Ich diskutiere mit meinem Behandler gerade meine potentielle ASS bzw AuDHS.
Ich persönlich bin da tatsächlich auch eher zufällig drauf gestoßen, primär über Betroffene auf Youtube mit AuDHS, die berichten, worin ich mich wiedererkannt habe, und weil ich mich wegen der Kinder (einmal diagnostizierte ASS, einmal undiagnostizierte) mit „weiblicher“ ADHS und ASS beschäftigt habe (in beiden Fällen weicht deren Präsentation oft vom männlich geprägten Klischee ab, siehe unten).
Ich selbst bin Mitte 40, spät diagnostiziert mit ADHS, sofern das vorliegen würde, reden wir von jeder Menge Masking und Strategien zur Adaption, sowie davon, dass sich die beiden Störungen verdecken, aufgrund der ADHS bin ich halbwegs fähig zu Socialising.
Jetzt wurden eher klassische ASS Symptomatiken wie Augenkontakt halten und Verständnis von Metaphern und symbolischer Sprache thematisiert. Ich hab btw Germanistik studiert, also ja, Sprache und sprachliche Mittel kenne ich so halbwegs . Weil eben Augenkontakt gehe und so, könne ASS bei mir ja eher nicht sein.
Es war noch kein tieferes Gespräch, ich hab aber den Eindruck, das ist nicht das Steckenpferd des Behandlers.
Prinzipiell ist aber eine Aufgeschlossenheit da und ich würde gerne eine Empfehlung zum Einstieg über AuDHS geben. Gibt es einen Experten dazu im deutschsprachigen Raum? Wegen einer potentiellen direkten Kontaktaufnahme.
Ich tippe eher auf Expertise aus den USA, es muss nicht wissenschaftlich sein, aber idealerweise, ansonsten zumidest ein fachlich valider Einstieg.
Dr Khurram Sadiq wäre ein Autor, der das Thema ziemlich beleuchtet. Allerdings Englisch, kannste auch mal bei Youtube eingegeben, dann weißte worauf der hinaus will.
https://www.adhs-autismus-adressen.de/ da eine Linksammlung mit vielen Weiterleitungen und Vertiefungen und einer Ärzteliste, die das Doppelthema für sich entdeckt haben.
Jörg Dreher wäre m.E. ein Ansprechpartner, den man ggf. kontaktieren könnte. Und das mit dem Augenkontakt ist kompletter Unsinn. Wer im Erwachsenenalter mit Kunden arbeitet, wird sich das irgendwann antrainiert haben den Augenkontakt zu halten. Außerdem ist das eine Spektrumsstörung, bei dem jeder unterschiedliche “Baustellen” mitbringt. Erst recht mit ADHS in Kombi.
Hi, ich habe in ein paar Wochen einen Test auf ASS, weil mir der starke Verdacht besteht, dass ich auch davon betroffen bin. Bin etwa in deinem Alter und auch bei mir ist es so, dass ich sehr unauffällig bin nach außen. Beim sprachlichen Verständnis bin ich weit über dem Durchschnitt und genau wie du sehr Literaturaffin, ich führe das bessere Verständnis auf das viele Lesen zurück. Ich kann auch Emotionen erkennen und nachvollziehen, der Unterschied ist nur, dass es nicht instinktiv passiert, ich analysiere und vergleiche mit Erlerntem und auch da ist das viele Lesen sehr hilfreich. Bei Google findet mal viele Spezialisten, konzentrier dich auf Websites von weiblichen Psychologinnen, die selbst die Diagnose ASS haben, da sind häufig sehr gute Beschreibungen der Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Mir geht es halt darum, dass bei verschiedenen Dingen wie zB Routinen die Betrachtung nochmal eine Andere wäre, wenn es auch noch ASS ist. An die Medikation könnte man möglicherweise auch nochmal anders ran.
Nein Behandler ist sicherlich überdurchschnittlich kompetent, gerade bezüglich ADHS, und auch immer interessiert, ich würde ihm deshalb einfach gerne einen guten, fachlich fundierten Einstieg ins Thema anbieten, ich denke das Interesse ist dann schnell da.
