[Forum Fiction] Ada von Grell, die Listenreiche — Abenteuer und Irrfahrten zu einem besseren Arbeitsplatz

Credits für die zitatschnipsel gehen übrigens an dieses Hörspiel. Wer sich das in voller Länge geben möchte, gehe mit Horst.

Diese Banausen bei YouTube verwechseln den Titel, der im Deutschen sogar sogar zu einem geflügelten Wort wurde, mit der verschwörungstheoretischen Idee der NWO. Ob das auch eine verwirrte KI war …

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Heute gibt es eine neue Geschichte, diesmal aus Adas Zeit im Übergang vom Abitur zum Studium. Credits gehen auch an die großartige Koautorin: :tada: :drum: unsere liebe @anon48277439. Juristische Korrektheit und Finesse mussten allerdings dem unnachgiebigen Sog des Plot weichen.

Ada und die Flying Monkeys

„Nun Frau von Grell, was können wir denn für Sie tun?“
Ada saß in der Beratungsstelle für behinderte Studierende ihrer heimischen Uni.
Der Behindertenbeauftragte war einer dieser typischen blinden Juristen, schon etwas älter.
Er schien zum lebenden Inventar dieser Lehranstalt zu gehören.
„Naja, ich werde demnächst mein Abi abschließen und dann würde ich mich gern hier in in einem Studiengang einschreiben. Deswegen wollte ich mich schon mal erkundigen, welche Hilfen es für Menschen mit Einschränkungen so gibt.“
„Im Allgemeinen gibt es häufig die Möglichkeit, einen Antrag auf Nachteilsausgleich zu stellen. Dann müssten Sie genau darlegen, in wie fern ihre Behinderung Sie im Studium benachteiligt.“
Aha, er war altmodisch und sagte Behinderung statt Einschränkung.
„OK, und wo muss ich den einreichen?“
„Das machen Sie beim Prüfungsamt ihres Fachbereichs. Übrigens empfehle ich ihnen auch, im Studentenwerk die Sozialberatung aufzusuchen.“
Ohje, offenbar wurde man hier von Pontius zu Beratus geschickt; oder Piratus?
„… um Sie spezifischer beraten zu können.“
Verdammt, ein Aussetzer von einer Sekunde. Vermutlich wollte er aber ihre konkreten Einschränkungen wissen. Eigentlich erzählte sie das nicht so gern herum, aber zumindest war er der Beauftragte, also gut.
„Ich habe eine ADHS-Diagnose. Gibt es da überhaupt was spezifisches?“
„Inzwischen ja. Sie wissen ja vielleicht, dass es für Blinde seit Jahrzehnden die Möglichkeit gibt, die Vergütung von Vorlesestunden zu beantragen. Etwas Ähnliches gibt es jetzt auch für ADHS: Sie können sich Leistungen eines ADHS-Sekretariat vergüten lassen.“
„Aha, und wobei hilft mir so ein Sekretariat genau?“
„Nun, es unterstützt sie bei der Bewältigung ihrer außerfachlichen Herausforderungen, die mit dem Studium zusammenhängen. Das wären u.A.“

  • Rechtzeitige Zahlung der Semesterbeiträge, damit Sie immatrikuliert bleiben
  • Rechtzeitige Abgabe der BAFÖG-Anträge
  • Erstellung eines Stundenplans ohne Überschneidungen und rechtzeitiges Eintragen in die Vorlesungsprüfungen und Seminare
  • Rechtzeitige Ausleihe und Rückgabe von Literatur zur Prävention von Mahngebühren
  • Sicheres Verstecken von Büchern in der Bibliothek, damit Ihre Mitstudierenden diese Bücher nicht vor Ihnen ausleihen
  • Strukturierung Ihrer Vorlesungsmitschriebe in Mindmaps und Listen

„Was? Das muss man im Studium alles machen?“
„Ja, und noch weit mehr.“
„Ähm, also dann klingt diese Sekretariatsgeschichte ziemlich interessant. Wie kommt man da ran?“
„Ganz ähnlich wie bei den Vorlesestunden, nach dem Arbeitgebermodell. Am besten suchen Sie sich zuerst in unserer Kartei eine Person aus, die für Sie organisieren soll, nehmen Kontakt auf und stimmen sich ab. Dann stellen Sie beim Sozialamt einen Antrag auf Vergütung von Hilfeleistungen zur Teilhabe in der Ausbildung, die Formblätter dafür gebe ich Ihnen mit. Sachbearbeiterin ist Frau Stoßverkehr. Die Lohnsteuerkarte der organisierenden Person muss ebenfalls vorgezeigt werden. “
„Moment, das muss ich mitschreiben.“ *kritzel kritzel*
„Anschließend müssen Sie die abgeleisteten Stunden dokumentieren, um das Geld vom Sozialamt überwiesen zu bekommen. Sie können es dann an die organisierende Person weitergeben.“
„Das klingt ja schon fast ähnlich aufwändig wie die Studienorganisation.“
„Klar, niemand mag Bürokratie, aber da muss man eben durch.“


Es war Adas letzte Meile bis zum Abitur.
Sie blickte dem Tag X mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen.
Einerseits war sie natürlich gespannt auf das neue Leben, andererseits fragte sie sich, wie sie das alles schaffen sollte, was damit verbunden war.
Irgendwie drücke ihr nur jeder von allen Seiten Mental load auf, statt wirklich mal welchen zu reduzieren.
Lustlos trottete sie den Schulweg entlang, den kannte sie auswendig.

„Hey, fängst du hier demnächst mit dem Studium an?“
Ein Typ zwischen Ende 20 und Anfang 30 hatte sie angesprochen, kurz bevor sie die Schule erreicht hatte.
„Was? Ja, das stimmt.“
Sie war so überrascht, dass sie nicht auf „Geht Sie nix an“ gekommen war. Andererseits, so ein bisschen Abwechslung war ja auch mal interessant.
„Cool! Dabei hast du bestimmt auch viel Bürokratie zu erledigen.“
Woher wusste er das denn jetzt?
„Ja …“
„Perfekt! Ich hab da nämlich so ne Agentur. Wir erledigen solche Sachen für bürokratisch überforderte Studis.“
„Das hört sich gut an. Ich muss Leistungen für — naja — also — ADHS-Sekretariat beantragen. Könnt ihr so was auch?“
„Mensch, da sind wir genau die Richtigen! Wir machen dir nicht nur den Papierkram, sondern stellen dir auch die Sekretariatsleistungen.“

Klar war das eine schräge Situation, aber endlich bot ihr mal jemand wirklich Hilfe an.
Das würde eine ganze Menge offene Todos abhaken.
Und wenn die schon Erfahrung damit hatten, ging das ja auch flüssiger als wenn sie sich da erst durchquälen musste.
Komisch war aber schon, dass die Beratungsleute so etwas nicht erwähnt hatten.
Aber die waren ja selber auch komisch.

