fokussieren, ohne alle anderen gleichberechtigt und oszillierend mitdenken zu müssen. Und die eine Sache für sich allein genommen ist meist tatsächlich kaum komplex, sondern sehr simpel, es reicht, einfach einen Schritt nach dem anderen zumachen. Damit habe ich dann wiederum überhaupt kein Problem, auch nicht mit der Motivation. Alleine, dass ich einfach „in den Fluss“ bei etwas kommen kann, reicht dann, um es beginnen zu können. Mit dem Chaos im Kopf kann ich aber nichts beginnen.

(*Leider merke ich in den letzten 3 Wochen, dass die vorher sehr angenehm konstante Wirkung des Ritalin nun tw. überaus schwankend und auch schwächer ist trotz konstanter Dosis. Mal sehen, was der Arzt in 2 Wochen sagt.)

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Das ist bei mir der Rumpelwicht in meinem Kopf. Der dirigiert die Stränge…

Wie meinst du das? :thinking:

Ich stelle mir immer vor den Rumpelwicht aus RonjaRäubertochter in meinem Kopf zu haben:
„Wiesu denn blus?“, „Wiesu tut sie su?“, „Pfui Pfui Pfui!“

So kann ich das Chaos in meinen Gedanken besser greifen und beschreiben.
Der Rumpelwicht hinterfragt alles, sieht oft negatives kommen, aber möchte im Grunde nur beschützen und nicht negativ sein oder ver,- bzw. behindern.

Und die ultimative Pointe: Ich habe einen Schuldigen, der aber ein (eigenständiger) Teil von mir ist.

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@Dokma Ah. Und diese Vorstellung hilft dir, dass das dann weniger stark ausgeprägt ist?
Bei mir ist das kein Anteil / Introjekt o.ä., sondern das Problem liegt offensichtlich auf der neurologischen Ebene. Ich beobachte unter Ritalin Adult eine deutlich veränderte Wahrnehmungsverarbeitung, die sich sowohl in der Verarbeitung der Außenreize als auch der Inputs von innen zeigt. Wenn die Dosis genau richtig ist, ist alles unglaublich klar und geordnet, ich bin ruhig, wach und mein Denken funktioniert schnell und stringent. Ist die Dosis zu hoch, nützt mir das nichts, da ich zu unruhig bin. Ist sie zu niedrig, ist meine Wahrnehmung „normal“ (also meine unbehandelte Normalität) chaotisch und das Denken schwierig, weil zu viel parallel läuft. Blöderweise ist die Dosis abhängig von irgendwelchen inneren Voraussetzungen. Vermutlich u.a. hormonell beeinflusst. Leider habe ich keinen regelmäßigen Zyklus mehr, kann also morgens keine Voraussage darüber treffen, ob ich gerade mehr oder weniger brauche.

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@Quitte
Leider hilft es nur damit klarzukommen das 1000 Gedanken gleichzeitig herumwuseln und nicht zu durchzudrehen.
Hatte dieses Konzept schon vor der Diagnose und dachte das alle anderen auch so ticken.
Seitdem ich die Diagnose habe und Ritalin adult nehme läuft während der Wirkdauer nur noch ein einziger Gedanke und ich werde nicht mehr so schnell abgelenkt.

@Dokma Ja, dann scheint das wohl doch ähnlich zu sein wie bei mir :slightly_smiling_face:

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Das ist bei mir genau so bei allen Medikamenten.
Daher nehme ich morgens die gewöhnliche Dosis ein und wenn ich nach einer Stunde merke, dass es zu wenig ist, nehme ich nach. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl, wann man unter-oder überdosiert ist und wann und wieviel man nachlegen muss.
Tatsächlich finde ich es mit Elvanse viel einfacher, die genau benötige Dosis zum Nachnehmen zu erwischen. Ritalin hat blöderweise nur die 10er.

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Wirklich, nur eine Einzige? Meine reduzieren sich zwar extrem, aber es laufen schon mehr als eine.

@allmighty
Ein fokussiert Gedanke.
Nebenher schwabern meine 5 richtig wichtigen Dinge die ich seit Jahren aufschiebe, dies aber nur noch als ungutes, schuldbeladenes „da war noch was“.
Dazu kommen das unterdrückte Niesen, Hunger, Durst, „oh ein Schmetterling“ usw… Aber das in einer so milden Intensität das ich nicht mehr aus meinem Tun herausgerissen werde.

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