Einsicht/Selbstreflektion

Hallo in die Runde,

Ich bin gerade wieder dabei mich näher mit dem Thema auseinandersetzen. Ich Frage mich gerade, ob eine fehlende/mangelhafte Einsicht in zb Streit/Konfliksituationen eigentlich gehäuft vorkommt bei Adhs. Also eigenes Fehlverhalten erkennen und als solches einsehen und nicht andere verantwortlich machen.
Bei der Recherche gibt es Hinweise darauf, beziehen sich aber überwiegend auf Kinder.
Was denkt ihr darüber?

Lg

Hallo Partnerin,

gehäuft vorkommen wäre zu wenig gesagt, es ist eines der Hauptsymptome von ADHS. Und du hattest das ja schon ausführlich beschrieben, dein Freund und seine Nichte sind Musterbeispiele.

Sevus :slight_smile:
Ja beschrieben hatte ich das, was mir auffällt. Ich hatte es nur nie wirklich irgendwo gelesen, ausser wenn es um Kinder geht. Kennst du Bücher oder Internetseiten wo man dazu mehr lesen kann?

In „Lass mich doch verlass mich nicht“ von Neuhaus über Beziehungen bei ADHS solltest du fündig werden.

Ansonsten: Was willst du wissen? Wie @Falschparker schon schrieb, handelt es sich bei Egozentrismus und der Schwierigkeit, die Perspektive anderer einnehem zu können, um Symptome, mit denen sich auch viele Erwachsene noch herumschlagen, auch hier. Also nur zu! :slight_smile:

Okay verstehe. Und sind diese Symptome somit Teil des ADHS oder Ausprägung von etwas anderem?

Sie gehören zu den originären ADHS-Symptomen.

Bin mir unsicher ob es grundlegend bei ADHS so ist ? Kenne genug nicht ADHSler die das ebenfalls nicht können und „vermutete“ ADHSler die es sehr wohl können.
Ich schaue auch eher bei mir selbst was mein Anteil in einem Konflikt ist

Mir tut Kritik weh weil da das Kind durchkommen, das denkt, dass es nie gut genug ist.

Auf der anderen Seite finde ich schnell Probleme von anderen, versuche sie aber zu erklären und verstehen für mich.
Ich versuche in allem meinen Anteil zu finden

Es geht ja nicht nur um Konflikte, sondern um Fehler, die man gemacht hat und die zu recht kritisiert werden. Selbst dann fühlen sich ja viele angegriffen und kommen damit nicht klar.

Ich habe mit Kritik keine Probleme und mir wird auch immer wieder gesagt, dass ich sehr konstruktiv mit Kritik umgehen würde. Ich fordere sie auch. Mich verletzt Kritik nur dann, wenn sie wirklich ungerechtfertigt ist.

Nach meiner Auffassung hat Kritikfähigkeit, unabhängig von ADxS, sehr viel mit Erziehung zu tun. Mir wurde von klein auf anerzogen, dass Fehler nicht schlimm sind und man immer für seine Fehler gerade stehen muss. Das heißt, man muss sie anerkennen und sie reflektieren. Das habe ich sehr früh verinnerlicht und so halte ich es bis Heute.

Aber ich bin mir bewußt, dass diese Fehlerkultur nicht selbstverständlich, sondern eher die Ausnahme ist. Wenn man dagegen ständig darauf getrimmt wird, dass Fehler etwas schlimmes sind, dann ist natürlich jede Kritik automatisch ein Gesichtsverlust.

Wie soll ein Elternteil mit ADHS einem Kind vermitteln, dass Fehler nicht schlimm sind? :o

Das Kind eines Elternteiles mit ADHS kriegt jedenfalls mit, dass sein Elternteil viele Fehler macht.

Dem Kind vermitteln dass Fehler nicht schlimm sind ist daher auch Eigenschutz. :lol:

So ehrenwert und förderlich das ist, scheint es mir andererseits auch wieder eine typische ADxS-Folge-Gefahr.

Als These / Arbeitshypothese: Solches Versuchen und Schauen ist doch unser kopfgesteuerter Kompensationsversuch der angeknacksten Selbstwahrnehmung und des unterentwickelten Selbstwertgefühls.