„OK, was soll ich machen, damit das funktioniert?“
„Du gibst mir jetzt deine Email, dann schreiben wir dich an für die nächsten Schritte. Ich bin übrigens der Norman.“
„Alles klar. Also ich muss dann erst mal nichts machen?“
„Nein, wir machen die Unterlagen fertig, fragen ggf. Details bei dir nach, und dann laden wir dich ein für die letzten Schritte.“


„Frederika, heute habe ich jemand getroffen, der mir mit dem ADHS-Sekretariat hilft.“
Ada musste es einfach jemandem erzählen, so erleichtert war sie.
„Hm, ich weiß nicht. Das hört sich irgendwie merkwürdig an.“
„Aber warum denn?“
„Du kannst dir doch immer noch unter den Studierenden jemand suchen. Das sollte doch auch so klappen.“
Och Mann, jetzt war die ganze schöne Euphorie futsch! Aber sie hatte auch keine Lust, die ganze Bürokratie jetzt nochmal wiederzugeben.
„Stimmt auch wieder. Na gut, dann mache ich es so.“
Hat einfach keinen Zweck, mit Erwachsenen zu reden.


Neue Freunde

Von: StudiVZ-Zentrale

Hallo Ada!
Du hast eine neue Freundschafts-Einladung bekommen!

Norman-Kevin Berger möchte Dich als Freund hinzufügen, aber bevor wir das machen können, musst Du noch bestätigen, dass Ihr Freunde seid.

Einfach einloggen und unter „Neue Freunde“ bestätigen!
http://www.studivz.net

Danke!
Dein studiVZ-Team

Treffen

Von: berger42@stud.uni-seligenburg.de

Hallo Ada!

Wann sollen wir uns für die erste ausführliche Besprechung treffen?

LG.

Norman

re: Treffen

Von: Ada von Grell

Hallo,

dieses Wochenende hätte ich Zeit für eine ausführlichere Sitzung. kann allerdings nicht versprechen, dass ich wirklich zusage. Bevor ich irgendwo zusage, will ich alles haargenau wissen. Es geht morgen um drei, es geht auch Sonntag um drei oder sonst einer Uhrzeit. Such dir was raus an diesem Wochenende. Man könnte sich ja vor der Mensa treffen und dort irgendwo niederlassen.

Ada

re: Treffen

Von: berger42@stud.uni-seligenburg.de

Morgen um drei Uhr, vor der Mensa, passt mir hervorragend. Dann bis morgen.

Lg,

Norm

  • 15:00: Drinnen lief offenbar irgendeine Party, der lauten Musik nach zu schließen. Sie sollte aber draußen auf ihn warten.
  • 15:10: Kein Norman und auch sonst niemand. Naja, gab schlimmeres als Unpünktlichkeit.
  • 15:20: Immer noch nichts.
  • 15:30: Das wurde heute wohl nichts mehr. Also zurück nach Hause.
Norman Berger — Sekretariat

von: Ruben Schmidt
wann: ein paar Tage später

Hallo Ada.

Mein Name ist Ruben und ich schreibe im Auftrag von Norman Berger. Norman hat mich angerufen und mich gebeten, dass ich mit Dir Kontakt aufnehmen soll. Zunächst möchte sich Norman entschuldigen hinsichtlich des Nichtkommens zum vereinbarten Termin. Seine Mutter ist plötzlich krank geworden und musste dementsprechend ziemlich schnell nach Hause fahren. Es tut Ihm wirklich leid.

Melde Dich, sofern noch Lust und Interesse besteht

Ruben

Es kam später tatsächlich noch zu weiteren Treffen, aber nicht mehr mit Norman, sondern mit Stellvertreter Ruben und Sekretärin Marisa.
Auffällig war, wie anders als Norman die beiden wirkten. Irgendwie naiv, fast schon wie unterwürfige Mäuschen (gab es eigentlich männliche Mäuschen?), während Norman eher einen forschen Ton in Wort und Schrift drauf hatte..


„Ich glaube, du hattest doch recht, Frederika. Mit diesen Sekretären da ist was ziemlich schräg.“
„Ach schade, hätte ja ein bisschen gehofft, dass es etwas Hilfreiches wäre. Wer ist das denn eigentlich? Und was hast du mit denen erlebt?“
Ada gab Frederika eine Zusammenfassung der bisherigen Etappen.
„Das klingt echt unseriös. Hm, und die haben auch keinen Handelsregistereintrag. Und das mit der kranken Mutter, das kann der dem Prinz von Nigeria erzählen, aber nicht mir.“
„Ach, hab da inzwischen auch kein Bock mehr drauf. Außerdem läuft es momentan einigermaßen mit dem Studium.“

Von Norman kamen immer wieder Mails, in denen abwechselnd freundliche Floskeln vorkamen und Zeitdruck, der Antrag müsse endlich abgeschickt werden, weil es sonst „teuer für uns werde, was wir natürlich nicht wollen.“ Ada reagierte nicht mehr auf die Mails. Irgendwie wusste sie nicht so recht, wie sie die Sache glatt abschließen sollte. Hallo Norman, ich habe keine Lust mehr auf die Zusammenarbeit, weil euer Auftreten verdächtig wirkt und ihr nicht im Handelsregister steht? Das geht doch nicht. Man musste bedenken, dass sie noch nie neutral formulierte Geschäftsbriefe geschrieben hatte.

ultimativer Vorschlag

Hey Ady, wie geht es denn so? Ich habe heute den ultimativen Vorschlag für Dich, wie Du
zu noch mehr Geld und Spass kommen könntest? Was hälst Du davon Dich in ein weiteres Hauptfach
einzuschreiben? So, dass Deine Gesammtstudienkonstellation als Doppelstudium gilt. Mit
einer derartigen Kombination, könntest Du bis zu 800 Euro pro Monat bekommen. Du müsstest
nur, nominell und formell, eingeschrieben sein, alles andere andere würden Ruben und Marisa und ich
in die Wege leiten. Sowohl das Einschreiben als auch das Aufrechterhalten des zweiten
Faches, werden wir übernehmen. Das Aufrecherhalten ist nur mit geringer Mühe verbunden.
Bitte gib, diesbezüglich, sobald wie möglich Bescheid. Thanks Ady!

Lg,

Norm

Zahltag ......dringend

Hey Ada, ich hoffe, dass es Dir gut geht. Wie Du es Dir sicherlich denken kannst, ist durch Deine Inanspruchnahme unserer Dienste für uns Unkosten entstanden. Diese Unkosten belaufen sich auf 40 Euro, und zwar jewils 10 Euro für eine Stunde. Dies wäre normalerweise vom ersten Vorlesegeldeingang abgegangen, aber da Dich umentschieden hast,wird dies jetzt in dieser Art und Weise geregelt.

Der Beitrag wäre auf das folgende Konto zu Überweisen: Sparkasse Hintertupfingen eG–Bankleitzahl:01906666666
Kontonummer:01906666
Stichwort: Teddybär

Dies bitte in den nächsten 5 Tagen. Im Falle einer Weigerung, werden wir uns, unter Vorhaltung von Beweisen, die jeweilige Summe, bei der Stadt Seligenburg holen. Die Wiederum holen sich ihr Geld, mittels eines Gerichtstvollziehers. Ferner würden wir Dich, bei derselben Institution wegen potentieller Unterschlagung und Non-Cooperation anzeigen. Kannst Dir alles ersparen, wenn Du baldist zahlst.

Lg,

Norm

re: zahltag

Hallo Norman,

ich habe mich bei verschiedenen Stellen erkundigt und werde nicht zahlen, weil es für eure Forderungen keine Rechtsgrundlage gibt.

Mit freundlichen Grüßen
Ada

re: zahltag

Aber Ada, dieses Katz- und Mausspiel muss doch nun wirklich nicht sein.


