mein Name ist Jan und ich bin 45 Jahre alt. Ich schreibe mal meine Geschichte nieder, und bitte euch um eure Einschätzung, gerne auch konkrete Tipps oder Hinweise.
Vor dem Entzug habe ich 27 Jahre lang täglich Cannabis konsumiert (praktisch ohne längere Pausen). Seit Ende Januar bin ich abstinent, nachdem ich eine schwere Panikattacke hatte.
In den letzten Monaten hatte ich mit Schlafstörungen, innerer Unruhe, Brain Fog, Konzentrationsproblemen und zeitweise auch depressiven Symptomen zu kämpfen. Aktuell geht es mir wechselhaft – manche Tage sind okay, an anderen bin ich sehr mit meinem Zustand beschäftigt.
Parallel dazu bin ich auf das Thema ADHS gestoßen. Ein ADHS-Screening (ASRS) war bei mir deutlich auffällig (Score 40+), und ein Therapeut hat mir eine vollständige ADHS-Diagnostik inklusive Differentialdiagnostik empfohlen.
Jetzt frage ich mich allerdings, ob mein aktueller Zustand nicht selbst ADHS-ähnliche Symptome erzeugen könnte.
Ein paar Dinge, die möglicherweise für ADHS sprechen:
Ich springe häufig zwischen Aufgaben.
Ich neige zum Aufschieben.
Hausaufgaben habe ich früher oft erst im Bus erledigt. 3 Schulwechsel bis zur 10 Klasse.
Ich habe häufig sehr intensive Interessen.
Organisation fällt mir teilweise schwer, relativ viel Chaos / Unordnung (Schreibtisch, Büro)
Andererseits:
In meinen Schulzeugnissen finden sich kaum typische ADHS-Hinweise (bis auf einer „lässt sich manchmal ablenken“.
Ich bin beruflich seit vielen Jahren selbstständig und habe mein Leben grundsätzlich gut auf die Reihe bekommen.
Viele der Probleme, die mich aktuell belasten (Schlafstörungen, innere Unruhe, Brain Fog, Konzentrationsprobleme, aufschieben von Aufgaben), sind erst nach dem Cannabisstopp wirklich in den Vordergrund getreten.
Ich hatte als Erwachsener praktisch nie längere abstinente Phasen und kenne mein „erwachsenes Ich“ ohne Cannabis eigentlich kaum.
Deshalb meine Frage an die Runde:
Gab es hier Menschen, die nach langer Cannabisabstinenz plötzlich starke ADHS-Symptome bemerkt haben und bei denen sich später tatsächlich ADHS bestätigt hat?
Oder kennt jemand den umgekehrten Fall, bei dem Schlafprobleme, Stress, Angst oder die Umstellung nach dem Cannabisstopp ADHS zunächst sehr plausibel erscheinen ließen?
Mich interessieren vor allem eure persönlichen Erfahrungen, nicht unbedingt Ferndiagnosen.
Cannabis wirkt wie ein Deckel bei einem Dampfkochtopf, hatte mein Doc mal gemeint. Bei mir ist der verdacht auf ADHS aber schon viele Jahre vor dem Kiffen gestellt worden, bin dem aber nicht nachgegangen.
Also das ADHS Symptome mit Cannabis kompensiert werden („Selbstmedikation“) erlebe ich in meiner Praxis als Suchtberater häufig, daher wäre das realistisch.
Entsprechend wenn die Substanz weg gelassen wird kommt wieder das mehr in Vordergrund was eben da ist.
Natürlich gibt es auch Folgen des Cannabiskonsum („Cannabissyndrom“), oder auch depressive Tendenzen worauf deine Symptome hindeuten könnten.
Eine ordentliche Differenzialdiagnostik würde sicher Klarheit schaffen.
danke für deine Einschätzung. Depressive Tendenzen sind auf jeden Fall da, natürlich ist es auch hier schwierig zu sagen ob es sich um ein Entzugssyndrom / PAWS handelt, oder etwas das länger da ist und bisher gedeckelt wurde. Bewußt hatte ich vorher nie damit zu tun.
@anon38849489 - danke dir. Du bist also noch aktiv dabei? Ich habe wegen der Panikattacke aufgehört, aber mit Cannabis bin ich ansonsten gefühlt immer gut gefahren.
Nach grob zwei Tagen Abstinenz beginnen sich die körpereigenen Cannabiodrezeptoren in den Ursprungzustand zurückzubilden. Im Schnitt dauert der Prozess zwei Wochen, kann aber auch mehrere Monate in Anspruch nehmen. Vier Monate wie in deinem Fall ist schon einiges.
Ich persönlich hatte vor Beginn meiner Medikation mit medizinischem Cannabis deutliches ADHS und Verdacht auf Depressionen und Rückblickend muss ich sagen, dass ich definitiv depressive Symptome hatte. Diese sind seit Beginner meiner Medikation aber wie weggeblasen und meine ADHS-Symptomatik hat sich massiv gebessert.
