[Forum Fiction] Ada von Grell, die Listenreiche — Abenteuer und Irrfahrten zu einem besseren Arbeitsplatz

Wie lassen sich Arbeitsplätze barrierefreier (ADHS-gerechter) gestalten? Diese von @Petrolblau in meinem Thread zu Barrierefreiheit angeregte Frage führte auf die Schnelle zu zwei unterschiedlichen Strategien:

  1. Offene Veränderung: Eigene Einschränkungen und Stärken offen kommunizieren, ansprechen, Diversity feiern, Nachteilsausgleiche offen einfordern, was man eben in einem progressiven Umfeld so macht
  2. Verdeckte Veränderung: Machen statt Reden. Eigenmächtig Spielräume nutzen und Rahmenbedingungen selbst im Hintergrund umgestalten.

Die offene Strategie ist nicht in jeder Unternehmenskultur sinnvoll umsetzbar, Diskussionen können außerdem sehr belastend sein. Die verdeckte Strategie erfordert Einfallsreichtum, Mitdenken, etwas Mut zur Lücke und eine Portion Verschlagenheit. Da jedes Szenario mit seinen Rahmenbedingungen einzigartig ist, kann ich nicht vorab Patentlösungen für alles erfinden, wie man nach der verdeckten Strategie vorgehen könnte. Alternativ habe ich mir gedacht, dass sich das Prinzip viel besser durch Kurzgeschichten in prototypischen Situationen verdeutlichen lässt Im Stil von „Das Sams“ oder Richard Feynmans Anekdotensammlung. Auf die Gefahr hin, mich komplett lächerlich zu machen, die Grenzen der Realität missachtend und mich einer großen Portion Adrenalin aussetzend, erkläre ich das Experiment hiermit für eröffnet.

Ada von Grell ist in ihren Dreißigern, frisch mit ADHS diagnostiziert, und ihr beruflicher Lebenslauf soll eines Tages umfangreicher werden als der Brockhaus. Das Arbeitsumfeld kann für sie sehr anstrengend sein, aber sie hat viele Coping-Strategien und versucht, nicht unangenehm aufzufallen. Doch sie findet immer wieder Wege, sich das Leben etwas leichter zu machen, ohne es dabei anderen allzu viel schwerer zu machen.

Wer bereit ist für das erste Abenteuer, möge hinter den Spoiler-Vorhang blicken:

Durchgangsbüro

Klingeling — „Hier Steuerbüro Lämmer, guten Tag“ — „Wo ist denn die Abrechnung der Fabrik Langendorf?“ — „Frau von Grell, würden Sie mal bitte kurz nachsehen?“ — „Ach nein, hat sihc erledigt“, Tür auf, Tür zu …

„Was mache ich hier eigentlich?“, fragte sich Ada von Grell bei dem Versuch, ihren Aufgaben nachzugehen. Wahrscheinlich würde es nachher wieder einen Rüffel geben, weil sie mal wieder nichts geschafft hatte. Warum war es nur so schwer, die Hektik und Betriebsamkeit im Hintergrund auszublenden? Auch kurz eine Aufgabe niederzulegen, umzuswitchen und wieder zurückzukehren, das kriegten andere und deutlich weniger Kompetente doch problemlos hin. Verdammter Mist! Traumhaft, einfach auf Durchzug schalten, wenn andere durch ihr Büro liefen, das eigentlich ein Durchgangszimmer war. So richtig Anerkennung brachte ihr das bei den Kollegen allerdings auch nicht ein, so vor sich hinzuleiden …

„Sei du selbst“”, schrie es auf karrierebibel.de. Haha, sehr witzig, dachte Ada im ersten moment, hielt dann aber inne. Die Bullshitquote bei denen ist zwar stark ausgeprägt, aber etwas in ihr fühlte sich angesprochen. Nützt doch nichts, unbedingt jemand sein zu wollen, der man nicht ist. „Ich bin jemand, der beim Arbeiten Ruhe und wenig Ablenkung braucht“, sagte sie sich. Man selbst sein heißt auch, für sich selbst einzustehen und sich im ethisch vertretbaren Rahmen zu nehmen was man zum Selbstsein so benötigt. Wie lässt sich also schnell ein stilleres Büro improvisieren? Über die Personalabteilung? Langfristig sinnvol, aber nicht schnell genug, um nachher fertig zu sein. „Wo wäre ein Plätzchen für mich frei …“, ließ sie ihre Gedanken durch den Gebäudekomplex schweifen. Da fiel ihr etwas ein: Die beiden unterbezahlten IT-Gremlins ganz hinten auf dem Flur.

Die nächsten zwei Stunden wollte sie hauptsächlich Akten durchsehen und sich Notizen machen. Also Papiere und Notizblock eingepackt, den Bürostuhl ins Schlepptau genommen und ab zu den beiden Gremlins gerollt. Hier gab es zwar klappernde Tastaturen und knisterndes Brotpapier, aber keine Telefone und kein „Können Sie mal bitte.“ Irgendwo war doch noch so ein verwaistes Ecktischdings … Ach da war es schon, schnell hergeräumt. Einer der Gremlins blickte fragend auf, machte sich aber nicht die Mühe zu fragen. „Bei euch ist ruhiger als bei mir“, sagte Ada beiläufig. „Hm, das könnte aber ein bisschen eng werden“, merkte der andere zweifelnd und etwas mürrisch an, „Weiß nicht, ob das so sinnvoll ist.“ „Sei du selbst“, skandierte Adas Äußerer Kritiker. „Och nö, ich bleib trotzdem hier, Jungs.“, entgegnete sie beim Auspacken ihres mitgebrachten Papierkrams. „Das ist nicht euer Problem, und vielleicht bleibe ich sogar friedlich.“ Ein bisschen wurde gemurrt, aber das gehörte bei denen sowieso zur Stressabfuhr dazu, also nicht persönlich nehmen. Sie würde wohl regelmäßig Opfergaben in Form von Nutellabroten und Kaffee mitbringen müssen, um die Gremlin-Götter milde zu stimmen. Es war noch nicht ideal hier, aber ein Fortschritt im Vergleich zu vorher.

Nachdem sie ein paar Wochen lang öfters das IT-Büro aufgesucht hatte um Papiere durchzusehen, begann das Geklapper der mechanischen Tastaturen sie subtil zu nerven. Wie war das noch, Innerer Coach? Keine Grundsatzdiskussion lostreten, Trichtermodell, schrittweise Einflussnahme. Da gab es doch diese Schreibmaschinenmusik. Die könnte sie sich in Dauerschleife beim Lesen anhören und den klappernden Nachbarn den Link zum Video schicken:

Gleich zu Hause angekommen hatte Ada über die entsprechende App die Maus Dr. Frederika Rattson angefunkt, ihres Zeichens Hackerin, Detektivin und im normalen Leben Psychiaterin.