Endlich war es so weit. Norman-Kevin Berger saß auf der Anklagebank von Richterin Barbara Salesch. Und Ada saß im Publikum und war gespannt auf das Battle zwischen Bernd Römer und Ulrike Tašić.

Staatsanwalt Römer: „Dem Angeklagten Norman-Kevin Berger wird folgendes zur Last gelegt: Er brachte die Abiturientin Ada von Grell unter Vortäuschung falscher Tatsachen dazu, ihm vertrauliche Daten auszuhändigen und nötigte sie zur Zahlung von Geldbeträgen für Dienstleistungen, die er nicht auf legalem Wege anbot. Es soll sich hierbei um Hilfeleistungen im Bereich der Studienorganisation gehandelt haben Desweiteren wird vorgeworfen: Er sprach gezielt angehende Studierende an, die potentiell für Sozialleistungen zur Teilhabe in der Ausbildung bezugsberechtigt sind, um entsprechende Leistungen durch diese Personen zu hinterziehen. Um sie für sich zu gewinnen, bewarf er sie mit rosa Luftballonherzen, die er vorher mit Seifenschaum befüllt hatte.“
Richterin Salisch: „Herr Berger, möchten Sie sich dazu äußern?“
Norman: „Hey, Frau Richterin, jetzt hören Sie mal. Das ist doch wohl ein witz oder?“
Salesch: „Keineswegs. Und wenn doch, dann wäre er fast schon lustig. Also wie ist das aus Ihrer Sicht gelaufen?“
Norman: „Mensch, ich hab die halt angesprochen und interessante Angebote gemacht, was ist denn da groß dabei?“
Römer: „Das gesamtbild spricht eher für sittenwidrige Geschäftspraktiken, Herr Berger.“
Norman: „Ach kommen Sie mir doch nicht so. Bei diesen jungen Dinger muss man eben manchmal etwas nachhelfen, das kennen sie doch sicher auch …“
Römer: „Bitte keine Vertraulichkeiten.“
Norman: „Ach und das mit der Schwarzarbeit, das ist doch nicht so wild. Und hey, wir schaffen studentische Arbeitsplätze!“
Römer: „Die gäb’s auch so, und eigentlich sollen Studenten in erster Linie studieren.“
Tašić: „Sie müssen es ja wissen, Herr Römer!“
Salesch: „Meine Herrschaften … Herr Berger, wie kommen Sie zu diesen ungewöhnlichen Acquise-Methoden? Sie könnten doch auf dem Campus z.B. auch Aushänge am schwarzen Brett anbringen oder sich in die Kartei der Studienberatung eintragen.“
Norman: „Für Sie mag das ungewöhnlich klingen, aber ich wähle meine Opf — äh, Klientel gezielt aus.“
Salesch: „Nach welchen Gesichtspunkten, wenn ich fragen darf?“
Norman: „Ich hab einen sechsten Sinn dafür, ob jemand Potential hat. Ich will was für die Allgemeinheit tun, deswegen spreche ich die an, bei denen ich Potential sehe.“
Römer: „Und ich bin der Kaiser von China. Auf welcher Esoterikmesse haben Sie denn das gelernt?“
Tašić: „Nur weil Sie, Herr Römer, sich so etwas nicht vorstellen können, heißt das nicht, dass mein Mandant nicht in der Nebenklägerin bereits lange vor ihrem erfolgreichen Durchbruch großes Potential erkannt hat und einfach nur die Absicht hatte, dieses zu fördern!“
Römer: „Fakten, Frau Tašić, keine Spekulationen! Ist Ihr Mandant wenigstens in der Lage, seinen Eindruck schlüssig zu begründen? Laut der Nebenklägerin hatte er bei seinem Vorschlag nicht einmal das Fach genannt, das sie auf sein Anraten zusätzlich belegen solle. Es solle nur kein ZVS-Fach sein.“
Tašić: „Selbst wenn er es begründen könnte, was würde das heute rückwirkend schon besagen?!“
Römer: „Außerdem stand in der Email ausdrücklich ‚Geld und Spass‘, da legt sich diese fadenscheinige Auslegung natürlich nahe, der Angeklagte habe Potential gesehen. Ja vielleicht für seinen Geldbeutel und seine Drogengeschäfte.“
Tašić: „Vorurteile, Herr Römer, nichts als Vorurteile! Damit beleidigen Sie sowohl die Nebenklägerin als auch meinen Mandanten.“
Römer: „Beleidigen ist Teil meiner beruflichen Aufgaben.“
Tašić: "Darf ich Sie im Übrigen daran erinnern, Herr Römer, dass die Staatsanwaltschaft den Anklage-Vorwurf ‚schlüssig begründen‘ muss und nicht mein Mandant seine Unschuld? Von diesen fundamentalen Basics einmal abgesehen: Sie, Herr Römer, wären doch heute ganz vorn dabei, es ihm als mansplainende Übergriffigkeit auszulegen, wenn er schon damals das überragende Coding Talent und den USP der Nebenklägerin dergestalt konkretisiert hätte.“
Norman: „Ganz genau. Es wäre übergriffig gewesen. Aber es hätte auch verhindert, dass die Nebenklägerin ihre wahre Bestimmung selbst erkennt.“
Römer: „Das tut doch hier alles gar nichts zur Sache, aus welchen Motiven Sie gehandelt haben. Der Anklagevorwurf lässt sich mühelos begründen. Die gesicherte Email-Korrespondenz zwischen der Nebenklägerin und Ihrem Mandanten bestätigt den Vorwurf schließlich lückenlos, Frau Tašić.“
Tašić: „Ach was! Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wie einfach es ist, Emails zu fälschen oder unter falschem Namen zu verschicken?!“
Römer: „Ja klar Frau Tašić, einer hatte noch ne Rechnung mit dem offen und in seinem Namen diese Mails verschickt. Das sind doch alles Ausflüchte. Oder wollen Sie behaupten, die Nebenklägerin hätte diese Korrespondenz fingiert?“
Salesch: „Gehen wir erst mal weiter zur nächsten Zeugin. Sind die Zeugen schon da?“

Draußen standen Marisa und Ruben, verkleidet als éowyn und Legolas.
„Ihr seid ‚uninformiert‘, sagte ich, nicht ‚uniformiert‘!“, kam ein erstaunlich wütender Schrei von der Anklagebank.
„Achso, alles klar“, kam es kleinlaut von Marisa.

