Flüchtigkeitsfehler wahrnehmen und trotzdem nicht korrigieren

Ich erlebe es ganz oft, dass ich eine Aufgabe (zum Beispiel im Haushalt oder auf der Arbeit) sehr schnell erledige, um möglichst schnell wieder zu meiner vorherigen Tätigkeit zurück zu kehren.

Dabei mache ich dann oft Flüchtigkeitsfehler, vergesse etwas wichtiges oder bringe Abläufe durcheinander. Das Ergebnis ist oft nicht so gut, aber ich merke, dass mich irgendetwas antreibt, so schnell wie möglich fertig zu werden.
Selbst wenn ich einen Fehler mit bekomme, korrigiere ich ihn oft nicht und mache ihn ganz „bewußt“. Ich denke mir dann oft „ach das kriegt eh keiner mit“ oder „das ist nicht so schlimm, das ist kein entscheidender Fehler“.

Desto schneller ich zur alten Tätigkeit zurück will, umso mehr Fusche ich und lasse Fehler einfach durchgehen.

Wenn ich dann später auf die Fehler angesprochen werden, dann fühle ich mich sofort in die Ecke gedrängt und komme in Erklärungsnot. Es ist dann so, als würde man bei einer Notlüge erwischt werden. Früher habe ich immer versucht, meine Fehler dann zu verbergen oder Ausreden zu finden. Mittlerweile versuche ich, es etwas bewußter wahrzunehmen. Trotzdem weiß ich nicht, wie ich es dann erklären soll.

Ich weiß aber auch nicht, was ich dagegen tun soll. In diesen momenten scheint es mir völlig in Ordnung, diese Fehler zu machen.

Das erschwert natürlich oftmals das Zusammenleben und sorgt auch für ärger auf der Arbeit. Denn natürlich sind es meine Fehler, egal ob bewußt oder unbewußt. Es fällt mir nur unglaublich schwer, eine tätigkeit durchzuhalten UND dabei sorgfältig zu sein. Ich will es dann einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Selbst wenn ich garkeinen Zeitdruck habe. Oftmals wären Fehler auch in Sekunden korrigiert. Trotzdem tue ich es nicht, weil ich mit meinen Gedanken schon wieder da bin, wo ich eigentlich sein will.

Kennt das jemand und gibt es da irgendwelche Strategien? Ich habe oft das Gefühl, dass ich mich selber reinlege und an der Nase herum führe.

Kennst Du das Konzept des „shitty first draft“ / „beschissener erster Entwurf“ ?

Perfektionisten wird das oft empfohlen, wenn sie eine Aufgabe nicht mal angehen (können), weil sie ohnehin davon ausgehen, sie wird nicht perfekt. Besser ein SFD als eine Aufraff-Paralyse.

Vielleicht hast Du das ja intuitiv entwickelt oder bist da ein Naturtalent? Eigentlich ist es doch genial, erstmal zu machen. Insbesondere, wenn Du dann Fehler sekundenschnell korrigieren kannst. Dann könntest Du Dich auch zweimal feiern: für den SFD und dann nochmal für die Politur-Runde.

Denn es ist ja nur der erste Entwurf, und das Abhaken als „fertig“ kommt erst noch.

Ich habe kürzlich in einem Coaching gelernt, dass ADSler oft an den Rändern einer Aufgabe zu ungenau sind: Eine Reise sei zum Beispiel erst dann beendet, wenn das Gepäck ausgepackt, die Wäsche gewaschen und wieder im Schrank ist. Nicht, wenn man den Koffer in den Flur gepfeffert hat. Man kann weder die Rüstzeit vor dem Aufbrechen ausblenden noch die Abschlusskontrolle oder … mein besonderer Gegner: die Aufräumarbeiten, Werkzeug verstauen, etc. :rotwerd Das gehört alles noch zur eigentlichen Erledigung der Aufgabe.

Was ich mir sonst noch vorstellen könnte mit meinem betroffenen Hirn: Ist da irgendeine Sorge, dass Du den Faden bei der vorherigen Tätigkeit verlierst? Und deshalb willst Du schnell wieder zurück? Dann könnte da vielleicht eine Notiz helfen.

(Oder ist die „vorherige Tätigkeit“ einfach Couch und Netflix und eben viel einladender?)