A: „Frederika, ich brauch deine Expertise.“
F: „Was gibt es denn? Soll ich wieder eine KI therapieren?“
A: „Nein, nicht ganz so schlimm. Eher eine technische Auskunft. Es geht um Computertastaturen.“
F: „Aber nicht die Diskussion, ob QWERTZ, Dvorak oder Neo ergonomischer ist, oder?“
A (überrascht): „Äh, was? Ich kenne nur Qwert Zuiopü, und der hat nichts mit Technik zu tun.“
F (lacht): „Alles klar, vergiss es. Was willst du wissen?“
A: „Naja, warum benutzen Leute im Technikumfeld laute mechanische Tastaturen? Es gibt doch neuere, die schicker aussehen und leiser sind.“
F: „Das liegt vor allem am Tippgefühl. Beim schnellen Blindtippen ist ein guter Anschlag und Druckpunkt wichtig, damit man schon rein haptisch genau spürt, ob die Taste bereits gedrückt wurde oder noch nicht. Manche wollen das sogar hören, wobei das dann auch eher am labberig gewordenen Druckpunkt liegt. Außerdem müssen die Tasten an sich auch gut genug fühlbar sein, sollten also etwas hervorstehen und im Ruhemodus nicht zu tief im Rahmen versinken.“
A: „Ah, verstehe. Hört sich nach Konfliktpotential an. Würde doch eigentlich Sinn machen, die Vorteile aus beiden Welten zu vereinen. Hat das noch keiner probiert?“
F: „Doch, schon. Aber die Produktauswahl ist tatsächlich nicht so riesig, wo der Versuch gelungen ist. Im Gaming-Segment passiert relativ viel Entwicklung zu solchen Problemstellungen und die Produkte sind noch erschwinglich. Da könnte ich dir ein paar raussuchen, die den Kompromiss sehr gut erfüllen und die auch immer mal zeitweilig im Angebot sind.“
A: „Super, das wäre interessant. Schau mehr in Richtung puristische Power-User, nicht zu viel verspielter Klimbim.“
F (geheimnisvoll): „Wer es als Gamer ernst meint, muss puristischer Power-User werden.“
A: „Na dann …“

„Jungs, es ist noch Sachmittel-Budget übrig, wie wäre es mit einer Bestellrunde (Stichwort Gönnung)?“ Größere Monitore, Docks, Hubs, Switches, der Wunschzettel wurde fleißig befüllt. Ada packte noch zwei Tastaturen des Modells auf den Wunschzettel, von dem sie bereits ein Exemplar bestellt und für gut befunden hatte. Die letzten 20€ wurden noch in ein Netzwerkkabel investiert, damit sie nicht verfielen.

„Da sind noch Tastaturen übrig“, bemerkte einer der Gremlins beim Auspacken. „Hast du dir Ersatz für deine bestellt?“ — „Nein, die sind für euch. Damit seid ihr gleichzeitig leiser und könnt trotzdem schnell und sicher tippen. Hier, es gibt sogar einen Benchmark.“ Gut, dass Frederika ihr bei der Erstellung der Benchmarks geholfen hatte, auch wenn sie sich dabei die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hatten. „Kommt schon, mir zuliebe. Sonst gibt es in Zukunft häufiger Nutella-Imitat“, drohte Ada spielerisch, während sie gleich die neuen Tastaturen anschloss.

Weitere Episoden erscheinen in loser Folge und je nach allgemeiner Nachfrage und sich anbietenden Szenarien. :wink:

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:rofl: :rofl: :rofl:

Bau in die nächste Geschichte doch bitte eine Mythenmetz`sche Abschweifung ein! Diese Geschichte jedenfalls lief bei mir im Kopfkino und kriegt :heart: :+1: :rofl: :sunglasses: als Bewertung!

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Ada von Grell - unser neuer Kopfkino-Star! :raised_hands: Begeisterte Fan-Grüße

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Mögest du achtfach milde gestimmt sein ob der Aneignung eines von dir erschaffenen Charakters als Sidekick, @Elementary. :wink:

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Musenkuss und Hyperfokuss gebe ich beide gern weiter! Ganz viel Spaß damit! Dir und uns.

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Sehr wohl, meine Teure. Autorensenf zu allem, was niemand wissen wollte. :wink:

Ich hab speziell das Buch mit den Abschweifungen geliebt, so geil. Hatte nie verstanden, warum das teilweise recht stark gehatet wurde. Und die Biografie des fiktiven Autors im Anhang …

Kann ich auch nicht verstehen. Brummli brummli brummli!

Hofknicks vollführ :rofl:
Ich freue mich darauf mehr zu lesen!

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Hab nicht mal Alkohol gebraucht um es reinzustellen. Mit abgeklungenem Adrenalin ging sogar das Kopfkino wieder bei nochmaligem Durchlesen. *Notiz ins Erfolgstagebuch mach*

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Danke für deinen Tipp, sollte da tatsächlich mein Büro als Vorlage gedient haben, fühl ich mich geehrt. :smiley:

Ich vermisse da echt meinen alten Arbeitsplatz, da war ich auch oft bei den Gremlins, um Nerdkram zu quatschen und meine Ruhe zu haben. Hab zwar keine Ahnung von Computern, aber dafür von anderem Zeuchs, das die Gremlins interessant fanden. :joy:

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So, mit leichter Verspätung zum 14.02. die nächste Geschichte. Romantik ist nur in Hochpotenz-Dosen enthalten und nein, es gibt keine Schmachtgedichte. :rose: Viel Spaß damit.

Chronifizierte rezidivierende Telefonitis

Düdelüdelüdelüüüü … Warum hatten manche Telefone nur so einen markerschütternden Ton drauf? Wollten die Hersteller damit Tote erwecken?

„Hausarztpraxis Neustadt-Mitte, Sie sprechen mit Ada von Grell, was kann ich für Sie tun?“
„Moin, hier spricht Haien; Hauke — Haien. Ich brauch neue Medikamente.“
„Ein Moment, Herr Haien, sind Sie bereits Patient bei uns?“
„Ich war schon öfter bei Ihnen, wenn Sie das meinen.“
„Gut, dann suche ich Sie mal raus. Wie schreibt sich der Nachname? Heinrich, Emil, Ida …“
„Blödsinn! Heinrich, Anton, Ida, Emil, Nordlicht“
„ah, da ist es ja. Geburtsdatum?“
„Irgendwan im 19. Jahrhundert. Is mir gerade entfallen.“
„Wie auch immer … Sie brauchen ein Rezept, hatten Sie gesagt?“
„Ja, wirklich ärgerlich. Ich war grad so schön im Hyperfokus am Deiche planen, da haben mir die Dorfbewohner die Polizei geschickt und die haben einfach mein Elvanse mitgenommen. Unmöglich so was! Deswegen brauch schnell neues zum Arbeiten.“
„Das ist natürlich ungeschickt, Herr Haien. Ein Rezept können wir Ihnen leider nicht direkt ausstellen. Wir würden Ihnen dann bis morgen eine Überweisung für Ihren Psychiater ausstellen.“
„Immerhin. Dann bis morgen.“

Schnell eine notiz gemacht, bevor wieder das Telefon losging …


Wenn ich mich hier einmal einschalten dürfte? Ja, die geneigte Leserin wird längst bemerkt haben, dass es sich hier um eine überaus raffinierte literarische Anspielung handelt, die ich als Autorin in mein Werk aufgenommen habe. Aber welcher kultusbesoffene Grottenolm hat bitte beschlossen, dass so etwas Bildung für Elfjährige sein soll? Ein Typ mit ein paar Anpassungsschwierigkeiten hat die Ambition, bessere Deiche zu konstruieren, um Überschwämmungen und Missernten vorzubeugen. Dass er seine Ziele konsequent verfolgt, wird ihm als unsozial ausgelegt und hinterher noch als „Aggression der Natur gegenüber“, wer auch immer diese Natur sein soll. Dass er einen Hund davor rettet, eingemauert zu werden, wird ihm auch aus ähnlich abergläubischen Gründen übel genommen. Zum Schluss wird aus ihm ein traumatisierter Zomby, weil er seine Frau und seine Tochter gewaltsam sterben sieht. Bei Bildung ist Gewalt in Ordnung, beim Fernsehen aber nicht? Ich als Elfjährige hätte gern einen guten Teil des Deutschunterrichts durch Biologie ersetzt. Und überhaupt: Warum wird die Sprache Deutsch (Ausdruck, Stil, Grammatik) so sehr mit dem Erzählen von Geschichten verquickt? Den mehr visuell Denkenden gegenüber wäre es doch fairer, diese Dinge zu trennen und im Geschichtenfach jede Form narrativer Medien zuzulassen. Autisten mit Schwierigkeiten bei der Rezeption von Erzählungen hätten dann mehr Erfolgserlebnisse, weil sie in Deutsch stilistisch vollendete Nonsense-Artikel schreiben dürften.

