Hallo
Ich bin neu hier, ich dachte ich teile mal meine Gedanken und aktuelle Lebenssituation in der Hoffnung Menschen zu finden, die mich verstehen.
Es ist vermutlich eher ein Sammelsurium an Gedanken als ein logischer zusammenhängender Text, aber genau das entspricht auch meinem inneren Zustand.
Also ich bin Mitte 30, mir wurde mit 18 ADS diagnostiziert, aber bis heute zweifle ich ehrlich gesagt, ob die Diagnose richtig ist oder ob ich einfach nur die passenden Symptome habe, die die Kriterien erfüllen.
Aufgrund einer BU-Rente habe ich eine besondere Lebenssituation mit nahezu keine Verpflichtungen. Hinter mir liegt eine lange Phase des Nichts-Tuns. Ich funktioniere insofern, als dass ich meistens die grundlegenden Bedürfnisse befriedigen kann. Ich mache fast täglich Sport, ich räume auf, ich folge einer strikten Frühstücksroutine.
Zwischendrin stagniert aber alles. Ich mache kaum etwas Sinnvolles (also als solches definiere ich das was mir einen Lebensinhalt geben würde). Ich fühle mich - obwohl in mir das Bedürfnis existiert - außer Stande daran etwas zu ändern. Mein Sport ist denke ich oft zu exzessiv, ich powere mich aus, aber mehr passiert dann auch nicht mehr - es gibt mir das Gefühl der Tag sei nicht sinnlos gewesen. Auch Themen wie Gesundheit und Ernährung haben ein inzwischen zu großen Bestandteil in meinem Leben eingenommen.
Dazu kommt eine soziale Angst, die mich oft für viele Tage das Haus, wenn überhaupt nur zum Einkaufen und für den Sport verlassen lässt.
Hyperfokus, existiert noch – aber beinahe ausschließlich im Bezug auf negative Gedanken, deren Lösung mir so wichtig erscheinen, dass alles andere irrelevant zu sein scheint. Als Beispiel: Ein Pickel kann mich tagelang völlig vereinnahmen.
Ich bin also fast nur damit beschäftigt, meine Minimalroutine zu erhalten und Probleme, die keine sein sollten, mit oftmals enormem Zeitaufwand zu lösen oder es zu versuchen (wie die Pickel-Gedankenspirale, Haare, oft körperliche Dinge). KI nutze ich für diesen Zweck auch, anfangs mit der Intention mich zu beruhigen, inzwischen trägt es jedoch eher dazu meine Ängste zu verstärken.
Mir mangelt es nicht an Wissen über (Bewältigungs-)Strategien, im Gegenteil: Ich kann anderen anregende Gedanken geben, aber die Anwendung bei mir selbst ist mir nicht möglich. Diese ganzen Strategien gegen AD(H)S und wie man seine Lebenssituation verbessert, lese ich mir durch. Sie erscheinen mir logisch. Aber ich fühle mich völlig außer Stande etwas davon umzusetzen. So als sagt man einem Blinden wie er sehen soll.
Manche konnte ich sogar integrieren (geregeltes Frühstück, Sport) aber es ändert nichts daran, dass ich kilometerweit weg zu sein scheine von dem was ich mir wünsche. In mir drin fühle ich etwas, das ausbrechen will, kreativ sein will, die Welt entdecken will. Je nach Lebensphase kommt das auch mal zum Vorschein, aber es scheint nicht kontrollierbar zu sein. Und kleine Probleme (wie ein körperlicher Makel) können im Handumdrehen mein über Monate aufgebauten „Flowzustand“ völlig unerwartet zu Nichte machen.
Ich habe auch schon einiges ausprobiert:
Medikamente: Von Ritalin und anderen Methylphendatmedinamenten über Buporpion (Suizidgedanken) bis Straterra. Manches hat sicher geholfen, nichts davon konmte ich mir aber egal in welches Dosierung vorstellung dauerhaft einzunehmen. Ich bin sehr sensibel was das angeht. Jetzt habe ich gerade seit gut einer Woche Lisdexamfetamin probiert, 20 bzw. 30 mg.Teilweise war es gut, teilweise nicht. Ich bin ähnlich wie bei Ritalin, nur mit angenehmerem Gefühl, Dinge angegangen, die ich seit Jahren im Hinterkopf habe. Allerdings hielt die Wirkung wirklich nur für einige Stunden an, Nebenwirkungen sind vorhanden wie Mittagsmüdigkeit, zunächst starke nun leichte Kopfschmerzen. Der Blutdruck ist von unter ca 95 zu 65 auf über 120 zu 70 gestiegen. Das ist noch im Normbereich aber ich denke mir warum soll ich mir das antun wenn ich keinen Druck habe etwas zu tun? Warum irgend ein Risiko eingehen?
Klar kann man noch hochdosieren, aber ich bin ja so schon skeptisch genug. Ich bevorzuge es wenn überhaupt die Dosis so niedrig wie möglich zu halten. Letztlich werde ich es höchstwahrscheinlich doch zeitnah wieder absetzen.