Salesch: „Gut Frau Marillenkern, wo Sie schon mal am Reden sind, können Sie auch gleich aussagen. Sie heißen Marisa Marillenkern, 22 Jahre alt, leben in Seligenburg und sind nicht verwandt oder verschwägert mit dem Angeklagten. Sie können schweigen, wenn Sie sich selbst oder eine Ihnen verwandte Person einer STraftat bezichtigen müssten.“
Marisa: „Ja, richtig. Aber ich weiß genau, der Norman hat nichts Schlimmes gemacht, ehrlich, das müssen Sie mir glauben.“
Salesch: „Ach mit dem Glauben hab ich’s eher weniger. Seit wann und wie gut kennen Sie den Angeklagten?“
Marisa: „Seit zwei Jahren ungefähr mache ich bei seiner Agentur mit. Er brauchte damals Hilfe und meinte, dass wir mit dieser Sache auch vielen anderen helfen und interessante Erfahrungen machen.“
Salesch: „Klingt an Sich ja sehr löblich. Von dem Vorwurf der Illegalität ist Ihnen nichts bekannt?“
Norman: „Sag jetzt bloß nichts falsches!“
Salesch: „Herr Berger, ich schätze es nicht, wenn man meine Zeugen bedroht und beeinflusst. 100€ Ordnungsgeld, wahlweise 1 Tag Ordnungshaft. Also, Zurück zur Frage.“
Marisa: „Nein, Norman hat das doch alles geregelt.“
Salesch: „Naja offenbar nicht. Denn ein Eintrag im Handelsregister liegt tatsächlich nicht vor, und die Drohung mit dem Gerichtsvollzieher und dass die Stadt Seligenburg da entsprechend aktiv würde, sind absolut wahrheitswidrig.“
Römer: „Ziemlich dünne Luft wird das so langsam für Sie, Herr Berger.“
Marisa: „Aber das mit der Schwarzarbeit ist doch nicht so schlimm. Und die Drohungen, OK, da ist er manchmal etwas impulsiv. Und außerdem, im Grunde hat er da keine andere Wahl als ab und zu mal ein paar deutliche Worte zu sprechen. Sonst würden ihn doch alle nur noch ausnutzen, den Armen. Und überhaupt, eigentlich ist das total unfair und fies, dass der hier jetzt angeklagt ist.“
Salesch: „Sie sollten die Nebenklägerin doch betreuen. Wie oft sind Sie sich begegnet?“
Marisa: „Ein oder zweimal. Ich hatte ihr noch gesagt, dass sie einen viel schöneren Namen hätte als ich.“
Salesch: „Vielen Dank, Frau Marillenkern. Herr Rubinstein bitte?“
Ruben: „Frau Richterin, ich weiß gar nicht, warum wir überhaupt alle hier sind.“
Salesch: „Moment, ich muss Sie noch belehren, dass sie zur Aussage verpflichtet sind, sich aber nicht selbst belasten müssen. Wir sind hier, weil der Angeklagte hier unter Anderem der Hinterziehung von Sozialgeldern und heimtückischer Täuschung mit Betrugsabsicht angeklagt ist.“
Ruben: „Waaas? So was soll der gemacht haben? Das kann doch nicht sein, er hat doch im Sinne der guten Sache gehandelt. Und das mit der überraschend erkrankten Mutter, das tut ihm wirklich Leid.“
Norman: „Mann Ruben, das gehört doch gar nicht hierher!“
Salesch: „Auch die gute sache muss sich im Rahmen des Gesetzes bewegen.“
Ruben: „Trotzdem … Da will man denen was Gutes tun, und die sind so undankbar und bringen einen vor Gericht. Die sind doch gar nicht zurechnungsfähig, diese ADHSler und Behinderten. Wer weiß, was die sich da zusammenfantasieren.“
Salesch: „So einen ableistischen Unfug dulde ich nicht hier in meinem Gerichtssaal! Haben wir uns verstanden?“
Ruben: „Ja, schon gut.“

Salesch: „Noch Anträge? Dann schließ’ ich die Beweisaufnahme. Staatsanwalt Römer bitte.“
Römer: „Ja Frau Vorsitzende, die Beweislage ist doch hier sonnenklar, die Email-Korrespondenz spricht eine deutliche Sprache und das gepaart mit den Befunden aus dem Handelsregister sowie den Aussagen des Behindertenbeauftragten aus der Studienberatung, das ergibt ein stimmiges Gesamtbild. Hier liegen sowohl love Bombing als auch Entwertung in höchstem Maße vor, beides bei vollem Bewusstsein, ich beantrage daher lebenslange Freiheitsstrafe, nicht zur Bewährung auszusetzen.“
Salesch: „Vielen Dank, Herr Römer. Frau Rechtsanwältin Tašić bitte.“
Tašić: „Ich erinnere nur an die buddhistische Weisheit: Der Lehrer kommt, wenn die Schülerin bereit ist. Die Nebenklägerin war damals noch nicht bereit, 0 und 1 zusammenzuzählen. Allein deshalb blieb mein Mandant vage bzgl. des Zweitstudienfachs, auch wenn er sich über die Gaben längst im Klaren war. Er ordnete nicht nur das Chaos seiner Klientinnen. Er sah ihre Bestimmung im Chaos der höheren Ordnung.

Eine weitere Sentenz kommt der Verteidigung in den Sinn: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ - Mein Mandant war bereits mit 6 Jahren Montessori-Schüler. Selbst Sie dürften nun daraus ableiten können: Er hat sich seit frühester - schwerer - Kindheit selbstlos auf seine Coaching-Karriere vorbereitet. Und das darf er sich in Ihren Augen nicht angemessen vergüten lassen, Herr Römer? Sie haben gerade einmal 14 Semester Jura studiert. Doch selbst Sie arbeiten nicht für Gotteslohn. Ihr Beruf mag spaßbefreit sein. Die Berufung meines Mandanten ist es nicht. Geld und Spaß - das ist kein Widerspruch. Dieses dynamische Duo der Wertschätzung stützt nicht den Anklagevorwurf. Es trägt im Gegenteil allein: den Freispruch. Damit mein Mandant seiner Berufung weiter nachgehen kann.

Da draußen sind noch viele Hochbegabte, die verzweifelt auf seine Validierung warten! Negieren Sie nicht deren Leidensdruck, nur weil Sie selbst Standardabweichungen von dieser Lebensrealität entfernt sind, Herr Römer!"

Und ich frage Sie ganz tiefbegabt, Herr Römer: Was ist überhaupt die Anklage? Was wird dem Mandanten zur Last gelegt? Was müsste die Staatsanwaltschaft ihm überhaupt nachweisen? Hinterziehung von Sozialgeldern unter Ausnutzung unschuldiger neurodivergenter Hochbegabter junger Menschen, unter dem perfiden Vorwand, ihre Talente fördern zu wollen? Wie kann ein solches Ansinnen nur verwerflich sein? Darauf kommt nur jemand wie Herr Römer.

Nicht zu vergessen, er tat es aus reiner Menschenliebe, um durch sein Wirken die Welt ein kleines bisschen gerechter zu machen, die Vorstellung mag Ihnen fremd sein, Herr Römer, indem er den Neurodivergenten einen kleinen Teil ihrer schweren bürokratischen Last abnehmen wollte. Ein früherer Apologet der: Barrierefreiheit. Und jetzt frage ich Sie, Herr Römer: Womit befasst sich die Nebenklägerin heute?“

Das letzte Argument der Anwältin versetzte Staatsanwalt Römer in einen Zustand vollkommener Perplexität, sodass auch er schließlich seinen Antrag zurückzog und für Freispruch plädierte. Er wand sich nur noch vor Lust stöhnend am Boden, niedergestreckt von einem cum hoc ergo propter hoc.


Insgesamt war es eine ganz gute Show gewesen, fand Ada. Außerdem hatte es dazu geführt, dass der Staatsanwalt und die Rechtsanwältin sich endlich ihrer wahren Liebe zueinander bewusst geworden waren und sich öffentlich dazu bekannten, und Ada war zur Hochzeit eingeladen. Sie konnte ja schon mal in der Studentenverbindung mit den etwas konservativen Juristen üben, wie man so unter feiernden Anwälten überlebte. Und dass Norman freigesprochen wurde, war ihr im Grunde gar nicht so unrecht. Denn Subjekte wie er nutzten hauptsächlich die Mängel und Probleme aus, die andere nicht beheben wollten. In gewisser Hinsicht hatte er ihr also tatsächlich dazu verholfen, ihre Berufung zu erkennen, wenn auch nicht ganz auf die Art und Weise wie im Plädoyer beschrieben.