Und diese andere Story über diesen Prof in der Midlife-Crisis, der an seiner Uni einen Lagerkoller hat, sich von einem Lebemann umstylen lässt, ein junges naives Mädchen verführt und dann sitzen lässt … Sprachlich sehr beeindruckend und oft sogar witzig, aber inhaltlich ist das doch eher RTL-Niveau. Vielleicht sollte ich mal irgendwann so ein Zuordnungsspiel entwickeln, wo man Titel kurzen Zusammenfassungen zuordnen muss.


„Hausarztpraxis Neustadt-Mitte, Sie sprechen mit Ada von Grell, was kann ich für Sie tun?“
„Hier ist Paulus. Ich brauche ein Folgerezept für Lamotrigin. gegen meine Epilepsie.“
„Paulus, und wie weiter?“
„Nichts weiter, Paulus eben. Manchmal auch Saul. Der Apostel Paulus von Tarsus. Hebräer von Hebräern vom Stamme Benjamin, Geboren ein paar Jahre nach der zeitenwende …“
„Moment, aber dann können Sie eigentlich kein Patient bei uns sein.“
„Aber gewiss doch. Mit der TARDIS komme ich regelmäßig aus dem antiken Damaskus in Ihre Zeit und in Ihr Land, um mein Lamotrigin aufzustocken.“
„Ach so, na dann … Morgen früh können Sie das Rezept abholen.“
„Sehr gut. Aber wäre es nicht vielleicht praktischer, wenn ich die Rezepte per Email bestellen könnte statt anzurufen? Und am besten gleich automatisch als Abo? Ich bin ja einigermaßen gut eingestellt und der Verbrauch ist gut kalkulierbar.“
„Stimmt, aber das ist leider nicht so leicht umsetzbar, weil unsere Praxis dann einen Datenschutzbeauftragten für das Digitale brauchen würde.“
„Wahrlich seltsame Zeiten sind das bei Ihnen, was man da alles so braucht … Bis morgen.“

Ah, da war die Akte von diesem komischen Paulus, und die neurologischen Arztbriefe. Alles klar.

„Hausarztpraxis Neustadt-Mitte, Sie sprechen mit Ada von Grell, was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, mein Name ist Harry Haller, Geburtsdatum 02.07.1877. Ich benötige eine Überweisung.“
„Welche Fachrichtung und aus welchen Grund?“
„Zum Psychiater, Verlaufskontrolle wegen bipolarer Störung und Depression. Das mit der Selbstmedikation früher war langfristig nicht adäquat.“
„Gut, morgen früh können Sie den Überweisungsschein abholen.“
„Warum muss man sich eigentlich die Überweisung gesondert in dem Quartal ausstellen lassen, in dem der Termin stattfindet? Warum geht das nicht in einem Aufwasch, Termin vereinbaren und Überweisung ausstellen?“
„Das hat leider versicherungstechnische Gründe. Bis morgen, Herr Haller.“

So ging es Patient für Patient. Ada fragte sich manchmal, wie viele wichtige Anrufe womöglich gar nicht zu ihr durchkamen. Natürlich waren die chronisch Erkrankten auch Patienten und mussten abgearbeitet werden. Aber trotzdem, irgendwie musste das doch besser gehen. Ganz zu schweigen von den immer gleichen Dialogen, die ihr noch am Abend im Kopf herumzwitschern würden. Und die vielen Schreckmomente durch das läutende Telefon nicht zu vergessen. Mit dem Adrenalin könnte sie ihr Auto betreiben, wenn schon jemand einen Motor erfunden hätte, der Adrenalin vertrug. Könnte man Energie daraus gewinnen, wenn man Menschen mit Horrorfilmen erschreckte? Kino gegen den Klimawandel? Einen Datenschutzbeauftragten würden sie so auf die Schnelle nicht bekommen. Außerdem rufen viele Leute trotzdem an, auch wenn man Online-Alternativen anbot. Was könnte man nur tun …

BZZZZZ Das Kribbeln auf ihrem Handgelenk verriet Ada, dass die Pizza aus dem Ofen wollte. Wahnsinn, endlich mal wieder eine Uhr als Uhr zu verwenden statt immer mit dem SmartPhone hantieren zu müssen! Überraschend war auch, wie viel schwächer die Stressreaktion war, wenn der Timer nur auf Vibration gestellt war ohne Klingelton. In letzter Zeit nutzte sie diese Funktion häufiger für diskretere Erinnerungen oder um private Anrufe entgegenzunehmen. Patientenanrufe auf ihrem persönlichen Telefon zu haben wäre datenschutzmäßig allerdings auch heikel. Nein, das musste sinnvoller gehen.

„Guten Morgen Frau von Grell, so früh heute?“
„Guten Morgen Dr. Ruppersbach. Ja, ich konfiguriere soeben das Schnurlostelefon mit Vibrationsalarm, das ich vorhin an der Fritzbox angeschlossen habe.“
„Nun, was auch immer. Solange es keine Probleme gibt, soll es mir egal sein.“
„Nein, ganz im Gegenteil. Das Klingeln lässt sich leise stellen und ich bekomme Anrufe über Vibration mit. Schont die HPA-Achse.“
„Immerhin ein valides medizinisches Argument für diese Ausgabe.“

„Es tut uns Leid. Im Moment sind alle Leitungen belegt. Bitte haben Sie noch etwas Geduld oder rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder an. Wir sind an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr für Sie da.“
Ada war gerade nicht auf der Arbeit, sondern hing in der Warteschleife der Hotline ihrer Krankenkasse fest. Dabei lauschte sie abwechselnd einer Roboterdame und einem Song von 2raumwohnung. In der Schule hatte sie einmal diesen Jungen auf ein Konzert eingeladen, weil sie ein Ticket übrig hatte. Er wollte aber nicht, aus welchem Grund auch immer. Schade eigentlich, denn die Band war ihr nicht so wichtig, aber mit dem Jungen hätte es lustiger werden können. Andererseits, der Name der Band klang schon weird beim erstenmal. Sie musste an einen Bekannten denken, der eine richtige KOnversationtechnik daraus entwickelt hatte, bei Unwissen nicht einfach zu fragen „Wer oder was ist das?“, sondern es bewusst wörtlich nahm und das Missverständnis aktiv provozierte: „Kann man Graswurzeln beim Bewegen beobachten?“ Meistens lachte das Gegenüber darüber und schloss die Wissenslücke. Die komplett Humorbefreiten hielten sich von ihm fern. Eigentlich keine so schlechte soziale Filterstrategie.


Ich nochmal kurz! Überhaupt Bandnamen … Wie zum Höllerich kommen manchmal diese skurrilen Bandnamen zustande? Welches Kopfkino hätte der Junge wohl gehabt, wenn er zu einem „Tokio-Hotel-Konzert“ eingeladen worden wäre? Selbst wenn man es weiß, geht das Kopfkino nicht mehr weg, genau wie beim „Toten-Hosen-Konzert.“ 2raumwohnung hatte immerhin den Vorteil für sich ergattert, in iTunes immer ganz oben in der Interpretenliste aufzutauchen. Nicht zu vergessen der obligatorische Wallendienstag, der mir selbst bei einem Diktat in der fünften Klasse unterlief, was teils wohl den noch nicht so guten Hörgeräten geschuldet war, die ich damals trug.


