Ich bin heute einfach nur wütend und enttäuscht – brauche Austausch

Ich habe zwei Schulkinder - eines mit einem guten Selbstvertrauen, viel Frustrationstoleranz, vielen Sozialkontakten - und das andere mit ADHS… Bitte nicht alles auf die Erziehung schieben… Das ADHS-Kind muss ich „helikoptern“, das andere Kind kümmert sich mehrheitlich um sich selbst, obwohl es zwei Jahre jünger ist…

:+1:t2:

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Das tu ich nicht. Den Charakter eines Kindes wird man durch Erziehung nicht ändern. Aber dem Kind beibringen, wie es mit seinem Charakter gut durchs Leben kommt. Ist am Ende mit ADHS ja auch so. Durch Übung (Erziehung, Verhaltenstherapie, Psychoedukation) plus passende Medikation damit durchs Leben kommen.

Das machen wir ja auch alles - neben dem Lebensunterhalt verdienen, Wäsche- und Geschirrberge managen und so weiter. Und trotzdem leidet unser Kind unter seiner Rejection Sensitivity und das Selbstvertrauen leidet unter der ständigen Kritik von Mitschülern, Lehrpersonen, fremden Erwachsenen etc. Wie ganz viele Erwachsene mit ADHS auch immer noch mit solchen Themen kämpfen.

Ich glaube nicht, dass es unter normalen Alltagsbedingungen möglich ist, einem solchen Kind rein durch Erziehung das Umfeld zu schaffen, dass es Misserfolge locker wegsteckt, ein gutes Selbstvertrauen hat und top motiviert ist für die Schule - und das in der Grundschule (das Kind der TE ist 6), wo die Diagnose ja meist erst gestellt wird.

Und ich fühle mich natürlich auch etwas persönlich angegriffen und kritisiert, wenn mir eine Lehrperson sagt, ich müsste nur ‚einfach‘ richtig erziehen, dann hätten die Lehrpersonen nicht solche Probleme mit unseren Kindern… (so ist es bei mir angekommen)

Ich denke, die Schule müsste darauf ausgelegt sein, dass eben auch SchülerInnen Platz haben, die (noch) nicht perfekt funktionieren. Dass das in Klassen mit 30 Kindern und einer Lehrperson nicht möglich ist, ist mir schon klar. Und auch, dass das nicht die Schuld der Lehrpersonen ist.

Ich denke, sowohl die meisten Lehrpersonen wie auch die meisten Eltern wie auch die meisten Kinder geben ihr Bestes, aber das reicht einfach nicht aus wenn der Fehler im System liegt…

Aber ich denke, eigentlich sind wir uns da ja einig - das „fehlende Erziehung“-Thema hat mich einfach gerade etwas emotional gemacht…

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Die Diskussion war ja losgelöst vom konkreten Fall und nicht auf dich bezogen. Entschuldige, falls das falsch ankam, so war es nicht gemeint. Kinder mit gesundheitlichen Einschränkungen sind eine besondere Herausforderung - für alle und von allgemeinen Empfehlungen natürlich ausgenommen.

Und: habe ich wirklich “einfach” geschrieben?

Ja, bei dem Thema sind wir alle emotional, verständlicherweise.

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Das habe ich schon verstanden. Aber ich fühle auch für die anderen „schwierigen“ Kinder und deren Eltern mit.

Nein, hast du nicht, deshalb hatte ich auch geschrieben, dass das bei mir so rüberkam. Aber

… klingt so einfach und sinnvoll und kann je nach Kind unglaublich schwierig bis unmöglich umzusetzen sein. Beim besten Willen.

Naja, das ist halt das Ziel. Ich erwarte keine Blitzerfüllung meiner Wünsche in Perfektion. Und ich würde auch dazu raten, sich alle Hilfe zu holen, die man dabei bekommen kann. Und ich weiß, wie schwer auch das ist.

(Anmerkung: ich habe gerade einen bei mir aktuellen Fall direkt vor Augen, wahrscheinlich bin ich da auch gerade ziemlich involviert. Habe sowas jetzt auch schon häufiger gesehen/erlebt. Ich will das ausdrücklich nicht verallgemeinern, aber es gehört zum Gesamtbild eben auch dazu)

Ich halte Inklusion für eine großartige Sache. Aber wie sie derzeit umgesetzt wird, funktioniert das einfach nicht. Nicht jedes Kind ist unter den derzeitigen Bedingungen “beschulbar” (grauenhaftes Wort) in der Regelschule. Es wird aber so getan, als wäre alles in Butter. Man kann Bedingungen schaffen, um das zu ermöglichen, das kostet aber vor allem Geld.

