Ich wollte ursprünglich einen langen Kommentar über Nebenwirkungen von Psychopharmaka und wieso man sie nur bedingt abschätzen kann und ob es ethisch vertretbar ist, wegen eines geringen oder großen Risikos Medikamente zu geben oder vorzuenthalten. Lasse ich mal, da an der Diskussion ein unglaublicher Rattenschwanz hängt.
Zum Thema
Paroxetin ist ein SSRI, ein Medikament, das auf Serotonin wirkt. Serotonerge Medikamente gelten als gut verträgliche Antidepressiva. Hier muss man aber wissen, was der vorherige Standard war - Antidepressiva, die einmal querbeet alles an Neurotransmittern ansprechen, die so im Körper sind mit entsprechenden Nebenwirkungen.
Zum Medikament - gilt wie gesagt als gut verträglich. Wurde historisch klar überbewertet mit dubioser Vermarktung in den 1990ern (“Sind Sie etwas traurig? Nehmen Sie Prozac”) in den USA. Sowas war und ist in Deutschland seit Jahrzehnten verboten. Dann kamen die ersten Selbstmorde auf den SSRI und die Medikamentenklasse wurde dämonisiert. Umschwung in die Gegenrichtung. SSRI haben eine Handvoll wirklich ekliger Nebenwirkungen und einige Nebenwirkungen, die eher so lala sind. Kategorie lala - Verdauungsprobleme, Bauchschmerzen, Verstopfung etc. Eklige Nebenwirkungen : sehr fiese Entzugserscheinungen, auch als Brain Zaps beschrieben, kein Bock mehr auf Sex bzw auch keine Erregbarkeit und Serotoninsyndrom. Letzteres ist der Grund, wieso SSRI bei fast allen anderen Psychopharmaka in Kombination schwierig sind.
Zur Emfindlichkeit - Psychopharmakadosierungen skalieren normalerweise exponentiell - niedrigste Dosis beispielsweise 5 mg, dann 10 mg, dann 20 mg, dann 40/50 mg, dann 100 mg, dann 150-200 mg. Ungefähr. Wenn jetzt die klinische Minimaldosis bei 20 mg liegt, wird Arzt denken - jup, 5mg merkt ja keiner. Es ist aber so, dass die Wirkkurven von Medikamenten im Körper extrem nichtlinear sind. Heißt - bei 5mg von Medikament sind beispielsweise im Schnitt schon 60% des Wirkstoffes aktiv (stark vereinfacht). Für Effektivität braucht man vielleicht 80%. Bei 10 mg sind es dann 70, bei 20 mg 80 und der Rest steigert die Effizient auf 90-95%. Manche Leute verstoffwechseln das Medikament aber sehr schnell, andere kaum. Beeinflusst auch die Wirkung. Ich bezweifle, dass der Durchschnittsarzt das weiß, weil die meisten Mediziner weder die Zeit, noch die Geduld für nichtlineare rückgekoppelte biochemische Systeme haben. Das wäre aber ein Teil der Erklärung.
Wieso SSRI doch verschrieben werden - sie können bei extrem fiesen Krankheiten gut wirken. Sie können manchmal wirklich eine der letzten Lösungen sein. Und sie sind oft besser als die historischen Alternativen und es ist schwer, sich mit ihnen direkt umzubringen. Das ist zumindest der Standard, von dem man bei Psychopharmaka ungefähr ausgeht.
Zum Elvanse/Amphetamin.
Die meisten Stimulanzien, die gegen ADHS eingesetzt werden, wirken auf Noradrenalin und Dopamin. Wenn man nun ein Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer wie Ritalin/Methylphenidat/Medikinet verwendet, hat man (in der Theorie) wenig bis keine Auswirkungen aufs Serotonin und es ist sicher. Amphetamin wirkt allerdings etwas anders. Ritalin ist praktisch das Gegenstück zum Paroxetin, nur mit Wirkung auf Dopamin und Noradrenalin statt auf Serotonin. Kann man an sich in der Theorie kombinieren. Amphetamin wirkt allerdings auch aufs Serotonin - ich weiß nur nicht genau wie. Wenn man mehrere Wirkstoffe hat, die auf den gleichen Neurotransmitter wirken, gibts oft ungewünschte Verstärkungseffekte. Bei Serotoninmedikamenten das sogenannte Serotoninsyndrom - relativ selten, aber leider ein echtes Problem. Der modernere Ansatz ist also heute, dass die meisten Psychater bei Medikamenten, die irgendwie serotonerg wirken können, doppelt und dreifach sicher gehen und diese nicht als Kombination verschreiben, um Probleme wie bei dir zu verhindern. Für sowas gibts extra Nachschlagebücher und Computerprogramme, auf die jeder Arzt und jede Apotheke Zugriff haben/hat.