ich (29), lese in letzter Zeit sehr häufig von AD(H)S (Verdachts-)Diagnosen von v.a. Frauen, die sagen, bei ihnen seien Probleme erst im Erwachsenenalter, z.B. beim Berufsleben oder in bei Familiengründung aufgefallen, vorher haben man gut genug maskiert und sei daher die komplette (!) Kindheit über unauffällig gewesen. Mir ganz persönlich versetzt das oft einen Stich, denn auch ich habe mir seit ich denken kann Mühe gegeben, ein hohes Pflichtbewusstsein gehabt und strenge Erziehung usw. und doch haben sich bspw. meine starke Verträumtheit und Abdriften, Konzentrationsprobleme und dadurch z.B. verlangsamtes Handeln oder Überforderung früher oder später immer irgendwie durchgebrochen. Das hat früh auch für eine komische Wirkung auf andere (Kinder) gesorgt, Stress mit Pädagogen und Eltern usw. gegeben. Als ich dann mit 14 erstmals dachte, ich hätte es jetzt besser im Griff, nicht komisch zu wirken, habe ich eine starke Essstörung und Depression entwickelt, musste stationär aufgenommen werden und das zieht sich auch bis heute. Bevor ich abschweife: Ich glaube den Leuten, dass sie leiden und das Prinzip des Maskierens ist für mich schlüssig. Nur ist es für mich, zumindest subjektiv, auf einem anderen Level verletzend, wenn ich mir auch Mühe und Anstrengung antue und doch unweigerlich in peinliche Situationen gerate, “Kindheitsnarben” trage und Ängste, das Leben nicht bewältigen zu können schon immer in mir trage. Und jetzt sind da so viele, die sagen, die Probleme haben sich im Erwachsenenalter bei erschwerten Umständen geäußert. Dann fühlt sich meine Diagnose wertlos an und ich fühle mich doch als die besonders Dumme oder aber zu schlecht Kompensierende, wenn es den anderen doch auch gelungen ist. So richtig weiß ich nicht, was ich mit dem Beitrag bezwecken will und ob das überhaupt jemand liest. Vielleicht musste ich es mir einfach von der Seele schreiben. Vielleicht findet sich irgendjemand, der/die auch so fühlt? An die, die ich hier beschrieben habe: hier schreibt ein “verwundetes Kind”, das geht nicht gegen euch
Kompensieren können ist einfach nur ein Symptom, was dazu gehören kann und die Betroffenen können jetzt im Nachgang froh sein, das ADHS trotzdem erkannt wurde.
Du könntest es ja auch mal provokativ umgekehrt betrachten und denken , das die Schwere deines ADHS gar nicht möglich gemacht hat um zu kompensieren/maskieren.
Vor allem macht das unkompensierte ADHS es leichter diagnostiziert zu werden.
Ich war damals ein Lausegirl und entsprach dem typischen wilden ADHS Lausbub.
Ich wäre auch gerne braver gewesen und frag mich manchmal wie man überhaupt so kompensieren kann das man brav und ruhig wird. Ich hätte es so gern gekonnt um weniger Stress zu haben, aber egal wieviel Mühe ich mir gab.
Trotzdem ist es mir im Erwachsenenalter gelungen etwas besser zu kompensieren/maskieren , aber viel trotzdem noch auf und vor allem damals frisch unter Medis habe ich gemerkt wie oft ich mich anstrenge nicht aufzufallen bzw. wo ich auffällig bin und es erst unter Medis besser wurde.
Manchmal frage ich mich auch was daran „abgesehen von der Energie“ so schlimm ist, wenn man zu den „braven“ Schülern gehört hat die gut mitgekommen sind um nicht aufgefallen sind. Wäre das Gegenteil den besser gewesen. ?
@Masha Ich kann deine Gedankengänge Gut nachvollziehen. Weil ja ADHS in der Kindheit schon sichtbar gewesen sein sollte und es aus der Perspektive auf dem ersten Blick nicht so greifbar wirkt und man sich fragt wie man ADHS haben kann ohne aufzufallen. Aber es gibt eben auch die auf dem ersten Blick unauffällige Symptomatik. Aber es bleibt mir auch ein kleines Rätsel .