Hey, bist du männlich oder weiblich? Ich hatte es erst so verstanden, dass du eine Frau bist, bin jetzt aber nicht sicher und dein Name könnte sowohl als auch sein. Ich frage, weil ich jetzt nicht genau weiß, ob es dir um die Besonderheiten bei Frauen geht oder allgemein um die Kombination ADHS/ASS.
Es gibt meiner Meinung nach nur sehr wenige gut Veröffentlichungen, die sich mit möglichen Zusammenhängen von ADHS und ASS auseinandersetzen.
Ludger Tebartz van Elst : Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter und Autismus, ADHS und Tic-Störungen
Oder das Sachbuch von Tony Attwood: Leben mit dem Asperger-Syndrom, ist eigentlich so etwas wie eine Beschreibung von AuDHS. Wenn man alle Phänomene streichen würde, die nicht ebenso gut mit einer ADHS erklärbar wären, wäre von dem Buch nur noch ein hauchdünnes Heftchen übrig.
Ansonsten gibt es tausende Studien, die sich mit möglichen Zusammenhängen beschäftigen, z.B. über BubMed.
Dürfte in der gegenwärtigen Situation aussichtslos sein.
Bezüglich Letzterem meinte ich nicht MICH, sondern eher den Behandler, also von Kollege zu Kollege.
Das Buch von van Elst habe ich hier, war aber mMn nicht so richtig aufschlussreich diesbezüglich. Kannst du das ein Kapitel besonders empfehlen, dann lese ich das nochmal?
Nö, leider nicht. Im Prinzip sagt er auch nur, dass die Grenzen der einzelnen Diagnosekategorien deutlich fließender zu einander sind, als dies in den letzten Jahrzehnten angenommen wurde und stellt eine Analogie zu den Modellen der Persönlichkeitsforschung/Persönlichkeitsstörungen her.
Ich persönlich halte davon auch gar nicht viel, weil es erhebliche Unterschiede zwischen neuronalen Entwicklungsstörungen und Persönlichkeitsstörungen gibt.
Hinzu kommt, dass normerlweise Stimulanzien eine Wirkungsstärke von 0.6-0.8 haben, bei ASS-lern liegt diese teilweise nur bei 0.2 (nicht bei allen). Der Wert der unerwartbaren Nebenwirkungen kann um den Faktor 10 erhöht sein. Alleine deswegen ist die richtige Diagnose immens wichtig.
Ich bin in Monat 7 seit Einstieg Medikation und immer noch nicht richtig eingestellt weil die Medis teilweise so unerwartbar anders wirken. Bei meinem Bruder ähnlich. Wir sind beide bis auf weiteres arbeitsunfähig geschrieben weil wir plötzlich nicht mehr schlafen können oder diffuse Schmerzen in Bereichen bekommen, die schwer erklärbar sind. Ich konnte zwischenzeitlich einen Monat nicht mehr auf mein Handy schauen, weil das grelle Licht mich so geblendet hat und laufe jetzt unter Stimulanzien nur noch mit Kappi, Ohrstöpseln und Sonnenbrille rum, auch im Supermarkt und teilweise sogar zu Hause.
Wenn du da keinen Arzt hast , der dich versteht wirds schwierig. Ich hab durch Zufall einen gefunden, der selbst Neurodivers ist und auch nur neurodiverse Angestellte hat. Kannste gerne mal versuchen zu kontaktieren, nimmt leider nur Privat oder Selbstzahler neu auf, aber geht dir ja um Nachfragen. Herr Kalle Lemke, Arzt in Duisburg : Termin online buchen - Doctolib Meine Medikamente hat der jedenfalls erstmal komplett umgestellt und ich nehme jetzt retadiertes und unretardiertes gemischt. Damit bin ich ca.~12h abgedeckt ohne nennenswerte NW und schlafe wie ein Baby. Wäre mit meiner vorherigen 0815-Ärztin unmöglich gewesen.
bei mir wurde auch eine AuDHS diagnostiziert. Gerne J. Dreher kann ich nur empfehlen.