Beruht auf wahren Begebenheiten

3 „Gefällt mir“

Wenn Marisa sagt, dass der Norman nix Wronges gemaked hat…

Für die Verfilmung kann man die Kulisse von Barbara Salesch zweitverwerten.

Für die Hochzeit dann die Seligenburger Kirche? Doppelte Filmförderung, gleicher Drehtag. So smart. Ein Lied für die Hochzeit haben wir sogar auch schon. :dizzy:

Hätte selbst Norman nicht effizienter „in die Wege leiten“ können. Gratuliere.

2 „Gefällt mir“

Legit. Und dann wird der hier auch noch geblamet.

Das wäre allerdings dann wirklich die sprachlich modernisierte Neuauflage des Originals von 2008.

Und sogar ohne Gerichtsvollzieher. :wink:

2 „Gefällt mir“

So, indirekt angeregt durch meinen lieben Telefonjoker gibt es jetzt eine neue Ada-Geschichte. Möglicherweise ist es diesmal etwas zu wissenschaftslastig geworden. Die Autorin entschuldigt sich im Voraus für eilfällige intellektuelle Unannehmlichkeiten.

Was mach ich hier eigentlich?

„Gregor, können wir gleich nochmal kurz bei der Projekt-Website drübergucken, ob man das optisch so lassen kann?“
„Ich habe vielleicht zehn Minuten.“
„Danke dir, das reicht vollkommen.“

Gregor war noch relativ neu im „Team“, also wenn man das so nennen konnte; als Medieninformatik in der Unibib angestellt. Er war Ada sympathisch. Noch eher jung, aber so in sich ruhend, so ausgeglichen, der ließ sich nichts vormachen, aber sehr hilfsbereit, und eine auffallend ausgewogene Bassstimme. Klar war das oberflächlich, aber es war nun mal einer der wenigen echten Lichtblicke in diesem merkwürdigen Arbeitsumfeld.

Ada: „So, du solltest jetzt meinen Bildschirm sehen können, dann zeige ich dir die Website.“
Gregor: „Ja, klappt. Kannst du vielleicht beim Logo noch bisschen was am Padding ändern?“
Ada: „Ja, Augenblick. Hier kann ich den Code ändern, dann lädt die Seite nach.“
Gregor (interessiert): „Wie machst du das genau? Hast du eine lokale Build-Umgebung?“
Ada: „Ja, ich habe die Seite mit einem SSG erstellt, muss ja nichts dynamisches können und man kann offline dran arbeiten.“
Gregor: „Ah gut, so kannst du es hochladen. Ich würde wahrscheinlich noch länger dran weiteroptimieren, aber der „Gut genug“-Punkt ist erreicht.
Ada: „Sehr schön, dann kann ich ja auch den Link rumschicken, damit sich die anderen über das Projekt informieren können.“
Gregor (verlegen, zögerlich): „Im Jour Fixe vorhin hatte das nicht so gut gepasst, aber irgendwie habe ich noch nicht so richtig verstanden, was genau du eigentlich machst.“
Ada: „Also ehrlich gesagt habe ich das selber noch nicht wirklich verstanden, obwohl ich schon über ein Jahr in dieser Position bin. Ich dachte eigentlich, dass ich Wissenschaftler dabei unterstützen soll, ihre Daten und ihren Code so aufzubereiten, dass sie zur Veröffentlichung geeignet sind und andere etwas damit anfangen können.“

Sie war als „Projektassistenz“ in einem drittmittelfinanzierten Infrastrukturprojekt für Forschungsdatenmanagement angestellt. Das gehörte zu einem Sonderforschungsbereich und war an einem Uni-Fachbereich angesiedelt, wo sie selbst früher auch mal studiert hatte. Aber das war schon etwas her.

Ich versteh nur Ostbahnhof-Süd
Drittmittel

Forschung kostet Geld, besonders wenn sie beeindrucken soll. Personal, Technik, Infrastruktur, all solche Sachen. Gerade wenn große teure Geräte gebraucht werden wie in den Neurowissenschaften oder Experimentalphysik, das kostet richtig Knete. Und die vielen Doktoranden mit ihren auf drei Jahre befristeten Stellen … Eine Professur an der Hochschule bekommt zwar ein gewisses Budget zur freien Verfügung, und damit kann man prinzipiell auch arbeiten, aber das „Schneller, höher weiter“-Spiel gewinnt man damit normalerweise nicht. Davon kannst du z.B. deine zwei oder drei Doktoranden bezahlen und ihr könnt in Ruhe vor euch hinforschen.

Naja, aber Prof zu werden war schon nicht so einfach, da wäre doch etwas Fame und Anerkennung schon irgendwie angebracht. Zum Glück gibt es noch externe Fördergeber wie die DFG, von denen man extragelder für das „Schneller, höher, weiter“-Spiel eintreiben kann. Dafür muss man allerdings aufwändige Anträge schreiben, Pläne erstellen, was man in den nächsten drei bis fünf Jahren wann alles machen will, an den Formulierungen feilen usw. Wenn ein Projekt planbar und vielversprechend aussieht und wenn die Antragsteller versprechen, ganz viele Qualitätsstandards umzusetzen, hat es gute Chancen auf Bewilligung.

Ein kleines Problemchen an der Sache ist aber, dass gute Forschung ergebnisoffen ist. Bestenfalls weiß man vorher nicht, was am Ende rauskommt. Wenn Fragestellungen danach ausgewählt werden, ob sie höchst wahrscheinlich ein signifikantes Ergebnis liefern und auf dem Papier gut aussehen, dann lernt man im Grunde nichts daraus, weil man das Ergebnis ja schon vorwegnehmen konnte. Diese Ökonomenvorstellung von Fließbandproduktion und Planbarkeit ist im Forschungskontext nur sehr eingeschränkt sinnvoll. Was dann auch noch einfließt, ist nicht allein ökonomisches Denken, sondern auch diese Vorstellung von objektiver und gerechter Auswahl nach irgendwelchen bürokratischen Qualitätskriterien, also was passiert, wenn Leute über etwas entscheiden müssen, womit sie sich eigentlich nicht inhaltlich auskennen.

Infolgedessen muss man sich einen Hofstaat an wissenschaftlich ausgebildeten jungen Menschen halten, die alberne Anträge schreiben, die „richtigen“ Fragestellungen aussuchen und alles überzeugend aussehen lassen. Diese Hofstaat muss natürlich wieder finanziert werden, also braucht es dringend die Bewilligung um sich das leisten zu können. Dann braucht eine Uni noch strategisch beratende Stabsstellen, die denen aus der Forschung Tipps geben, ob Antrag auf Personal- oder Sachmittel gerade opportuner wären. Einmal hatte Ada heimlich in so einem strategischen Videokonferenz-Meeting zugehört. Als Projektassistenz gilt man als Ressource.