Setz dich doch nochmal mit deinem Text auseinander und vielleicht kannst du dann grob skizzieren was dein Problem ist, was dich stört irgendwie ist das anklagend, sich selbst abwerten wollen - doch warum, wieso, weshalb???
Ich verstehe nicht mal mit wem odercwas du dich versuchst zu vergleichen, denn die einen nennen es maskieren, die nächsten nie genüge sein, doch es sind ja nicht alle gleich oder vergleichbar
Warum fühlt sich deine Diagnose dann Wertlos an? Nimm doch als Bild für ADHS einen Pickel. Der eine hat eventuell Glück, der Pickel ist nicht so mies und groß und er kann ihn wunderbar mit etwas make up überdecken. Beim nächsten ist das Problem “ausgewachsener” der hat einen Pickel, der hat sich schon ziemlich entzündet ist rot und groß. Da hilft einfaches Make up nicht mehr, man wird ihn immer zumindest erahnen den Pickel. Beide bekommen trotzdem die Diagnose Pickel und bei beiden stimmt die Diagnose.
Danke für deine Antwort Dass du das nachvollziehen kannst, tut irgendwie gut zu lesen Und du hast das sehr verständnisvoll formuliert Was das leichter Diagnostizieren betrifft: Ich war 29 In der Kindheit wurden zwar immer wieder Tests gemacht und es gab Zeugnisvermerke (“hat Mühe”, “zerstreut”, “kann nicht immer dem Geschehen folgen” etc.), aber ein richtiger Grund angesehen von Faulheit oder fehlender Mühe kam erst mit 20 ins Gespräch (eine neue Lehrerin sprach mich kurz vor dem Abi an). Bereits damals gab es aber ewige Wartelisten, dann kamen erst familiäre Umstände, dann die Pandemie usw. (Sorry in dem Zusammenhang für den Ausschweifer).
Hi Kathy Mein Problem sind zum einen Versagensängste aus echten Erfahrungen und ich schäme mich extrem. Wie erklärt man anderen, Ämtern, der Familie und sich selbst, dass es nicht die eigene Schuld und/oder Dummheit ist, wenn andere mit selber Diagnose immerhin etwas aufrechterhalten und zustande bringen können (dass sie dabei auch Leiden ist mir bewusst): Um nicht ständig abzudriften, abzuliefern wie nötig usw. habe ich bereits vor vielen Jahren angefangen, sämtliche Techniken (durch Online-Recherche, Bücher, später Therapie) akribisch durchzutesten und trotzdem gab es immer wieder erhebliche Probleme (mal Abi verhauen, dann ein Studium abgebrochen, bis heute keinen Führerschein uvm.). Ich lerne gerne, arbeite gerne und leiste gerne, aber weil noch NIE irgendwas ohne langfristige Folgen funktioniert hat, zweifle ich meine Souveränität an. Vorletztes Jahr lief mein Studium endlich grandios (ich habe nur für die Uni gelebt), aber nach den Prüfungen entwickelte ich über Monate körperlich heftige Symptome, dass ich zeitweise dachte, ich sterbe (ein Neurologe bezeichnete es als körperliches statt psychisches Burn-Out ?). Eine Ausbildung ist übrigens deswegen schwierig, weil ich in praktischen Dingen seehr unbegabt bin, Recherche und wissenschaftliches Arbeiten sowie zwischenmenschliches (Soziale Arbeit) funktionieren aber ganz gut. Meine Beziehung ist zerbrochen, obwohl ich, so dachte ich, versucht habe, der anderen Seite keinen Grund für Wut zu geben. Und ohne meine Familie wäre ich höchstwahrscheinlich mittlerweile obdachlos. Auch habe ich schon Beiträge gelesen, in denen steht “Weil ich weiblich sozialisiert bin und mich angestrengt habe, ist niemandem etwas aufgefallen, Top-Zeugnis”.. Somit ist A(D)HS für mein Versagen überhaupt keine Erklärung mehr, sondern es bleiben nur noch charakterliche Fehler, mangelnder Fleiß und/oder mangelnde Intelligenz. Schließlich war ich wie gesagt auch pflichtbewusst, die Schule mir sehr wichtig usw. Das Resultat war dennoch immer wie beschrieben. Falls du bis hierhin gekommen bist, Respekt und