Hallo zusammen,
kurz vorab: Ich habe verstanden, dass mir hier niemand eine medizinische Diagnose stellen kann. Aber darum geht es mir gar nicht. Stattdessen suche ich den Blick von Leuten, die selbst mit AD(H)S diagnostiziert sind und eine subjektive Einschätzung, ob ich ggf. unter AD(H)S leiden “könnte”. Bei dem aktuellen Aufkommen des Themas in Social Media und Co. und diversen Selbstdiagnosen von Influencern fühle ich mich bei meiner Selbsteinschätzung arg verunsichert.
Ich bin 42 Jahre alt und habe mir vorgenommen als Selbstzahler eine ADHS-Diagnose von einem qualifizierten und darauf spezialisierten Arzt durchführen zu lassen. Anstoß ist, das ich seit Jahrzehnten an Depressionen leide. Meine Kindheit war auch traumatisch, zumindest sagt mir das jeder. Ich kann mich allerdings in konkrete Situationen der Kindheit hinein versetzen ohne das es irgendeine Form von Negativität in mir triggert. Deshalb fällt es mir selbst schwierig zu behaupten, meine Probleme wären traumatisch bedingt. Bisher habe ich diverse ambulante Therapien (tiefenpsychologische Psychotherapie, Verhaltenstherapie) und auch einen stationären Aufenthalt hinter mir. Diagnose war immer Depression, ggf. mit leichten Zwängen. Verschiedene Antidepressiva (Amitriptylin und Fluoxetin) sowie minimale Antipsychotika (Off-Label-Use gegen Depression) haben immer versagt. Sie führen zu einer kurzfristigen Besserung, dann zu komplett roboterhaftem (emotionslosem) Verhalten und zu massiver Gewichtszunahme.
Dann wurde meine Tochter mit ADHS diagnostiziert. Also eine richtige, gesicherte Diagnose mit 5 mg Methylphenidat und Motopädie. Ergotherapie hat sie bereits vorher gemacht. Letztere dauert auch weiterhin an.
Diese Diagnose hat auf meinen Leidensweg noch einmal ein neues Bild geworfen und ich war ja auch gezwungen, mich Laienhaft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Alle Symptome die ich hier jetzt schildern werde, wurden immer unter “Depression” (mit Gedankengrübeln) klassifiziert. Ich selbst kam nicht auf die Idee, ob es ADHS sein könnte, da ich mich nie mit dem Thema beschäftigt habe und da der Laie bei “Hyperaktivität” ja erstmal “Kinder die auf den Tischen tanzen” im Kopf hat, auch wenn diese Ansicht aus fachlicher Sicht eher primitiv ist.
Als Kind war ich stets sehr ruhig. Meine Mutter hatte aber auch “eine harte Hand”: Ich wurde massiv zu Ordnung erzogen, von Außen wurde stets mit Kontrolle viel Struktur vorgegeben. Meine Zeugnisse waren stets durchwachsen: Einige Bereiche sehr gut bis gut, ganz viel befriedigend und ebenso ausreichend, selten mal mangelhaft. In den Grundschulzeugnissen steht drin das ich zu still bin, mich nicht aktiv melde und sehr langsam bin, das zieht sich komplett durch. Ich bin eigentlich nie mit etwas in der vorgegeben Zeit fertig geworden und habe immer sehr lange gebraucht.
Selbstbeobachtungen:
- Ganz-oder-gar-nicht-Mentalität: Das höre ich auch ständig von anderen, die mich gut kennen. Entweder bin ich zu 100% investiert oder “schludere herum” und lasse etwas ganz bleiben.