Wenn ein Kind in einer Klasse mit 28 anderen 98% der Energie, Zeit, Aufmerksamkeit der Lehrkraft braucht, dann ist das einfach massiv unfair gegenüber den anderen. Wenn noch dazu aggressives oder sehr impulsives Verhalten dazu kommt, stellt sich auch noch die Frage der Sicherheit.

Wenn dann von den Eltern auf Nachrichten und Anrufe hin nichtmal mehr eine Antwort kommt, geschweige denn Bemühungen, auf eine Veränderung hinzuarbeiten (Behandlung, Familienhilfe, Schulbegleitung, Struktur, was auch immer), dann führt das zu sehr viel Frust, verstärkt Vorurteile und es folgen sehr harte Maßnahmen seitens der Schule - was kann man sonst auch tun?

Und jetzt habe ich da aufgrund meiner eigenen Geschichte sehr sehr viel Verständnis, aber auch ich habe Grenzen. Ich sehe auch, dass das Kind in dem Moment nicht anders kann - aber ich muss reagieren und auf jeden Fall einschreiten, wenn Dinge zu Bruch gehen.

Und ich frage mich auch, was genau den Ausschlag gibt, in welche Richtung ADHS sich ausprägt. Wenn da Aggression im Spiel ist von einem kräftigen und recht großen Jungen von ca. 13 Jahren, kann man das einer Lehrkraft an der Regelschule nicht zumuten, den Mitschülern auch nicht. Ich weiß keine gute Lösung, das Kind tut mir aufrichtig leid. :downcast_face_with_sweat:

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Das tut mir sehr leid zu lesen und ich kann dir nachfühlen. Bei meinem Sohn wurde erst spät eine Diagnose gestellt, sein Verhalten wurde mit anderm begründet. Wie auch immer, sein Verhalten hat getriggert und er fand sich sehr früh in der Rolle eines gemobbten Kindes. Er hat dann immer sehr impulsiv reagiert und hatte bald den Stempel derjenige zu sein, der halt ausflippt und der halt dieses und jenes gemacht hat und sich nicht im Griff hat. Es gipfelte darin, dass er einen Jungen körperlich anging nachdem dieser ihn übelst gemobbt hatte. Wir wurden zitiert, ein Timeout von der Schule stand im Raum - für meinen Sohn, nicht den anderen Jungen, da es eine Nulltoleranz für physische Gewalt gibt (verständlich, aber ich musst dann darauf hinweisen, dass wir auch psychische Gewalt nicht akzeptieren). Zu unserem eigenen Schutz haben wir dann seine Psychologin mit an das Gespräch genommen. Dort kam dann auch raus, dass das Mobbing ihm gegenüber extrem war und er nicht grundlos reagiert, wie er reagiert. Sie hat uns sehr ruhig, sachlich unterstützt und den Lehrpersonen auch erklärt, was die Situation mit ihm macht. Sie haben dann auch sehr positiv reagiert. Damals hatten wir aber noch keine Diagnose. Inzwischen hat er Medis, reagiert weniger impulsiv und ist auch weniger interessant für diejenigen, die ihn gemobbt haben. Was ich aber sagen will: Manchmal ist es wertvoll, wenn man sich an solchen Gesprächen begleiten lässt. Auch um eigenen Schutz, dass es nicht zu emotional wird. Ich drück dich und wünsche euch alles Gute!

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Aus meiner Sicht ist diese ständige Verantwortungsschieberei zwischen Lehrern und Eltern eine Hauptursache, warum das Problem für das Kind nicht gelöst wird.

Sowohl die Lehrer als auch die Eltern sind mehr als ausgelastet bzw. gehen häufig schon weit über ihre Grenzen und kriechen auf dem Zahnfleisch, um den Kindern auch nur annähernd gerecht zu werden - da ist auf beiden Seiten nichts mehr zu holen.

Eltern herausfordernder Kinder haben meist ebenfalls Herausforderungen und schaffen es nicht, Hilfen in Anspruch zu nehmen bzw. reagieren mit Scham und Schuldgefühlen auf Kritik und geben sie ans Kind weiter, indem noch mehr Druck ausgeübt wird oder sie richten ihre Wut und Hilflosigkeit eben an die Lehrer.

Schon dass man als Eltern wissen muss, welche Hilfen dem Kind zustehen und welche Anträge man stellen müsste, ist meiner Meinung nach ein Fehler im System. Überhaupt einschätzen zu können, was ein “normales” altersgerechtes Verhalten und was klärungsbedürftig ist und dass es KEINEN Grund für Scham und Schuldgefühle gibt - selbst wenn die Erziehung eine Rolle bei den Auffälligkeiten spielt.