Danke Mein Problem ist zusammengefasst eine Ausgangslage wie vor der Diagnose: Wenn andere AD(H)Slerinnen es schaffen, das nicht alles “zerbricht was sie berühren” ich aber schon, dann kann ich nichts und niemandem mehr beweisen, dass ich mir wirklich Mühe mache und anstrenge, noch nicht mal mit Folgeerkrankungen, andere mit gleicher Diagnose schaffen ja was, auch wenn das ebenfalls Kosten hat. Dieser Satz ist in meine Richtung auch schon gefallen von einer anderen ADHSlerin und ich kann nichts dagegen sagen. Zwar heißt es in der Theorie man soll nicht vergleichen oder der eine Fall ist evtl. schwerer als ein anderer, aber wer misst das schon schwarz auf weiß und völlig ohne Kategoriesierung relativert sich wieder irgendwie alles und hat keine Bedeutung mehr. OK, danke fürs Durchlesen von diesem Aufsatz, hoffe dein Kopf zerspringt nicht Die Katze (oder der Kater ?) auf deinem Bild ist echt süß
Das was du hast entspricht dem klassischen Bild von ADHS mit starker Auswirkung/Ausprägung von denen es mehr als genug gibt. Das sind auch die, die aktuell nicht so im Mainstream der sozialen Medien im Fokus sind, oder genau eben deswegen gar nicht erst im Mainstram landen. Die trotz ADHS aus deiner Sicht so viel schaffen, leiden plötzlich auch oder litten schon immer daran aber wenn dieses Form im wesentlichen medial present ist verdrängt es die ganzen anderen Ausprägungen die ADHS auslösen.
Aus meiner Sicht sind es auch einige Frauen , die irgendwie künstlerisch unterwegs sind und ihren Bekanntheitsgrad zusätzlich nutzen darüber zu berichten oder auch vielleicht die Diagnose nutzen um was berichten zu können.
Letztendlich hast du ja auch noch irgendwie das ABI geschaft und bist am studieren, manche ob mit oder ohne ADHS kommen nichtmal so weit.
Mich verwirrt es manchmal auch was Menschen trotz ADHS schaffen aber es gibt noch so viele mit ADHS, die nirgendwo auftauchen , weil auf einem anderem Bildungsniveau oder ein anderes soziales Umfeld, die hier gar nicht lesen oder was fragen würden.
Das gehört leider irgendwie zu ADHS dazu , dass man sich nie zu 100% auf sich verlassen kann, selbst wenn alles gut läuft und wenn der Rahmen stimmt.
Das ist doch gut, dass du schon eine Richtung weißt .
Na ja, ein Partner darf sicher mal genervt sein , vielleicht auch mal wütend aber wenn man ständig kämpfen muss, damit der Partner nicht wütend wird, dann passt da was nicht, dass hat nichts mit Beziehung zu tun.
Ich würde gar nicht mit einem Partner zusammen sein wollen vor dem ich die Sorge/Angst haben müsste das er wütend wird. Trotzdem versuche ich natürlich , dass ich die Belastung durch ADHS so gut wie möglich von ihm vernhalte aber ich habe nunmal ADHS , dass ist auch etwas wo er mit leben lernen muss. Wir leben aber z.B in getrennten Wohnungen , das nimmt mir Stress , wenn ich mal wieder im Chaosmodus bin. Es würde mir zu viel Energie kosten immer dafür zu sorgen, dass er nicht so ein Chaos findet.
Also, dass ich weiblich bin hat mir jetzt nicht geholfen braver zu sein.
Du entsprichst dem klassischen Bild von ADHS, was sich nicht hinter brav verbergen konnte. Die braven Mädels entsprechen in dem Sinne eher nicht dem direkt greifbaren auffälligem Bild von ADHS. Will sagen, dass du diesen brav Stempel nicht benötigst um ADHS haben zu dürfen.
Du machst es jedem Fachexperten eigentlich viel einfacher ADHS zu erkennen und ich finde es bei dir auch viel greifbarer als in den „braven“ Fällen wo man viel genauer hingucken muss.
Menschen, die bei Paralympics teilnehmen können sind auch nicht das Maß aller was man trotz Behinderung körperlich erreichen kann, da gibt es ja auch alle Facetten.