Forschungsdatenmanagement (FDM)

Trotz Digitalisierung lässt sich oft der Weg von den Daten über die Berechnung zum Forschungsergebnis durch Dritte nicht lückenlos nachvollziehen. Dem Gedanken von Open Data und Open Access folgend sind Forschende also dazu angehalten, nicht nur ihre Papers zu veröffentlichen, sondern auch ihre Daten, aggregierte Daten und natürlich den Code, mit dem alles berechnet wurde. Wenn man das brav macht, gibt es mehr Knete.

Es ist gar nicht so einfach, Daten und Code so aufzubereiten, dass andere damit sinnvoll etwas anfangen können. Und da geht es nicht ums Tricksen oder Schummeln, das ist wirklich rein technisch so. Kaum ein Wissenschaftler kann professionell genug programmieren, damit der Code überall läuft und nicht nur auf seinem eigenen Computer. Und kaum einer ist in der Lage, alles so zu dokumentieren und sauber zu strukturieren, dass andere später noch durchblicken können. Eine Programmierweisheit zum Dokumentieren lautet übrigens: „Dein Zukunfts-Ich wird dir dankbar sein.“

Wir sehen, das ist nicht mal eben schnell umgesetzt. Es braucht Infrastruktur und plattformen, wo man alles hochladen kann, die Wissenschaftler müssen technisch geschult werden, irgendwelche Tools müssen programmiert werden, dann muss man noch für die ganzen Bibliotheksleute und Verwalter alles mit Metadaten verschlagworten. Dann fragt man sich, ob die komischen Tools wirklich Dinge so sehr vereinfachen, dass sie sich überhaupt lohnen.

Was man außerdem braucht, sind Dinge wie Forschungsdatenmanagementpläne (FDMP) für die Bürokraten. Da muss man von Anfang an genau reinschreiben, welche Art von Daten man erheben wird, welche Software man dafür benutzt, wie man die Daten veröffentlichen will und noch einiges mehr. Als ob man das alles am Anfang so genau wüsste … Ursprünglich war das mal von den Forschern als lebendes Dokument gedacht, also eine Word-Datei, wo man ein bisschen den Überblick behält und ab und zu was updatet. Klingt ja ganz sinnvoll. Aber die Strategen der perfekten Anträge und Planbarkeit wollten es anders.

Sonderforschungsbereich (sFB)

Wenn 10 bis 20 Projekte es schaffen, ein gemeinsames Überthema zu finden und sich daran thematisch auszurichten, können sie sich zu einem SFB zusammenschließen, was die Erfolgschancen beim Drittmittelantrag erhöht. Das ist an sich nicht schlimm, kann sogar spannend sein und neue Perspektiven einbringen. Wenn das Überthema z.B. Wahrnehmung ist, können Psychologie, Physik und andere Fächer mit in den SFB.

Außerdem muss dann nicht jeder Fachbereich sein eigenes FDM machen, sondern eines der Projekte im SFB wird einfach ein Infrastrukturprojekt. Da setzt man dann eine Projektassistenz rein und noch ein paar Strategen sowie ein paar gestresste ITler aus dem Hochschulrechenzentrum, und fertig ist die laube. Es könnte eigentlich effizient sein. Aber das Projekt muss ja auch mit in den großen Förderantrag und nach viel aussehen, und vor Allem planbar und nützlich für standardisierte Pläne und Qualitätskriterien. Also nehmen wir das als Punkt mit auf, eine Plattform zu bauen, wo man durch einen standardisierten Fragebogen mit Multiple-Choice-Fragen einen tollen FDMP generieren kann. Außerdem sollte der FDMP selbst wiederum nicht einfach nur ein schnödes Word-Dokument sein, sondern selbst wieder in einem Datenformat, das ein Computer auswerten kann. Und hey, wir werden effizienter im Anträgeschreiben. Was will man mehr?

Wie lässt sich so etwas noch effizienter gestalten und noch mehr Geld rausholen? Man kann solche Verbünde über mehrere Unis ausdehnen, noch mehr Menschen in noch mehr Gremien zusammensetzen, wo sie sich wichtig machen und praktischerweise endlos diskutieren können. Jede Uni muss immer wieder ihren Senf dazugeben, um Einverständnis gefragt und ins boot geholt werden, dann wird heimlich in getrennten Meetings besprochen, mit welchem Deal man die doofen Frankfurter und die eingebildeten Mannheimer reinbekommt.

Das Team

Adas Stelle gehörte formal zu einem Fachbereich, an dem sie mal studiert hatte. Ihr vorgesetzter Prof und sie waren also vom selben Fach. Er hatte allerdings recht wenig Ahnung von IT. Schon in ihrem Bewerbungsgespräch stellte sich heraus, dass er nicht wusste, dass man Code testen kann, wenn er gut geschrieben ist. Eigentlich würde es total viel Sinn machen, wenn in einer Fachabteilung jemand dabei ist, der sowohl vom Fach ist als auch in IT und Programmierung bewandert. So jemand könnte den Doktoranden etwas Support geben und Arbeit abnehmen, ein bisschen für Weiterbildung sorgen, das Händchen halten … Das hatte Ada schon im Masterstudium gemacht. Das lag ihr und ihre Klientel war auch zufrieden.

Erstaunlicherweise hatte sie aber einen Großteil der Zeit mit seltsamen Menschen aus Verwaltung, Bibliothek und strategischer hastenichgesehen-Abteilungen zu tun, die meistens weder vom Fach waren und übers Programmieren höchstens sprechen konnten. Ada solle ihren Vorgesetzten „bespielen“, was auch immer das heißen sollte. Es klang jedenfalls nicht nach etwas, das Wissenschaftler wirklich möchten. Außerdem konnte sie mit ihrem Vorgesetzten eh nur abstrakt und allgemein über ihre Arbeit reden.

Und dann gab es noch die ITler vom Rechenzentrum, die eigentlich schon genug Aufgaben hatten, aber noch bei der FDM-Infrastruktur mithelfen mussten. Das waren noch die Vernünftigsten und Bodenständigsten aus dem ganzen chaoshaufen, aber Programmierer sind die meisten von ihnen eben auch nicht.

Adas „Team“ war also ein interdisziplinäres Chaos, das mehrmals pro Woche zusammen kam, mal mehr, mal weniger Parteien. Inhaltlich-technisch hätte sie gern etwas Mentoring gehabt, gab es aber nicht.

Pling! Ada zuckte bis ins Innerste zusammen, wenn eine neue Email eintraf. Was war nur los mit ihr? So angespannt war sie vorher noch nie, nicht mal während der Abschlussarbeit. Sie hatte irgendwann damit angefangen, das Mailprogramm meistens auf Stumm zu lassen, aggressiv die Mails vom Projektplanungstool rauszufiltern und nur gezielt reinzugucken. Jede Mail bedeutete Gefahr. Ein weiterer Mensch, der eine weitere Performance von ihr verlangte, die sie nicht verstand. Es machte ihr Angst. Sie fühlte sich bedroht und alleingelassen. Das hier war einfach nur der blanke Wahnsinn. Lieber keine Menschen um sich haben als welche, die ein verwirrendes soziales Spiel ohne Inhalt spielten.

Liebe Ada,

in einem Monat ist die Begehung für den SFB. Da ich die nächsten Wochen weg bin, sollten wir uns nacher noch einmal konferieren um zu besprechen, wie du alles vorbereiten kannst.

