Hilfesuche als Angehöriger/Partner

Guten Morgen,

ich schreibe hier als Angehöriger und bin sehr verzweifelt auf der Suche nach Rat.

Meine Frau ist mit 40 gerade in der ADHS-Diagnostik. Wir sind seit fast 20 Jahren zusammen und sie ist der Mensch, mit dem ich, komme was wolle, auch den Rest meines Lebens bestreiten möchte. In den letzten 2-3 Wochen ging es damit los, dass ADHS in ihrem Leben ein Thema wurde, von dem sie mir erzählt hat. Bereits vorher hat sie sich alleine damit auseinander gesetzt. Es passte für sie, viele Verhaltensweisen ihres Lebens lassen sich damit erklären. Und nachdem wir darüber gesprochen haben, begreife auch ich, dass diese Diagnose kommen wird, weil es sehr zutreffend ist.

Nun das Problem- unsere Ehe ist an und für sich sehr harmonisch, wir sind immer gut im Gespräch, wir sind uns sehr unterschiedlich im Verhalten, aber völlig klar und gleich bei Moral, Werten, Erziehung. Die Auseinandersetzung mit der ADHS-Thematik bringt nun aber alles ins Wanken. Denn nachdem meine Frau anfangs ein paar Dinge geäußert hat, die ihr wehgetan haben in unserem Miteinandersein, wurde sie immer aktiver, ist teilweise dreimal am Tag joggen gegangen, dann hat sie stundenlang geweint, konnte keine Nähe von den Kids oder mir zulassen, gleichzeitig ist sie mir gegenüber völlig eingefroren. Sie redet kaum noch mit mir, Berührungen und Küsse sind komplett hölzern. Nach dem ersten Diagnostiktermin ist sie dann deutlicher geworden- sie sei so sehr verletzt, dass sie gerade nichts anderes mehr fühlen würde. Sie sei ihr ganzes Leben lang als chaotisch, unordentlich etc. eingeordnet worden, habe sich mir anvertraut und auch ich habe mich über die Punkte beschwert.

Sie hat oft versucht, mir zu erklären, dass sie das nicht besser könne. Mich hat das geärgert, weil ich zu dem Zeitpunkt von einem neurotypischen Gehirnausgegangen bin und einfach das Gefühl hatte, mit meinem Bedürfnis nach etwas Ordnung ignoriert zu werden. Nun sagt sie, die Verletzung rühre daher, dass ich ihr jetzt glauben kann, wo sie auf dem Weg zur Diagnose ist und warum ich das vorher nicht konnte. Das bricht mir das Herz, ich habe keine Argumente, nehme das vollkommen auf meine Kappe. Ich wusste es zwar nicht besser, aber dennoch fühle ich mich beschissen, Ich habe ihr Vertrauen missbraucht und das Gefühl, arg dazu beigetragen zu haben, dass es ihr nun so geht.

Sie ist nun bei einer Frauenberatung. Sie selber sagt, sie möchte, dass es sich wieder gut anfühlt. Dass wir wieder wir werden, mit Anpassungen, die sie nicht mehr unglücklich machen. Und ich bin mehr als bereit dazu, diesen Weg mitzugehen. Weil sie eben jede Anstrengung wert ist. Und weil ich sicher bin, dass diese Anpassungen uns weiterhelfen, damit Wirkung beide nicht mehr verbiegen müssen. Aber dann kommt es immer wieder - „ich fühle nichts als die Verlertzung“. „Ich brauche Zeit.“ All das möchte ich ihr absolut eingestehen, weil ich weiß, wie wichtig das ist. Aber dann äußert sie immer wieder diese Zweifel. Alles sei ungewiss. Wie ich denn bloß glauben könne, dass man das schaffen kann. Ich habe viel mit einer KI diskutiert, die unsere Chancen, ähnlich wie die Frauenberatung, als gut einstuft. Aber ich kann diese Distanz so schwer aushalten. Weil eben diese verletzenden Worte fallen, die klingen, als würde sie abschließen. Und damit kommen wir in diesen Teufelskreis- ich suche Nähe, sie kann das gerade nicht, ich fühle mich abgewiesen, suche noch mehr Nähe etc.

Hat jemand damit Erfahrung? Hat Tips für mich, wie wir das durchstehen? Ich möchte ihr all diese Ruhe geben. Möchte Wege finden, wie wir das hinkriegen. Möchte nicht mehr jeden Abend mit ihr darüber diskutieren, wie wir weitermachen und am Ende weinen wieder beide. Ich möchte raus aus dieser Drucksituation. Ihr keinen Druck mit meiner Zuversicht machen. Mir keinen Druck durch die dauernde Verlustangst.Wir haben uns nicht verloren. Aber ich glaube, dass die Gefahr, dass das passiert, wenn wir so weitermachen, größer wird. Ich lese viel über das Thema, aber bisher hat nichts so richtig geholfen.

Vielen Dank.

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Hallo @JRA und herzlich willkommen :slightly_smiling_face:

Ich muss gleich zur Arbeit, deshalb fasse ich mich kurz. Diese Realisation kann wirklich alles auf den Kopf stellen was man vorher meinte über sich zu wissen (Glaubenmuster wie „ich bin faul“ etc, weil es einfach keine vernünftige Erklärung gab). Und auch eine sehr große, unbeschreibliche Trauer auslösen.

Vielleicht wäre das ein hilfreicher Ansatz für dich.

Vielleicht dürfen die Diskussionen einfach mal warten, bis sie überhaupt wieder weiß wer sie ist. Vielleicht kannst du einfach für sie da sein in dieser Trauer, ohne Anforderungen zu stellen oder ähnliches.

Das würde euch die Möglichkeit für Nähe geben, ohne dass sie das Gefühl hat schon alles wissen zu müssen, was eben einfach nicht möglich ist ohne das alles erstmal zu verarbeiten.

Das ist ähnlich traumatisch wie einen sehr nahestehenden Angehörigen zu verlieren, und gleichzeitig alles hinterfragen zu müssen.

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Ich glaube diese Erfahrungen durften hier Viele machen. Von beiden Seiten.

Die Lösung heißt: Liebe und Geduld.

Zweifel sind in dieser Anfangsphase völlig normal. Das ist auch ein großes Stück weit „Trauerarbeit“ für den Partner. Und natürlich Neuorientierung für den Betroffenen.
Das braucht halt Zeit.

Trotzdem könnte eine Paartherapie oder zumindest Paargespräche bei einem ADHS-versierten Psychologen sehr hilfreich sein. Alleine schon um sich in Gesprächen nicht in Zwickmühlen aus Mißverständnissen, Triggern und Verletzungen zu verstricken.

Auch Zwiegespräche sind eine Möglichkeit, die helfen kann.

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Noch ein Gedanke (aus Erfahrung)

Das Sprichwort „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ kommt ja nicht von ungefähr. Und auch wenn man sich das von sich Selbst nicht vorstellen kann, könnte die Anstrebung einer eigenen Differentialdiagnostik erhellend wirken.

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