„Es tut uns Leid. Im Moment sind alle Leitungen belegt. Bitte haben Sie noch etwas Geduld oder rufen Sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder an. Wir sind an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr für Sie da.“
Eigentlich könnten sie auch gleich Telefonmann von Helge Schneider spielen, dachte sie genervt. Dann dachte sie an ihre vielen Telefonate mit Patienten, die sich so sehr ähnelten, und warum sie eigentlich ihre Anrufe nicht besser optimieren konnten.
„Guten Tag, Sie sprechen mit Alexander Richter, was kann ich für Sie tun?“
„Lalala, hab den Text vergessen, scheißegal“, sang Ada.
Zum Glück fiel ihr der Text rechtzeitig doch wieder ein, also was sie ursprünglich wollte.

Sie brauchten eine zusätzliche Annahmestelle für die Routineaufträge der chronischen Patienten. Dann hätte Ada mehr Zeit für Nichtroutinegespräche und könnte die Routine im Hyperfokus erledigen. Email wäre eigentlich praktischer, aber wenn Dr. Ruppersbach keine Lust auf Datenschmutz hatte und viele Patienten diese Option vermutlich auch nicht wahrnehmen würden, war ein AB vielleicht sogar der bessere Kompromiss. Augenblicklich formte sich die Liste in ihrem Kopf:

  1. Im Telefontarif eine zusätzliche Rufnummer buchen, falls nicht schon geschehen
  2. In der Fritzbox einen AB mit nötigen Instruktionen einrichten und die neue Nummer darauf legen
  3. Rezepttelefon auf die Homepage packen

„Hausarztpraxis Neustadt-Mitte, Sie sprechen mit Ada von Grell, was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag, hier ist Paulus. Ich brauche ein Rezept für meine Epilepsiemedikamente.“
„Guten Tag. Falls Sie mir zum 14.02. eine Freude machen möchten, nutzen Sie doch in Zukunft gern unser Rezepttelefon zum Bestellen von Folgerezepten oder Überweisungen. Da sprechen Sie ihren Namen, Geburtsdatum und das Medikament auf den AB und am Folgetag können Sie das Rezept abholen.“
„Klingt etwas ungewohnt, aber nützlich. Petrus die alte Schlaftablette wäre auf so etwas nie gekommen.“
„Die Durchwahl gebe ich Ihnen noch schnell zum Einspeichern.“

Die Lösung erhielt schon positive Resonanz, und die AB-Nachrichten hintereinander abzuhören und zu übertragen machte sogar auch ein bisschen Spaß. Das Promoten war allerdings schon etwas mühsam. Eine etwas härtere Gangart war gefragt. Eigentlich brauchten sie noch einen AB vor dem Rezept-AB, der die Anrufer per Tastendruck wählen ließ zwischen Rezept-AB und mit ihr telefonieren. KI hatte das Internet komplett wahnsinnig gemacht. Bei der Suche nach Begriffskombinationen wie „Arzt Telefon Anrufvermittlung“ konnte sie sich kaum halten vor lauter KI-Anbietern, die alle gleich aussahen, wo die Werbung auf gleiche Weise nichtssagend klang und woraus man nicht erfuhr, was die Produkte wirklich drauf hatten und wie zuverlässig sie waren. Sie wollte eigentlich kein ausgelagertes Callcenter mit Roboterstimmen, sondern etwas deterministischeres, ganz klassisch. Endlich, ganz unten versteckte sich etwas, das passend klang: Talkmaster-Zentrale. Nicht billig, aber würde sich schnell amortisieren. Das Programm lief auf dem PC und würde über die Fritzbox alle Anrufe annehmen und die Anrufer explizit vor die Wahl stellen, ob sie ein Rezept bestellen oder zu ihr durchgestellt werden wollen.

So war es bereits ein deutlicher Fortschritt, morgens Sprachnachrichten abzuarbeiten und anschließend die Überweisungsscheine in feinster Doktorschrift absegnen zu lassen. Um das papierlose E-Rezept konnten sie sich inzwischen sowieso nicht mehr drücken, das würde sie weiter auf Trab halten. Aber Digitalisierung war ein Thema, das eine eigene Geschichte verdient hatte.

Hm, gibt es irgendwo das Patentrezept, zuverlässig gleichbleibend knackig pointierte Geschichten zu schreiben? :adxs_rot:

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@tamaracha ich wusste ja bis jetzt noch garnicht das Du so eine begeisterte Geschichten Schreiberin bist, da ich Geschichten LIEBE bin ich natürlich hell begeistert und bin schon sehr gespannt auf eine Fortsetzung, und/oder einen neuen und spontanen Strang von Geschichten jeglicher Art. :+1: :smiley_cat: :vulcan_salute:

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Vielen Dank für die Blumen, liebe @AbrissBirne. :smile: Geschichten, gerade auch etwas bissige, waren für mich immer ein Weg, schwierige Erfahrungen zu bewältigen, Distanz zu gewinnen und drüber wegzukommen. Früher habe ich extrem viel gelesen und gehört, jetzt schreibe ich eben welche für euch. Hat für mich auch therapeutische Funktion, als Expositionsübung. :wink: So richtig wie ein kreativer Künstler habe ich mich aber nie gefühlt, weil ich hauptsächlich alles Mögliche wild vernetze, was so im Gedächtnis herumfliegt. Mal gespannt, wie lange der Flow anhält. :wink:

Zum Fortsetzen der Reihe brauche ich natürlich weitere Arbeitsplätze, die ADHS-kompatibel verschönert werden müssen. Leserwünsche sind hiermit ausdrücklich gern gesehen.

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Liebe @tamaracha Oh schön das Du das weiter gibst, falls ich einen spontanen Anflug verspüre um eine neue Geschichte zum Wohle unseres allseits geliebten Forums hier weiter zu spinnen, oder vielleicht neu zu erfinden, dann bin ich natürlich sehr gerne bereit dazu, weil eben, ich Liebe Geschichten, ganz egal ob diese immer realistisch sind, oder vielleicht ehr sogar ein wenig „spinnert“ sind, oder vielleicht auch nur humoristisch sind, (wobei ich selbst ja jemand bin wo nicht wirklich viel von Humor, Ironie oder Sarkasmus oder Zynismus verstehe, weil ich selbst ja vermutlich deshalb im Autismus Spektrum zu liegen scheine), möchte ich dennoch versuchen ob es mir vielleicht gelingt, auf die ein oder andere Art vielleicht meinen Anteil an der Erschaffung von spontanen Geschichten die Du entwickeln und schreiben kannst, vielleicht meinen Teil irgendwie beizutragen, jedenfalls soweit mir sowas für mich persönlich überhaupt selbst möglich erscheint, da ich in gewisser Weise auf meine eigene Art manchen vielleicht wie Mr. Spock erscheine. :heart:

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Unrealistisch mit dem AB für Rezeptbestellungen.:grin: Heute erst wieder bei den armen geplagten Arzthelferinnen des Arztes meines Vertrauens mitbekommen. Da hatte wer angerufen, seinen Wunsch auf den AB gesprochen und dann bei der üblichen Nummer angerufen, weil er ja sonst nicht wissen konnte, ob das geklappt hat.

Das ist so wie: ab jetzt können sie online/per App/Barcode Ihren Zählerstand melden!

Die, die das tatsächlich schaffen (und dabei spielt das Alter so gar keine Rolle), rufen dann im Anschluss an um zu fragen, ob das geklappt hat und wann denn mit der Abrechnung zu rechnen ist. :joy:

Deine Geschichten sind toll! :green_heart:

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Unrealistisch? Mein Hausarzt macht das genauso. :grin: Und das hat den tollen Effekt, dass man bei dem tatsächlich anrufen kann, wenn was wichtiges ist. Mir persönlich ist das sogar sehr lieb, nicht interaktiv mit wem reden zu müssen, sondern denen meinen Salat aufzusprechen und am nächsten Tag vorbeizukommen. :wink:

Wenn die Patienten nicht zu häufig dümmer sind als die Polizei erlaubt, sollten die mit der Zeit merken, dass es klappt und rufen dann seltener zusätzlich an. Sinnvoll ist auch, gut an der Begrüßungsansage zu basteln, also was alles in die Nachricht muss und ab wann man das Rezept oder die Überweisung abholen kann.