Gruß, Härta

Nach einer Weile hatte Ada herausgefunden, dass eine „Begehung“ eine Art Inspektion für den SFB war. Dabei wurde über die nächste Förderphase entschieden, also ob der SFB die nächsten drei Jahre weiter Geld bekam. Das funktioniert ein bisschen wie ein Postertag, bei dem jedes Projekt einen Platz mit Poster hat und sich präsentiert. Die Gutachter laufen dann einmal herum und hören sich die Werbung der einzelnen Projekte an.

Warum bitte muss man sich einen Monat im Voraus auf so etwas vorbereiten? Die Gutachter sind Wissenschaftler aus ähnlichen Fachgebieten, aber von anderen Unis. Die sollten sich also von Werbegeschwätz nicht allzu sehr beeindrucken lassen. Wenn die Projekte inhaltlich überzeugen, tun sie das auch mit drei Tagen Vorbereitung. Ada hatte die Erfahrung gemacht, dass zu viel Vorbereitung die Qualität von Auftritten verdarb. Alles wurde dadurch spröde, unnatürlich, unspontan, kalt. Und man selber stresste sich so sehr, dass man zum Zeitpunkt des Auftritts nervlich ein Wrack war.

Ada: „Was gibt es denn zu tun, dass ich jetzt schon mit Vorbereitung anfangen soll?“
Härta: „Du sollst z.B. für jeden Milestone im Projekt den Fortschritt zusammenstellen und aufbereiten.“
In der Theorie klang das vernünftig, also wenn es denn Fortschritte gäbe und die Milestones sich vernünftig anhören würden … Angstangstangst
Ada: „OK, na gut.“
Härta: „Wir sollten noch schauen, wer von uns alles bei der Begehung dabei sein sollte.“
Prof: „Ich bin nicht dabei, ich bin bei meinem Hauptprojekt.“
Härta: „Gut, also du natürlich, ich auch, dann noch Arno der Oberstratege und Torben, dein Vorgänger.“
Ada: „Torben auch? Weil der einen Teil der letzten Phase umgesetzt hat?“
Härta: „Auch, aber in erster Linie wegen der Verstetigung, das macht sich gut.“
Ada (süffisant): „O, Verstetigung, das beeindruckt ja schon vom Klang her.“
Prof: „Doch, das ist wichtig, dass die von der dFG sehen, dass dein Vorgänger jetzt aufgestiegen ist und eine unbefristete Position an der Uni hat, also verstetigt wurde.“
Ada: „Ahja. Na denn …“

Überhaupt dieser komische Torben … Hatte in seinen drei Jahren alle Milestones irgendwie angefangen, irgendwie in verschiedenen Teams und Gruppen mitgemischt, sich in seine unbefristete Strategenposition verdrückt und ihr diesen Organisationsknoten hinterlassen. Das mit diesen Milestones war auch komplett verwirrend, die nicht sequentiell aufeinander aufbauten, sondern einfach verschiedene Baustellen waren, auf denen man gleichzeitig tanzte. Alles komplett bescheuert! Sie verspürte nicht die geringste Lust, sich vier Wochen lang die Erfolge von jemand anderem aus den Fingern zu saugen und in peppige Texte zu verpacken. Das durften die mal schön selber machen. Gut war, dass Härta jetzt für drei Wochen weg war und nicht nerven konnte. Endlich mal etwas Zeit um in Ruhe was zu arbeiten.


Eine Woche noch, und Härta war wieder da. Sie hatte sich ziemlich aufgeregt und Stress geschoben, weil Ada keine Präsentationen gebastelt hatte und keine Memos und solchen Kram. So Leute wie Härta wollten bespielt werden, nicht die Wissenschaftler. Sie wollen alles wissen und überall mitreden, Kontrolle ausüben. Ada empfand eine tiefe Genugtuung dabei, sie auflaufen zu lassen. Zuerst war ihr Widerstand noch eher angstbedingte Erstarrung, aber bei einem emotionalen Zusammenbruch nach einem Arbeitstag hatte ihr bester Freund zu ihr gesagt: „Die wollen doch nur Stress abfärben.“ Das hatte etwas bei ihr angestoßen. Es hatte ihr gezeigt, dass sie Macht ausüben konnte durch Passivität, ihre Angststarre in Macht umwandeln, in passiven Widerstand.Euer Problem, nicht meins. Die innere Kündigung hatte begonnen.

Liebe alle,

Die Begehung wird am Dienstag online über WebEx stattfinden, jedes Projekt wird seinen virtuellen Raum bekommen. Wir werden Slack als Backchannel nutzen zur Abstimmung hinter den Kulissen.

Gruß

An einigen Vorbereitungsmeetings musste sie teilnehmen und Schlagabtäusche simulieren. Torben hatte schnell eine Präsentation gebaut und sich ein paar schicke Sätze zurechtgelegt, z.B. zu der Plattform Codelab, wo man seinen Code hochladen konnte: „CodeLab ist the heart and soul of this project.“ Sollten da nicht eigentlich Wissenschaftler vorbeikommen? Für Härtas und Torbens Geschmack hatte Ada bei ihren Argumenten zu weit in die Zukunft gedacht und Dinge einbezogen, die noch nicht passiert waren. Auf einmal war das ein Problem oder wie? Laut Härt kam „erst die Pflicht, dann die Kür.“ Ach was, jetzt auf einmal Prinzipien reiten? Ach scheiß drauf.

Sie hatte bei einem der Diskussionssimulations- und Argumenteauswendiglern-Meetings mit ihrem Vorgesetzten und den anderen Wissenschaftsprojekten auch einmal die Frage gestellt, wer eigentlich die Gutachter genau waren. Das fand sie nämlich am relevantesten, ein bisschen den fachlichen Hintergrund rauszufinden und sich darauf vorzubereiten, damit man besser konversation machen und das Projekt sozusagen individueller bewerben konnte. Der Vorgesetzte wisse das jetzt nicht so genau, was die machen. WTF!

Sie hatte sich selbst noch ein bisschen informiert und Publikationen der Gutachter angesehen. Allerdings hatte sie sich auf die konzentriert, wo sie fachlich fit genug war. Dunning-Kruger-Konversation konnte schnell peinlich wirken.


Endlich war der Tag gekommen. Alle hatten ihren virtuellen Raum gefunden, waren richtig umgeleitet worden, bisher hatte jeder brav seine richtigen Sätze gesagt, die Vorstellung konnte begangen werden.

Ein paar Gutachter waren schon vorbeigekommen, Torben performte „Heart and soul“ und führte den Fragebogen zum Erstellen der FDM-Pläne vor, alles auf Englisch. so weit, so langweilig.

Leider bekam Ada nicht immer zuverlässig mit, wenn jemand bei Webex den Raum betrat oder verließ. Außerdem gab das mit dem Backchannel ihr den Rest, weil man mental immer mittracken muss, was man jetzt nur zu den Kollegen sagt/schreibt und was auch die Gutachter mitbekommen (dürfen). Und dann noch das Geswitche zwischen Deutsch und Englisch, so was können sich nur NTs ausdenken.