Ich fand deinen Kommentar zur Medikation sehr spannend. Könntest du mir dazu mehr erklären? Theoretisch nehme ich Elvanse. Auf Grund einer andern Erkrankung kann ich dies aktuell nicht einnehmen. Mehr dazu sprengt den Rahmen. Allerdings hatte ich bei der Eindosierung von Elvanse das Gefühl, es würde meine AuDHS Symptome, vor allem die autistischen, verstärken. Das war sehr befremdlich. Welche Medikament nimmst du?
Stimulanzien im allgemeinen “bearbeiten” ja nicht nur synaptische Verbindungen, wo eine tendenzielle Störung vorliegt, sondern können auch in Hirnregionen wirken, in denen gar keine Dysfunktion vorhanden ist. Da man Medikamente nicht gezielt steuern kann, landet der Überschuss an Dopamin, der bspw. durch Elvanse noch zusätzlich ausgeschüttet wird, eben auch in diesen eigentlich funktionalen Hirnregionen und löst dort dann diese unerwarteten Nebenwirkungen aus. So verstehe ich das zumindest.
ADHS-ler mit Autismus haben dementsprechend nicht nur Nebenwirkungen in den von ADHS betroffenen Hirnbereichen, sondern eben auch zusätzlich noch in den von Autismus betroffenen Regionen. In den USA tendieren einige Ärzte wo ich was zu gelesen habe bei Autismusverdacht auch eher Richtung Methylphenidat als Medikament erster Wahl und LDX alias Vyvanse erst als Zweitwahl, eben genau weil dieses zusätzliche Ausschütten von Dopamin bei Elvanse (Vyvanse) diese unerwarteten Nebenwirkungen verschärfen kann. Ob da was dran ist weiß ich aber nicht.
Ich habe mit Elvanse generell gute Erfahrungen gemacht, das Zeugs aber leider zu schnell verstoffwechselt, so dass ich auf Methyl gewechselt bin. Ich nehme jetzt kinecteen 27 mg morgens um 08.00 Uhr und 10 mg Ritalin Adult um 14.30 Uhr, kurz bevor der Rebound bei mir anfängt. Wenn ich 18 mg kinecteen mittags nachlege habe ich beim Durchschlafen etwas Probleme, daher der Wechsel auf Ritalin, das ja nicht so lange wirkt. Abends gg. 18 Uhr nehme ich nochmal 2.5 mg unretardiertes Medikinet, wieder kurz vorm Rebound, das hält dann so bis ca. 20 Uhr und schleicht sich dann ohne Rebound raus. Ist bisschen tricky, da tagsüber die Balance zwischen Über- und Unterdosierung zu halten, aber mit ein bisschen Übung und dem richtigen Doc klappt das schon irgendwie.
Wahrscheinlich setzt sich, je höher man dosiert, auch die autistische Seite stärker durch. Wenn man davon ausgehen kann, dass das ADHD i.d.R. den Autismus “überlappt” bzw. maskiert, dann wäre die Wahrnehmung der Umwelt durch die Jahre hinweg eher durch das ADHD geprägt, zumindest ist das bei mir so gewesen. Wenn ich jetzt ordentlich reindosiere, treten die ADHD-Symptome zwar mehr und mehr in den Hintergrund, dafür ist das Autistische dann aber erstmal komplett überfordert, es kennt die Welt da draußen ja noch nicht so gut und geht dann ohne seine Maske (alias ADHD) allein spazieren und kriegt Angst.
Deswegen tendiere ich persönlich zuletzt eher dazu leicht unter- als überzudosieren, auch wenn ich dieses Hyperfokussierte eigentlich total gerne mag, dadurch bedingt aber erheblich auf Licht und Lautstärke reagiere. Mit der Zeit, so meine Hoffnung, sollte sich die autistische Seite dann mehr und mehr an ein Leben mit weniger ADHD gewöhnen und dann kann man ggf. auch mit der Dosis nochmal etwas nachbessern, wenn man das möchte.