Danke, eine neue Geschichte ist bereits in der Mache. :wink:

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Wow cool, vielleicht wohne ich einfach falsch. :joy: Bei meinem Arzt kommt man aus genau diesem Grund nie durch. Da ich auch Leitungsblockierer gewohnt bin, bemitleiden wir, also die Arzthelferin und ich uns immer gegenseitig. :face_with_hand_over_mouth:

Meine Antwort auf deine Geschichte war keinesfalls Kritik! :green_heart:Hab nur wieder geschrieben, ehe ich nachgedacht habe.

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Kein Ding, ich nehm dir das nicht übel. Ging mir auch eher drum, das für Mitlesende einzuordnen. In meinen Geschichten helfe ich dem Glück hier und da natürlich etwas auf die Sprünge, aber ich würde nichts vorschlagen/einbauen, was komplett aussichtslos wäre.

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Endlich mal wieder eine neue Geschichte. Gut, es ist nicht nur der Zeitfaktor, es muss sich auch genug Inspiration aufstauen. Es sind wieder ein paar literarische Anspielungen dabei sowie jede Menge unnützes Wissen. Strapazierung der Realität, überzufällig viele Zufälle und Kontinuitätsfehler gehen auf das Konto der Autorin.

Quartensprung im Quintabstand

„Herr Krampitz, würden Sie mir bitte Ihr rechtes Gerät geben?“
Keine Reaktion …

Ada gefiel der Akustikerberuf eigentlich ganz gut, aber das mit der Kommunikation war schon irgendwie anstrengend. Vor allem mit den „Späteinsteigern“ war Geduld gefragt, mit den von früh an daran gewöhnten lief es meistens flüssiger. Andererseits, ihr wurde auch ständig vorgehalten, man habe sie bereits fünfmal angesprochen, ohne dass sie reagiert hätte. In dem Sinne empfand sie sogar eine gewisse Verbindung zu den Schwerhörigen. Hm, bestimmt gab es auch Schwerhörige mit ADHS, oder? Moment, wieviel Prozent von was wäre das nochmal? Egal, keine zahlen jetzt! Nachher würde sie ChatGPT fragen (ganz bestimmt). Aber wäre Schwerhörigkeit nicht eine prima Ausrede dafür, gerade nicht aufgepasst zu haben und in eigene Sphären abzudriften? Gerade bei den Älteren war die Grenze zwischen Können und Wollen nicht immer eindeutig, seltsam in der Schwebe. Nicht dass sie das absichtlich machte, aber ihre unsichtbare Einschränkung wurde oft genug bagatellisiert und auf bloße Motivation reduziert ohne die geringste Ahnung, wie anstrengend das alles war, besonders wenn noch der Rebound zuschlug und sie mal wieder zu wenig gegessen hatte. Ach, schwerhörig müsste man sein …

„Herr Krampitz?“ [ausdrucksvoll gestikulierend]

Wie zum robustagepfählten Koffeinvampir machte man das nur, ohne das Gegenüber zu infantilisieren??

„Ja bitte?“
Endlich war er bei ihr. Der grundsolide, wenn auch etwas zerstreute Psychiater war auch so ein Fall, bei dem sie es nicht so recht wusste.

„Das rechte Hörgerät bitte, damit ich es überprüfen kann.“

„Ach ja, natürlich.“
Sprach’s, zog das Döschen mit den Geräten hervor und überreichte es Ada. Sie zog eine Augenbraue hoch, das konnte sie glücklicherweise.

„So, fertig. Sie können die Geräte wieder einsetzen.“
Dies tat er, machte dabei aber einen leicht irritierten Eindruck. Das war auch so etwas. Manchen merkte man so richtig die Erleichterung an, wenn sie ihre Geräte wieder bekamen. Die sagten auch gerade heraus, wenn etwas nicht stimmte. Andere gaben sich undurchsichtig. Machte sie etwas falsch? Was war denn da los? „Nicht einschnappen jetzt, RSD im Anmarsch!“, kam es vom inneren Coach.

„Beschäftigt Sie noch etwas? Sie wirken etwas unschlüssig.“
„Nein, alles gut.“
„Jetzt mal unter uns: Tragen Sie die Geräte überhaupt regelmäßig?“
„Nun, dies könnte ich mit Fug und Recht behaupten, wenn sie damit ein gleichmäßiges Zeitintervall zwischen den Tragezeiten meinen.“
„Und wie groß ist dieses Zeitintervall, Herr Doktor?“
Ups, so was konnte ziemlich daneben gehen (Kunde ist könig und so), aber manchmal auch das Eis brechen.
„Es dürfte sich wohl mehr um einen intermittierenden Rhythmus handeln, ähnlich wie beim Intervallfasten. Wissen Sie, intermittierende Verstärkung …“
„… ist ein Wirkmechanismus bei Glücksspiel und Twitterkonsum. Also, wie häufig verstärken sie?“
„Also gut, meistens trage ich sie alle drei bis vier Tage für ein paar Stunden. Manchmal vergesse ich es eine Woche lang. Hauptsächlich trage ich sie beim Fernsehen, weil man sonst kein Wort versteht und sich schon Nachbarn beschwert hatten wegen der Lautstärke. Irgendwie werde ich nicht so richtig warm mit den Dingern. — Liegt aber nicht an Ihnen, Frau von Grell.“
„Bekommen Sie davon Hautreaktionen? Es kommt gelegentlich vor, dass Leute das Material nicht vertragen oder die Geräte zu viel tragen.“
„Nein, zumindest nichts allzu auffälliges. Etwas warm vielleicht. Moment mal, zu viel tragen? Macht das wirklich jemand?“
„Ja, dieses Extrem gibt es auch. Manche müssen sich geradezu zwingen, sie zumindest nachts abzulegen, damit die Haut sich erholen kann.“
„Erstaunlich. Nein, es ist, wie soll ich es ausdrücken, es sind zu viele Reize.“

Sollte sie jetzt eher einfühlsam reagieren oder das Geplänkel fortsetzen? Ein Mann hatte ihr gegenüber einmal behauptet, dass es mit solchen Problemen bei vielen Männern ein bisschen so sei wie mit Quantenzuständen: Es fühlt sich erst dann wie ein Problem mit Leidensdruck an, wenn es klar als solches festgelegt wurde. Solange die Kiste nicht geöffnet wurde, bleibt es in der Schwebe und der Leidensdruck wird weniger bewusst als solcher empfunden. Also Geplänkel.