Ich möchte da mal unseren Kindergarten als Positivbeispiel nennen. Ich als Mutter wurde von der Kinderärztin, dem SPZ und dem Jugendamt überhaupt nicht ernst genommen (als offensichtlich ziemlich verwirrter, unsicherer, viel zu emotionaler Mensch - damals noch unmedikamentiert). Der Kindergarten hat Stellungnahmen für die Ärzte geschrieben, heilpädagogische Förderung beantragt, mit dem Jugendamt telefoniert, als der Antrag nicht bewilligt wurde und uns und unsere Tochter vor allem immer wieder bestärkt und gut zugeredet. Auch der Bedarf an Schulbegleitungen wird nach Rücksprache mit den Eltern direkt über den Kindergarten beantragt.

Unsere Tochter war (sowie auch andere Kinder) dadurch schon ein halbes Jahr vor der Einschulung medikamentiert und die Schulbegleitung konnte sogar wieder abgemeldet werden.

Tollster Kindergarten der Welt - sollte Standard werden, denke ich und an den Schulen weitergeführt werden… mit mehr Personal (Schulsozialarbeitern) natürlich.

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Hier gibt es ja kein Problem mit der Lehrerin, sondern im Gegenteil, sie scheint ja um Vermittlung bemüht.

Meine Erfahrung mit den Erzieher:innen unserer Ganztagsbetreuung in der Grundschule war, dass dort Mobbing und rassistische Anfeindungen unter den SuS Normalität waren und die Betreuerinnen teilweise keine Ahnung hatten von dieser Dynamik. Tatsächlich gab es da solche Aussagen wie: wenn es ein Kind mit Migrationshintergrund war, kann es ja wohl kein Rassismus sein. Oder bei Übergriffen: tja, der xy mag deine Tochter eben echt besonders gern :hear_no_evil_monkey:

Das war halt eine große Schule und Erzieher:innen sind schwer zu kriegen. Manche waren sehr gut, aber einige eben auch nicht.

Ich musste da jedenfalls erst richtig Klartext sprechen, bevor es einen kleinen Schutzraum für meinen Sohn gab, in dem er nach Unterrichtsschluss um 15 Uhr erstmal eine Stunde ungestört lesen oder ausruhen konnte. Die Erzieher:innen hatten dann teilweise schon etwas Angst vor mir. Gern hätte ich das alles freundlicher geregelt, aber es war leider nicht anders möglich.

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Nicht nur als Eltern, auch als Kind. Da kann ich mich noch sehr gut dran erinnern, wie mein Stiefvater über die Lehrer hergezogen hat, insb. die Lehrer meiner Schwester. Das war ein echt blödes Gefühl, so zwischen den beiden Parteien eingeklemmt zu sein. Wenn man sowieso immer wieder in die Schule muss, ist es ja für alle leichter, wenn man seinen Frieden miteinander hat. Das ist aber ziemlich schwierig, wenn die eigenen Eltern dagegen Obstruktion machen. Als Kind hatte ich auch nicht verstanden, warum sie mich immer wieder dorthin und aufs Internat schicken, wenn sie das Personal doch so blöd finden. Das setzt auch ganz seltsame widersprüchliche Signale und die empfundene Hilflosigkeit der Eltern überträgt sich auf das Kind (das böse System zwingt uns, wir können nicht selbst entscheiden …). Im Grunde steckt dieses Hilflosigkeitsgefühl bis heute noch in mir, also dass ich keinen gestaltenden Einfluss auf das System und meine Lebensgestaltung hätte. Klar, ist natürlich Quatsch.

Mir ist aber auch nicht klar, wie man diesen Konflikt auflösen würde, denn meine Angehörigen und ihren Frust kann ich da auch verstehen. Sanktionen für mobbende Schüler gab es schließlich auch nicht. Und dass die Migrationshintergrund haben geht mir auch am Arschvorbei, wenn sie mich mobben.

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So ist es nämlich!

Wobei da m. E. zwei Arten Lehrerbasher sind. Einmal die Eltern, die an Lehrern ihrer Kinder kein gutes Haar lassen, weil sie in ihrer eigenen Schulzeit unter ihren damaligen Lehrern gelitten haben und keinen Rückhalt in der Familie bekamen und dann die narzisstischen Typen, die alle anderen permanent abwerten hinter verschlissenen Türen, im Kontakt dann aber sch#%^* freundlich zu den Lehrern sind. Letzteres sind die, die den größeren Schaden bei den eigenen Kindern anrichten, würd ich sagen.

Ich selbst hatte in der Dorfgrundschule denselben Klassenlehrer, wie mein Vater und zwei meiner Onkel. Das war auch nicht einfach. Kurz nach meinem Abi ist der Lehrer uralt verstorben.

Beim Mobbing stimme ich dir auch zu. Ist egal, aus welchem Grund die das machen, die Dynamik ist immer gleich und der Grund egal.

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