Der „shitty first draft“ ist dann leider auch der finale :wink: Ich bemerke ja oftmals die Fehler, und weiß dass sie eigentlich ganz schnell und einfach korrigierbar sind. Trotzdem tue ich es nicht, nur um vielleicht 10 sekunden zu sparen. Es hat also garnicht was mit der Zeitlichen Ersparnis zutun, sondern es geht wirklich darum, möglichst unkompliziert und schnell fertig zu werden. Das ist ja das ärgerliche. Ich sehe die Fehler ganz oft

Nehmen wir zum Beispiel das Staubsaugen. Ich fange dann an zu saugen, merke dann aber, dass ein großer Fussel unter die Couch geflogen ist. Ich könnte mich kurz bücken und mit dem Sauger weit unter die Couch, und dabei dann auch gleich dort unten einmal richtig saugen. Dann denke ich aber „ach da unten schaut doch eh niemand“ und mache es dann einfach nicht.
Wenn ich mit dem saugen fertig bin, könnte ich den Staubsauger wieder in die Abstellkammer stellen. Aber dann denke ich „wieso denn, ich muss doch irgendwann wieder saugen, dann kann er doch gleich draußen stehen bleiben“ und ich lasse ihn einfach in der Ecke stehen.

Ich empfinde dabei auch keine Befriedigung, wenn es gesaugt ist oder ich eine solche Aufgabe erledigt habe. Ich bin einfach nur froh, dass es vorbei ist. Oftmals haben mich andere versucht zu motivieren mit Sprüchen wie „sieh man, ist das nicht viel schöner jetzt? Das fühlt sich doch gut an“. Nein, das fühlte sich leider noch nie gut an, es ist immer nur anstrengend.

Die vorherige Tätigkeit ist meist einfach nur etwas, das mir Freude macht, nichts „sinnvolles“.

Wenn meine Frau sich dann ärgert, wieso wieder der Staubsauger im Raum steht, oder wieso da ein großer Fussel unter der Couch rausfliegt, dann fühle ich mich irgendwie ertappt und bin dann selber ganz ärgerlich und sage dann schnell sowas wie „dann saug du doch das nächste mal, wenn du es besser kannst“ oder sowas.

Ich würde nur gerne verstehen, wieso sich dieses Verhalten so tief bei mir festgesetzt hat, und immer wieder die Oberhand bei allem übernimmt, was mir keine Freude macht. Auf gewisse weise habe ich das tatsächlich perfektioniert, aber auf eine sehr ungesunde weise.

Vielleicht wird es ja ein spannendes Selbstexperiment, ob das mit Diagnose und Medis besser wird. Kann sein. Du hattest ja mal das Phänomen beschrieben, dass es für Dich durchaus eine eigene Anstrengung/Entscheidung ist, Dich nach dem Verschluss der Milchpackung zu bücken, wenn der neben den Müll fällt. Ist manchen hier sicher nicht ganz fremd. Kann sich anfühlen, als müssten viele Synapsen-Zwischenräume überquert werden vom Kopf bis zum Fussel unter dem Sofa.

Ob ein Nicht-Betroffener einem das aber als Erklärung abnimmt: Ich konnte mich nicht nach dem Fussel bücken. Ich habe ADHS.

Ich befürchte nicht. Und vermutlich gibt es da auch noch Alternativen, sowohl bei Ursachen als auch bei Einwirkungen.

Ja, das ist genau so eine sache. Ich denke erst „gut, der Milchdeckel stört mich nicht, den kann ich später wegräumen“. Ich hatte mir aber vor einigen Monaten angewöhnt, bei solchen Momenten kurz inne zu halten und es einfach zu machen, selbst wenn sich alles in mir dagegen sträubt. Das ist tatsächlich ein Synapsen Feuerwerk, und meist dauert dieses Inne-Halten sehr viel länger als die eigentliche Tätigkeit es Hochhebens. Es ist ein richtiges Hin-und-Her im Kopf, das ich auch oft verliere.

Leider gibt es aber keinerlei Belohnungs- oder Erfolgserlebnis, wenn ich es schaffe. Und das macht es so schwierig, sich etwas anzugewöhnen, ohne Erfolgsgefühl, nur rein rational.

Ich bin tatsächlich auch sehr gespannt, ob Medikamente daran etwas ändern würden. Ich hatte einmal Setralin bekommen (als Anti-Depressiver). Ein üblicher Serotonin-Abbau-Hemmer. Die Nebenwirkungen waren leider sehr stark, aber schon nach 1-2 Tagen hatte ich einen unglaublichen Motivationsschub und selbst so kleine Aufgaben fielen mir sehr viel einfacher. Diese unsichtbare Hürde war viel kleiner und meist habe ich solche Kleinigkeiten schon deshalb gemacht, weil ich garnicht erst drüber nachdenken wollte, ob es sich lohnt oder nicht. Da habe ich gemerkt, dass solche Hormonel-wirkenden Medikamente tatsächlich eine nutzbare Wirkung haben. Ich habe in den paar Wochen so vieles geschafft, was vorher ewig lange liegen blieb.