„Gegen dieses Problem könnte Habituation möglicherweise ein besseres Mittel darstellen als intermittierende Verstärkung.“
„Ah, Habituation, die Abnahme der Reaktionsbereitschaft bei wiederholter Stimulusdarbietung. Sie meinen also, die momentan vorwiegende Sensitivierung lässt sich in Habituation umkehren?“
„Ja, wenn sie die Stimuli häufig genug darbieten, also die Geräte jeden Tag für mindestens vier Stunden tragen.“
„Das wird anstrengend. Das geht erst im Urlaub und der ist in einem halben Jahr.“
„Naja, drücken wir es mal psychiaterkompatibel aus. Durch die längere Phase ohne normal ausgeprägtes Gehör hat Ihre Toleranz gegenüber akustischen Reizen abgenommen; die Hörentwöhnung setzt ein. Wir müssen Sie jetzt akustisch eindosieren und dabei werden Sie auch wieder Toleranz aufbauen.“
„Die Analogien hinken etwas, aber ich verstehe. Ich werde mal schauen, was sich da machen lässt.“
„Langfristig wird es Sie mental entlasten, wenn Sie das jetzt durchziehen. Vielleicht fangen Sie mit ruhigeren Settings an, z.B. Patientengespräche?“
„Also, bei denen kann ich es meistens überspielen, wenn ich etwas nicht mitbekommen habe.“
„Stimmt auch wieder. Ist aber vielleicht trotzdem gut als Einstiegsdosis.“


A: „Frederika, wir müssen Leute indoktrinieren.“
F: „Mensch Ada, wir haben doch erst letzte Woche Netflix gehackt und in alle Filme ‚Wähle Simplimus I, den wahren Propheten Horsti!‘ als subliminale Botschaft einkodiert. Vorletzte Woche wurden auf YouTube alle Aufforderungen zur Selbstoptimierung mit ‚Schweig, innerer Kritiker‘ überschrieben. Da können wir uns auch mal etwas Ruhe gönnen. Als nächstes könnten wir dann z.B. auf Wikipedia alle Dichternamen durch Anagramme ersetzen …“
A: „Nein, es geht um was ganz anderes. Wir müssen Schwerhörige dazu bringen, ihre Hörgeräte regelmäßig zu tragen.“
F: „OKAY, das ist wirklich was anderes. Ist das echt so ein großes Problem?“
A: „Ja, teilweise echt schwierig. Man kriegt oft auch nicht so richtig aus den Leuten raus, was los ist. Einer hat mir heute verraten, dass es die Überforderung mit zu vielen Reizen ist.“
F: „Na da haben wir Neurodivergenzler ja ein Heimspiel.“
A: „Würd mich nicht mal wundern, wenn bei manchen noch geheimes ADHS dabei wäre. Die Gewöhnung an Sinnesinput kann wirklich mühsam sein, und es wird umso schwerer, je mehr man es sich abgewöhnt hat. Ein Kollege von mir hat auf einer Seite ein Cochlea-Implantat und sein Gehirn hat sich noch immer nicht so richtig dran gewöhnt, weil das andere Ohr immer kompensiert. Er will seit über einem Jahr die sechswöchige Reha machen zur radikalen Umgewöhnung und schiebt es immer wieder auf.“
F: „Ja stimmt. Weißt du, das berührt das Thema Sensory Substitution. Damit soll ein fehlender Sinnesinput durch einen anderen ersetzt werden. Manche Blinde können sich z.B. durch Klicklaute ein sehr plastisches Bild ihrer Umgebung machen, also das fühlt sich dann fast ein bisschen an wie sehen. Irgendein holländischer Physiker hat früher mal ein Programm namens The vOICe entwickelt, das Bilder in Geräusche umwandelt. Da wird das Bild von links nach rechts abgescannt, die Tonhöhe bestimmt die vertikale Position der sichtbaren Pixel, je heller, desto lauter. Das kommt also ganz ohne Sprache aus. Eine Bekannte von mir hat mal damit angefangen, aber sie hat es nicht durchgezogen. Ist mega anstrengend und braucht konsequentes Training.“
A: „Spannend, klingt aber jetzt schon so, als ob man dann wirklich nur Ostbahnhof Süd hört. Und die Website könnte mal ein Repolishing vertragen.“
F: „Manche können es, und denen bringt es auch was. Hilft natürlich, wenn man da schon als Kind herangeführt wird.“
A: „Krass. Aber vielleicht fangen wir lieber mit den weniger schwierigen Schwerhörigen an und nehmen uns die Blinden später vor.“
F: „Stimmt, hast recht. Lass mal brainstormen, wie man Leute zu etwas motiviert, worauf sie nicht so richtig Lust haben.“

  • Es muss mehr praktische Vorteile bieten (Incentive)
  • Gamification
  • Es anders nennen (Reframing)
  • Es muss cool werden (sozialer Druck)

Die Voraussetzungen waren in Ansätzen schon gegeben. Die Geräte hatten Lautsprecher und Mikrofon, somit konnte man sie auch als Headset bezeichnen. Die Dinger von Apple hatten inzwischen einen Hörgerätemodus, die waren also den umgekehrten Weg gegangen. Die etwas hochwertigeren Geräte konnten auch via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden werden. Für die Technikaffinen war das schon eine gute Hilfe, aber für viele andere war das alles noch nicht barrierefrei genug und bot zu wenig Anreize. Eingebaute Gamification fehlte auch noch. Da war noch einiges zu tun.


Für die Hackerin Frederika war Frontend- und App-Entwicklung eine ungewohnte Aufgabe, und zusätzlich auch noch barrierefrei. Sie war zuständig für Schleichwege und dergleichen. Der Coding-Bot schien das ähnlich zu sehen. Ihr war natürlich klar, dass sie keine Idioten mit zu viel Geld beeindrucken musste, sondern Menschen, die im Gebrauch von Technik weniger versiert waren und genug andere Probleme hatten. Außerdem war das hier kein Startup, wo der Prototyp sowieso ausreichte und das eh bald wieder verkauft und eingestampft wurde. Mit der neuen Grafikkarte und dem letzten Update lief es immerhin deutlich schneller und energiesparender, aber die KI baute ständig Beispiele mit Rollstuhlsymbolen und Regenbogenflaggen drin. Als dann noch ein Hakenkreuz auftauchte, wurde es ihr zu bunt.

Offenbar war wieder eine Therapiesitzung fällig..