Gefühlsmäßig ergibt sich spätestens ab Diagnose und Störungsbildeinsicht, dass ein ADxS-Pilot vom Kopf her weiß: In seinem Cockpit ist die Sensorik bzw. die Regler-Anzeige kaputt für die Faktoren „Eigenanteil“ und „Fremdanteil“ an einem Konflikt. Da kann alles zwischen je 0 bis 100 % angezeigt werden. Man kann der Cockpit-Anzeige einfach nicht trauen.

Und als Reaktion/Kompensation wird der Eigenanteil dann mal vorsorglich so hoch angesetzt wie es die Situation scheinbar irgendwie zulässt. Als Arbeitsgrundlage für den weiteren Blindflug ohne taugliche Wahrnehmung oder Instrumente.

Gern auch die Spielart „OK, er hat mir jetzt das Bein abgehackt, aber ich bin ihm ja letzte Woche auch auf den kleinen Zeh getreten. Ich bin also auch nicht besser. Zehtreter haben kein Recht, wütend zu sein.“

Problem: Narzissten essen einen dann zum Frühstück.

Und dann kann man schön wieder einsteigen: „OK, er hat mich jetzt gefrühstückt, aber ich bin ja auch ein ADxS-Mängelexemplar und meine Sensorik im Cockpit ist ja auch kaputt. Das kann man ihm nicht anlasten…“

Im Ergebnis: Es mag wie bei einer Pendelbewegung beide Extreme geben zwischen Fremdbeschuldigung und Selbstanklage. Und ob Medis besseren Instrumentenflug ermöglichen, hängt auch davon ab, wie eingeschliffen die Selbstanklagereflexe schon sind.


Es sei denn, man ist perfektionistisch unterwegs. Aber das kommt bei ADHS ja nur ganz selten vor.:wink:

@Addy_Haller
Ok, das ist eine berechtigte Frage. Das habe ich bei meiner Äußerung nicht bedacht.
Ich wurde ja nicht von meinem Eltern erzogen, da diese bereits verstorben sind, als ich noch im Grundschulalter war. Im übrigen war ja außerdem nur mein Vater betroffen.
Ich wurde von Onkeln und Tante und im Internat erzogen.
Die einzige, die mich je klein gemacht hat, war meine Großmutter. Um mich vor ihr zu schützen, hatte schon meine Mutter verfügt, dass ich bis zur Volljährigkeit ins Internat muss.

Meine übrige Verwandtschaft hat mich immer unterstützt und gefördert und auch im Internat hat man mich mit Strenge eher gefördert. Dafür wurde ja auch bezahlt. :wink:

Mein diagnostizierender Arzt meinte übrigens, dass das Internat wohl meine Rettung war, da ich dort Struktur hatte und von neutralen und geduldigen Personen „erzogen“ wurde.

Ich weiß, ich kann beim Thema Kinder und Erziehung nicht mitreden, da ich keine Kinder habe. Aber können nicht gerade ADxS-Eltern aus der eigenen Erfahrung heraus ihren Kindern den Rücken stärken und auch vermitteln, dass man aus Fehlern lernen kann??
Wenn mir mal wieder ein Missgeschick passiert war, hatte meine Tante immer den Spruch „Davon geht doch die Welt nicht unter“ parat. Ich glaube, dass würde ich meinem Kind, wenn ich denn eines hätte, genauso vermitteln.

Das Problem ist mMn: Die Welt geht für die Eltern ja tatsächlich unter - und das täglich. Und auch Neutralität und Geduld gehören leider nicht zu den ADHS-Kardinaltugenden.

Klar, der Wille ist da, auch bei mir natürlich. Aber aus seiner Haut raus zu kommen ist echt schwierig.

@Addy_Haller

Ich bin wirklich froh, keine Kinder zu haben. Schon sehr früh habe ich instinktiv gespürt, dass mich Kinder komplett überfordern würden. Daher hatte ich nie einen Kinderwunsch, obwohl ich gut mit Kindern kann.

Mein ehemaliger Chef hatte ja eine sehr stark von ADHS betroffene Tochter. Als diese mal bei uns im Büro Hausaufgaben machen musste, um sie von den Schwestern zu separieren, kamen wir wirklich die Tränen. Sie hatte in Deutsch mehrere Textaufgaben auf (4. Klasse Grundschule) und bat mich um Hilfe. Und ich war wirklich geschockt! Die Aufgaben waren so dämlich gestellt, dass selbst ich ihr nicht helfen konnte, weil ich es selbst nicht verstand.
Da waren wir beide gleich schlimm verzweifelt. Wobei ich noch etwas schlimmer, da ich sogar als Erwachsene diesen Mist nicht verstand und es mich in meine Kindheit zurück warf und ich mich dort selbst sitzen sah mit all meiner Verzweiflung, mal nicht wieder fertig zu werden und als einzige noch über den Hausaufgaben zu sitzen, während alle anderen schon längst fertig sind…
Ich glaube kaum, dass ich meinem Kind böse sein könnte, weil ich ja weiß, wie sich das alles anfühlt.