Du kannst mit deinem ADHS nur dass schaffen was du schaffen kannst und es gibt auch die mit ADHS die sich unendlich viel Mühe geben und eben wegen ADHS weniger schaffen du fällst da an keiner Stelle aus der Norm.
Aus meiner Sicht wurde ADHS immer mehr auf den Schirm gebracht um vor allem auch Menschen wie dich in den Fokus zu bekommen , der Mainstream war da nicht nur zum Vorteil, sondern hat die kritische Sicht auf ADHS an manchen Stellen gar eher aufrecht erhalten .
Ich kann ADHS bedingt z.B nicht Vollzeit arbeiten, bekomme es nicht hin. Würde ich das weiterhin versuchen, weil andere mit ADHS das ja auch können, dann würde ich permanent scheitern.
Du hast ein ganz normales ADHS mit der Ausprägung das du trotz aller Mühe nicht alles so schaffst wie andere Menschen mit ADHS das auch haben.
Deine ADHS Problematik ist das eine , aber ich glaube dein Selbstvertrauen/Selbstwert hat extrem darunter gelitten , was ja leider auch oft dazu gehört und vom aktuellen Mainstream noch weiter gedrückt wurde. Du kommst immer weiter von dir weg wenn du darauf schaust was andere mit ADHS können.
Du musst deinen Weg mit deiner Einschränkung und deinen Stärken finden und du kannst dich an ADHS abarbeiten wie du willst wenn dein Selbswert dabei nicht mitkommt wird es noch schwieriger.
Bist du denn irgendwie in Therapie und bekommst Hilfe.
hat mal wieder nicht direkt mit ADHS zu tun, sondern mit meinen anderen Behinderungen, aber ich wollte dir sagen, dass ich das total nachvollziehen kann.
Die Medien berichten gern über die Superblinden, die trotz ihrer Behinderung alles Mögliche hinbekommen und beinahe ganz normal zu sein scheinen. Erfolgsstorys eben. Natürlich gibt es auch die Darstellung des anderen Extrems (super hilflos), aber super-selbständig macht sich besser.
Und wenn ich das so sehe, krampft sich in mir ein innerer Schamklumpen zusammen, weil ich einiges an klassischen Achievements für ein normales Leben bisher mit Ende 30 nicht erreicht habe. Der rationale Teil in mir muss dann immer wieder sagen, dass ich noch andere Behinderungen zusätzlich habe und dass das den Maßstab verändert. Aber diese blöde scham ist trotzdem da. Es hat vielleicht auch damit zu tun, dass — so würde man heute wahrscheinlich sagen — bei uns beim Heranwachsen der Ableismus internalisiert war. Es gab also einen gewissen Erwartungsdruck auf die weniger Selbständigen, die Superblinden wollten nicht mit den anderen assoziiert werden, weil die „peinlich“ waren.
Ich bin z.B. superschlecht im Auswendiglernen und selbständig zurücklegen von Wegen im Straßenverkehr oder außerhalb mir bekannter Innenbereiche. Das ist so anstrengend für mich und ich habe so große Angst vor unvorhergesehenen Komplikationen, bis ich endlich am Ziel bin. Ganz pragmatisch nutze ich fast immer Sehende als Führer, die sich damit eh leichter tun. Die kann ich ja dann auch unterhaltungsmäßig bespaßen. Aber selbständig herumlaufen gehört bei Blinden sozusagen zum Maskieren. Das dürfte für viele ziemlich anstrengend sein, aber sie tun und schaffen es trotzdem.
Was dann auch passiert: Diese Selbständi-Positivdarstellung entlastet die gesellschaft und suggeriert eher, dass es ja eigentlich kein Problem gäbe. Das ist ja genau dieser internalisierte Druck: Wenn wir schon ein belastender Klotz am Bein sind, dann müssen wir zumindest leicht sein wie eine Feder,.
Das Thema hier soll jetzt nicht von ADHS wegderailt werden, aber ich wollte dir da lassen, dass du mit diesem Gefühl und dieser Dynamik nicht allein bist. Ihr seid hier der Mittelpunkt.