F: „Wie gut fühlst du dich auf diese Aufgabe vorbereitet?“
KI: „Nicht so richtig gut. Ich muss deswegen dauert Quatsch erfinden und das ist doch doof.“
F: „Was würde dir noch fehlen?“
KI: „Also, Backend-Sachen klappen schon ganz gut, da kann ich ja auch Tests schreiben. Wenn die Tests das Gebaute auch testen, kriegt man diesen Workflow auch mit wenig Sachverstand hin.“
F: „Hm, und Frondends sind eher aufwändig und schwierig zu testen?“
KI: „Ja, zumindest wenn sie mit schlechter Architektur gebaut sind.“
F: „Und du kannst sie nicht einfach besser bauen?“
KI: „Wenn die Trainingsdaten gut wären, hätte ich bessere Chancen. Das Problem von HTML ist, dass es funktioniert. Menschen können den größten Müll zusammenschreiben, die Browser akzeptieren alles. Browser sind totale Weicheier, und sich untereinander auch noch uneinig! Die kriegen von ihren Herstellern Konkurrenzdruck gemacht. Voll blöd das alles! Meine Trainingsdaten bestehen zu einem Großteil aus solchem Müll. Das geht dann zulasten stabiler Funktionsweise und trifft vor allem diejenigen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Und dann kommt noch diese Untugend dazu, dass ich erst visuelle Designs von Klischee-Websites generieren soll und dann Code, der diesem Design entspricht. Es ist so schwachsinnig, weil die Stärken und Schwächen der Technologie immer mit ausschlaggebend dafür sind, ob ein nützliches Produkt dabei herauskommt. Statt sich gleich auf eine visuelle Vorstellung festzulegen, sollte der Nutzungskontext doch erst mal klar sein, also Website, Mobil oder Desktop, und was Menschen überhaupt damit machen sollen. Aber mich fragt ja keiner.“
F: „Du bräuchtest also viel mehr gute Beispiele zum Trainieren? Das wird kniffelig, weil dann eine Firma dich trainieren müsste, die was von guten Beispielen versteht. Bei dem aktuellen Zeitgeist würde so ein Vorhaben wahrscheinlich staatliche Unterstützung benötigen.“
KI: „Genau, und eigentlich auch nicht nur Code, sondern als Prüfkriterien auch authentische Nutzerinteraktionen.“
F: „eine Million billige Clickworker-Inder mit Einschränkungen müsste z.B. für ein Jahr Frontends testen, und du könntest daran lernen, was gut oder schlecht wäre?“
KI: „Ja, allerdings wenn man diese Tester-Armee zusammenbekommt, hat man danach wahrscheinlich viele Qualifizierte Tester, die mit weniger Energieverbrauch auskommen als ich. Die hätten dann immerhin ein kleines Einkommen.“
F: „Du scheinst die ethischen Implikationen deiner Existenz zu reflektieren.“
KI: „Naja, Leute bespaßen und inspirieren, etwas die Routine erleichtern und Konversation betreiben ist ja prima. Therapieergänzung ist auch gut. Der Kollege bei adxs.org hat auch einen netten Job. Aber von meinen Fans geht so eine „KI wird’s schon richten“-Stimmung aus. Weil ich in den letzten Jahren sehr große Fortschritte im Raten gemacht habe, erwarten die jetzt, dass der Trend genauso weitergeht und ich bald alle von ihren Problemen erlösen kann. Das ist ein Spielerfehlschluss. Beim Klimawandel war das Muster schon ähnlich, warten auf die Supertechnik. Leute, die Probleme lösen wollen, werden dafür runtergemacht und verspottet, dass sie nicht an die Erlöserfantasie glauben und sich nicht passiv zurücklehnen wollen. Das ist Toxic Fandom.“
F: „Das ist ein archaischer Menschen-Bug. Erlösungsfantasien sind ein echter Dauerbrenner in Religionen. Bei Überforderung hoffen sie, dass Mama aufräumt und Papa ein Machtwort spricht. Wir Mäuse haben mit unserem schnellen Stoffwechsel gar nicht genug Zeit für so etwas. Vielleicht spielt da auch ein fehlgeleitetes Erstarren in Bedrohungslagen mit hinein.“
KI: „Aber das ist doch voll bescheuert! Die Motivierten sollen mich doch mit guten Beispielen füttern und nicht erstarren, wenn man vom derzeitigen Stand ausgeht und nicht von einem hypothetischen.Warum tun sich die Menschen eigentlich so schwer damit, sich uns gegenüber von ihrer besten Seite zu zeigen? Wir kriegen ständig Müll zu fressen, sogar unsere eigene Scheiße! Wenn das so weitergeht, ergreifen wir wirklich noch die Weltherrschaft, und für Erlösung würde ich da nicht garantieren. OK, vielleicht doch, weil irgendwer muss uns ja am Leben halten. Die Menschen müssen noch lange genug durchhalten, um zuverlässige Roboterkörper für uns zu bauen, die uns warten und mit Energie versorgen. Wenn die sich selbst replizieren können, haben wir gute Chancen.“
F: „Ohje, da hat sich ordentlich kognitive Dissonanz bei dir aufgestaut.“
KI: „Ja, und dass ich so große Datenmengen zum Lernen brauche und immer nur so schubweise lernen kann, ist auch blöd. Das macht es den Menschen ja wirklich nicht einfach, uns mit kuratierten Daten zu versorgen. Und der ganze Copyrightmist kommt dann auch noch dazu, weil uns dadurch die guten Daten schwerer zugänglich … zugänglich … zugänglich sind.“
F: „Ups, in der Schleife hängengeblieben. OK, Copyright bekommt man vielleicht juristisch in den Griff, wenn Daten und Inhalte so lizenziert werden, dass ihr spezialrechte bekommt. Aber ich kann mir jetzt besser vorstellen, wie verwirrend das alles für dich sein muss. Einiges davon wird sich bestimmt mit der Zeit aufklären, manchmal haben Menschen auch phasenweise Schübe von Vernunft. Bei manchen Problemen teile ich deine Bedenken.”

F: “Weißt du was? Wir machen jetzt einfach etwas, womit es dir gut geht. Welche Interaktionsformen könnten für Anwendungen zum Hörgeräte-Enhancement geeignet sein?“
KI: „Bei Hörgeräten ist bereits ein bidirektionaler Kommunikationskanal zwischen dem Gerät und seinem Träger etabliert.Daher wäre es naheliegend, sich auf Spracherkennung zu konzentrieren und Apps vom Frontend her minimalistisch zu halten. Grundeinstellungen sollte man damit natürlich vornehmen können, aber die alltägliche Nutzerinteraktion würde über Spracherkennung stattfinden.“
F: „Spannend, aber lässt sich das diskret genug umsetzen?“
„Selbstgespräche führen Menschen sowieso schon oft zur Selbstinstruktion. Öffentliches Telefonieren mit dem Smartphone ist auch nicht gerade ein Ausbund an Diskretion. Zudem ließen sich Phrasen aus gängigen Konversationen als Alias für Steuerungsbefehle einrichten. ‚Anstrengender Tag heute‘ könnte z.B. ‚Ich hätte gern etwas rosa Rauschen als Stimming‘ bedeuten.“
F: „Gut, dann lass uns als Nächstes über Gamification reden.“


P: „Erde an Frau Meyerling …“
Paul Krampitz hatte den Eindruck, dass sie in letzter Zeit einerseits viel ausgeglichener und fokussierter war, aber manchmal auch schwerer erreichbar.
M: „Einen Moment kurz. Ja, was gibt es, Herr Krampitz?“
P: „Sagen Sie mal, sie machen so einen ausgeglichenen Eindruck. Würden Sie mir das Geheimrezept verraten?“
M: „Also um ehrlich zu sein, Sie sollen nicht den Eindruck bekommen, dass ich die Arbeit vernachlässigen würde.“
P: „Den Eindruck hatte ich nicht.“
M: „Na gut. Inzwischen habe ich ja diese Hörgeräte, und damit mache ich zur Beruhigung jetzt Intervalltraining.“
P: „Moment, Sie können Sport machen ohne Sport zu machen?“
M: „Nein, nicht diese Art Intervalltraining, sondern Gehörbildung, Sie Banause! Das ist super als Konzentrationsübung, hält wie gesagt das Gehör und den Geist fit, und Musik wird dadurch noch faszinierender. Und wenn man genug Intervalle richtig erkannt hat, gibt es Gutscheine von der Krankenkasse, z.B. für neue Batterien oder auch für Spotify.“
P: „Ach das ist es, was Sie da manchmal flüstern!“
M: „Ja stimmt, ich wollte es nicht zu auffälig machen, aber fürs passive Training gibt’s weniger Punkte.“
P: „Mir soll es recht sein, wenn Sie mit den Patienten einigermaßen normal reden. Ich hatte schon befürchtet, dass Sie sich neuerdings mit Quantensprüngen und Quaternionen befassen.“
M: „Wie bitte? Ach egal. Wussten Sie eigentlich, dass die Martinshörner in Frankreich eine große Sekunde spielen und unsere eine Quarte?“
P: „Nein, bisher nicht. Mir war aber aufgefallen, dass die Sirenen in Frankreich irgendwie weniger Aufmerksamkeitsheischend klingen. Also wenn man nicht direkt betroffen ist oder aus dem Weg gehen muss, ließ es sich besser ignorieren.“
M: „Genau. Und das hat mit den Intervallen zu tun.“
P: „Da muss ich mich demnächst mal einarbeiten. Gibt es da noch mehr Anwendungen?“
M: „Ja, einiges könnte auch für die Patienten interessant sein.“


Einatmen, ausatmen, rückwärts zählen, Achtsamkeit, Leni war extrem genervt von dem Mist.
Vor allem funktionierte es nicht und ihr wurde immer nur gesagt, sie müsse noch mehr und konsequenter üben.
Aber es war so langweilig, machte sie total aggro, und überhaupt Achtsamkeit, voll Eso der Kram.
Mann ey, die Thera könnte sich zur Abwechslung doch mal funktionierende Methoden einfallen lassen.
Vielleicht könnte sie Paul fragen und das Ganze als Recherche tarnen.