Außerdem mag mein Umfeld mich eh lieber wenn ich ausgeschaltet bin, das fiel mir schon bei Ritalin auf.
Cannabis: Es lässt mich die Situation zwar ertragen, macht mich aber noch weniger leistungsfähig und ich entferne mich noch weiter von der gesellschaftlichen Norm. Ich bin extrem sensibel was die Dosierung angeht und werde schon von geringsten Mengen müde. Allerdings fühle ich am nächsten Tag oft eine sonst nie dagewesene Entspannung und Gelassenheit. Vermutlich auch weil ich nicht so viel grübeln kann weil sich mein Kopf benebelt anfühlt.
Über einige Jahre bei unregelmäßigen Konsumverhalten hat das trotz unangenehmer Erfahrungen (meist mochte ich die unmittelbare Wirkung z.B. gar nicht) oft gut getan, bis das Gefühl mich dem Nihilismus hinzugeben ins Negative kippte.
Therapie: Alle Maßnahmen scheinen nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Es fühlt sich oft gut an, man redet sich die Dinge von der Seele, man hört zu. Egal ob Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische Therapie oder irgendwelche Kombinationen. Ich scheine vollkommen therapieresistent zu sein.
Nicht, dass mir die Motivation fehlt, ich wende vieles an was mir vorgeschlagen wird. Aber genauso schnell vergesse ich es wieder.
In meiner aktuellen Therapie ist es so, dass beide Seiten sich irgendwie gut fühlen, man lacht ein bisschen, man redet ein bisschen aber intensive Momente bleiben vollkommen aus. Ich fühle mich auch nicht im Stande aus mir auszubrechen denn irgendwie habe ich das Gefühl es ist gar nicht gewünscht, da es sonst wirklich Arbeit bedeuten könnte.
Um ehrlich zu sein fühlt es sich fast an wie eine Art Neuroleptikum, welches mein Ich unterdrückt und nicht primär mir, sondern eher der Therapeutin und der Gesellschaft dienlich ist.
Um ehrlich zu sein: habe das Gefühl, ich bin ein Geist. Ich habe es geschafft, mich in einer Gesellschaft, die mich nicht so akzeptiert, wie ich bin, statt mich anzupassen so weit zurückzuziehen wie es nur möglich ist – sowohl beruflich als auch sozial. Ich ecke kaum an, denn ich kann ja auch nirgends anecken, da ich nicht mehr arbeite und Freunde auf Distanz halte. Mein Umfeld fördert meine Stagnation. Ich bekomme seit vielen Jahren selten bis gar keine größeren Krisen mehr.
Ich fühle mich wie ein Fremdkörper. Als etwas, was die Gesellschaft ausgeschieden hat. Den Menschen hier im Land gegenüber empfinde ich ein subtiles aber mich stets begleitendes Gefühl von Verachtung. Warum? Es ist wohl eine Mischung aus tatsächlicher Sozialkritik und ein Abwehrreaktion auf die Verachtung, die mir im Leben zuteil wurde.
Wenn ich reise (und ich verreise auch gerne monatelang), bin ich wie ausgewechselt. Sicher wäre es unreflektiert zu sagen alles wäre dann perfekt. Es gibt auch hier schlechte Momente, aber insgesamt würde ich sagen ich fühle mich wesentlich besser und mit mir selbst im Reinen als in dem in Routinen und Gewohnheiten gefangenen Leben, in dem ich hier feststecke.
Außerdem schiebe ich sehr viel auf, ich denke, irgendwann wird schon alles besser und dann kann ich all die Dinge tun, die mir im Sinn schweben. Aber ich habe nun 20 Jahre gewartet. Es ist nie passiert – zumindest nie länger als nur einen Moment. Das Gegenteil bewahrheitet sich: Je älter ich werde, desto schwerer erscheint mir jeder noch so kleine Ausbruch.
Ich habe das Gefühl mein Leben ist eine Einbahnstraße geworden. Meine Existenz beschränkt sich auf eine rein physische Präsenz. Nichts passiert mehr, niemand nimmt Notiz, niemand stört sich an mir. Wenn man extreme Worte finden will, kann man tatsächlich sagen: So wie ich aktuell lebe, bin ich nur noch ein umherwandelnder Körper. Mein Geist ist zwar nicht tot, aber so richtig lebendig ist er auch nicht mehr. Ich störe keinen. Ich bin innerlich zwar unglücklich, aber es gibt kaum extreme Tiefpunkte im Gegensatz zu früher. Vielleicht ein Ergebnis der Therapie, vielleicht des Alters. Aber früher lebte ich!
Ich habe Angst zurückzublicken und einzugestehen, dass dies nicht das Leben war, das ich führen wollte. Aber gleichzeitig fühle ich mich außer Stande und überfordert damit irgendetwas daran zu ändern.