- Hang zum Perfektionismus: Extrem hohe Ansprüche an mich selbst, das Gefühl meine eigenen Arbeiten sind nie gut genug
- schlechtes Selbstwertgefühl
- extreme Schwierigkeiten mit Projekten/Aufgaben (privat, beruflich, whatever) anzufangen. Ich will es und ich will performen, aber ich kriege nicht die Kurve. Stattdessen verliere ich mich häufig in Tabs vom Webbrowser, Doomscrolle oder lenke mich anderweitig ab mit Dingen, die gerade nicht wichtig sind
- das Gefühl, ständig hinter meiner eigenen Leistungsfähigkeit zurückzubleiben
- starke Schwierigkeiten (stark vom Stresslevel abhängig) audiovisuelle Reize (Klimaanlage, Kühlschrank, vorbeihuschende Personen) auszublenden und mich zu fokussieren
- Das Gefühl “Informationen kommen nicht im Gehirn an”:
- bspw. kann ich Texte lesen und muss Textpassagen dann mehrmals wiederholen, teilweise bis zu dreimal oder “mein Körper liest weiter” und ich merke auf einmal, das ich zwar gelesen haben aber gedanklich ganz woanders war
- selbiges passiert auch häufig mit anderen Medien, wenn ich aufmerksam sein muss
- teilweise auch in Gesprächen ab einem gewissen Punkt, vor allem in Meetings
- meine kommenden und gehenden leichten Zwänge sind meiner Meinung nach auch daran gebunden (unprofessionelle Selbsteinschätzung), zum Beispiel ob ich den Kühlschrank wirklich zugemacht habe weil ich mich komplett mit der Information überfordert fühle, das er zu ist.
- Ich muss mit Dingen (wie diesem Beitrag) sofort anfangen (auch wenn der Zeitpunkt suboptimal ist) oder ich fange vermutlich gar nicht an
- ich bin fast immer zu spät und wenn es nur wenige Minuten sind: 5 Minuten noch Zeit bis das Meeting anfängt, das reicht noch “locker für Pipi gehen und Kaffee holen” → 2 Minuten zu spät
- mein Umfeld sagt mir, das wir wegen mir immer zu spät kommen
- meine Partnerin sagt mir, das ich unpassende Aktivitäten zu unpassenden Zeitpunkt erwähne oder durchführe
- Ein Sturm an Gedanken, der raus will. Ich habe so viel zu sagen und würde es dabei am liebsten alles gleichzeitig sagen. Es ist aber weniger wie andere es beschreiben, das ich “vier oder mehr Gedanken gleichzeitig” in dem Kopf habe, sondern eher so das sie sequentiell extrem schnell hintereinander kommen und ich sie alle erörtern möchte, weil ich sonst Angst habe sie zu vergessen
- Ich kann nicht “nicht denken”. Ich denke immer irgendwas, es ist so anstrengend in meinem Kopf. Und wenn ich aktiv versuche nicht zu denken, dann mache ich mir Gedanken über Gedanken. Und was in den vorherigen Punkt mit reinspielt ist, dass ich ein Feuerwerk an Assoziationsketten (Thema führt zu Thema) in meinem Kopf habe.
- Ich arbeite massiv mit TODO-Listen und breche komplexe Aufgaben runter in Einfache. Auf der Arbeit hilft das manchmal trotzdem nicht und zu Hause führt es dazu das ich ewig lange Listen habe mit “Geschirrspüler ausräumen, Geschirrspüler einräumen, 60 Grad Wäsche waschen, Trockner anstellen, usw.”
- Ich habe ein Gefühl von “Rastlosigkeit” (innere Getriebenheit"): Ich kann mich zum Beispiel nicht abends einfach mal hinsetzen und mir Zeit für mich nehmen, weil mir dann nicht aus dem Kopf geht, was ich eigentlich noch alles zu tun hätte (z.B. o.g. Haushaltsaufgaben)
- Wenn mich ein Thema interessiert (Informatik, Psychologie, Videospiele) dann kann ich mich stundenlang damit beschäftigen, vor allem dann wenn äußere Reize und Störfaktoren ausgeblendet sind (abends um 22 Uhr “kurz noch eine Stunde etwas zocken → 2 Uhr)
Und bestimmt habe ich wieder die Hälfte vergessen, aber vielleicht kann ja der ein oder andere mal seine Eindrücke dazu schildern.
Liebe Grüße,
Rod
