Liebe Community,
zunächst möchte ich mich für die vielen Informationen, das Wiki und die rege Teilnahme im Forum bedanken. Es ist wirklich großartig, sich so gut einlesen zu können!
Letzte Woche habe ich die Diagnose ADS erhalten. Doch ich traue der Diagnose nicht ganz und das zerreißt mich innerlich ein bisschen.
Mein größtes Problem im Leben, das sich in den letzten acht Jahren auch in einer Depression manifestiert hat, ist, dass ich es einfach nicht schaffe, meine alltäglichen und vor allem studentischen und beruflichen Aufgaben zu bewältigen. Was das Ganze noch schlimmer macht, ist, dass ich eigentlich denke, großes Potenzial zu haben, mich aber dafür geißle, dieses nicht zu nutzen.
In der Schule musste ich nie lernen und habe meinen Bachelor mit einem 1-Komma-Schnitt abgeschlossen, ohne viel dafür zu tun. Das fühlt sich für mich nach Versagen an, da ich mein Fach und viele Module total interessant finde, es aber trotzdem nicht schaffe, rechtzeitig mit der Klausurvorbereitung anzufangen.
Meine Bachelorarbeit wurde mit 1,0 bewertet und mir wurde anschließend ein Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Aussicht auf Promotion (nach Masterabschluss) angeboten. Ich habe das dankend angenommen; für mich selbst war die Hauptmotivation, mir zu beweisen, dass ich an etwas dranbleiben und mich nicht nur durchmogeln kann.
Das läuft aktuell leider denkbar schlecht. Der Wechsel von Hochschule zu Universität und von Bachelor zu Master hat das Niveau merklich steigen lassen und mir fehlen viele Grundlagen, um die ich bisher herumgekommen bin. Mit reinem Intellekt komme ich nicht mehr weit und ich fühle mich einfach nur dumm. Wie gesagt, der Master ist thematisch perfekt, die Vorlesungen super interessant, aber ich schaffe es nicht zu lernen und ende stundenlang auf YouTube.
Medikinet ist ein Wundermittel. Aufgaben fühlen sich nicht mehr unlösbar an, der innere Widerstand bei jeder Kleinigkeit ist weg und ich verstehe (subjektiv) wissenschaftliche Paper viel besser und muss nicht jeden Satz zehnmal lesen. Die letzte Woche war die produktivste seit ich denken kann; der ständige Stress beim Denken an die tausenden offenen Aufgaben, die mich irgendwann einholen, ist Vergangenheit, ich habe mich um alles gekümmert. Ich kann wieder ohne Enttäuschung in den Spiegel schauen. Wenn ich Aufgaben verschiebe, kann ich mir trauen, diese auch zu erledigen. Aber würde das Medikament nicht auch so wirken, wenn ich kein ADS hätte?
Ich sehe mich in manchen Symptomen sehr (und weiß natürlich, dass diese unterschiedlich ausgeprägt sind), aber in vielen eben überhaupt nicht. Ich habe nicht das typische „Gedankenrasen“; ich tagträume zwar gerne und viel, aber nur, wenn ich in einer passenden Situation bin. Ich kann Gesprächen folgen, bin nur nicht so aktiv, wenn mich das Thema nicht interessiert, aber höre höflich zu. In Vorlesungen muss ich mich oft wieder dazu bringen, zuzuhören, aber das berühmte Eichhörnchen lenkt mich nicht unkontrolliert ab. Ich spiele gerne mit einem Fidget Spinner herum, kann das aber auch lassen, wenn es jemanden stört. Ich habe eine starke Tendenz zu Risiko und Sucht, habe früher einige Jahre Cannabis und anschließend Ritalin konsumiert, das könnte allerdings auch andere Gründe gehabt haben. Mein Hauptproblem ist einfach der Antrieb und eine unüberwindbare Prokrastination. Ich könnte mir vorstellen, dass sich Aufgaben so schwer anfühlen, weil ich mich darauf konzentrieren muss und das innerlich vermeiden will, aber dieses Symptom passt auch zu anderen Krankheiten.
Diese Woche hat sich wie der Beginn eines neuen Lebens angefühlt. Aber ich habe unglaubliche Angst, dass sich am Ende herausstellt, dass es eine Fehldiagnose war und ich wieder in mein altes Leben zurück muss.
Außer meinem Psychiater kann mir natürlich niemand wirklich helfen, aber mich würde interessieren, ob das für jemanden von euch schlüssig klingt oder ob sich jemand in meiner Geschichte wiederfinden kann.
Vielen Dank für jeglichen Input.