Ich schreibe solche sachen hier aber öfter, weil die „Erlebensgeschichte“ von Körperbehinderten ja viel länger ist und solche Dynamiken (gesellschaftliche Position) schon sehr klar analysiert und reflektiert wurden. Das hilft auch immer wieder manchen Neurodivergenten, ihre Wahrnehmung und Gefühle einzuordnen.
Hey Tamaracha, wow, vielen Dank für deine Offenheit und das Teilen deiner Erfahrungen Hatte gar nicht den Eindruck, dass du vom Thema ADHS wegderailst sondern habe seeehr viel Verständnis und Empathie herausgelesen mit noch einer ganz anderen Perspektive und finde das Teilen aus der Wahrnehmung einer Körperbehinderten sehr wertvoll und wichtig - höre nie damit auf ! Ja wahrscheinlich ist es diese zweischneidige Schwert oder wie das heißt: die Entwicklung oder Versuch, Störungen oder Behinderungen zu normalisieren soll gegen Ableismus wirken (gute Intention), indem aber überwiegend erfolgreiche Paradebeispiele gezeigt werden (wie aus deinem Beispiel Leute mit überdurchschnittlichem Orientierungssinn oder Einprägsamkeit für Strecken), in meinem Fall diejenigen, die überhaupt in der Lage sind, irgendwas zu maskieren und die Gesellschaft weniger zu “belasten” (Feder statt Klotz, wie du es so sympathisch formuliert hast ) fühlt man sich dann vielleicht wieder in Beweis-oder Erklärungsnot, weil man ehrlich nicht so kann wie die anderen gleichfalls diagnostizierten, obwohl man wirklich will (auch Hinterfragen von mir selbst). Wollte übrigens direkt schreiben, dass ich davor, wie du es handhabst (Begleitpersonen usw.) und dann noch unter dem Aspekt Mehrfachbehinderung echt Respekt habe, bzw. es verständlich finde, dass man da natürlich nicht bei allen die “Superorientierung” usw. vorausgesetzen kann, aber das klingt angesichts meines eigenen Ursprungsposts dann wahrscheinlich direkt wieder komisch- oh man (klingt das wie ein Wiederspruch? )Auf jeden Fall riesen Dank und schönen Sonntag dir noch =)
Schön, dann lag ich ja nicht so daneben. Mein Eindruck war beim Lesen deines eingangspostings, dass du nicht deine Diagnose an sich anzweifelst wie die gut Maskierenden mit Impostor-Syndrom, sondern eher, dass du Angst bekommen hast, die Diagnose würde nicht ausreichen, um dein ausmaß an „Kaputtheit“ erklären zu können. So in der Art, etwas dramatischer:
„Die ADHSler mit Superkräften da draußen funktionieren doch besser als ich, also muss meine zusätzliche Fehlfunktion mein Fehler sein oder andere Gründe haben. Ich bin eine Versagerin.“
Das mit dem Ableismus ist eigentlich eine ziemlich perfide Sache. Ableismus ist dieser glaubenssatz:
Es ist schlimm, bestimmte Dinge nicht zu können.
Ich bin da ziemlich pragmatisch unterwegs und will Einschränkungen oder Leidensdruck auf keinen Fall schönreden oder glorifizieren. Etwas zu können hilft schon meistens, leichter durchs Leben zu kommen; ob das jetzt Aufmerksamkeitslenkung ist oder alleine herumzulaufen.
Was aber scheiße ist am Ableismus, das ist dieser vorschießende Reflex (gern als Mitleid getarnt), dass das doch ganz doll furchtbar sein muss, man mit so einer Einschränkung ja quasi abgemeldet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen wäre. Da könnte man sich ja gleich die Kugel geben. Sorry, aber sinngemäß bekommt man das so gelegentlich zu hören, wenn man blind ist.
Das ist nichts anderes als Angst vor Veränderungen und die Unfähigkeit, sich ein anderes Leben vorzustellen. Die medialen Darstellungen von Paradebeispielen beruhigen nur diese Ängste.