Jein.
Fehler machen: Ja, diese so zu lassen:Nein!!!, die Korrektur als extrem schwer empfinden: Ja!

:x :ai :panik :panik :panik

:evil: :aufsmaul

Hast Glück nicht mit mir verheiratet zu sein :lol:

Ich habe leider kein Tipp für dich, ich bin vom Geburt aus so perfektionistisch drauf. Es kann aber genau so anstrengend und kräftezehrend sein wie in deinem Fall.

Hallo @Dennis82HH

Sehr interessant was du da schreibst.
Dieses Verhalten kenne ich von mir auch. Ich erledige nötige Aufgaben meistens auch sehr schnell, wie von einem inneren Motor getrieben.
Ich habe dadurch einen ziemlichen Pragmatismus entwickelt und erledige die Sachen teilweise doppelt so schnell wie andere.
Ich liebe Effektivität.
Und ja, Fehler passieren mir dabei auch und ich übersehe Details durch die eigens aufgebaute innere Hektik.

Ich habe dies nicht so stark, wenn ich in eine äußere Struktur eingebunden bin…sprich, wenn mir das schnellere Arbeiten eh nichts bringt. ZB weil sich die Aufgabe dann wiederholt.
Das Problem habe ich eher im privaten Bereich.
ZB manchmal beim Putzen oder schlimmer beim Einkaufen.

Allerdings mag ich es inzwischen sehr, wenn ich eine saubere Wohnung habe, deswegen räume ich inzwischen eigentlich gerne auf oder sauge. Ich mach’s mir dabei aber schön, höre zB über Kopfhörer Musik <3
Dieses unsaubere Arbeiten beim Saugen kenne ich auch von meinem Freund. Er macht es auch so. Naja, ich werde nicht müde ihn zu ermahnen, dass wir in einer Wohnung leben und nicht in einem Putzwarengeschäft und der Staubsauger gerade im Angebot ist. Also kommt er wieder dahin wo er hingehört.

Ich habe auch meine Schwächen und daran erinnert er mich.

Mir ist es auch aufgefallen, dass ich viele Aufgaben sehr hektisch mache. Meine Kollegen haben mich dann immer gefragt, warum ich so gestresst bin. Bzw wirke. Ich habe das gar nicht so empfunden.

Inzwischen ist es nicht mehr so stark, aber ich habe dieses Verhalten vermehrt, wenn ich eh schlechter drauf bin und das Kräftelevel ziemlich niedrig ist. Dann versuche ich schnell das allernötigste zu schaffen.

Manchmal erinnert mich das auch an „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.
Hat man als Kind ja oft genug eingetrichtert bekommen.
Nun sind wir keine Kinder mehr.
Hast du es mal andersherum probiert? Erst das machen worauf du Lust hast und dann die Pflicht?
Das geht natürlich nur privat.
Vllt bist du dann entspannter.

Aber ja, das von dir beschriebene Phänomen kenne ich sehr gut.
Ich hab das auch beim Essen manchmal. Schnell und hastig.

Vllt ist das ein Ausdruck der Ungeduld.

Ha, und noch was!

Ich lasse kleinere Tätigkeiten, die innerhalb einer großen Aufgabe stecken auch oft sein, wenn sie für das Erreichen des eigentlichen „großen“ Ziel nicht von Relevanz sind.
Das wird dann von anderen als Flüchtigkeitsfehler wahrgenommen.
Vllt kennst du das auch?

@Dennis82HH so wie ich das sehe handelt es sich um Tätigkeiten die Du erstens nicht gerne machst und Du Dich zweitens unter Druck gesetzt fühlst diese Tätigkeiten trotzdem machen zu müssen.

Besonders Arbeiten im Haushalt, vorallem das putzen, wem macht das schon Spass?.
Also bringt man es so schnell wie möglich hinter sich, und nimmt es dann auch mal nicht so 100% genau.

Jetzt stellt sich mir die Frage, machst Du diese Flüchtigkeitsfehler „nur“ privat, also im eigenen Haushalt?, oder auch im Job, also auf Arbeit?.

Und dann noch, bekommst Du mit der Partnerin Stress Zuhause wenn Du nicht jedes Staubkorn erwischt hast?.

So das Du Dich aus Trotz nicht übermässig anstrengst, weil Du Dich nicht gerne von Deiner Partnerin gängeln lassen willst als seist Du ein kleines Kind das man erziehen muss?.

Ich für meinen Teil könnte das zumindest gut nachvollziehen, da ich bei Leuten die mir ihre Erwartungen aufdrücken wollen auch allergisch drauf reagiere.

Meist mache ich das was die Person dann von mir „erwartet“ natürlich nur ungern und bringe es so schnell als möglich hinter mich.