Oberstratege Arno schrieb also über den Geheimchat: „Wer ist Rolf Ullrich!“
Ada war zum Einen völlig überrascht, dass sie mal endlich eine Frage sicher beantworten konnte. Vor lauter Überraschung hatte sie nicht mitbekommen, dass der bereits den virtuellen Raum betreten hatte und Arno nur deswegen heimlich nachgefragt hatte.
Ada sagte laut: „Das ist der Mensch mit dem Paper zu dem thema, dass die Replikationswahrscheinlichkeit von Studien mehr von einer guten Hypothesenwahl abhängen könnte als davon, wie gewissenhaft man bei der Forschung arbeitet oder ob man zu tricksen versucht.“
Sie hatte vor einem halben Jahr sogar seinen Vortrag zum Thema gehört und sehr spannend gefunden. Seine Ausrichtung konnte man schon ein bisschen als Gegenposition zur FDM-Szene sehen. Du kannst noch so präzise irgendwas messen, toll Daten aufbereiten und abspeichern, alles lückenlos reproduzierbar machen, gewissenhaft arbeiten usw., aber wenn du wirklich mehr Replikationen willst, also das Ergebnis wiederholen, brauchst du gute Theorien und gut gewählte Fragestellungen/Hypothesen.
Ullrich (milde erfreut): „Ja, das stimmt.“
Ada (erschrocken): „O nein, ich hatte nicht gemerkt, dass Sie schon im Raum sind. Entschuldigen sie bitte, dass ich so offen rausgeplatzt bin.“
Ullrich: „Nein, überhaupt kein Problem. Sie haben das Paper also gelesen?“
Ada: „Ja, ich hatte zuerst Ihren Vortrag gehört, der hatte mich dann neugierig gemacht auf das Paper. Ehrlich gesagt bin ich nicht dazu gekommen, mir die komplette Mathematik dazu reinzuziehen, aber ich kann der Perspektive viel abgewinnen.“
In einem Mainstream, der hauptsächlich das Messen verherrlicht und das Denken vernachlässigt, kam ihr seine Position erfrischend unpopulär vor. Nach dem Vortrag war sie richtig euphorisch gewesen.
Ullrich: „Was würden Sie denn vorschlagen, was man für mehr Replikationen tun könnte?“
Huch, Dopamin! Die aus Tübingen hatten es einfach drauf, das mit Lehre und Forschung. Jetzt aber blitzschnell improvisieren.
Ada: „Also ob eine Studie einigermaßen gute Aussichten darauf hat, überhaupt repliziert werden zu können, das macht ja ein Stück weit ihren Wert aus. Also man sollte jetzt nicht die Megastudie fahren, wenn man eigentlich noch gar keine Abschätzung treffen kann und es 50:50 steht, welches Ergebnis vermutlich rauskommt. Aber wenn man vorher schon zu sicher weiß, was nachher rauskommt, hat man eigentlich nichts dadurch gelernt und die Studie hat dann auch keinen Erkenntnisgewinn. Man müsste also den sweetspot erwischen, wo man eine plausible Vorhersage machen kann, aber nicht 100% sicher ist.“
Ullrich: „Ja, das wäre die Problembeschreibung. Aber was könnte man denn da konkret tun?“
Ada: „Vielleicht könnte man schon vor der Durchführung so eine Art Wette abgeben, wie sicher man sich ist, dass man das Ergebnis vorhersagen kann.“
Ullrich: „Dass man die Plausibilitätseinschätzung schon vorher angeben soll.“
Man merkte, dass er diesen Ansatz längst kannte. Logisch, der war schließlich Wissenschaftstheorie- und Kognitionsprof, der hatte als alter Hase vermutlich alles schon mal durch, was dazu an Vorschlägen herumging.
Unbekannter: „So was ähnliches gab es schon mal, oder?“
Huch, offenbar waren noch ein paar Gutachter still und leise in den Raum geschlichen und hatten mitgehört. Es wurde noch kurz ein bisschen weitergeredet über Wissenschaftstheorie (nicht über Heart and soul), und die Gutachter zogen deutlich zufriedener wieder ab als sie reinkamen.

Härta schrieb gleich über den Backchannel an den Vorgesetzten, dass die Begehung ganz toll gelaufen sei. Überhaupt waren sie auf einmal alle ganz happy über den Verlauf. Später kam die Bewilligung und noch mehr Happiness. Der Vorgesetzte betonte später auch nochmal, dass er sich sehr über das Ergebnis freue, nicht aber darüber, wie die Vorbereitungen gelaufen seien.

Weil sie schon innerlich gekündigt hatte, freute Ada sich nicht so recht über den Erfolg, auch wenn das inhaltliche Gespräch ihr natürlich Spaß gemacht hatte. Außerdem kam jetzt wieder diese komische Beziehungspflegenummer, nachdem das Stressabfärben und die Kontrollnummer erst mal vorbei waren.

Härta: „Es sind noch finanzielle Mittel übrig, um bald wieder ein Teambuilding zu machen. Da könntest du auch teilnehmen, Ada.“
Ada: „OK, vielleicht ist das ja mal interessant, die anderen auch in Präsenz kennenzulernen und nicht nur coronabedingt online.“
Naja, man konnte es als Erfahrung verbuchen, einmal bei so etwas mitgemacht zu haben. Und Gregor war dabei.


Der Teambuilder erzählte irgendeinen Psychosozialkram, den die anderen wahrscheinlich von ihm schon zehnmal gehört hatten und der Ada augenblicklich nach dem Hören wieder entfiel. Erstaunlich, wie manche Leute das machten …

Erst als Freud zitiert wurde, erwachte sie aus ihrer Trance. Sie hatte einen Master in Psychologie, und dieser Kerl bekam Knete von der Uni dafür, dass er Freud zitierte?! Echt jetzt? Eine perfekte Disqualifizierung, dann konnte sie ja weiterträumen.
Sie grummelte aber noch irgendwas missbilligendes, dadurch wurde er auf sie aufmerksam und fragte nach.
„Das wirkt jetzt nicht unbedingt seriös, seine Behauptungen auf Freud zu stützen. Seine ‚Theorien‘ sind nicht empirisch belegt und auch nicht falsifizierbar konstruiert.Der spielt in der Psychologie keine Rolle, außer als Folklore.“
Härta versuchte ihn zu retten, indem sie betonte, Freud habe als Erster das Unbewusste entdeckt oder so.
Ada hätte jetzt noch dagegenhalten können, dass es das Konzept vom Unbewussten in der Psychologie schon vorher gab und dass Freud es allenfalls literarisch verpackt und es dadurch einer breiten Bevölkerung zugänglicher gemacht hatte.
Außerdem immunisiert es einen ja nicht automatisch oder machte seine Theorien haltbar, wenn man in irgendwas „der Erste“ war.
Gut, seinen literarischen Verdienst konnte man durchaus würdigen, keine Frage.

Später mussten sie zwei Unterteams bilden und ein Plakat basteln, das ihre Werte und alles verbildlichte. Ada war mit dem netten Datenphysiker und Gregor und noch jemandem zusammen, aber die Ideen sprudelten bei den Herren etwas zäh. Da sie das Ganze längst nicht mehr so recht ernst nehmen konnte, schlug sie vor: „Wir können uns doch als Zirkus darstellen.“ Ab dem Punkt brauchte sie gar nicht mehr viel beizutragen, weil die anderen geschäftig loslegten. Es kann manchmal so einfach sein.

Zum Schluss wurde noch ein Wert gesucht, der für das Team stehe. Die besonders von Härta getragene Entscheidung fiel auf

Loyalität

Auf dem Rückweg nahmen Gregor und sie den selben Bus. Kurz vorm Einsteigen sagte Gregor:
„Ich fand’s gut, dass du bei Freud was gesagt hast.“
Das freute sie doch ein bisschen.

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