Selbst, wenn man dem Kind nicht böse ist, weil man selbst weiß, wie es ist - das schützt einen leider nicht vor dem Gefühl, damit überfordert zu sein und es einfach nicht auszuhalten.

Ok, da gebe ich dir recht. Das tagtäglich aushalten zu müssen…das ist hart.


Dito! Ich wusste auch, dass Kinderkriegen Selbstopfern- und aufgeben für mich heißen würde. Ich habe dagegen absolut kein Draht zu Kindern, ich finde das ganze Gelaber voll nervig und schreie ertrage ich nicht, auch spielen mit Kindern finde ich sehr langweilig. Für mich sind Kinder nichts anderes als kleine Menschen, die ein besonderer Schutz brauchen.
Für mich ist die Serie „the Middle“ ein Muss für alle selbst betroffene Eltern. Die Mutter ist so was von einer Adxslerin, die gefühlt alles falsch macht was man nur falsch machen kann, aber es mit Liebe und Zuneigung ausgleicht.

Üüüüüch? Uneinsichtig und rechthaberisch? Aber nimmer doch! Alle anderen dagegen… :sunglasses:

Nee, aber im Ernst: Ich habe im Grunde zwei Modi bei Streit, und beide kann ich mir gut mit ADHS erklären, aber keiner von beiden ist Sturheit.

  1. Jemand macht mir Vorwürfe - und ich habe nicht die leiseste Ahnung warum. Weil ich die Regel, gegen die ich da verstoßen habe, entweder nicht kenne oder nicht wusste, dass sie da galt. Dann bin ich verdutzt und beim Antworten auch nicht immer sachlich. Aber:

  2. Wenn das Geschrei andauert, lässt meine Aufmerksamkeit nach. Ich will nicht Langeweile sagen, denn es ist nicht langweilig, angeschrieen zu werden, aber meine Gedanken gehen woanders hin. Dann fange ich schon aus Unterforderung an, eine andere Perspektive einzunehmen, meistens eine versuchte Außenperspektive oder einen strukturellen Blick auf die Eskalation oder einen Versuch, die Motivation hinter der Wut zu analysieren - was den anderen normalerweise noch mehr auf die Palme bringt.

Früher konnte ich das nicht. Aber selbst als Grundschüler, wenn die cholerische Lehrerin in eine ihrer Schimpftiraden ausbrach, die e-w-i-g dauern konnten, dachte ich mehr darüber nach, wo ich hingucken soll als darüber, warum die so schrie. (Ich übertreibe nicht. Wie so was auf Kinder losgelassen werden konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.)

1 und 2 zusammen: Wenn ich tatsächlich etwas ausgefressen / kaputtgemacht / vernachlässigt habe, das anderen wichtig ist, erschließe ich es mir im Lauf des Geschreis aus dem Zusammenhang und versuche, daraus eine Regel für später zu formulieren. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sind das fast die einzigen Lernerfahrungen, vor Allem mit Erwachsenen, an die ich mich erinnere. Das mag allerdings daran liegen, dass sich so was mehr einfrisst.

3., aber das ist nicht wirklich beim Streit, mehr statt Streit: Wenn umgekehrt ich mich über etwas aufrege, dann meistens eh alleine im stillen Kämmerlein, denn das äußert sich bei mir nicht in Wutausbrüchen, sondern in Gedankenschleifen, in denen ich hängenbleibe. Je mehr Zeit ich dafür habe, desto mehr versuche ich aber auch, mir das Verhalten der anderen im Kopf zu erklären, ihnen wie ein Autor Motivation und Backstory zu geben. (Denn selbst in meinen eigenen Gedankenschleifen langweile ich mich gelegentlich.) Manchmal hilft das beim Abregen. Manchmal allerdings reicht später ein Wort, und ich lasse den ganzen Schwall raus, Backstory und alles…