Und da es sich meist um Personen handelt die perfekte Ergebnisse erwarten, ist es ja dann in der Regel eh nie „richtig“ gemacht, deshalb denke ich dann so bei mir: „der* motzt nachher eh wieder rum, also was soll’s, mir doch egal“.

Heisst eventuell steckt mehr hinter den Flüchtigkeitsfehlern, als man denkt.
Eventuell hängt es an „mehr“ als an der Tätigkeit an sich.

Sondern vielmehr an einer Person die involviert ist und dem Stress den die Person bei einem bewirkt?.

Das Phänomen kenne ich auch.

Eventuell hängt es an „mehr“ als an der Tätigkeit an sich.

Ist es nicht der innere Widerstand, bei Alltäglichem, was anderen leicht fällt, nicht sofort belohnt zu werden?
und die Wut darüber, dass es eh wieder schmutzig wird?
Kampf gegen die ewige Entropie, die ja doch gewinnt?
Oder sind wir in Gedanken schon am Ziel, holen uns gedanklich schon die Belohnung weil es uns nach Dopamin dürstet, und das Geschenk schon aufmachen, bevor Weihnachten ist?

Mich überfordern dabei auch die vielen keinen Gedankenschritte und die Reihenfolge der Arbeit, weil ich nicht so weit ‚in die Zukunft‘ denken kann, grade bei Dingen die ich nicht täglich mache, hapert es an der Automation.
(1.Gerät rausholen, 2.Kabel rausziehen…oder umgekehrt?)
Ich ‚lerne‘ sozusagen Staubsaugen immer wieder neu, wo andere nicht darüber nachdenken.
Das macht mich unheimlich langsam und das frustet mich.

Bei Hausarbeiten putze ich am liebsten Dinge, die mir wichtig sind, wie Computer u.s.w. und mit abnehmendem Interesse alles andere. Staub auf dem Boden ist nicht so wichtig. Aber die Motivation ist höher, wenn ich so anfange.
Dann zündet der Flow.
Ich muss nur aufpassen, auch ein Ende zu finden, sonst renoviere ich noch die ganze Wohnung…


:lol: :lol: Kenn ich!

Als Experte für Schubladen, Schwarz-Weiß-Denken und einfache Lösungen sage ich gewohnt lapidar:

Es ist bei ADHS eben alles eine Frage der Motivation - ist sie hoch, geht unglaublich viel, ist sie niedrig, geht oft gar nichts.

Deine einzige Motivation ist offenbar, schnell mit der Sache fertig zu werden. Warum also Flüchtigkeitsfehler korrigieren, die alles unnötig in die Länge ziehen?

Meiner Erfahrung nach könnten Medikamente helfen, die Motivation für die Erledigungen unliebsamer Aufgaben zu steigern. Könnten, denn sie wirken individuell anscheinend doch immer etwas anders.

Ansonsten: So oft mit der Taktik auf die Schnauze fallen und so viele negative Rückmeldungen einheimsen, bis du zähneknirschend immer alles sofort, vernünftig und bis zum Schluss erledigst. Angst kann Flügel verleihen. Allerdings finde ich es persönlich sehr kräftezehrend, motivationslos Dinge - auch noch zufriedenstellend - zu erledigen. Ist nicht wirklich gesund und führt irgendwann in den Burnout, wird gemunkelt.

Daher einfache Lösung Nr. 2 neben Medikamenten: Solche Dinge einfach nicht mehr erledigen.

Sagt wer? :lol:

Ernsthaft: ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, Dinge auf diese Weise zu Ende zu bringen bzw. schon während des Arbeitsprozesses benötigtes Material nicht einfach impulsiv hervorzuholen, sondern gleich wieder wegzuräumen. Ergo werde ich mit dem Chaos leben müssen.

Und wer soll sie dann erledigen? Ok, wenn man alleine lebt, kann man von mir aus im Chaos leben, aber zu 2+ muss man halt auch solche Sachen übernehmen müssen und Rücksicht nehmen.

Und den Staubsauger einfach irgendwo mitten in der Wohnung liegen lassen? Hm, Adxsler jammern immer es wird keine Rücksicht auf sie genommen, die Frage ist, ob Adxsler auf Andere Rücksicht nehmen (wollen)?

Oh, nur mein psychoeduziertes Ich, geschätzter Reisebegleiter nach Neurodiversien.

Und genau wegen dieses Ordnungsverhaltens, meine Lieben, haben sie uns da auch hochkant aus der Jugendherberge rausgeschmissen, bevor wir tiefgreifende Erkenntnisse in Sachen Online-Zeitmanagement für uns und Euch gewinnen konnten… Der Früchtetee war aber ohnehin Mist und ein eigenes Lehrstück in Sachen Abstinenz. Der Kampf geht weiter.