„Ach so, eigentlich ändert sich dann ja gar nichts und mein Leben würde genauso weitergehen können wie bisher. Na dann ist ja gut.“
Am Ableismus, dieser unreflektierten Angst vor Einschränkungen und davor, etwas nicht mehr zu können, hat sich danach nichts geändert. Und genau diese Ängste führen u.A. zu Ausgrenzung und Stigmatisierung, weil dann nicht über konstruktive Lösungen oder Zusammenarbeit gesprochen werden muss.
Abhängig sind wir sowieso alle, von der Industrie, vom Stromnetz, was weiß ich. Warum wird es da häufig als so viel schlimmer bewertet, mehr auf die Hilfe von Einzelpersonen angewiesen zu sein?
Übrigens gibt es auch den medialen Gegenpol, der auch nicht so schlecht ankommt: die „Arschlochblinden.“ Leider habe ich den namen dieses Exemplars gerade nicht mehr parat. Falls ich ihn wieder finde, wird er nachgereicht. Jedenfalls produziert er sich so richtig schön maskulin-breitbeinig, wie er es sich in der „hängematte“ gut gehen lässt, sich immer herumkutschieren lässt, es nicht für nötig hält, Brailleschrift zu lernen, also nicht das geringste Bisschen Bereitschaft zum Maskieren oder auf die „Normalen“ zuzugehen. Da kann sich der zuschauende Pöbel so richtig schön darüber empören, was da auf ihre kosten finanziert wird, so wie es sich für anständiges Asi-TV gehört.
Das finde ich sooo krass (z.B. auch wenn ich bei anderen mitbekomme dass denen das (gut gemeinte?) “ich könnte das ja nicht” zu Ohren kommt. Hä, wie kommt man auf sowas ?Jeder von uns könnte im Sekundenschlag eine (neue) Behinderung bekommen, seit wann wird man da vorher gefragt ob man das kann oder will Und links und rechts von denen leben garantiert eine Menge Menschen mit mehr oder auch weniger sichtbaren Dingen, die sie vermeintlich in die Kategorie “könnte ich nicht/ganz furchtbar” schieben würden, ob jetzt durch familiäre/biografische Umstände, Behinderung und Krankheit, anderweitig große Einschnitte von extrern, auf die man keinen Einfluss hat. Und die Leute leben ja doch irgendwie? Weiß nicht, ob das an Ungeschicklichkeit oder dem ganz komischen Versuch, Empathie zu zeigen liegt, was sich maximal daneben äußert (vielleicht ist es auch was ganz anderes). Macht’s natürlich 0 besser. Bzgl. Abhängigkeit ist es ja genauso wie du gesagt hast, wir werden abhängig sein solange wir Teil einer Gesellschaft sind.
Ich zweifle weniger meine Diagnose an, als ob sie das erklärt, was ich trotz Mühe verhaue oder verhauen habe, wo wir aber wieder beim Ausgangspost wären.
Das mit dem arschlochblind: ich dachte kurz ich hätte es gecheckt, dann doch nicht ganz Würde mich aber voll interessieren, wie du das nochmal genau gemeint hast
Ich denke, es ist eine Art Empathieversuch gepaart mit eigenen Ängsten.
Das erinnert mich an die situation, als ich mit Anfang 20 noch ganz frisch mit meinem Freund zusammen war und einmal mein Mitgefühl ausgedrückt hatte, weil er an einer nervigen Aufgabe nicht weiterkam, ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls dachte er, es wäre Mitleid und hatte es heruntergespielt, weil er eben verständlicherweise so etwas von oben herab nicht möchte. Da habe ich ihm erklärt:
Mitgefühl ist nicht dasselbe wie Mitleid.
Ich weiß, wie das ist, an einer langweiligen Aufgabe festzustecken. Ich kann das nachfühlen und sage demjenigen, ich bin bei dir. Für ihn war das mit Anfang 20 offenbar eine neue Lernerfahrung.
Das andere, damit war gemeint, dass der Typ sich nicht die geringste Mühe gibt, sich irgendwie anzustrengen, sondern sich mit dieser Faulheit auch noch brüstet. Das ist halt Provokation pur, unsympathisch. Für viele Menschen ist ja das Leben auch nicht wirklich einfach und sie müssen sich ziemlich krummlegen. So ein Unsympath verachtet ja gewissermaßen die Anstrengung, und die Zuschauer regen sich darüber auf, dass sie so etwas mitfinanzieren.