Wenn jemand täglich ADHS-Medikamente zu sich nimmt, kann das meiner Meinung nach das ADHS durchaus maskieren.
vielen Dank für deine Antwort - das dachte ich auch immer, aber nach knapp 30 Jahren Konsum sieht das bei mir ganz anders aus als in gängigen Publikationen dargestellt wird. Ich bin bei knapp 5 Monaten, und die letzten 2 Monate waren erst so richtig hart. Es gibt aber definitiv auch Cannabis PAWS, wenn du die gängigen LLMs (z.B. chatgpt) befragst auch durchaus mit mehrjähriger Dauer. Leider auch mit einer hohen Rate an Überschneidungen bei den Symptomen. Deswegen fällt mir auch die Abgrenzung entsprechend schwer, und auch die Diagnostik dürfte nicht einfach werden.
Die Sche*** an der Sache ist, ich habe mit 15-16 Jahren angefangen, dementsprechend nur noch ein entfernte Erinnerung. Es gibt aber einige Sachen, die mir momentan in der rückwirkenden Betrachtung besonders auffallen:
Nach der Grundschule schlechte Noten, danach Schulwechsel vom Gymnasium zur Realschule, ein Schulverweis. Wechsel zur nächsten Realschule und danach ein durchschnittliches Abschlusszeugnis aber eine 1 in Chemie (hat mich damals sehr interessiert).
Harte Rebellion durch das Gefühl anders zu sein als die „Norm“. Habe mich immer mit Aussenseitern solidarisiert, starker Gerechtigkeitsfanat. Klassenclown. Graffiti, Weed und leider auch diverse Kontakte mit der Polizei.
Immer Probleme mit Autoritäten, u.a. deshalb bin auch selbständig geworden.
Chaos im Kinderzimmer, zieht sich bis heute durch.
Schlafstörungen bereits als Kind.
Meine alten Freunde die ich gefragt habe ob sie ADHS bei mir für möglich halten, haben mehrfach über meinen Hyperfokus berichtet. Damals habe ich z.B. viel an den Plattenspielern gestanden, gescratched, gejuggled und Bodytricks geübt bis zum umfallen. Dabei habe ich wenig von der Welt um mich rum mitgekriegt. Mit Cannabis, insbesondere mittelpotenten Sativa Strains konnte ich das richtig ausleben. Ruhe im Kopf, Fokus pur. Das ist in vielen Situationen so gewesen, insbesondere in solchen wo Kreativität gefragt war.
Mein bester Kumpel hat als Kind die Diagnose gekriegt (aber einfach mit Cannabis weitergelebt :)). Gleich und gleich gesellt sich gern.
Ich maskiere viel in Situationen mit mir wenig bekannten Dritten, auch schon unter Cannabis habe ich ständig überlegt wie meine Mimik rüberkommt. Das merke ich momentan noch 3x stärker
Ich bin mega perfektionistisch, bleibe aber in 90% meiner Projekte bei 90% Fertigstellung hängen. Als Kind bin ich teilweise länger im Kindergarten geblieben weil ich so detailliert gemalt habe das ich 5x so lang wie alle anderen gebraucht habe
Ich persönlich hatte vor Beginn meiner Medikation mit medizinischem Cannabis deutliches ADHS und Verdacht auf Depressionen und Rückblickend muss ich sagen, dass ich definitiv depressive Symptome hatte. Diese sind seit Beginner meiner Medikation aber wie weggeblasen und meine ADHS-Symptomatik hat sich massiv gebessert.
Wenn jemand täglich ADHS-Medikamente zu sich nimmt, kann das meiner Meinung nach das ADHS durchaus maskieren.
Das untermauert meine These. Hattest du auch Schlafstörungen? Darf ich fragen was du für Strains nutzt? Ich kann auf jeden Fall sagen das mir tagsüber mittelpotente Sativas extrem geholfen haben mich zu konzentrieren, und Abends musste dann der Indica Hammer um irgendwie abzuschalten und die ganzen Reize des Tages wegzudrücken.
Jetzt habe ich Abends echt zu kämpfen. Nachdem ich mit den Kindern am Wochenende auf der Kirmes war, mit maximal möglicher Reizüberflutung (Musik von 5 Seiten, tausende Leute, hunderte Gerüche, permanente Bewegung) bin ich garnicht mehr klargekommen.
Ich hatte die typischen ADHS-Schlafstörungen bei denen ich sowieso schon immer etwas zu spät müde wurde und sich dann auch noch Kopf geweigert hat, das Gedankenkarusell einzustellen. Mit medizinischem Cannabis ist das aber verschwunden. Inzwischen halte ich ganz automatisch Schlafhygiene und gehe jeden Tag ungefähr zur gleichen Uhrzeit ins Bett und wache auch jeden Tag etwa gleich auf. So ein Leben hätte ich mir vor der Medikation gar nicht vorstellen können.
Ich verwende den ganzen Tag Sativas, mit Indica kommen bei mir die depressiven Symptome zurück.