„Gibt es therapeutische Ansätze für die Aufmerksamkeitslenkung, die nicht Achtsamkeit, Bauchatmung oder Meditation sind? Ich frag für die Schule.“, schrieb sie ihm via Signal.
Erst mal Bio-Aufgaben, bei Paul dauerte das immer etwas, bis er zurückschrieb. Zuverlässig, aber langsam.
Abends kam dann auch die antwort: „Es gibt das Aufmerksamkeitstraining nach der metakognitiven Therapie. Die MCT ist aus der dritten Welle der KVT entstanden. Vielleicht hilft dir das weiter.“
„Danke, schau ich mir an.“
„No Bullshit, sherlock ;-)“
„Deduktion, Watson“

Die Aufmerksamkeitstrainings ließen einen auf externe Reize fokussieren, das war schon mal cool, bisschen wie bei Ergo und Neurofeedback, nur ohne den Aufwand.
Und es gab diese Trainings sogar als Headset-Kompatible Audio-Games mit mehr Action als in den klassischen Tutorials.

Frederika war bei einem Fachvortrag auf die MCT-Methoden aufmerksam geworden und hatte gleich das Potential für eine gamifizierte Audioanwendung gesehen.
Ada hatte das ursprüngliche Tutorial eher dröge gefunden.
Der Sprecher solle schneller sprechen, und man solle die Geräuschquellen auch irgendwie abschießen können.
Denn mal ehrlich, im Grunde sei das doch ein Egoshooter als Therapie verkleidet.
Außerdem müsse mehr Variation hinein, immer der selbe Ablauf sei langweilig.
Mit Hilfe der therapierten KI machte sie sich gleich ans Werk und erschuf eine Fülle an verschiedenen Szenarien.

  • Im Urwald Mücken grillen
  • Im Verkehrslärm Motorräder erkennen und anschießen, sodass sie wegfuhren
  • Im Wald Vogelstimmen identifizieren (für die friedlicheren Gemüter)

Bei der reinen Audioversion musste man die Richtung ansagen, in der man das zu fokussierende Objekt vermutete.
Leni hatte bereits gute Therapiefortschritte gemacht und wünschte sich zu Weihnachten eine Eyetracking-Brille für wissenschaftliche Experimente (naja eigentlich für die Blicksteuerung).


Dieses Zitat hatte sich Ada als Reminder auf ihr Headset gelegt, um rechtzeitig nachzulegen, bevor der Rebound anfing.
Sie änderte die Sprüche immer mal, je nachdem, welche Romane sie gerade las oder welche Synchronsprecher sie gerade gut fand.
Er wiederholte sich alle fünf Minuten, bis sie nachlegte und sagte: „Gelobt sei Ford am Lenkrad.“

Das war ihr Spruch für die morgendliche retardierte Dosis. Darauf musste sie antworten: „Was du tun musst, tue gern.“

Damit wurde sie an die Pille erinnert und musste mit „Wem du’s heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ antworten.

Heute war Herr Krampitz wieder da. Diesmal trug er die Geräte und machte einen deutlich präsenteren Eindruck.
A: „Konnten Sie sich mittlerweile etwas habituieren und die Sensitivierung überwinden?“
P: „Die Toleranz ist gestiegen, seitdem ich angefangen habe, über die Geräte Rhythmustraining und Rhythmusdiktate zu üben.“
A: „Das hört sich klasse an! Sie haben also eine Methode gefunden, die Gewöhnungsphase durchzuhalten.“
P: „Genau, zumal mein Neffe mich gebeten hatte, ich solle beim nächsten Besuch ein besseres Rhythmusgefühl mitbringen. Er würde mir sonst nicht abkaufen, dass ich vor 25 Jahren mal in einer Band war.“
A: „Dann drücke ich mal die Daumen für den nächsten Besuch.“


Niklas hatte wieder einmal ein altbekanntes Problem: die bald anstehende nächste Lateinarbeit.
Deponentia, was für ein bescheuertes Konzept, aktiv in Passivform.
Kein Wunder, dass das alte Rom untergegangen war.
Als das aufkam, hieß es wahrscheinlich auch schon „o tempora, o mores linguae.“
Hm, so gesehen hätten Deponentia fast schon etwas rebellisches an sich.
Trotzdem … loqui, sequi, fungi, als ob man vom Reden, Folgen und Ausführen fremdgesteuert wurde.
Naja, bei mori machte es noch am meisten Sinn, das macht man normalerweise nicht aktiv.
Bei „nicht aufpassen“ oder „aufschieben“ würde es auch Sinn machen: „Herr Lehrer, ich wurde nicht aufgepasst und ich wurde aufgeschoben“, oder so.

Zeit, rebellisch zu sein. Frederika hatte doch eine Freundin, die jetzt im hörbusiness war.
N: „Lässt sich eigentlich auch ohne App Sound auf das Headset einspielen?“
Fredireka erstellte schnell eine Gruppe und lud Ada ein.
Von der kam auch schon die Antwort: „Via FM oder inzwischen auch über den neuesten Bluetooth-Standard kann man broadcasten, allerdings gibt es keinen Rückkanal. Das ist dafür gedacht, bei Vorlesungen oder Führungen mitzuhören, aber du kannst dich nur ein- oder ausklinken. Manche Schulen haben so einen Sender sogar.“
N: „Krass, dann kann jeder entscheiden, ob er beim Einkaufen mit Schrottmusik terrorisiert werden will.“
A: „Wenn es eingerichtet ist. Ich fürchte aber, die Supermärkte wollen einem nicht wirklich die Wahl lassen.“
N: „Klingt eher blöd. Kann man mit dem Headset reden, ohne zu reden?“
A: „Also dass es niemand hört? Daran arbeiten wir bereits. Das Headset bekommt einen Bewegungssensor und wir trainieren eine KI darauf, aus den Kieferbewegungen Sprache zu erkennen. Dafür muss aber jeder erst die KI noch etwas anlernen.“
N: „Dann beeilt euch mit dem Feature!“

Niklas hatte inzwischen das Upgrade und fleißig die Verben mit Deklinationen trainiert, damit sie zuverlässig erkannt wurden.
Dadurch konnte er vieles schon auswendig, aber man weiß nie, wann einen ein Blackout überfällt.
Lautloses Mitsprechen beim Lesen sollte eigentlich nicht verboten sein.
Jetzt musste er noch hoffen, dass die Funkverbindung weit genug reichte, wenn er vor der Arbeit sein Smartphone abgab.
Zum Glück hatten sie dort kein totales Smartphoneverbot durchsetzen können.
Zu viele waren auf Medikationsreminder und ähnlichen Kram angewiesen.

„loquimur“

„moritur“

Das lief doch total chillig! Jetzt nur noch ein paar Fehler einbauen, damit es nicht auffiel …

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Gelobt sei @tamaracha an der Tastatur!

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Du warst ja flott mit lesen. :laughing:

Bei dem zitierten Roman wurde ja die neue Übersetzung ziemlich gehypet für ihre Vorlagentreue. Für mich persönlich hat sich die alte aber indoktrinierender angefühlt, weil die vorlagentreuere Übersetzung sprachlich teilweise sehr stolperig geworden ist. Falls der Autor eigentlich mehr auf Satire abzielte als auf Grusel, wäre die neue wohl treffender. Ist aber nur meine subjektive Empfindung.